KaufbefehleMusikkritik
douBt – Mer­cy, Pity, Peace & Love

douBt - Mercy, Pity, Peace & LoveJa, das Con­ti­nen­tal-Album war­tet immer noch dar­auf, dass ich es mal höre. Eins nach dem ande­ren! Wei­ter oben auf mei­nem Sta­pel näm­lich liegt douBts Zweit­ling „Mer­cy, Pity, Peace & Love” von Ende 2012 (lei­der also etwas zu früh für die Jah­res­li­ste 2013) und ist wirk­lich nicht schlecht.

„Mer­cy, Pity, Peace & Love” (zu Deutsch etwa „Barm­her­zig­keit, Mit­leid, Fried­fer­tig­keit und Lie­be”) bezeich­net laut Wil­liam Bla­ke vier der sie­ben christ­li­chen Kar­di­nal­tu­gen­den. Was mit den ande­ren drei Kar­di­nal­tu­gen­den ist, weiß ich nicht. Viel­leicht kom­men die auf dem näch­sten Album. douBt jeden­falls ist ein Jazz­rock-Trio, das auf sei­nem Debüt­al­bum „Never Pet A Bur­ning Dog” die Can­ter­bu­ry-Legen­de Richard Sin­c­lair als Gast­mu­si­ker enga­gie­ren konn­te und so die Mess­lat­te natür­lich von vorn­her­ein recht hoch gehängt hat. „Mer­cy, Pity, Peace & Love” soll­te also dar­an gemes­sen werden.

Aber kei­nes­falls führt eine sol­che Mes­sung auto­ma­tisch zu einem Rang­ver­lust, eher ist das Gegen­teil der Fall. Dabei soll­te man sich nicht vom Anfang des Albums täu­schen las­sen: „The­re Is a War Going On” ist eine von 70-er-Jah­re-Orgel­klän­gen unter­leg­te aus­zugs­wei­se Rede des US-ame­ri­ka­ni­schen Sena­tors Ber­nie San­ders, in der die­ser über die Unter­schie­de in den gesell­schaft­li­chen Klas­sen refe­rier­te. Na gut, eigent­lich soll­te man sich schon täu­schen las­sen, denn abge­dreh­te Ideen sind auf „Mer­cy, Pity, Peace & Love” reich­lich zu hören. Mit Gesang soll­te man zwar nicht rech­nen, aber wer erwar­tet sol­chen schon auf einem Jazzalbum?

„Jazz” ist dabei viel­leicht etwas zu kurz gegrif­fen. Hier wer­den Psy­che­de­lic („The­re Is A War Going On”), Jazz und Funk (wenn auch weni­ger als noch auf dem Vor­gän­ger­al­bum) sowie Expe­ri­men­tell-Elek­tro­ni­sches („Mer­cy, Pity, Peace and Love”) eng mit­ein­an­der ver­zahnt. Schon das zwei­te Stück, „Jalal”, ist groo­ve­la­sti­ger Jazz­rock mit merk­wür­dig schrä­gem Rhyth­mus, der trotz­dem im Ohr hän­gen bleibt, will sagen: mit­reißt. Eher an die jün­ge­ren King Crim­son – wenn­gleich das Schlag­zeug­spiel auch Bill-Bruford-Fans gefal­len dürf­te – erin­nert das gitar­ren­la­sti­ge „No More Quar­rel with the Devil”, das gegen Ende unver­mit­telt in Kir­mes­mu­sik über­geht. Skur­ril, aber inter­es­sant. Nach einem irgend­wie bedroh­li­chen Lounge-Jazz-Inter­mez­zo („Rising Upon Clouds”) folgt dann ein fast fünf­mi­nü­ti­ges Gitar­ren­ge­flim­mer namens „Pur­p­le Haze”. Pur­p­le Haze? Nein, nicht Hen­drix, aber ein ver­dammt ein­drucks­vol­les Cover des­sel­ben. Gitar­rist Michel Del­vil­le und Key­boar­der Alex Magui­re lie­fern sich hier ein rasend schnel­les Duett (wenn nicht gar Duell), das auf­hor­chen lässt. Ist das noch Jazz? Nö! Na und?

Kei­ne Sor­ge jedoch, denn der Jazz hat sich nur eine kur­ze Pau­se gegönnt. Bereits im col­tra­nes­quen „The Invi­ta­ti­on” und deut­li­cher noch im vor­letz­ten Stück „Mer­cu­ry” kehrt er zurück und spielt ein wei­te­res Mal sei­ne Stär­ken aus. Kon­ser­va­ti­ven Jazz­freun­den feh­len womög­lich Blä­ser anstel­le des (oder zusätz­lich zum) Pianoklimpern(s), aber als kon­ser­va­ti­ver Jazz­freund hört man wahr­schein­lich sowie­so nichts, was nicht von Col­tra­ne oder Davis selbst ist. Scha­de drum. Aber zurück zum gewohn­ten Pro­gramm­ab­lauf: Das „The Invi­ta­ti­on” fol­gen­de Titel­stück („Mer­cy, Pity, Peace and Love”) – ich erwähn­te es ja schon – hat mit Jazz wie­der­um eher wenig zu tun, tat­säch­lich ist nur die Lust an der frei­en Form von die­sem geblie­ben. Auf knapp über zwölf Minu­ten wirft die Band hier Krau­tig-Spa­ci­ges, Doom-Jazz (also doch!) und Avant­gar­de-Ein­spreng­sel wie Kon­fet­ti in die Luft und fängt das Durch­ein­an­der wie­der ein, nicht ohne ihm einen Sinn zu ver­lei­hen. Das Stück schwellt an und wie­der ab wie Mee­res­rau­schen, aber in dem Meer ist eine Men­ge los. Wem das gefällt, der hat wenig spä­ter noch eine Mög­lich­keit, die­sem Stil zu hul­di­gen: „The Human Abstract” ist eine wirr schei­nen­de Instru­men­tal­col­la­ge, die ich nur schwer­lich zu beschrei­ben weiß. Viel­leicht so: Spielt drei Jazz­rock­plat­ten und ein Spa­ce­rock­al­bum mit unter­schied­li­chen Geschwin­dig­kei­ten, aber zur glei­chen Zeit ab. So unge­fähr müsst ihr euch „The Human Abstract” vor­stel­len; und das Erstaun­li­che ist, dass es trotz­dem funk­tio­niert. So ungern ich mich hier auch wie­der­ho­le: Merkwürdig.

Das Album schließt mit dem Neun­ein­sech­stel­mi­nü­ter „Good­bye My Fel­low Sol­dier”, das den etwas auf­ge­dreh­ten Stil von douBt mit dem Can­ter­bu­ry-Jazz von Soft Machi­ne paart. Ganz vom Can­ter­bu­ry lösen will man sich also nicht, und das ist gut. Ich mag den Can­ter­bu­ry-Sound. Von „The­re Is a War Going On” (wie auch von „No More Quar­rel with the Devil”) gibt es auf dem Album übri­gens auch ein repri­se, das ohne Poli­ti­ker­stim­men aus­kommt. Auch mal ganz schön.

Für Hör­pro­ben soll­tet ihr MyS­pace kon­sul­tie­ren und her­nach umge­hend das Album kau­fen. Es lohnt sich. Aber das soll­tet ihr ja nun schon wissen.