MusikNerdkramsNetzfundstücke
Grooveshark und Simfy: Zwei Dienste, ein Lied

Dass das Internet dem geneigten Musikfreund dem Garten Eden nicht unähnlich erscheint, ist im Jahr 13 nach Napster (heute erfinden wir mal Zeitrechnungen) keine Überraschung mehr, allen Widrigkeiten und der GEMA zum Trotz. Die Technik dahinter wird kontinuierlich weiter diversifiziert, Peer-to-Peer-Tauschbörsen sind längst nicht mehr die einzige Bezugsquelle für Lieder aller Art. Und wenngleich sich eMule aufgrund ausgereifter Technik und Dezentralisierung noch immer als die benutzerfreundlichste und, neben BitTorrent, reichhaltigste Tauschbörse behaupten kann, so mangelt es doch nicht an Alternativen, die oft völlig andere Konzepte verfolgen.

Derzeit wird in deutschsprachigen Blogs das Konzept der Musikstreamingdienste, die gegenwärtig eine Blütezeit erleben, gepriesen, wohl auch bedingt durch den Umstand, dass der deutsche Dienst Simfy, etwa von Caschy wortreich für ansehenswert befunden, den Kinderschuhen entwachsen ist. Im Folgenden werde ich mich mit diesem Thema befassen und den von mir genutzten Dienst Grooveshark als Vergleich heranziehen. Den, wohl aus psychologischen Gründen, noch in einer „geschlossenen Testphase” befindlichen Datensammeldienst „Music” von Google werde ich hier selbstverständlich nicht berücksichtigen.

Ein essenzieller Unterschied zwischen P2P-Tauschbörsen und Streamingangeboten ist, dass letztere grundsätzlich, wohl auch aus rechtlichen Gründen, keine direkten Downloadfunktionen zur Verfügung stellen, obgleich es Bestrebungen gibt, dies, getarnt als „Offlinenutzung”, zu ändern. Dieser Unterschied bedeutet auch, dass man zumindest während des erstmaligen Konsums auf eine ständige Internetverbindung angewiesen ist; eine Übertragung etwa auf den mobilen MP3-Spieler ist nicht ohne Umwege, etwa das Mitschneiden via Audacity oder ähnlicher Software, möglich. Daher sind Streamingdienste grundsätzlich kein Ersatz für die eigene Musiksammlung (und, kompressionsbedingt, schon gar nicht für die Plattensammlung), aber eine praktische Möglichkeit, zwischendrin mal „das eine Lied da” zu hören. Ich kam zum Beispiel zu Grooveshark, weil ich auf Reisen war und plötzlich Lust auf das Lied Down By The Water bekam, das sich natürlich nicht auf meinem mobilen Spieler befand.

Grooveshark wählte ich nach kurzer Durchsicht von Marcels (empfehlenswertem) Vergleich von Spotify, Simfy und Grooveshark aus, denn was für mich als potenziellem Kunden bei einem Musikstreamingdienst zählt, ist nicht etwa die Anzahl der Werbebanner, auch ist es nicht primär der Preis, wenngleich Grooveshark mit nur geringen Einschränkungen gänzlich kostenfrei nutzbar ist (dazu unten mehr), sondern es ist allein das Angebot, und einem Dienst, der „aus lizenzrechtlichen Gründen” schon bei der Suche nach AC/DC versagt, traue ich nicht zu, meine Ansprüche zu befriedigen, denn was aus einem Angebot wird, das auf Lizenzvergabe angewiesen ist, ist am Niedergang von YouTube im deutschsprachigen Raum gut zu erkennen.

Überhaupt ist YouTube ein guter Vergleich, denn sowohl Simfy als auch Grooveshark beziehen „ihr” Angebot von ihren Benutzern und berücksichtigen dabei auch Dateitags, so dass automatisch nach Alben, Interpreten und Genres kategorisiert wird. Dass so sowohl bei Grooveshark als auch bei Simfy auch vielfach Duplikate bereits vorhandener Lieder hochgeladen werden, ist vermutlich unvermeidlich; ob es Bestrebungen gibt, „Fingerprinting”, also den Vergleich mittels digitaler „Fingerabdrücke” von Liedern, wie es etwa Last.fm einsetzt, einzuführen, ist mir nicht bekannt, jedoch wurde solches schon in entsprechenden Foren angeregt.

In der Wahrnehmung des Publikums aber verhält sich die Sachlage quasi konträr, denn während es weithin als „Kavaliersdelikt” gilt, deutlich als nicht lizenzierte Kopien erkennbare Replikate urheberrechtlich geschützten Materials via YouTube einzusehen, argumentieren die Verfechter von Simfy damit, dass sich Grooveshark wegen ähnlicher Gepflogenheiten trotz bestehender Lizenzverträge, etwa mit EMI, in einer rechtlichen Grauzone bewege und somit total kacke sei; Simfy sei viel besser, weil man seitens des Betreibers grundsätzlich mit allem und jedem Lizenzabkommen geschlossen hätte, weshalb man zwar mehr Geld für weniger Dateien zahlen solle, aber man wenigstens ein gutes Gefühl dabei habe. Das habe ich ungefähr so verstanden: Während bei Simfy nur freigeschaltet wird, wofür das Unternehmen eine Lizenz abgeschlossen hat, akzeptiert man bei Grooveshark – wie auch bei YouTube – auch Uploads von Künstlern, mit denen keine Verträge bestehen. (Danke an Holger in den Kommentaren für die Korrektur.)

Apropos Geld: Grooveshark ist ebenso wie Simfy kostenlos nutzbar, jedoch hat man als registrierter, womöglich zahlender Nutzer manch Vorteil. Der gewichtigste Grund für den „Höchsttarif”, „Grooveshark Anywhere”, dürfte wie auch bei Simfy die darin enthaltene Möglichkeit sein, den Dienst auch vom smartphone aus, also eben unterwegs („anywhere”), zu nutzen und auf der eigenen Abspielliste befindliche Lieder offline zu nutzen. Wer den Datenbestand von Grooveshark auch unterwegs schätzt, aber, wie ich, diese profilbezogenen Zusatzfunktionen nicht benötigt, der findet im Android-Market die kostenlose, flashbasierte Alternative TinyShark, die entsprechenden Zugriff auf das Angebot ermöglicht. Das kostenlose Angebot wird bei Simfy mit Werbeeinspielungen, bei Grooveshark mit Werbebannern finanziert. Da es für letzteren Dienst zahlreiche Möglichkeiten gibt, diese Werbung auszublenden, sei es nun im Browser oder mittels eigenständiger Abspielprogramme, sollte für diejenigen unter euch, die diesbezüglich wenig Skrupel kennen, klar sein, was weniger stört. (Wofür auch immer man sich entscheidet: Der bezahlte Zugang glättet diese Unebenheiten jeweils elegant.)

Die Eleganz der verfügbaren Oberflächen selbst, von separaten Abspielprogrammen einmal abgesehen, ist eher als zweckmäßig zu bezeichnen. Bei Grooveshark herrscht die Farbe grün vor, bei Simfy ist es blau, ansonsten leidet vor allem die Weboberfläche von Simfy an den Einschränkungen, die die Darstellung im Browser mit sich bringt: Man versucht, möglichst viele vermeintlich hilfreiche Informationen so zu platzieren, dass es nicht lieblos hingequetscht aussieht; stattdessen kommt MySpace-Atmosphäre auf. Zu viele Informationen auf zu viel Fläche – dieses Problem hat man bei Desktopanwendungen immerhin nur selten. Zum Glück befindet sich bei beiden Diensten jedoch der Abspielbereich als breite Bedienleiste immer an derselben Stelle, so dass man trotzdem nicht lange suchen muss, wenn man eben nur zwischendrin mal „das eine Lied da” hören will.

Zum Beispiel „Down By The Water”. Auf Grooveshark oder auf Simfy.
Und zwar genau jetzt.


Nachtrag vom 18. Januar 2012: Seit heute ist Grooveshark.com aus Deutschland, offiziell aus Kostengründen, nur noch per „mobiler” Oberfläche erreichbar. Ich hoffe, das wird sich wieder ändern.

Senfecke:

  1. Grooveshark nutze ich seit Deiner Empfehlung damals mittlerweile regelmäßig. Googles Dienst selbstverständlich auch. Mit oder ohne Sicherheitslücke.

  2. Ich höre solche Dienste nicht aktiv, sondern nur als Hintergrundberieselung. Deshalb ist mir völlig egal, welche Vor- und Nachteile vorhanden sind. Hauptsache, sie bieten Musik nach meinem Geschmack. Sollte also nur Hardrock und Metall im Programm sein, flöge der Kram gleich wieder aus meinen Bookmarks.

  3. Mag sein. Mir reicht der Browser, Grooveshark, Google und Radio. Da gibt es soviel Musik, dass ich sicher sein kann, jeden Tag etwas anderes zu entdecken. Man kann das natürlich auch bis zur Perfektion treiben. Aber ich nicht.

  4. Du schreibst

    Sowohl auf Simfy als auch auf Grooveshark darf grundsätzlich jeder alles hochladen

    und rückst Simfy damit in die gleiche Grauzone wie Grooveshark. Das war in der Frühversion von Simfy auch tatsächlich möglich, heute geht das aber nicht mehr.

  5. Oh, danke – wusste ich nicht. Ich hatte da wohl veraltete Informationen. Nun gut, das erklärt das verminderte Angebot womöglich besser als schlichte Überforderung der Betreiber. Ich werde es oben transparent korrigieren!

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