Netzfundstücke
Kurz verlinkt CXLIV: Facebums.

(Niveau­volle Über­schriften sind zu ein­fach.)

Dass “soziale Net­zw­erke” nicht primär dem vorge­blichen Aus­tausch im Fre­un­des- oder Fam­i­lienkreis dienen, son­dern sich in den dor­ti­gen Kon­tak­tlis­ten im Laufe der Zeit vor allem heim­liche und weniger heim­liche Flam­men ansam­meln, war nie ein allzu großes Geheim­nis. Diejeni­gen, die post-pri­va­cy zur Lebens­maxime erko­ren haben, kön­nen nun noch ein­fach­er dazu ste­hen:

“Bang Your Friends” heißt die Anwen­dung, zu Deutsch “Bums deine Fre­unde”. Sie soll ein­schlägig Inter­essierte ohne große Umwege zu gewün­scht­en Begeg­nun­gen ver­helfen. Unter den eige­nen Face­book-Kon­tak­ten kann der Nutzer die begehrten Fre­unde markieren. Sollte ein­er dieser Face­book-Fre­unde umgekehrt einen ähn­lichen Wun­sch äußern, wer­den bei­de via E‑Mail über das gegen­seit­ige Inter­esse informiert.

Anders gesagt: Wenn im eige­nen “Fre­un­deskreis” jemand Bock auf Pop­pen hat und — jeden­falls zurzeit noch — dem anderen Geschlecht ange­hört und bei­de Teil­nehmer ihr Begehren der app mit­geteilt haben, bekom­men sie vol­lau­toma­tisch und ohne störende vorherige Kon­tak­tauf­nahme untere­inan­der ’ne Mail, dass sie den jew­eils anderen doch mal ganz unverbindlich fra­gen soll­ten. Wenn’s halt die eige­nen Eltern oder Kinder sind, ist das nur vorüberge­hend pein­lich. Ich wüsste allerd­ings wirk­lich gern, wie diejeni­gen, die diese app nutzen, bish­er Frauen ken­nen gel­ernt haben, wenn bere­its eine höfliche, aber direk­te Frage (“ey, fick­en?”) die Teil­nehmer über­fordert.

Ach, apro­pos Eltern oder Kinder; der Unter­hal­tungswert wurde kür­zlich per Aktu­al­isierung beseit­igt:

Nun soll dafür gesorgt sein, dass als Fam­i­lien­mit­glieder markierte Face­book-Kon­tak­te von der App-Auswahl ausgenom­men sind.

Ich nehme ja sowieso an, dass die Ziel­gruppe der app über­wiegend aus Leuten beste­ht, die mit dem Anbah­nen von Sexkon­tak­ten im Fam­i­lienkreis am wenig­sten Prob­leme hät­ten. Unglaublich.

Nerdkrams
Ponys sind scheiße.

Gele­gentlich scheint es eine gute Idee zu sein, den Medi­en wieder ein­mal darzule­gen, warum die Net­zbürg­er keine homo­gene Masse (“die Net­zge­meinde”, als wäre das eine Sek­te) sind. Aus aktuellem Anlass mache ich das heute ein­mal am Beispiel der Meme.

Also: Ich bin Net­zbürg­er. Und obwohl ich seit “gei­lo, mein neues 56k-Modem geht ja richtig ab” im Inter­net herumkaspere und gele­gentlich auch am dor­ti­gen Sozialleben teil­nehme, finde ich die meis­ten Meme ziem­lich bescheuert.

Ein “Mem” (ety­mol­o­gisch irgend­wie mit “mem­o­ry” ver­wandt) ist unter anderem ein Kurz­wort für Inter­net­phänomene. Dies beze­ich­net wiederkehrende Bilder, Texte, Videos oder auch und Phrasen, die sich über das Inter­net ver­bre­it­en und sich zum Teil auch ins wirk­liche Leben aus­bre­it­en, etwa das recht bekan­nte “Troll­face” als Erken­nungsmerk­mal eines Pro­voka­teurs, das sich längst auch auf Demon­stra­tio­nen und T‑Shirts wiederfind­et, eben­so die anderen Gesichter.

Und bevor jet­zt jemand behauptet, die im Inter­net hät­ten kom­plett bescheuerte Ideen und ohne das Inter­net wären sie weis­er: Das mit den Memen geht auch ander­sherum. Ein bekan­ntes Mem aus dem wirk­lichen Leben ist zum Beispiel der Satz “Nie­mand hat die Absicht, eine Mauer zu erricht­en”, bis heute in abge­wan­del­ter Form weit­er­ge­tra­gen und vieltausend­fach per­si­fliert. Ein “Mem” ist also eigentlich nichts anderes als ein geflügeltes Wort in dig­i­taler Dar­re­ichung. Und auch die Leute aus dem wirk­lichen Leben haben oft keine besseren Meme im Ange­bot, denn sie stam­men meist aus dem Fernse­hen (oder zumin­d­est von YouTube).

Ein paar Beispiele: Im Früh­jahr 2012 macht­en sich im Inter­net Ponya­vatare bre­it, entlehnt aus der Fernsehserie “My Lit­tle Pony”. Für mich als Net­zbürg­er ist das trotz­dem unge­fähr so nachah­menswert und attrak­tiv wie Bar­bie und Poké­mon. Auch andere Fernseh- und weit­ere Serien und Filme schafften es zu ger­adezu viralen Memen, das Rick­rolling mit Rick Ast­ley hat es gar zu einem eige­nen Wikipedia-Artikel geschafft. Andere YouTube-Phänomene wie Boxxy sind irgend­wann weit­ge­hend in Vergessen­heit ger­at­en, während sich das Xzib­it-Mem “Yo dawg”, ver­mut­lich ent­standen aus der Fernsehserie “Pimp My Ride”, erstaunlich lange hält.

Dabei reißen Meme auch Leute mit, die es son­st mit dem Inter­net nicht so haben. Der Film “V wie Vendet­ta” etwa, in dem ein mask­iert­er Mann aus Rache für die Mis­shand­lung durch die Regierung Gebäude in die Luft sprengt und durch seinen Tod let­zten Endes die Dik­tatur been­det, inspiri­erte die Grün­dung und das Auftreten von “Anony­mous”. Ken­nen sollte man zumin­d­est die Szene, in der alle Bürg­er der Stadt, eben­falls mit solchen Masken aus­ges­tat­tet, das Mil­itär umrin­gen.

Warum eigentlich “Anony­mous”? Nun, das ist der angezeigte “Name” nicht angemelde­ter Benutzer im Forum “4chan”, wo sich die meis­ten Meme ini­tial ver­bre­it­en, sei’s nun Boxxy, sei’s die Vendet­ta. 4chan muss man nicht ken­nen, das Niveau dort ist über­schaubar, und auch wenn es qua­si für jedes The­ma ein eigenes Forum gibt (selb­st ein Musik­fo­rum ist dort rege aktiv) und ich das Konzept “Anony­mous” und einige ihrer “Oper­a­tio­nen”, selb­st LulzSec, aus­drück­lich gutheiße: Man muss schon reich­lich pubertär sein, um länger als nötig dort zu ver­brin­gen. (Ähn­lich­es gilt für das deutschsprachige Pen­dant Krautchan, wo die “Anonymous”-Benutzer schlicht “Bernd” heißen — damit wurde dieser Name eben­falls zu einem allerd­ings sel­ten benutzten Mem.)

Intellek­tuell inter­es­sant sind allerd­ings die Meme, die his­torischen oder lit­er­atis­chen Bezug aufweisen. Dass diese Meme nor­maler­weise Teil von Creep­y­pas­ta (also im Wesentlichen Hor­rorgeschicht­en) sind, ist bemerkenswert, aber nicht störend. Einige von ihnen sind dur­chaus gut gemacht.

Ein Beispiel ist die Leg­ende vom Slen­der Man, einem großgewach­se­nen, fahlen Mann ohne bekan­ntes Gesicht, der nachts Kinder holt oder so. Eine faszinierende Fig­ur, auf die wir stolz sein kön­nen: Das Vor­bild war der Groß­mann, ein vor mehreren Jahrhun­derten im Schwarzwald leben­der, geheimnisvoller Kinde­sent­führer, dessen Exis­tenz bis heute nur belegt, nicht jedoch bewiesen wurde. Endlich mal ein erfol­gre­ich­es deutsches Exportgut!

Diejeni­gen, die der inter­na­tionalen Bel­letris­tik näher ste­hen als deutsch­er Lokalgeschichte, sind wom­öglich mit den Werken H. P. Love­crafts wie dem Necro­nom­i­con und dem Cthul­hu-Mythos ver­traut. Die Span­nung, die H. P. Love­craft erzeugt, liegt darin begrün­det, dass das Böse meist zu erah­nen, aber nie greif­bar ist. So funk­tion­ieren die meis­ten Romane von Stephen King, so funk­tion­ieren zahlre­iche Fol­gen von “Akte X”, so funk­tion­iert “Creep­y­pas­ta” und so funk­tion­iert Zal­go. Zal­go? “Zal­go” ist ein Wort ohne nähere Bedeu­tung, das seit 2004 belegt ist. Zal­go ist der Name ein­er kör­per­losen Entität, die in jed­er Wand wohnt und darauf wartet, zu leben; deren baldige Ankun­ft sich man­i­festiert in andauern­den Geräuschen, blu­ten­den Augen, zer­fließen­dem Text bis hin zu völ­liger Unken­ntlich­machung der Wirk­lichkeit, mithin das Ende der Welt, wie wir sie ken­nen. Zal­go is͔̦̟̳͔̹̓̋͗ͯͭ͡tͥͩ ̂̕Ķ̼͙͔̭̙̙̆ͭ̈̃ͫ͂ọ̙̼̱̿̽ͫ̍r̮͇̰͇͙͉͌͢r̝̠̽̓ͬͬ̂̂uͥ͑p̉ͯ͏̸̛̪̻̯͙̦̙͙t̷̬͉͎̰̟̙͕̩ͪ͗̅ͭ̐̇̓ͮi̶̢̗̪͉͛̓ͫͅo̴̰̺̤̲̥̪͆̉ͣ̈̌n̂̆҉̸͖̲͙̼͡.̡̼͉̬͚̎̾͒̉͛ ̇̂̉ͨ͒҉͚̲̲̯̱͖͝Z̧̡̡̥͈̻͕̞̤̺͔̼͂ͭ̽ͩͫ̔͘͢a̷͉͓̲͉̻̦̖̦̟̠̼͉̬̟̪͎͑ͪ̈̄̌̀͠͡l̶̛̞̯̯̞͉̘̦̲͊̾̒ͯ͒̾͆ͬ̆͐̆ͭ̿͗̀g̷̢̯̻͔̘̯̬̰̽̽ͭ͗̔̾̿ͨo̡̗͚͖͔ͨ͗̑ͩ̈́̀ͫͪ̂ͮ͂̽ͯͨ́̚̚̕͞ ͎̪͍͓͈̳͖̩̤͉̻͖̤͉͖̪͙͓̓̌̿̅̒͗̏̽̌̍̋̐̀̋̍̔͑̈ͦ̕͢͠i̒͆̏ͮ̔̃͊͛ͩ͐͌ͭ̀̃ͣ҉̷̢̨̣̖̝͚̹̹͕̜̪̩̱̻͍̙̻̗̙̹͠ͅs̈͌̃̅ͥ͒̒̚҉̩̟̩͎̭̙͖̳̝̮͘͟͜t̶̶̙̱̞̫̟̼̖͈͑͗̃ͩ͆ͫ͋ͭ̍͟͞ͅ ̬̤͔̣̝̮͉̗̮̲͖̝̝̺̯͋̈ͦ̽̽͐͐ͦ̍̆͘͜͢͝C̶̸̡̘̰̘̯͈̘̭͔̘̈́̃̀̑͑ͦͨ̕h͚̯͎͕̻͍̻̙̫̲̙̬̪̰̪̓ͩͯ̇ͥ̓̌́a̒͊̿ͣͯ͗͗̔̔̈͂̊͟҉҉͎̳̪̹̮̦̰̰̤͇̗̠̩̖̙͉͙̕͠ȏ̏̍̀̆́͑ͯ͑҉̶̡͚̙̺̘̙ͅş̵̴̯̼͎̞̩͉͚̳̯̪͈̤͍̹̫̖̯̃̏̓̒ͭ̈́ͩͧ.̸̢̛͙̹̬̼̦̬̠̫̤͉̦͙͕͔̘̉̈́̔͛̍̉͑̑͗͛̓ͦͯ͡

Zalgo

Verzei­hung, ich schweife gele­gentlich ab. Nun, so weit, so gut.

Worauf ich eigentlich — außer, dass es deut­lich zu viele Meme gibt — hin­aus­wollte? Das habe ich, ehrlich gesagt, vergessen. Ich impro­visiere: Auf — wieder mal — Twit­ter wer­den zurzeit gern neue Meme kreiert, so genan­nte “Film­meme”. Unter Hash­tags wie #FDP­Filme, #wurst­filme und #Waf­felfilme wer­den Film­na­men entstellt, etwa “Waf­feln im Sturm”. Das sei zum Abbrechen lustig, heißt es, und bleibt nicht bei eini­gen weni­gen Aus­nah­men, son­dern schafft es in jed­er Reinkar­na­tion in die trend­ing top­ics. In anderen Worten: Bin­nen weniger Minuten ist auch eine gut sortierte Twit­terliste voller total lustiger Ein­wortwitze. Aber ihr irrt: Das ist nur zum Brechen. Hört auf damit.

Und, ihr Medi­en, schreibt endlich mit: Auch, wenn man als Net­zbürg­er Meme ken­nt und die beste­hende Regierung nicht mag, ist man noch lange kein typ­is­ch­er Ver­bre­it­er von grauen­voll schlecht­en Memen.

Und Ponys sind auch scheiße.

Spaß mit Spam
du bist die eine, die ich gesucht habe!

Nee, fehlgeleit­et, “Her­da”, die Sie mir unter obigem Betr­e­ff eine Mail zukom­men ließen; an mir ist nach­weis­lich ’n Penis dran. Frauen (schreibt man das nicht “Her­ta”?), die per Mail andere Frauen suchen, sind mir allerd­ings bish­er neu gewe­sen. Das klingt nach Spaß.

Hal­lo, wen Sie ?

Na, die Eine, die Sie, “Her­da”, gesucht haben, ich zumin­d­est ver­mut­lich nicht.

Wie Sie uber mich hort­en? Von den Web­seit­en der Bekan­ntschaften?

Von den Web­seit­en der Bekan­ntschaften horte ich nicht eine; die besitzen sie alle ganz allein. Besitzen Sie auch eine? Dann horte ich auch die natür­lich nicht.

Erzahlen Sie uber Sie und was Sie, zu suchen?

Über sie habe ich schon viel­er­lei erzahlt erzählt. Was das hier zu suchen hat? Ich weiß es nicht — sagen Sie es mir. Wortkarg scheinen Sie ja nicht zu sein; obwohl Sie Ihrem Wortschwall eine ZIP-Datei mit ein­er enthal­te­nen Bild­schirm­schon­er­datei namens “sexy.scr” beifügten. Meinen Bild­schirm schone ich später, vorher wüsste ich gern, was es damit auf sich hat.

Ach so, natür­lich:

Ich schicke Ihnen wasche die Fotografie in diesem Brief.

Sehr schön. Frisch gewasch­ene Fotografien machen keinen Dreck.

Ich werde froh sein, die Antwort von Ihnen zu sehen.Victoria
29.01.201312:02:56

Damit wäre meine gute Tat für heute erfüllt.Ich
Sternzeit neg­a­tiv

PolitikNetzfundstücke
Kurz verlinkt CXLIII: Internet ist auch nur Sport

Die Grü­nen — die juve­nilen Kriegstreiber, die auch gern mal Face­booknutzung für Bürg­er­beteili­gung hal­ten — sind immer wieder für einen Lach­er gut. Ihre neueste Pein­lichkeit ist das hier:

Daniel Mack war so nett mir unaufge­fordert eine E‑Mail mit dem Link zum entsprechen­den Blog­a­r­tikel zu senden […] Wie unschw­er zu erken­nen ist (“sehr geehrte Damen und Her­ren”) versendet Daniel Mack ein Serien-E-Mail (oder Newslet­ter), Absender ist der Sprech­er für Net­zpoli­tik und Sport Bünd­nis 90/Die Grü­nen – gefühlsmäs­sig für mich ein kom­merzieller Absender. Ich hat­te mit Daniel Mack bis heute keine kom­merzielle Beziehun­gen, auch habe ich mich nie in eine entsprechende Newslet­terliste einge­tra­gen, noch son­st irgend­wo den Wun­sch geäussert, Infor­ma­tio­nen zu seinen poli­tis­chen The­men zu erhal­ten. Daniel Mack schreibt mich (als Aus­län­der, äh Schweiz­er) also an, weil ich einen Blog zu Face­book betreibe. Die Idee dahin­ter ist offen­sichtlich, berichte ich darüber, erhält er zusät­zliche Aufmerk­samkeit.

Bere­its seit Anfang 2007 dro­hen Versendern von Spam, und sei sie poli­tisch motiviert, für sel­biges Tun bis zu 50.000 Euro Bußgeld ins Haus zu ste­hen. Eine poli­tis­che Partei — und ger­ade ihr Net­zsprech­er — sollte das wis­sen.

Aber was ist von ein­er Partei auch zu erwarten, die einen Sprech­er für Net­zpoli­tik und Sport in ihren Rei­hen hat? Klar: Wer zwei Dinge gle­icher­maßen schlecht beherrscht, der kann es auch in dieselbe Schublade wer­fen. So sind sie, die Grü­nen: Haupt­sache, das mit den Win­drädern klappt. Mit heißer Luft ken­nt man sich nach ein paar Jahren im Bun­destag eben immer noch am besten aus.

PersönlichesNetzfundstücke
Der bessere Sexismus

Ich wollte mich hier zum The­ma Sex­is­mus beziehungsweise der aktuellen Debat­te zu diesem The­ma eigentlich nicht weit­er äußern, das habe ich an ander­er Stelle bere­its mehr als deut­lich getan. Die Big­ot­terie, die diesem The­ma anhängt, haben unter anderem Klopfer und die Mut­ti tre­f­fend the­ma­tisiert.

Eigentlich hätte ich es damit auf sich beruhen lassen kön­nen.

Nun wurde mir die Web­site alltagssexismus.de — bewusst nicht ver­linkt — in meinen Nachrich­t­entick­er gespült. Dort ste­ht zu lesen:

Hier wer­den Erleb­nisse zu Sex­is­mus, Homo‑, Queer- und Trans­feindlichkeit, zu Ras­sis­mus und Ableis­mus, den Frauen erleben, gesam­melt. Das kön­nen Kleinigkeit­en sein, die sich wie All­t­ag anfühlen oder sex­u­al­isierte Über­griffe und Gewalt, Sachen, die euch läh­men oder aufre­gen, die euch ner­ven oder stören. Beschreibt sie so lang oder kurz wie ihr wollt, gerne anonym, wenn ihr möchtet. Sex­is­mus ist keine Bagatelle son­dern ein ern­sthaftes Prob­lem, das wir nicht akzep­tieren wollen.

(Her­vorhe­bun­gen von mir.)

Ras­sis­mus als Form von Sex­is­mus zu betra­cht­en ist bere­its eine lustige Idee; der Ein­fall, eine Seite namens “Auf­schreien gegen Sex­is­mus” nur Frauen zu wid­men, ließ mich vor Lachen fast kol­la­bieren. Das ist doch Absicht, Mädels. Ander­er­seits: Auf­schreien kön­nt ihr ja her­vor­ra­gend, zum Beispiel dann, wenn ’ne manns­große Spinne an der Zim­mer­wand sitzt. Dann ruft ihr selb­stver­ständlich den starken Mann, denn ihr seid die schwache Frau. Eben­so, wie ihr die Män­ner ruft, wenn irgend­was mit dem Com­put­er ist. Oder mit dem Fernse­her. Oder es Möbel zu schlep­pen gilt. Denn ihr seid ja nur Frauen, und Män­ner ken­nen sich bekan­ntlich schon rein genetisch mit Möbelschlep­pen und Elek­tron­ik aus.

Es ist müßig zu erwäh­nen, dass ich diese alltäglichen Kleinigkeit­en (neben ein­er ander­swo beschriebe­nen weniger kleinen Igkeit — allein an der Bedeu­tungslosigkeit sollte es nicht scheit­ern) gerne anonym auf der Seite “Auf­schreien gegen Sex­is­mus” zu melden ver­sucht habe.

Sie wur­den alle­samt nicht freigeschal­tet.

Auf Twit­ter riet man mir, für größeren Erfolg meine Berichte als Frau einzure­ichen. Natür­lich hätte ich sie dafür so umschreiben müssen, dass die bei­den beteiligten Grup­pen die Rollen getauscht hät­ten. Wahrschein­lich wäre in diesem Fall die Freis­chal­tung wirk­lich kein Prob­lem gewe­sen.

Merkt ihr selb­st, oder?

WirtschaftIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CXLII: Viel Kohle, viel G’schrei.

SPD und Grüne wür­den gern, wie in den meis­ten anderen Bun­deslän­dern längst geschehen, die Stu­di­enge­bühren in Nieder­sach­sen abschaf­fen. Offen­bar sind diese nicht notwendig, selb­st in Nor­drhein-West­falen (keine Stu­di­enge­bühren) gibt es ange­blich Akademik­er mit ein­er aus­re­ichend pro­fes­sionellen Aus­bil­dung.

Das gefällt den Hochschulen aber nicht.

Die Ost­falia befürchtet, dass ihr nach dem Regierungswech­sel in Han­nover weniger Geld zur Ver­fü­gung ste­ht. Falls die Stu­di­enge­bühren weg­fall­en soll­ten und es dafür keinen entsprechen­den Aus­gle­ich gebe, sei die Wet­tbe­werb­s­fähigkeit gefährdet. (…) Durch das Geld aus den Stu­di­enge­bühren sei die Qual­ität von Lehre und Forschung gestiegen. Ohne finanziellen Aus­gle­ich fie­len die Hochschulen wieder zurück, befürchtet [Hochschul­präsi­dent Wolf-Rüdi­ger] Umbach.

Wie “finanzieller Aus­gle­ich” unge­fähr aussieht? Nun, etwa so:

Nieder­sach­sens Hochschulen lassen immer mehr Stu­di­enge­bühren ungenutzt auf ihren Kon­ten liegen. (…) Am Stich­tag 1. Juli 2010 legten Nieder­sach­sens Hochschulen ins­ge­samt 78.732.172 Euro Ein­nah­men aus den Stu­di­enge­bühren auf die hohe Kante. Zum Ver­gle­ich: Am 31. Dezem­ber 2008 betrug diese Summe noch 75.627.638 Euro.

Anders aus­ge­drückt: Ohne Stu­di­enge­bühren kön­nten sich die Wür­den­träger der Hochschulen nur noch alle zwei Jahre einen neuen Mer­cedes leis­ten statt (wie bish­er) jedes Jahr. Diesen Zus­tand kann nie­mand gutheißen. Vielle­icht soll­ten die nieder­säch­sis­chen Hochschulen mal höflich nach­fra­gen, ob nicht vielle­icht der ESM noch ein, zwei Mil­liärd­chen…

Nicht? Na gut — war nur ein Vorschlag.

In den NachrichtenPiratenpartei
Kopfgeldjäger und Piraten

Das eher weniger erfol­gre­iche Abschnei­den der Piraten­partei bei der let­zten Land­tagswahl in Nieder­sach­sen lässt die Medi­en wieder süff­isant fra­gen: Wie lange wird das Piraten­schiff noch segeln, und warum ist Johannes Pon­ad­er noch im Amt?

Ich möchte den lächer­lich verquas­ten Blo­gein­trä­gen der Für- und Widerred­ner nun nicht mehr allzu viel hinzufü­gen, und das, obwohl ich als ein­er der­er, die ein Ver­har­ren unter fünf Prozent für den ide­alen Ans­porn zur pro­duk­tiv­en Arbeit hal­ten, in die Defen­sive gedrängt werde. Kommt kurz her, Kinder, set­zt euch um mich herum und hört mir zu. Ich möchte nur drei kurze Anmerkun­gen machen, danach lasse ich euch in Ruhe weit­er mit Förm­chen wer­fen, ver­sprochen.

1. Per­son­elles

Ihr Presse­hei­nis, die ihr sab­bernd und geifer­nd den ganzen Tag vor Twit­ter hockt und auf die neuesten unge­heuer­lichen Ver­fehlun­gen des Bun­desvor­stands wartet, geht jet­zt alle an die Tafel und schreibt hun­dert­mal:

Der poli­tis­che Geschäfts­führer der Bun­despartei, der sich im Wahlkampf in Nieder­sach­sen viele Stun­den lang den Hin­tern an Infos­tän­den im ganzen Bun­des­land ab- und wieder drange­froren hat, ist nicht “schuld” daran, dass die Bürg­er Nieder­sach­sens von den Pirat­en nicht aus­re­ichend überzeugt waren.

2. Trans­parenz, Sex­is­mus und was alles dazuge­hört

Piraten­partei: Etwa zwei Prozent. Ein ural­ter Tweet eines Mit­glieds wurde bis kurz vor der Wahl von der Presse warm gehal­ten und rechtzeit­ig aus­gepackt. Resul­tat: Buh, den sex­is­tis­chen Haufen kann man doch nicht wählen!

F.D.P.: Etwa zehn Prozent. Spitzenkan­di­dat äußert sich vor der Wahl sex­is­tisch. Resul­tat: Ja, hm, schade.

Weil die Piraten­partei sich öffentlich und trans­par­ent gibt, gelan­gen solche Vor­fälle natür­lich meist sofort an die Öffentlichkeit. Aber nur, weil im Inter­net mehr Ver­fehlun­gen von Pirat­en als von tra­di­tionell eher offline agieren­den CDU- oder SPD-Mit­gliedern ste­hen, heißt das nicht, dass let­ztere sich bess­er benehmen kön­nen. (Dass “Sex­is­mus”, wie auch immer man ihn definiert, eine zutief­st men­schliche Eigen­schaft ist, die nicht an Parteien, Geschlechter oder Gen­er­a­tio­nen gebun­den ist, führt an dieser Stelle wahrschein­lich zu weit.) Aber ich ver­ste­he schon, ihr Presse­hei­nis seid es ja gewohnt, beim Kasper­lethe­ater mitzuwirken — die Hände in den Hin­tern der Pup­pen ver­stören euch nur. Kein Wun­der, dass euch die Piraten­partei über­fordert.

3. Was die Piraten­partei ler­nen sollte

Was die Piraten­partei in Nieder­sach­sen nun falsch gemacht hat, würdet ihr sich­er gern wis­sen. Ich kann euch das unge­fähr so gut und zuver­läs­sig beant­worten wie jed­er andere Bürg­er, aber wenn ich einen Tipp abgeben muss: Kein zurech­nungs­fähiger Bürg­er — ich wieder­hole mich — wählt aus­gerech­net die Piraten­partei, die auf dem Papi­er mit Trans­parenz, Inter­net­frei­heit und dig­i­tal­en Bürg­er­recht­en wirbt, nur wegen ihrer tollen Umwelt‑, Finanz‑, Sozial- oder Bil­dungspoli­tik. Lernt daraus und macht es näch­stes Mal richtig.

So, und nun zurück in den Sand­kas­ten mit euch.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt CXLI: Jabba the Turk?

Prust:

In der Wei­h­nacht­szeit soll sich ein öster­re­ichis­ch­er Vater bei der Türkischen Kul­turge­meinde in Öster­re­ich gemeldet und eine Beschw­erde vorge­bracht haben. Seine Schwest­er habe seinem Sohn den Lego-Bausatz “Jab­bas Palace” des dänis­chen Spiele­herstellers Lego gekauft, “in guter Absicht”. Es habe sich jedoch her­aus­gestellt, dass die Lego-Ver­pack­ung “päd­a­gogis­chen Sprengstoff” enthalte. (…) Die Kul­turge­meinde ist den Bedenken des Vaters offen­bar nachge­gan­gen und erhebt nun ihrer Web­seite zufolge gegen Lego den Vor­wurf der Volksver­het­zung. Begrün­dung: “Jab­bas Palace” gle­iche ein­er Moschee, der Wach­turm einem Minarett. Die Fig­uren seien Ori­en­tal­en nachge­bildet, mit Gewehren, Schw­ert­ern und Kanonen.

Ein hüb­sches Bild hat die Türkische Kul­turge­meinde in Öster­re­ich da von den eige­nen Mit­gliedern, wenn sie Fig­uren mit Gewehren, Schw­ert­ern und Kanonen automa­tisch für die Ihren hält. Warum genau ein offen­bar also dem Islam nahe ste­hen­der Vater seinem Kind ein Wei­h­nachtsgeschenk macht, weiß ich lei­der nicht. Vielle­icht mit der Absicht, die Kaufkraft des ver­has­sten West­ens zu schwächen.

Bei genauer­er Betra­ch­tung sei das fer­tig zusam­menge­baute Lego-Haus und der dazuge­hörige Turm tat­säch­lich “ein 1:1‑Abklatsch der Hagia Sophia in Istan­bul oder der Moschee Jami al-Kabir in Beirut und eines Minaretts. Kurz, das Mod­el ähnelt Sakral­baut­en, egal ob Kirche, Moschee, Syn­a­goge oder Tem­pel.”

Zur Hagia Sophia hält die Wikipedia ein paar in diesem Kon­text amüsante Anek­doten bere­it, beson­ders erwäh­nenswert ist es vielle­icht, dass es sich um eine ehe­ma­lige byzan­ti­nis­che (also christliche) Kirche han­delt, die im 15. Jahrhun­dert von plün­dern­den Türken qua­si gewalt­sam zur Moschee umge­baut wurde und heute ein Muse­um ist. Es ist wirk­lich eine pietät­lose Unver­schämtheit von Lego, dieses Gebäude zu entwei­hen.

(Dass das Vor­bild, näm­lich Jab­bas Palast, gar nicht von Lego stammt, sei mal dahingestellt. Ein from­mer Vater guckt eben keine bösen Kriegs­filme und kann so was nicht wis­sen. Allerd­ings stimmt zumin­d­est der Vor­wurf, dass Ähn­lichkeit­en zu Sakral­baut­en beste­hen: Das haben Paläste eben so an sich.)

Und weit­er:

Und weit­er: Es sei offen­sichtlich, dass man sich für die Fig­ur des “hässlichen Bösewichts Jab­ba” ras­sis­tis­ch­er Vorurteile und gemein­er Unter­stel­lun­gen gegenüber den Ori­en­tal­en und Asi­at­en als hin­terlistige und krim­inelle Per­sön­lichkeit­en bedi­ent habe.

“Offen­sichtlich” hat der Ankla­gende noch nie einen Asi­at­en gese­hen. Oder einen Ori­en­tal­en. Oder die alten Star-Wars-Filme. Das ist zwar nicht schlimm, immer­hin sind die ziem­lich lang­weilig, aber Lego deswe­gen Ras­sis­mus vorzuw­er­fen ist absurd. Ich werfe den Mach­ern von “Avatar” ja auch keinen anti­s­chlump­fi­gen Ras­sis­mus vor, obwohl die Fig­uren auch blau sind. (Außer­dem habe ich den Film nie gese­hen.)

Die Kom­bi­na­tion aus Tem­pel­bau und Bunker­an­lage, aus der geschossen werde, könne für Kinder zwis­chen 9 und 14 Jahren sich­er nicht geeignet sein, “vor allem in Hin­blick auf ein friedlich­es Zusam­men­leben ver­schieden­er Kul­turen in Europa”.

Und daher:

“Wir fordern Eltern und Päd­a­gogen auf, kein Kriegsspielzeug oder diskri­m­inieren­des Spielzeug zu kaufen oder zu schenken, geschweige denn es zu ver­wen­den!”

Und um den Druck ein biss­chen zu erhöhen, kündigt die Kul­turge­meinde mögliche juris­tis­che Kon­se­quen­zen an. Sie behalte sich juris­tis­che Schritte vor und über­lege, in Deutsch­land, in Öster­re­ich und in der Türkei Klage bei der jew­eili­gen Staat­san­waltschaft wegen Volksver­het­zung einzure­ichen.

Die Geschichte der Hagia Sophia sollte man spätestens jet­zt noch mal nach­le­sen, um das mit dem friedlichen Zusam­men­leben im Kon­text erfassen zu kön­nen. Aber auch, wenn man die Prämisse set­zt, dass die heutige Türkische Gemeinde in Öster­re­ich sich von den dama­li­gen Vorgän­gen dis­tanziert: Irgen­dein ver­rück­ter Filmemach­er erfind­et Jab­ba the Hutt und seinen Palast. Jahrzehn­te­lang passiert nichts. Ein Spielzeugher­steller baut die Szener­ie nach. Eine türkische Gemeinde find­et diese Darstel­lun­gen ras­sis­tisch, nen­nt Lego einen Volksver­het­zer und dro­ht mit Klage.

So ganz nor­mal sind die da alle nicht in Öster­re­ich, oder?

(Mit Dank an L. und B.!)

Sonstiges
Medienkritik LXXVII: “JOY”, das Fachmagazin für angewandtes Zickentum

Yetis soll­ten nicht Cos­mopoli­tan lesen, Män­ner keine Frauen­zeitschriften. So weit der Mythos. Man würde als Mann aber manch­mal vielle­icht schon gern wis­sen, was die Frauen so bewegt, und dabei hil­ft für wenig Geld ein Tratsch- und Mod­e­heftchen wie “JOY”. Auf der Web­site der “JOY” (Vor­sicht: Web­site der “JOY”!) ist zurzeit unter anderem eine Galerie der “Busen­blitzer” mit pos­i­tiv beein­druck­ten Kom­mentaren zu find­en, somit teilen die Frauen mit den Män­nern offen­sichtlich zumin­d­est eine nen­nenswerte Vor­liebe: das Möpseguck­en.

Aber ich wollte ja eigentlich näher auf die gedruck­te “JOY” einge­hen. Das mache ich jet­zt mal.

JOY 02/2013

Grund­sät­zlich hat die “JOY” gegenüber der bere­its an ander­er Stelle erwäh­n­ten “Jolie” bezüglich der grell­bun­ten Auf­machung und des Sprach­stils (“Fash­ion we love”, gut Englisch das ist) kein­er­lei Ein­schränkun­gen, und auch die The­men sind sehr ähn­lich. Sog­ar Mila Kunis ist wieder “exk­lu­siv” vertreten; was man eben so “exk­lu­siv” nen­nt.

Beson­ders ange­tan hat’s mir aber das Titelthe­ma “Die Kun­st, eine unberechen­bare Frau zu sein”, das genau so tre­f­fend “Wie man Män­ner auf lange Sicht effizient ver­jagt” heißen kön­nte. Wom­öglich nicht zufäl­lig lautet ein anderes Titelthe­ma “So ent­waffnen Sie Ner­ven­sä­gen”. Blöder­weise sind damit immer nur die Anderen gemeint. Aber vor­weg gibt’s trends, außer scheußlich­er Mode wird hier auch das “stylis­che” (“JOY”) Smart­phone Sony Xpe­ria V emp­fohlen, dank dessen “neuem LTE-Stan­dard” man “noch schneller Filme guck­en” könne; der genaue Zusam­men­hang wird lei­der nicht näher erläutert.

Auf Seite 26 gibt es einige Umfrageergeb­nisse zu lesen, die mich belusti­gen. 69 Prozent der umbe­fragten Frauen sind der Ansicht, Heirat­santräge seien Män­ner­sache, 32 Prozent denken manch­mal beim Geschlechtsverkehr an einen anderen Mann, immer­hin 36 Prozent sind der Mei­n­ung, Män­ner und Frauen kön­nten keine Fre­unde sein. 5 der let­zteren 36 Prozent vertreten die Ansicht, Fre­und­schaft zwis­chen den Geschlechtern sei nur möglich, wenn man schon mal miteinan­der in der Kiste gewe­sen sei. Schö­nen Dank auch, Emanzi­pa­tion und ver­meintliche Abschaf­fung der Rol­len­bilder.

(Apro­pos Rol­len­bilder: Auf Seite 22 wird bewor­ben, mit welchen Mit­teln die mir völ­lig unbekan­nte Schaus­pielerin Jes­si­ca Chas­tain ihren “Porzel­lanteint” — also ihr Püp­pchen­gesicht — betont. Ich ziehe meine Anklage zurück und erk­läre die Emanzi­pa­tion der Frau für gescheit­ert. Glück gehabt.)

Ein biss­chen welt­fremd wird es auf Seite 30, auf der “20 Dinge, die Sie ab 30 keines­falls mehr tun soll­ten” aufgezählt wer­den. Ding Num­mer 5 ist “In ein­er WG wohnen (Aus­nahme: Mod­el-WG)”; damit das Püp­pchen (Seite 22) jen­seits der magis­chen 30 bloß nicht die Hoff­nung ver­lieren möge, jemals eine Chance auf gemein­sames Kotzen zu haben. Mod­els über 29 wei­hen doch nur noch Geschäfte für mol­lige Mode ein, dachte ich. Inter­es­sant sind aber auch die Punk­te 13 (“Irgen­det­was von Hel­lo Kit­ty besitzen”) und 14 (“Sich Son­ntag­mor­gens [sic!] für den Gang zum Bäck­er schminken”). Das sind so die Dinge, von denen ich als Mann ja immer hoffe, dass es noch Frauen unter 30 gibt, die nie auch nur auf die Idee kämen, gegen eine dieser Empfehlun­gen zu ver­stoßen. Aber man will ja gut ausse­hen beim Brötchenkaufen. Kein Wun­der, dass ich meist solo bin: Ich kaufe Brot immer ungeschminkt. Ver­dammt.

Den lang­weili­gen Artikel über Mila Kunis — sie sehe “sich selb­st gar nicht als Sexbombe”, und damit hat sie vol­lkom­men Recht — genügt es zu über­fliegen, es geht um Ash­ton Kutch­er, Knutschen in der Öffentlichkeit und ähn­lich irrel­e­van­ten Quark. Auch die Auflis­tung der “starken Män­ner 2013” kann man get­rost bei­seite lassen, zu sehen sind alle­samt muskel­bepack­te Schön­linge, bevorzugt wohl oberkör­per­frei. Ober­fläch­liche Män­ner, die nur auf den Kör­p­er acht­en, seien wirk­lich schlimm, wurde mir ein­mal gesagt. Dank der “JOY” weiß ich nun wenig­stens, was damit gemeint war.

Der Text, auf den ich mich beson­ders gefreut hat­te — der mit der unberechen­baren Frau — ent­pup­pt sich beim Lesen als mehr­seit­ige Ansamm­lung von Plat­titü­den (“Erotik kann alles sein”, “Män­ner hören beim Sex eh nicht so richtig zu”, aber “Reden ist Sex” — wie auch immer). Der Tenor lautet: Mit einem Mann muss man spie­len, man muss ihn bet­teln lassen. Frauen, die sich an einen solchen Rat­ge­ber hal­ten, brauchen ihn wahrschein­lich noch häu­figer. Übri­gens finde ich das in diesem Artikel infla­tionär ver­wen­dete Wort “Schwanz” für das männliche Glied nicht sehr ero­tisch. Gibt es dazu eigentlich auch schon einen Rat­ge­ber in ein­er Aus­gabe der “JOY”?

Für diese Ent­täuschung entschädigt der Fol­geartikel “Rote Karte für Ner­ven­sä­gen”. Er enthält 16 Tipps, wie man nervige Mit­men­schen effizient anz­ick­en kann, und sollte somit im Port­fo­lio kein­er Frau fehlen, die als solche wahrgenom­men wer­den möchte. Dass ein­er­seits aus dem Buch “Sor­ry, hier sitzt schon meine Tasche” zitiert wird (Tipp Num­mer 7), ander­er­seits aber Leute, die einen Sitz­platz mit ihrer Tasche bele­gen, selb­st als “Ner­ven­sä­gen” iden­ti­fiziert wer­den (Tipp Num­mer 15), ist wahrschein­lich sog­ar beab­sichtigt. Immer­hin möchte man ja die größte Ner­ven­säge von allen wer­den; auch eine Art von joy.

Tipp Num­mer 10 ist eben­falls beachtlich: Man sucht auf Face­book nach wichti­gen Din­gen, ver­mut­lich Schmink­tipps oder was “JOY”-Leserinnen halt so suchen, und find­et nur doofes Geschwätz von ein­er Face­book-Fre­undin. Zwei Lösungsmöglichkeit­en wer­den vorgeschla­gen: Man solle entwed­er “nie­man­den interessiert’s!” drun­ter­schreiben oder die Mel­dun­gen der “Fre­undin” ein­fach aus­blenden. Man kön­nte stattdessen auch ein­fach die Fre­und­schaft kündi­gen, aber so was macht man ja als Frau nicht. Da muss man ja zusam­men­hal­ten. Nur kon­se­quent erscheint da Tipp 16 gegen “hart­näck­ige Anbag­ger-Idioten”: “Glotzen Sie ihn unver­wandt mit einem Gesicht­saus­druck zwis­chen Schock und Debil­ität an — und zwar min­destens 30 Sekun­den.” Der typ­is­chen “JOY”-Leserin genügt es nicht, als Zicke iden­ti­fiziert zu wer­den. Es muss schon min­destens zu ein­er geis­tes­gestörten Zicke genü­gen.

Weit­er­hin in der “JOY”: Beziehun­gen lassen sich ret­ten, indem man sich regelmäßig zu “Sex­dates” trifft, sen­si­ble Haut ist “die Diva unter den vier Haut­typen”, außer­dem Tipps zum “Fig­ur­prob­lem Birne” (kein Witz!) und ein Trench­coat als “Trend fürs Büro”.

Und ich dachte immer, Män­ner­magazine seien bescheuert.

KaufbefehleMusikkritik
Ariel Pink’s Haunted Graffiti — Mature Themes

Ariel Pink's Haunted Graffiti - Mature ThemesBeachtlich ist übri­gens auch das Album “Mature Themes” von Ariel Pink’s Haunt­ed Graf­fi­ti, erschienen bere­its im August 2012 und von mir, Verzei­hung!, zu spät bemerkt.

Ariel Pink ist das Alter Ego des Kali­forniers Ariel Rosen­berg, der schon diverse sehr merk­würdi­ge Lo-Fi-Musikalben veröf­fentlicht hat­te. Zusam­men mit sein­er Haunt­ed Graf­fi­ti Band macht er immer noch Musik, für die “inter­es­sant” ein tre­f­flich­es Adjek­tiv ist.

Das erste Stück, “Kin­s­ki Assas­sin”, klingt nach dem Can­ter­bury Sound à la Egg mit weniger Georgel und mehr Gegi­t­arre, das Titel­stück “Mature Themes” kön­nte auch von einem der Bea­t­les stam­men, “Only In My Dreams” von ein­er dieser 60-er-Jahre-Beat­bands. “Drift­wood” lehnt sich mit dom­i­nan­tem Bassspiel und aller­lei merk­würdi­gen Effek­ten an den Psy­che­del­ic Rock und den Krautrock an. Das abschließende Don­nie-und-Joe-Emer­son-Cov­er “Baby” ist ver­gle­ich­sweise ger­adlin­iger Soul. Eine musikalis­che Gemein­samkeit aller anderen Stücke: Frank Zap­pa lässt grüßen.

Daran trägt nicht nur die Stimme Her­rn Rosen­bergs die Schuld, auch stilis­tis­che Merk­male stim­men übere­in. “Schnitzel Boo­gie” (allein der Titel schon!) etwa kön­nte direkt von Zap­pas “Joe’s Garage” stam­men, und son­st so:

Es gibt keinen Punkt, keinen Sinn, keine Rich­tung und keinen Stil. Es ist alles ein großer, bunter Freak-out, der entwed­er im Narziss­mus oder in der para­noiden Psy­chose mün­det.

Ziem­lich großar­tiges und dabei nicht mal allzu ver­queres, son­dern gele­gentlich schnell eingängiges Zeug.

Ein biss­chen schade ist es nur, dass die Stücke über­wiegend recht kurz sind, nur “Nos­tradamus & Me” fällt mit etwa siebenein­halb Minuten Laufzeit ein wenig aus dem Rah­men. Aber die fehlende Quan­tität tut der her­aus­ra­gen­den Qual­ität keinen Abbruch. Empfehle Rein­hören.

Montagsmusik
Gisbert zu Knyphausen — Spieglein, Spieglein

Zum nieder­säch­sis­chen Wahlson­ntag (die über­wälti­gende Wahlbeteili­gung von über 50 Prozent sei ein “gutes Zeichen für die Demokratie”, sal­baderte Stephan “Inner­parteiliche Demokratie” Weil in die Phoenix-Kam­eras, ohne zu lachen — meinen Glück­wun­sch zu dieser Selb­st­be­herrschung!) nur noch so viel:

zu Knyphausen — Spieglein Spieglein

Du bist immer so fix­iert auf das, was noch fehlt.
Und jet­zt schau nicht so gequält — das sieht scheiße aus.

Guten Mor­gen.

Politik
Wenn Sprache politisch wird

Die heutige “ZEIT” begrün­det wortre­ich — auf immer­hin drei Seit­en — die jüngst bekan­nt gegebe­nen Änderun­gen in Kinder­büch­ern betr­e­ffs der Negerkinder.

Ich habe mir den Quatsch nun nicht durchge­le­sen, möchte die Aufmerk­samkeit mein­er geschätzten Leser jedoch auf den Ein­führung­s­text lenken:

Unsere lieb­sten Kinder­büch­er wer­den poli­tisch kor­rekt umgeschrieben — ist das ein Fortschritt?

Poli­tisch kor­rek­te Sprache also, hier wie auch bei der unsäglichen Mod­eer­schei­n­ung “Gen­dern”.

Sprache war zu allen Zeit­en ein Mit­tel des Volkes, nicht etwa der Herrschen­den. Natür­lich haben immer wieder Herrschende ver­sucht, sich der Sprache zu bemächti­gen, von Dauer war jedoch kein­er dieser Ver­suche.

Was hätte die Poli­tik davon, die Sprache des Volkes zu reg­ulieren? Vor allem hätte sie Macht. Nicht erst Orwells “1984” mit der min­is­teri­ums­ges­teuerten Sprache sollte uns da vor­sichtig wer­den lassen. Wer ver­sucht zu bes­tim­men, wie man richtig spricht, ver­sucht auch das Wer­turteil zu bee­in­flussen, welch­er Gedanke gut und welch­er böse ist. Staat­en, die das ver­suchen, sind gefährlich.

Poli­tis­che Kor­rek­theit, wen­ngle­ich nicht immer oblig­a­torisch, geht stets mit Ent­mündi­gung ein­her.

Seid wach­sam.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CXL: Das Internet war voll.

Zur SPD ein­er­seits und zu Frau Meiritz vom “SPIEGEL” ander­er­seits möchte ich mich übri­gens nicht weit­er äußern, behin­derte Kinder und Frauen schub­st man als anständi­ger Men­sch nicht.

Stattdessen wäre das hier fast unbe­merkt an mir vor­beig­er­auscht: Der CDU-Bun­destags­frak­tionsvizevor­sitzende (toller Titel übri­gens) Michael Fuchs hat bezüglich sein­er früheren Beschäf­ti­gung bei ein­er irgend­wie mit dem britis­chen Geheim­di­enst ver­flocht­e­nen Fir­ma gel­o­gen, weil die entsprechende Spalte in der Excelta­belle zu klein war.

In den Excel­lis­ten sei der kom­plette Name “Hak­luyt & Com­pa­ny” auf­grund von “Platz­grün­den” abgekürzt wor­den. Fehlen­der Platz in ein­er Excel­liste – das klingt in etwa so schlüs­sig wie die Aus­sage “das Inter­net ist voll”.

Jet­zt ver­sucht Michael Fuchs, diesen Umstand anwaltlich zu ver­schleiern. Natür­lich — wer möchte schon zugeben, dass er in der CDU ist nicht mal Text voll­ständig in eine Excelta­belle bekommt? Ich wüsste allerd­ings wirk­lich gern, auf welch­er geset­zlichen Grund­lage der Anwalt argu­men­tiert hat. So weit ich weiß, ist Dummheit noch nicht straf­bar.

Schade eigentlich.

(via Nachtwächter)