Die Suche, nein, S(ehns)ucht nach Anerkennung liegt in der Natur vieler denkender (zumeist Rudel-)Tiere, und auch der Mensch ist davon nicht ausgenommen. Eine der meistverbreiteten Ausdrucksformen dieser Anerkennung ist der Respekt. Der Duden, bekanntlich sprachabbildendes Werk, kennt zurzeit drei weite Bedeutungen des Wortes “Respekt”, von denen uns Nicht-Schriftsetzer nur zwei interessieren müssten:
- auf Anerkennung, Bewunderung beruhende Achtung
- vor jemandem aufgrund seiner höheren, übergeordneten Stellung empfundene Scheu, die sich in dem Bemühen äußert, kein Missfallen zu erregen
Wie ich nun darauf komme? Offenbar werden auf der gegenwärtig noch andauernden Bundestagsaufstellungsversammlung des Piratenlandesverbandes Berlin außer Ja- und Nein-Stimmzetteln auch so genannte “Respektkarten” verteilt, die offenbar keinen Wahlzwecken dienen, sondern nur darum bitten, die Menschenwürde zu achten oder so.
Dumm nur: Das ist kein Respekt.
Die meisten Menschen, die von “Respekt” sprechen, meinen damit “Furcht vor Konsequenzen”. Wer seine Vorgesetzten respektiert, der will damit meist zum Ausdruck bringen, dass er ihren Anweisungen Folge leistet — nicht aus Bewunderung, sondern, weil er sonst sehr schnell keine Vorgesetzten mehr haben wird. Natürlich kenne ich Ausnahmen, also Vorgesetzte, die tatsächlich Respektables geleistet haben. Respekt aufgrund von Autorität ist aber keine Achtung, sondern Scheu.
“Respekt muss man sich verdienen”, so lautet eine Weisheit. Man kann nicht zur Respektsperson gewählt oder befördert werden, dadurch wird man allenfalls zur Ehrfurchtsperson. Die Silbe “-furchts-” ist hier übrigens sehr wichtig, denn sie hebt den Unterschied zwischen den beiden Begriffen hervor. Es ist gefährlich und dumm, Einschüchterung, Respekt (also “auf Anerkennung, Bewunderung beruhende Achtung”) vor Menschen und “Respekt” vor Eigenschaften von Menschen (etwa der Menschenwürde) miteinander in einen Topf zu werfen.
Es steht für mich außer Frage, dass es wichtig ist, jedem Menschen seine Menschen‑, jedem Bürger seine Bürgerrechte zuzugestehen, ob Versammlungsfreiheit, Gerechtigkeit bei der Suche eines Arbeitsplatzes oder das Recht darauf, nicht verprügelt zu werden, nur weil man die falsche Hautfarbe, Weltanschauung oder Parteizugehörigkeit besitzt.
Bei den erwähnten “Respektkarten” geht es darum, “ein Zeichen für Toleranz” zu setzen. Nun, “Toleranz” ist auch so ein Wort: Was man toleriert, muss man noch lange nicht akzeptieren. Womöglich ist es empfehlenswert, das Wort “Toleranz” aus dem aktiven Wortschatz zu streichen, in fast jedem Fall — von der Mathematik abgesehen — ist einzig “Akzeptanz” der passende Begriff. Respekt gleich Toleranz gleich Akzeptanz, bedeutet ja doch alles dasselbe? Keineswegs!
Jedes Mitglied einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft sollte die Gleichheit der Menschen (seien’s nun Männchen, Weibchen, Transsexuellchen, Menschen unterschiedlicher Ethnien, Angehörige unterschiedlicher Religionen, Vertreter unterschiedlicher Weltanschauungen und sexueller Ausrichtungen, Linke, Rechte, ich) verstehen und akzeptieren und seinen Teil dazu beitragen, dass sie durchgesetzt wird und bleibt. Man sollte aber zwar jeden dieser Menschen gleichermaßen achten, jedoch sollte man mit der Vergabe des eigenen Respekts nur sparsam haushalten. Respekt für eine Person ist immer auch eine mentale Unterwürfigkeit, und Unterwürfigkeit sollte niemals von höherer Stelle erzwungen werden.
Menschen sind Egoisten, das sollte nicht vergessen werden.
Jemanden dafür zu “respektieren”, dass er zu einer gesellschaftlichen Minderheit (Frauen in Führungspositionen, Migranten, F.D.P.-Mitglieder) gehört, ist Käse. Es ist indes gut und richtig, ihn gegebenenfalls dafür zu respektieren, dass er trotz gesellschaftlicher Diskriminierung (in jedenfalls zwei der genannten drei Fälle) eine starke Persönlichkeit bewahrt und vielleicht sogar Karriere macht. Diesen Unterschied gilt es zu verstehen. Wenn dies geschafft ist, steht dem Respekt nichts mehr im Wege. (Cineasten empfehle ich an dieser Stelle den Film “Der Pate”.)
“Respektiert meine Autoritä!”
– Eric Cartman, “South Park”