Musik
Ein rei­nes Gewis­sen für wenig Geld

Für die (Ach­tung, Bonus­witz) Wirt­schafts­wo­che stell­te Seba­sti­an Mat­thes am dies­wö­chi­gen Mon­tag fest, dass die Reste sei­ner gelieb­ten CD-Samm­lung, die er jah­re­lang lie­be­voll auf­ge­baut und die man ihm in Stu­den­ten­ta­gen schließ­lich teil­wei­se ent­wen­det hat­te, mit dem Deutsch­land­start von Spo­ti­fy, dem Strea­ming­dienst, den ich bereits vor einem Jahr weit­ge­hend igno­rier­te, für ihn völ­lig an Bedeu­tung ver­lo­ren haben. Jah­re­lang inve­stier­tes Herz­blut hin oder her, es ist eben so prak­tisch, für nur fünf bis zehn Euro im Monat kaputt­kom­pri­mier­te Ver­sio­nen der Musik hören zu kön­nen, die man sonst gekauft hät­te. Herr Mat­thes muss einen ziem­lich lang­wei­li­gen Musik­ge­schmack haben, immer­hin sind bekann­te Musik­grup­pen wie die Beat­les und King Crim­son aus ver­trag­li­chen Grün­den nicht bei Spo­ti­fy vertreten.

Aber Spo­ti­fy ist nun mal das neue kom­men­de Ding, für das man auch mal sei­ne Ansprü­che an die Ton­qua­li­tät her­un­ter­schraubt: Unter dem Strich steht (für 2011, A.d.V.) ein Ver­lust von 375 Mil­lio­nen Kro­nen (zum dama­li­gen Euro­kurs etwa 40 Mil­lio­nen Euro), 2010 belief sich das Minus auf 235 Mil­lio­nen Kro­nen. Das bedeu­tet, in abseh­ba­rer Zeit dürf­ten die Ein­schrän­kun­gen der kosten­frei­en Ver­si­on von Spo­ti­fy erwei­tert wer­den, um den Ver­lust auf­zu­fan­gen – groß­ar­ti­ge Aus­sich­ten für die Nut­zer alter­na­ti­ver Dien­ste wie etwa Grooveshark.

Dass Groo­veshark, anders als Spo­ti­fy, zur­zeit kei­ne Lizenz­ge­büh­ren an Künst­ler zahlt, nennt netzwertig.com-Autor Mar­tin Wei­gert als einen Grund, Spo­ti­fy trotz­dem zu bevor­zu­gen, und sei’s nur für das Gewissen:

CDs im Regel zu haben, wenn man schon Jah­re lang nix mehr kauft, hal­te ich für ein maxi­mal das eige­ne Gewis­sen beru­hi­gen­des Argument.

Dass ich auf Strea­ming­dien­ste als Ersatz für eine anstän­di­ge Musik­samm­lung teil­wei­se ver­zich­te und statt­des­sen auch wei­ter­hin Ton­trä­ger kau­fe, wuss­te Herr Wei­gert hier noch nicht. Der Gedan­ke ist aber inter­es­sant: Um Künst­ler zu unter­stüt­zen, muss man nicht ihre Kon­zer­te besu­chen oder ihre Ton­trä­ger erwer­ben, son­dern kann auch ein­fach für fünf Euro im Monat (oder kom­plett gra­tis, Spo­ti­fy zahlt’s ja eh‘) unbe­grenzt ihrem out­put lau­schen. Ein Spo­ti­fy-Abon­ne­ment – ähn­lich Simfy – als Ablassbrief?

Pro Lied bekom­men die Rech­te­inha­ber 0,41 Cent (also 0,0041 Euro) von Spo­ti­fy, die sie sich dann irgend­wie mit den Inter­pre­ten, also den eigent­lich Krea­ti­ven, tei­len dür­fen. Nach dem neu­en Mer­ce­des bleibt eben nicht mehr viel übrig. Wäre ich Spo­ti­fy-Kun­de, mein Gewis­sen wäre alles ande­re als rein, wür­de ich des­halb auf den Kauf von rich­ti­gen Musik­al­ben verzichten.

Spo­ti­fy ist allen­falls ein vali­der Ersatz für Radio, das ja in einer noch immer sehr ver­brei­te­ten Form (per Rund­funk, nicht per Inter­net) nicht unbe­dingt durch Viel­falt besticht:

Radio. Spielt ein­fach den gan­zen Tag genau das, was sich zur Zeit eh die mei­sten Leu­te kau­fen, um es sich zu Hau­se anzu­hö­ren. So logisch. 

Je öfter ein Lied im Super­markt­ra­dio (oder in einem ande­ren Radio, das ich gera­de ver­se­hent­lich höre) gespielt wird, desto weni­ger habe ich per­sön­lich Lust dar­auf, Geld aus­zu­ge­ben, um es – das Lied – in phy­si­scher Form zu besit­zen. Viel inter­es­san­ter und ver­mut­lich auch für die Ver­kaufs­zah­len för­der­li­cher wäre es doch, wür­den Radio­sen­der mehr „B‑Seiten“ von den eigent­li­chen sin­gles der bekann­ten Künst­ler spie­len oder gele­gent­lich auch mal Lie­der von Musi­kern pro­pa­gie­ren, die gera­de nicht in irgend­wel­chen Hit­pa­ra­den (inklu­si­ve Oldie-Hit­pa­ra­den) die Plät­ze 1 bis 100 belegen.

Der eng­li­sche Mode­ra­tor John Peel hat gezeigt, dass es funk­tio­niert. Ich wüss­te wirk­lich gern, was unse­re öffent­lich-recht­li­chen Sen­der (bezie­hungs­wei­se ihre Ver­ant­wort­li­chen) dar­an hin­dert, ähn­li­che Grö­ße zu bewei­sen. Eine Ein­schalt­quo­te ist staat­lich finan­zier­ten Sen­dern ja zumin­dest in der Theo­rie gänz­lich unwichtig.

Aber wer Viel­falt will, der kann ja auch ein­fach ins Inter­net gucken. Schö­nen Dank auch.

Senfecke:

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