Gelegentlich scheint es eine gute Idee zu sein, den Medien wieder einmal darzulegen, warum die Netzbürger keine homogene Masse (“die Netzgemeinde”, als wäre das eine Sekte) sind. Aus aktuellem Anlass mache ich das heute einmal am Beispiel der Meme.
Also: Ich bin Netzbürger. Und obwohl ich seit “geilo, mein neues 56k-Modem geht ja richtig ab” im Internet herumkaspere und gelegentlich auch am dortigen Sozialleben teilnehme, finde ich die meisten Meme ziemlich bescheuert.
Ein “Mem” (etymologisch irgendwie mit “memory” verwandt) ist unter anderem ein Kurzwort für Internetphänomene. Dies bezeichnet wiederkehrende Bilder, Texte, Videos oder auch und Phrasen, die sich über das Internet verbreiten und sich zum Teil auch ins wirkliche Leben ausbreiten, etwa das recht bekannte “Trollface” als Erkennungsmerkmal eines Provokateurs, das sich längst auch auf Demonstrationen und T‑Shirts wiederfindet, ebenso die anderen Gesichter.
Und bevor jetzt jemand behauptet, die im Internet hätten komplett bescheuerte Ideen und ohne das Internet wären sie weiser: Das mit den Memen geht auch andersherum. Ein bekanntes Mem aus dem wirklichen Leben ist zum Beispiel der Satz “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten”, bis heute in abgewandelter Form weitergetragen und vieltausendfach persifliert. Ein “Mem” ist also eigentlich nichts anderes als ein geflügeltes Wort in digitaler Darreichung. Und auch die Leute aus dem wirklichen Leben haben oft keine besseren Meme im Angebot, denn sie stammen meist aus dem Fernsehen (oder zumindest von YouTube).
Ein paar Beispiele: Im Frühjahr 2012 machten sich im Internet Ponyavatare breit, entlehnt aus der Fernsehserie “My Little Pony”. Für mich als Netzbürger ist das trotzdem ungefähr so nachahmenswert und attraktiv wie Barbie und Pokémon. Auch andere Fernseh- und weitere Serien und Filme schafften es zu geradezu viralen Memen, das Rickrolling mit Rick Astley hat es gar zu einem eigenen Wikipedia-Artikel geschafft. Andere YouTube-Phänomene wie Boxxy sind irgendwann weitgehend in Vergessenheit geraten, während sich das Xzibit-Mem “Yo dawg”, vermutlich entstanden aus der Fernsehserie “Pimp My Ride”, erstaunlich lange hält.
Dabei reißen Meme auch Leute mit, die es sonst mit dem Internet nicht so haben. Der Film “V wie Vendetta” etwa, in dem ein maskierter Mann aus Rache für die Misshandlung durch die Regierung Gebäude in die Luft sprengt und durch seinen Tod letzten Endes die Diktatur beendet, inspirierte die Gründung und das Auftreten von “Anonymous”. Kennen sollte man zumindest die Szene, in der alle Bürger der Stadt, ebenfalls mit solchen Masken ausgestattet, das Militär umringen.
Warum eigentlich “Anonymous”? Nun, das ist der angezeigte “Name” nicht angemeldeter Benutzer im Forum “4chan”, wo sich die meisten Meme initial verbreiten, sei’s nun Boxxy, sei’s die Vendetta. 4chan muss man nicht kennen, das Niveau dort ist überschaubar, und auch wenn es quasi für jedes Thema ein eigenes Forum gibt (selbst ein Musikforum ist dort rege aktiv) und ich das Konzept “Anonymous” und einige ihrer “Operationen”, selbst LulzSec, ausdrücklich gutheiße: Man muss schon reichlich pubertär sein, um länger als nötig dort zu verbringen. (Ähnliches gilt für das deutschsprachige Pendant Krautchan, wo die “Anonymous”-Benutzer schlicht “Bernd” heißen — damit wurde dieser Name ebenfalls zu einem allerdings selten benutzten Mem.)
Intellektuell interessant sind allerdings die Meme, die historischen oder literatischen Bezug aufweisen. Dass diese Meme normalerweise Teil von Creepypasta (also im Wesentlichen Horrorgeschichten) sind, ist bemerkenswert, aber nicht störend. Einige von ihnen sind durchaus gut gemacht.
Ein Beispiel ist die Legende vom Slender Man, einem großgewachsenen, fahlen Mann ohne bekanntes Gesicht, der nachts Kinder holt oder so. Eine faszinierende Figur, auf die wir stolz sein können: Das Vorbild war der Großmann, ein vor mehreren Jahrhunderten im Schwarzwald lebender, geheimnisvoller Kindesentführer, dessen Existenz bis heute nur belegt, nicht jedoch bewiesen wurde. Endlich mal ein erfolgreiches deutsches Exportgut!
Diejenigen, die der internationalen Belletristik näher stehen als deutscher Lokalgeschichte, sind womöglich mit den Werken H. P. Lovecrafts wie dem Necronomicon und dem Cthulhu-Mythos vertraut. Die Spannung, die H. P. Lovecraft erzeugt, liegt darin begründet, dass das Böse meist zu erahnen, aber nie greifbar ist. So funktionieren die meisten Romane von Stephen King, so funktionieren zahlreiche Folgen von “Akte X”, so funktioniert “Creepypasta” und so funktioniert Zalgo. Zalgo? “Zalgo” ist ein Wort ohne nähere Bedeutung, das seit 2004 belegt ist. Zalgo ist der Name einer körperlosen Entität, die in jeder Wand wohnt und darauf wartet, zu leben; deren baldige Ankunft sich manifestiert in andauernden Geräuschen, blutenden Augen, zerfließendem Text bis hin zu völliger Unkenntlichmachung der Wirklichkeit, mithin das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Zalgo is͔̦̟̳͔̹̓̋͗ͯͭ͡tͥͩ ̂̕Ķ̼͙͔̭̙̙̆ͭ̈̃ͫ͂ọ̙̼̱̿̽ͫ̍r̮͇̰͇͙͉͌͢r̝̠̽̓ͬͬ̂̂uͥ͑p̉ͯ͏̸̛̪̻̯͙̦̙͙t̷̬͉͎̰̟̙͕̩ͪ͗̅ͭ̐̇̓ͮi̶̢̗̪͉͛̓ͫͅo̴̰̺̤̲̥̪͆̉ͣ̈̌n̂̆҉̸͖̲͙̼͡.̡̼͉̬͚̎̾͒̉͛ ̇̂̉ͨ͒҉͚̲̲̯̱͖͝Z̧̡̡̥͈̻͕̞̤̺͔̼͂ͭ̽ͩͫ̔͘͢a̷͉͓̲͉̻̦̖̦̟̠̼͉̬̟̪͎͑ͪ̈̄̌̀͠͡l̶̛̞̯̯̞͉̘̦̲͊̾̒ͯ͒̾͆ͬ̆͐̆ͭ̿͗̀g̷̢̯̻͔̘̯̬̰̽̽ͭ͗̔̾̿ͨo̡̗͚͖͔ͨ͗̑ͩ̈́̀ͫͪ̂ͮ͂̽ͯͨ́̚̚̕͞ ͎̪͍͓͈̳͖̩̤͉̻͖̤͉͖̪͙͓̓̌̿̅̒͗̏̽̌̍̋̐̀̋̍̔͑̈ͦ̕͢͠i̒͆̏ͮ̔̃͊͛ͩ͐͌ͭ̀̃ͣ҉̷̢̨̣̖̝͚̹̹͕̜̪̩̱̻͍̙̻̗̙̹͠ͅs̈͌̃̅ͥ͒̒̚҉̩̟̩͎̭̙͖̳̝̮͘͟͜t̶̶̙̱̞̫̟̼̖͈͑͗̃ͩ͆ͫ͋ͭ̍͟͞ͅ ̬̤͔̣̝̮͉̗̮̲͖̝̝̺̯͋̈ͦ̽̽͐͐ͦ̍̆͘͜͢͝C̶̸̡̘̰̘̯͈̘̭͔̘̈́̃̀̑͑ͦͨ̕h͚̯͎͕̻͍̻̙̫̲̙̬̪̰̪̓ͩͯ̇ͥ̓̌́a̒͊̿ͣͯ͗͗̔̔̈͂̊͟҉҉͎̳̪̹̮̦̰̰̤͇̗̠̩̖̙͉͙̕͠ȏ̏̍̀̆́͑ͯ͑҉̶̡͚̙̺̘̙ͅş̵̴̯̼͎̞̩͉͚̳̯̪͈̤͍̹̫̖̯̃̏̓̒ͭ̈́ͩͧ.̸̢̛͙̹̬̼̦̬̠̫̤͉̦͙͕͔̘̉̈́̔͛̍̉͑̑͗͛̓ͦͯ͡

Verzeihung, ich schweife gelegentlich ab. Nun, so weit, so gut.
Worauf ich eigentlich — außer, dass es deutlich zu viele Meme gibt — hinauswollte? Das habe ich, ehrlich gesagt, vergessen. Ich improvisiere: Auf — wieder mal — Twitter werden zurzeit gern neue Meme kreiert, so genannte “Filmmeme”. Unter Hashtags wie #FDPFilme, #wurstfilme und #Waffelfilme werden Filmnamen entstellt, etwa “Waffeln im Sturm”. Das sei zum Abbrechen lustig, heißt es, und bleibt nicht bei einigen wenigen Ausnahmen, sondern schafft es in jeder Reinkarnation in die trending topics. In anderen Worten: Binnen weniger Minuten ist auch eine gut sortierte Twitterliste voller total lustiger Einwortwitze. Aber ihr irrt: Das ist nur zum Brechen. Hört auf damit.
Und, ihr Medien, schreibt endlich mit: Auch, wenn man als Netzbürger Meme kennt und die bestehende Regierung nicht mag, ist man noch lange kein typischer Verbreiter von grauenvoll schlechten Memen.
Und Ponys sind auch scheiße.