So sieht’s aus in Berlin.
Kurz verlinkt CXLVI: Die spinnen, die Römer!
Wenn sich noch irgendwer fragt, wo eigentlich das Geld hinfließt, das der Steuerzahler in arme Euroländer (Griechenland, Italien, Berlin) senden darf: In die katholische Kirche natürlich.
Für den bevorstehenden Amtsverzicht von Papst Benedikt XVI. hat die Stadt Rom nach italienischen Medienberichten 4,5 Millionen Euro von der Regierung beantragt. Das „außerordentliche Ereignis“ verlange auch „außerordentliche Ressourcen und Mittel” (…).
Katholische Kirche? Das war die hier:
Doch das von einer katholischen Stiftung getragene Kreszentia-Stift winkt ab: Die Schwestern wollten keinen Homosexuellen im Haus.
Das “außerordentliche Ereignis” (der Wechsel des Oberspinners vor dem Tod des derzeitigen Amtsinhabers), das, wie 1996 vom damaligen Papst Johannes Paul II. festgelegt, in der Sixtinischen Kapelle — die im Vatikanstaat, einem souveränen Staat auf der italienischen Halbinsel, steht — stattfinden muss, kostet die Hauptstadt (mithin: die Steuerzahler) eines anderen Staates also 4,5 Millionen Euro mehr als wenn der noch amtierende Papst einfach gestorben wäre.
“Tock, tock, tock.”
– Obelix, “Die Odyssee”
(Mit Dank an K. für die Überschrift.)
Caspian — Waking Season
Die US-amerikanischen Postrocker Caspian hatte ich kurzzeitig vergessen. Als im letzten Jahr Peter, eigentlich über das zuletzt veröffentlichte Caspian-Album “Waking Season” berichtend, allgemein über die Eintönigkeit der aktuellen Postrocklandschaft referierte, ließ ich mich nur zu einem kurzen Kommentar hinreißen, in dem ich ihm grundsätzlich Recht gab. Ja, natürlich ist das, was gemeinhin unter dem allzu unklar definierten Begriff “Postrock” eingeordnet wird, fast immer (die von mir hoch geschätzten Dear John Letter etwa sind willkommene Ausnahmen) Gitarrengewitter und elegische Melodien und Laut-Leise-Wechsel und diese kurzen Ambient-Momente als Ruhe mitten im Sturm, und ja, natürlich klingt da einfach vieles gleich.
Auch Caspian.
Caspian ist ein Quintett aus Massachusetts, das auch auf seinem dritten Album nicht viel anders macht als auf den beiden Alben davor. Über 57 Minuten machen Caspian auf “Waking Season” nicht einfach Musik, sie fangen Emotionen ein und wandeln sie um in Bilder, wie es sich für eine gute Musikgruppe gehört. Die Stücke tragen Titel wie “Halls of the Summer”, “Long the Desert Mile” und “Fire Made Flesh”. Das ist kein fröhlicher Sommerpop, es ist der soundtrack zum ewigen Herbst. Gelegentlich, etwa in “Gone in Bloom and Bough” (10:24 Minuten lang), ertönt eine leise, aber gut vernehmbare Stimme, während die Instrumente — melodiöse Gitarren, darüber ein treibendes Schlagzeug — den grauen Himmel im Kopf blau bemalen.
Die ruhigen Momente sind es dann, die den blau bemalten Himmel wie mit einem Hammerschlag zusammenstürzen lassen. “Waking Season”, der pubertierend rebellierende kleine Bruder von Spirit of Eden? Möglicherweise. Postrock hat ja gelegentlich diese grundsätzlich durchaus positive Eigenschaft, die vorgeblich heile Gefühlswelt eines Menschen binnen Sekunden in heiße Lava zu tauchen oder eben unter eine erfrischende Dusche zu stellen. Das hier ist Lava, und wann sonst sollte man Lava hören wollen, wenn nicht am Valentinstag, an dem es vielen nur um Romantik und lav geht? Verbitterte Menschen können gern weiterhin affigen Mädchenpop mit dummen Texten (“Baby Baby Baby Baby Baby Baby” usw.) hören, bis er ihnen zu den Ohren heraustrieft. Ich höre Lava.
Diese Lava klingt natürlich wie Mogwai, wie Russian Circles und wie Mono (deren Produzent Matt Bayles auch hier seinen Teil beitrug), außerdem aber klingt sie unverwechselbar nach Caspian. Und Caspian klingt gut — den Stream gibt es zurzeit hier, Hörproben dort.
Sollte euch ein Banause einmal fragen, wofür man heutzutage noch Kopfhörer (und einen Plattenspieler) braucht, wenn man gute Lautsprecher besitzt, gebt ihm “Spirit of Eden”. Oder dieses Album.
Denn es ist wirklich ziemlich gut.
Kurz verlinkt CXLV: Der Mythos vom unabhängigen “cyberspace”
(Vorbemerkung: Eigentlich gehört dieser Artikel in die Kategorie der “Schmalhänse des Tages”. Da der Protagonist aber weder Deutscher noch in der CDU ist, würde ich die Serie vollständig brechen — ich bitte daher die Umkategorisierung zu verzeihen.)
Das mit diesem freien Internet, das ist nicht gut. Das Internet als Lebensraum oder gar als teilweise oder vollständig inkludierte Parallelgesellschaft, so ein Quatsch. Fax ist ja auch kein Lebensraum.
A liberal regime will pass legislative safeguards against government misuse of data and communications and will generally take a light hand, when it comes to regulation and taxation, in the interest of personal freedom and ease of commerce. But the fact that bad states may abuse the power to regulate telecommunications does not mean that benign states lack, or should lack, that power. (…) If you’re not convinced by now that the very notion of cyberspace is silly, try substituting “fax” or “telephone” or “telegraph” for “cyber” in words and sentences. The results will be comical. “Activists denounced government criminal surveillance policies for colonizing Fax Space.” “Should Telephone Space be commercialized?” (…) Like other intellectual-political fads of the late 20th century, including neoliberal economics and neoconservative foreign policy, the idea of cyberspace as a parallel reality free from government regulation and commercial corruption was confused in its conception and doomed in practice.
Frei übersetzt:
Ein liberales Regime wird gesetzliche Schutzmaßnahmen gegen regierungsseitigen Missbrauch von Daten und Kommunikation (sic!) errichten und generell im Interesse persönlicher Freiheit und der Vereinfachung des Handels in Bezug auf Regulierung und Besteuerung eher sachte agieren. Der Umstand jedoch, dass böswillige Staaten die Macht, Telekommunikation zu regulieren, missbrauchen könnten, bedeutet nicht, dass freundliche Staaten diese Macht nicht haben sollten. (…) Wenn Sie noch nicht davon überzeugt sind, dass der Begriff des “Cyberspaces” blöd ist, probieren Sie einmal, “Fax” oder “Telefon” oder “Telegraf” in Wörtern und Sätzen durch durch “Cyber” zu ersetzen. Die Ergebnisse werden komisch sein. “Aktivisten prangerten Überwachungspolitik der Regierung für Kriminelle zur Kolonisierung des Faxspaces an.” “Sollte der Telefonspace kommerzialisiert werden?” (…) Wie andere intellektuell-politische Marotten des späten 20. Jahrhunderts, einschließlich neoliberaler Wirtschafts- und neokonservativer Fremdenpolitik, wurde die Idee des Cyberspaces als Parallelwelt frei von staatlicher Regulierung und kommerzieller Kompromittierung in seinen Grundzügen verwirrt und in der Praxis zerstört.
Der Autor dieser konfusen Zeilen ist Michael Lind, ein US-amerikanischer Nationaldemokrat (natürlich aus Texas, wen wundert’s?) mit neokonservativer Vergangenheit. Falls euch jetzt beim Lesen ein kalter Schauer über den Rücken läuft: Der Text wird übrigens deutlich lustiger, wenn man sich vorstellt, wie Michael Lind ihn auf einer Apfelsinenkiste auf dem Marktplatz einer beliebigen deutschen Kleinstadt vorträgt. Probiert es mal aus!
“Who da Man?”
The Proclaimers — I’m Gonna Be (500 Miles)
Ich weiß auch nicht, warum.
Seien Sie bitte trotzdem etwas leiser — das Wochenende war hart.
Guten Morgen.
Legalsoftwarez-BB.
Was “warez” sind, muss ich hoffentlich niemandem, der schon mal was mit diesem Internet gemacht hat, erklären — es handelt sich um einen Szenebegriff für in nicht immer mit den Lizenzbedingungen kompatibler Weise kopierte Computerprogramme (bis hin zu ganzen Betriebssystemen). Ich wage zu behaupten: Niemand, der noch ganz bei Trost ist, käme auf die Idee, eine Internetseite namens “warez-irgendwas” — abgesehen vielleicht von “keine-warez.de” (derzeit anscheinend nicht registriert) — zu eröffnen und dort ausschließlich freie und kostenlose Software zu veröffentlichen.
(Für solche Zwecke gibt es ohnehin bereits genug Portale, darunter Gizmo’s Freeware und FreewareBB.)
Insofern habe ich gerade amüsiert zur Kenntnis genommen, dass das “warez”-Portal Warez-BB (aus Gründen nicht verlinkt), auf dem seit Jahren immer wieder neue Windowsversionen, allerlei Systemprogramme und ähnliches Gedöns einen Platz finden, neben einer Information, dass man Organisationen wie die Free Software Foundation finanziell unterstützt, diesen Hinweistext am Fuß jeder Seite anzeigt:
Warez-BB respects the rights of others and is committed to helping third parties protect their rights. Our terms of service offer anyone to send inquiries to (Mailadresse).
Frei übersetzt: “Wir, das Schwarzkopien-Forum, berücksichtigen die Rechte Dritter und helfen gern, die Verbreitung von Schwarzkopien einzudämmen. Schicken Sie uns einfach eine E‑Mail.”
Das scheint nicht allzu oft zu passieren.
Somnambulist — The Paranormal Humidor
In meinem Fundus an Musik, die sich im Laufe der Zeit so angesammelt hat, fand ich zufällig auch das Album “The Paranormal Humidor” (“Der paranormale Feuchtraum”) des US-amerikanischen Quintetts Somnambulist, veröffentlicht im Jahr 2001.
Dabei handelt es sich um das zweite Album beziehungsweise das erste (und bis heute offenbar letzte) nach der Neugründung der Band. Als Sänger ist Peter Cornell, Bruder von Chris Cornell (unter anderem Mitglied von Soundgarden), zu Somnambulist gestoßen, was keineswegs eine stilistische Übereinstimmung bedingt. Vielmehr ertönt hier mit allerlei Anleihen am Progressive Rock angereicherter Hardrock.
Das Album beginnt mit “In The Mindwarp Pavillion”: Tiefes Atmen, Stimmengewirr. “The Summer has ended and you’re not prepared to meet God — are you afraid to die?”. Sehr stimmungsvoll und ein wenig beängstigend. Es beginnt mit einem Hardrockteil mit fiesem Death-Metal-Gesang, passend zur Einleitung, wird aber rasch sanft. Getragen wird das Album insgesamt vom Zusammenspiel der dominanten Retro-Prog-Keyboards und der Gitarre einerseits, vom gelegentlich ausufernden Schlagzeugspiel andererseits. Auf den “Babyblauen Seiten” ist außerdem von einem “wuchtigen Bass” die Rede — den verschluckt mein Abspielgerät in diesem Fall leider. Ich nehme an, das liegt ausnahmsweise an mir. (Nachtrag: Es lag tatsächlich am Abspielgerät.)
Das Resultat der Mixtur ist mit seiner Melancholie, aber auch Düsterheit eine durchaus eigenständige Mischung aus echolyn (“mei”), den frühen (also besseren) Genesis (“Foxtrot”, gelegentlich “The Lamb Lies Down on Broadway”) und Van der Graaf Generator (“Still Life”). (Ich finde Stilvergleiche ja immer blödsinnig, aber wenn sie der Wahrheitsfindung dienen, will ich mal nicht so sein.)
Ach, oben hatte ich ja die “Babyblauen Seiten” erwähnt. Ich zitiere mal von dort:
Die sieben Songs des neuen Outputs bieten komplexen Progressive Rock, der typische Retro-Elemente mit einer gesunden Härte verbindet. Dabei ist man jedoch von üblichen Metal-Tendenzen meilenweit entfernt, sondern verbindet die traditionelle und symphonische Rocktradition mit aggressiven Ausbrüchen, wobei sich insbesondere Sänger Peter Cornell statt des üblichen pathetischen Gesangs durch bisweilen fast schon brachial anmutende Ausbrüche auszeichnet. (…) [Es] braucht dem Prog-Puristen keinesfalls angst und bange zu werden, da insbesondere der Keyboardsound tief in den seligen 70er Jahren verwurzelt ist und die volle Breitseite an Hammond- und Mellotronsounds geboten wird.
Alles endet mit einer weiteren gesprochenen Passage. “I’m scared sometimes”. Passt.
“The Paranormal Humidor” ist ein hörenswertes Album für jeden Musikfreund, der nichts dagegen hat, wenn die Siebziger bemüht werden, ohne dass es angestaubt oder künstlich klingt. Meinerseits eine unbedingte Gutfindempfehlung. Es muss ja nicht immer Heino sein.
Medienkritik in Kürze: Die Zeugen Ponaders
Nur noch mal kurz zum Realitätsabgleich, was die mediale Aufmerksamkeit doch für ein wankelmütiges Biest ist:
Marina Weisband, erklärter Liebling der Medien (denn sie sei “(e)ine junge Frau, die zwei gerade Sätze herausbringt, und dabei auch noch gut aussieht”), analysierte vor einigen Tagen den Zustand der Piratenpartei und forderte, dass sie sich endlich wieder mehr auf ihre Wurzeln besinnen solle.
Das Ergebnis: Es wird virtuell zu ihr gebetet und ihre Rückkehr an die Parteispitze erhofft, auf dass sie die angezählte Partei zurück ans Licht führen möge. Angezählt? Ja, und das liegt allein am politischen Geschäftsführer Johannes Ponader, heißt es.
Johannes Ponader nämlich, erklärter Schuldiger an jeder Wahlniederlage der letzten Monate, heißt es in den Medien, analysierte vor einigen Tagen den Zustand der Piratenpartei und forderte, dass sie sich endlich wieder mehr auf ihre Wurzeln besinnen solle.
Das Ergebnis: Die anderen Mitglieder des Bundesvorstands beschimpfen Johannes Ponader öffentlich und finden seine Aussagen gar nicht gut.
Vielleicht ist er nicht niedlich genug.
Nachtrag (zum Thema) vom 7. Februar 2013:
Falls sich noch jemand fragt, warum in Berlin lediglich zwei Abgeordnete der Piratenpartei unbeliebter sind als Klaus Wowereit: Das könnte daran liegen, dass zumindest einer von ihnen sich etwas zu wichtig nimmt.
Gleicher als die anderen (Fortsetzung).
Zu Beginn meiner Studienzeit hatte ich mich teils belustigt, teils verwundert über das hochschuleigene Frauen- und Gleichstellungsbüro geäußert. Es ist Zeit für einen Nachtrag.
Heute nämlich kam durch Zufall ein Exemplar der zurzeit gültigen Richtlinie gegen sexuelle Belästigung und Diskriminierung in meinen Besitz. Darin stehen gut gemeinte Hinweise, was denn alles zu unterlassen sei. Dabei ist ausdrücklich nicht von Geschlechterdiskriminierung die Rede:
[Zu unerwünschtem Verhalten] zähl[t] unter anderem: (…) sexuell herabwürdigende Kommentare über Personen, deren Intimgeben, deren Körper sowie deren sexuelle Identität
Normales Herabwürdigen aufgrund des Geschlechts wird von besagter Richtlinie somit nicht einmal formell abgedeckt.
Das erklärt, wieso im Umfeld der Richtlinienexemplare zahlreiche weitere Pamphlete ausliegen und ‑lagen, etwa “Schutz und Hilfe für Frauen in Not!” vom lokalen Frauenschutzhaus (“FrauenschutzHaus”), denn so ein Mann braucht keine Hilfe:
Misshandlungen durch den Ehemann, Lebenspartner, Freund oder die Familie gehören für viele Frauen in Deutschland zum Alltag.
Vice versa; aber mit eurem Latein seid ihr wohl längst am Ende.
Frauen werden: (aus stilistischen Gründen gekürzt, A.d.V.)
- Kontrolliert
- Bedroht
- (…)
- Geschlagen
- Getreten
- Beleidigt
- Sexuell mißhandelt
(…) Sprechen Sie mit möglichst vielen Menschen über Frauen- und Kindesmisshandlung sowie Frauendiskriminierung, wie sie überall und täglich geschieht.
Ich sag’ euch was, “Frauenschutzhaus Wolfenbüttel”: Ich spreche gern mit möglichst vielen Menschen darüber, wie ihr eigentlich das Rollenmodell in der Gesellschaft seht. Ist das eigentlich schon Herabwürdigen des Geschlechts, wenn Frauen in die Rolle der hilflosen Opfer gedrängt werden? Aber was interessiert’s euch, ihr kämpft ja für die gute Sache. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auch die “Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt e. V.” hat neben eurem, “Frauenschutzhaus Wolfenbüttel”, ein eigenes Faltblatt platzieren lassen, das thematisiert, wieso Vergewaltigung schlimm ist. Natürlich auch hier nur die gegen Frauen und Mädchen, denn andere Menschen stehen in dieser Gesellschaft nicht unter Schutz. Die sollen sich gefälligst selbst wehren!
Zugegeben: Besagte Pamphlete entstammten nicht direkt der Feder des “Frauen- und Gleichstellungsbüros”. Dieses hat sein eigenes Scherflein beigetragen: Ein Faltblatt namens “Niedersachsen-Technikum — Eine interessante Perspektive für Abiturientinnen” beschreibt eine Art Praktikum, das vom Land finanziert und nur Frauen angeboten wird, die vor der Wahl ihrer beruflichen Zukunft stehen. “Gleichstellung” ist anscheinend eine andere Art, “Frauen brauchen mehr Vorteile gegenüber den Männern” auszudrücken. Allerdings keine viel bessere.
Was das Gleichstellungsbüro so macht? Nun, dies erklärt ein A4-Blatt: Förderung einer geschlechtersensiblen Lehre steht darauf, Literatur zu genderspezifischen Themen sei auch im Angebot. Außerdem — nicht zu vergessen — Maßnahmen zur Förderung der Balance der Geschlechter in den Studiengängen, denn in so einem Studium geht es nicht um “Interesse oder nicht”, sondern um “Titten oder nicht”. Deshalb ist es auch dringend notwendig, in der Informatik eine Frauenquote von mindestens 50 Prozent zu erreichen, denn auch als Frau hat man gefälligst Interesse an Computern zu haben und nicht nur an so doofen sozialen Berufen. Nur für Frauen, so das A4-Blatt weiter, seien Veranstaltungen und Workshops im Angebot, Vernetzung in Studium und Beruf und dergleichen. Männer, Transsexuelle und Geschlechtslose brauchen so was nicht. Oder sie bekommen es einfach nicht.
So flößt man der schweigenden Masse immer wieder aufs Neue ein, wie die Rollenmodelle in dieser Gesellschaft so laufen, auf dass sie auch weiterhin denken möge, es sei schon alles in Ordnung so.
Falls es noch jemand nicht verstanden hat: Institutionen wie dieses “Gleichstellungsbüro” sind ein widerwärtiges, weil tragendes Element sexistischer Auswüchse an staatlichen Einrichtungen und gehören daher abgeschafft. Von Steuergeldern bezahlte Heuchelei haben wir in den Parlamenten bereits genug.
Die Revolution scheitert am Kabarett.
Politisches Kabarett, wenn es gut gemacht ist (also nicht auf RTL oder Das Erste gesendet wird), hat zwei Funktionen: Es soll einerseits unterhalten, andererseits aber auch und vor allem Leute mittels dieser Unterhaltung dazu bewegen zu erkennen, was in der Politik gerade falsch läuft. Politisches Kabarett, wenn es gut gemacht ist (im Folgenden kurz PK-Weggi genannt, Lesefluss und lustiger Klang sind Kriterien), ist so ein mahnendes Instrument und eine Ausdrucksform des Protests.
Natürlich regt PK-Weggi zum Lachen an, aber keinesfalls, weil es sich um einen guten Witz handelt. Die Leute lachen ja auch über Mario Barth und Paul Panzer, die nun wirklich alles andere als gute Witze machen.
Ich bringe mal ein konkretes Beispiel: Im Jahr 2007 sprach der großartige Kabarettist Volker Pispers vor Publikum über Hintergründe der Lohnbesteuerung. Lasst das Video einmal auf euch wirken:
Die Situation stellt sich folgendermaßen dar: Da gehen Leute ins PK-Weggi, wo man ihnen erzählt, wie ihre gewählte Regierung ihnen das Geld quasi aus der Tasche zieht. In anderen Ländern würde der zornige Mob das Richtige tun, in Deutschland wird gewiehert. Ja, schlimm, das mit dem Geld, aber, hihihi, er hat “Nutto” gesagt! Denn man hat in all den Jahren vor dem Fernseher gelernt, wie das Spiel läuft: Auf der Bühne macht einer Faxen, vor Beginn der Sendung wird das Publikum dazu trainiert, wie es richtig applaudiert (in der Sendung “Zimmer frei!” etwa besteht “Applaus” stets aus einer Kombination aus Klatschen, Trampeln und Johlen, was merkwürdigerweise in offenbar niemandem den Eindruck weckt, dadurch würde richtiger Applaus abgewertet), das Gelernte wird angewendet. Als Belohnung für’s Mitspielen darf man noch eine Weile zugucken. Dümmliche Männer-Frauen-Witze, Asozialenwitzchen (“Cindy aus Marzahn”) und ansprechend verpackte Kritik am Staat sind ja irgendwie das Gleiche.
Und natürlich sind die staatstragenden Medien, die öffentlich-rechtlichen Regierungssender (die Beteiligung einiger Parteien an einigen Sendern ist ja kein Geheimnis), darauf erpicht, dass das auch so bleibt. Soll der Typ da vorn doch reden, was er will, so lange die Kasse stimmt. Da setzt sich schon mal eine Julia Klöckner von der CDU ins Publikum und freut sich ganz dolle, wenn ein PK-Weggi-Aktivist wie Georg Schramm (hier vor etwa fünf Jahren) ihre Partei und den politisch erwünschten geistigen Verfall eines Teils der Gesellschaft tadelt. Ist eben Kabarett, da wird gejohlt und geklatscht.
Wenn derselbe Georg Schramm dies fernab von Fernsehkameras tut, ist die Stimmung eine andere, denn wenn keine Kamera im Saal ist, ist PK-Weggi plötzlich überhaupt nicht mehr lustig, wie dieser Mitschnitt der Verleihung des baden-württembergischen Kleinkunstpreises 2011 (maßgeblich mitfinanziert im Auftrag der CDU) belegt:
Aber im Fernsehsaal, da sitzen sie auch weiterhin und lachen und klatschen und gehen nach Hause mit dem guten Gefühl, sich wenigstens gut amüsiert zu haben. “Endlich sagt’s mal einer!”, und damit zurück zur Tagesordnung.
So wird das nichts mit der Revolution.
Eric Clapton — Cocaine
Die Siebziger sind da, sie wollen ihren Rock zurückhaben.
Ich sag’ ihnen, sie sollen sich einfach setzen und zuhören.
Don’t forget this fact:
You can’t get it back,
cocaine.
Guten Morgen.
Die Pinguine
Ich bin ja unter anderem auch ein Pinguin- und Webcomicfreund, wenngleich meine Freundschaft in letzterem Fall nur ausgewählten Serien gilt.
Zu diesen Serien zählen außer den üblichen Verdächtigen (Garfield und andere) auch solche, deren Zeichner sich mehr dem Nonsens (NICHTLUSTIG) und der Kunst des schwarzen Humors (Cyanide & Happiness) verschrieben haben.
Gelegentlich finde ich mir noch unbekannte Webcomics ähnlicher Art, die ich bei Gefallen durchaus im Auge behalte. Twitternutzer @chriszim besaß die Frechheit, mich auf die Serie “Die Pinguine” aufmerksam zu machen. Die dortigen Comics sind nicht nur schlecht gezeichnet, sondern auch brachial,
Ich mag sie, und ihr solltet das auch tun.
Übrigens können, apropos Twitter, diejenigen von euch, die mit RSS nicht umgehen können, nun stattdessen auch auf Twitter lesen, wenn es hier einen neuen Artikel gibt. So weit die Theorie.
Heino — Mit freundlichen Grüßen
“Nun, da sich der Vorhang der Nacht von der Bühne hebt, kann das Spiel beginnen, das uns vom Drama einer Kultur berichtet.”
– Heino (Original: Die Fantastischen Vier): MfG
Eigentlich dürfte ich Heino nicht mögen.
Ich habe meinen musikalischen Stolz über Jahre hinweg hart erarbeitet, nenne Schlagerveranstaltungen im Geiste gelegentlich (zum Beispiel jetzt gerade) pauschal “Totengesang” und betrachte die Protagonisten des Genres mit ihrem Bumm-Tschack und Gefiedel im Hintergrund als tragikomische Figuren, nicht jedoch als künstlerisch sympathische Musiker. Allerdings gebe ich offen zu, aufgrund dieses Desinteresses auch nur wenige “Lieder” der Totensänger zu kennen. Eines von den Wildecker Herzbuben, eines von Marianne Rosenberg, eines von Vicky Leandros, keines von Andrea Berg. Und Heino war der Typ mit dem Enzian.
Dann kam “Mit freundlichen Grüßen”. Das “Skandal-Album”, voller vermeintlicher Urheberrechtsdings beziehungsweise eben Heino-Versionen bekannter Pop- und Rock- und Rammsteinstücke, von denen einige selbst mir bekannt sind. Skandalös ist indes nicht das unerlaubte Nachspielen, denn von § 23 UrhG wären die nachgespielten Stücke nur dann betroffen, würde Heino den Text modifizieren; skandalös ist, dass mit dem Umstand, dass sich im Urheberrecht nur noch wenige Bürger (Massenabmahnungen sei Dank) ausreichend gut auskennen, gezielt geworben wird. Vermutlich sind einige Adressaten der viralen Werbung für das Album inzwischen so verunsichert, dass sie glauben, es sei illegal, sich “Mit freundlichen Grüßen” zu kaufen. Na, mit einem Heino-Album sollte man sich vermutlich zumindest nicht draußen blicken lassen.
Aber ohne diesen Skandal wäre auch mir “Mit freundlichen Grüßen” wahrscheinlich nicht mal aufgefallen.
Geschützt durch Notfallmusik, die nur wenige Tastendrücke entfernt ist, bin ich das Wagnis eingegangen, mir zwecks Meinungsbildung einmal selbst besagtes Album anzuhören. Eigentlich dürfte ich es nicht mögen.
Heino, der Typ mit dem Enzian, inzwischen seit bald einem Jahrzehnt im Rentenalter und immer noch mit, zugegeben, krankheitsbedingter Sonnenbrille und Perücke vor dem öffentlichen Verfall (und davor, auf Konzerten sein öffentlich verfallendes Publikum allzu gut sehen zu müssen) geschützt, macht nun also, wie schon vor einigen Jahren der gleichfalls berufsjugendliche Thomas Gottschalk (“What Happened to Rock’n’Roll”) in Lederkluft gewandet, das mit der Rockmusik.
Seine Abschiedstournee (2005) war offensichtlich eher eine Pausentournee. Die Ärzte haben dieses Konzept im Jahr 2012 (auf das “Abschiedskonzert” folgte die “Comeback-Tour”) gecovert, gleichsam als Revanche ist das erste Lied auf “Mit freundlichen Grüßen” nun deren “Junge”, vorgetragen mit tiefer Stimme und rollendem “R”. Tiefe Stimme, rollendes “R”? Ach, Rammstein, ja. “Sonne” klingt tatsächlich der Vorlage recht ähnlich. “Leuchtturm” von ehemals Nena geht mir in der Heino-Version deutlich weniger auf die Nerven. Und falls sich jemand fragt, warum das Album “Mit freundlichen Grüßen” heißt: “MfG” von den Fantastischen Vieren ist auch drauf, aus rechtlichen Gründen (ich erwähnte es oben) mit gesprochener Einleitung und Hintergrundchören.
THC in OCB ist, was ich dreh’.
Als Die Toten Hosen in den 1980-er Jahren mit dem “wahren Heino” Norbert Hähnel (etwa für “Eisgekühlter Bommerlunder”) zusammenarbeiteten, war das eine der weniger schlechten Heino-Parodien. Leider wurden Die Toten Hosen nicht in das Repertoire aufgenommen. “Eisgekühlter Bommerlunder” hätte in der Wirklich-wahrer-Heino-Version vermutlich erst recht an Komik gewonnen. Man könnte “Mit freundlichen Grüßen” trotzdem als Parodie auffassen. Ob Heino die Popmusik-Szene, sich selbst oder die Parodien auf sich selbst parodieren wollte, weiß ich leider nicht.
Klar ist: “Mit freundlichen Grüßen” ist schräg; eigentlich zu schräg, um noch zu gefallen, aber doch schräg genug, um wieder zu gefallen. Ich bin zumindest nach einem Hördurchgang ziemlich amüsiert, vielleicht aber auch nur über den Umstand, dass ich gerade Heino höre. Eigentlich dürfte ich das nicht mögen.
“Mit freundlichen Grüßen” ist kein Rock im Schlagergewand, wie oft behauptet wird; es ist Rock im Heinogewand. Heino veralbert Leute, die Heino veralbern. Dafür hat er zumindest den Respekt des Trollfreudigen verdient. Und er hat es verdient, dass man mal reinhört. Doof finden und im Internet verreißen kann man es später immer noch.
Man muss es ja nicht mögen.
“Was soll das? Was soll das?”
– Heino (Original: Herbert Grönemeyer): Was soll das
Pastor Pritzke und die Kinder
Versehentlich halte ich, während ich an diesem Text feile, das “Kleeblatt” (Ausgabe Dezember 2012 bis Februar 2013, also vor der letzten Weihnacht veröffentlicht), den Gemeindebrief der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in irgendsoeinem Goslarer Vorort in der Hand und bin über das editorial recht amüsiert.
Pastor Pritzke (das klingt wie eine Figur aus den Micky-Maus-Comics, oder?) schreibt dort allerlei über das Weihnachtsfest und seine vermeintliche Bedeutung. Da stehen dann — nein, die Sache mit den Messdienern wird der Kirche so schnell sicher nicht verziehen — Sätze wie:
Auch das kann uns die Adventszeit lehren: Große Freude braucht Vorbereitung.
Bis man so einen Ministranten herumbekommen hat, dauert das eben manchmal ein wenig. Die zieren sich aber auch immer!
Oder Sätze wie:
Und wie schnell geht dann, besonders wenn kleine Kinder da sind, das Auspacken unter dem Tannenbaum!
So ein wenig Stimmung muss ja schon sein. Auch Priester haben einen Sinn für Romantik!
Aber es ist nicht nett, immer und immer wieder auf der Pädophilengeschichte herumzureiten (hehe). Vielleicht wird Pastor Pritzke Unrecht getan, vielleicht weiß er tatsächlich nicht, was seine Kollegen so, hihihi, treiben, wenn sie auf Messdienerfahrt verreisen. Also gehen wir die Sache mal anders an:
Weihnachten heißt: Gott schenkt uns seinen Sohn. Wir wissen, was wir bekommen.
“Weihnachten heißt: Alles schon mal da gewesen. Drei Tage Ödnis, halbherzig seit Monaten bekannte Geschenke auspacken und sich auf die Zeit danach freuen.”
Weihnachten ist das Fest des Kindes. Gott schenkt uns seinen Sohn. In ihm kommt er uns näher, (sic!) als wir uns selbst sind.
Muss… Witz… verkneifen.
Und so ist Weihnachten auch für uns das Fest der neuen Geburt, des neuen Anfangs.
“Und so fängt nach Weihnachten das Dunkel und das mit den Toten wieder an.”
Weihnachten ist Geburtstag für alle.
“An Weihnachten kommen viele uneingeladene Gäste und fressen einem die Torte weg.”
Leider beschränkt sich der Humorgehalt des Gemeindebriefs auf diesen Text; der Rest besteht aus Buchtipps (keine Bibeln oder pornografische Romane, 1 von 24 Seiten), Klein- (6 von 24 Seiten) und Todesanzeigen (“nur” eine halbe Seite, wahrscheinlich, weil man zur Weihnachtszeit nicht an Tote denkt oder so) und irgendwelchen sonstigen Bekanntmachungen (Gottesdienst ist immer am gleichen Tag, danke für’s Lesen). Was für eine Verschwendung von (Holz und) Drucketat.
Und für so was brauchen die jeweils vier Monate. Wen wundert’s da noch?

















