“Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut als er wirklich ist.”
– Johann Nepomuk Nestroy
Kurz verlinkt CLI: Wer hat uns verraten?
Ihr habt es sicher schon gelesen: Die Ablehnung des Leistungsschmutzrechts wird im Bundesrat wohl keine Mehrheit finden. Dass Peer Steinbrück anlässlich der CeBIT 2013 noch zu Protokoll gab, er denke, die SPD sei gut beraten, dieses Leistungsschmutzgesetz im Bundesrat zu kippen, ist Schnee von gestern. Es gilt stattdessen, was die Presseabteilung verfügt:
Das Gesetz ist im Bundesrat lediglich ein Einspruchsgesetz und kann daher angesichts der noch bestehenden Mehrheitsverhältnisse im Bundestag jetzt nicht aufgehalten werden. Es gibt deshalb keine Aussichten auf ein erfolgreiches Vermittlungsverfahren. Die erforderliche neue Mehrheit dafür kann mit der Bundestagswahl am 22. September herbeigeführt werden.
In anderen Worten: Natürlich könnte die SPD dagegen stimmen, aber da sie im Bundestag noch nicht die Mehrheit hat, möchte sie das nicht. Wer das ändern möchte, soll doch bitte zur nächsten Bundestagswahl die SPD wählen, dann wird sie das CDU-Leistungsschmutzrecht, dem sie selbst zugestimmt hat, gern wieder abschaffen und stattdessen ein SPD-Leistungsschmutzrecht durchwinken:
Ein neues, taugliches Gesetz wird zu den ersten Maßnahmen einer neuen rot-grünen Regierung gehören. Das Ziel muss sein, einen fairen Ausgleich zu finden zwischen den Schöpfern der Inhalte — also Journalisten oder Künstlern -, den berechtigten Interessen der Verlage und den ebenso berechtigten Interessen der neuen digitalen Dienste sowie den Ansprüchen der Internet-User auf Informationsfreiheit.
Und die Piratenpartei? Nun, sie schreibt derweil Pressemitteilungen über Trinkwasser und Frauenrechte.
Früher hat man so was ja noch mit Fackeln und Heugabeln gelöst. Gute, alte Zeit.
Verführerisch schlechtes Webdesign
Aus Versehen habe ich über diesen Beitrag zum zehnjährigen “Geburtstag” von WordPress die Website von Monika Thon-Soun, nach eigenen Angaben “Fachfrau & Autorin” in WordPress-Dingen mit “Beratung & Humor”, gefunden. In der Tat finde ich sie sehr lustig.
Bereits der initiale Aufruf mit aktiviertem NoScript (leider in der heutigen Zeit unverzichtbare Erweiterung zum Schutz vor nervtötenden Animationen und unfreundlichen Zeitgenossen) lässt mich schallend lachen: Frau Thon-Soun setzt auf Comic Sans. Comic Sans. Kann man als Webdesigner machen, muss man nicht. Sollte man vielleicht auch nicht.
Mit aktiviertem JavaScript wird die hässliche Comic Sans durch eine hässliche Schriftart aus dem Internet ersetzt. Dem aufmerksamen Betrachter entgeht wahrscheinlich nicht, dass die Vielzahl an Schriften nicht nur nicht sonderlich zur grafischen Ausgewogenheit beiträgt, sondern dass einige Schriftarten auch ziemlich kaputt aussehen. Aber ich habe keine Ahnung, ich bin ja keine Fachfrau.
Bereits auf dieser Startseite erklärt Frau Thon-Soun, was sie unter “modernem Webdesign” (“WebDesign”, ebd.) versteht:
modernes WebDesign (…)
» ist nie perfekt und nie fertig — ausbaufähig
» bietet Textgestaltung — lesefreundlich
“Ausbaufähige Textgestaltung”. Hübsch zusammengefasst. Und sie selbst kommt diesen eigenen Forderungen wie nach? Nun, auch das erfährt der geneigte Besucher:
der WebDesigner in mir…
» Webstandards
» CSS3 und HTML5 genauso wie XHTML strict
(…)
» ihre Kunden verführen
Ein kurzes Lacherchen (ja, Humor hat’se) über das mit dem Verführen und dann zurück zur Sache.
Webstandards und CSS3 will Frau Thon-Soun also beherrschen. Das ist für den Besucher vielleicht nicht ganz so lustig, die Fehlerkonsole von Firefox bekommt aber schon fast keine Luft mehr vor Lachen. Da stehen dann so Zeilen wie:
Warnung: Deklaration erwartet, aber ‘*’ gefunden. Übersprungen bis zur nächsten Deklaration
Quelldatei: http://www.webdesign-in.de/wp-content/themes/mts-webdesign-12/style.css
Zeile: 332
Der Code in besagter Zeile: .wp_page_numbers ul{display: inline-block; *display: inline; *zoom: 1;width:100%;}. Was immer das machen soll, direkt irgendwelche Standards erfüllt es nun nicht unbedingt. Das gleiche passiert Frau Thon-Soun noch an verschiedenen anderen Stellen.
Gut, einen Fehler verzeiht man schnell, auch, wenn er mehrmals gemacht wird. (Aus Fehlern zu lernen ist nicht verpflichtend, auch dann nicht, wenn man irgendwas mit Webdesign macht.) Firefox verzeiht aber weniger leicht als der Mensch. Diesen Fehler ebenfalls:
Warnung: Fehler beim Verarbeiten des Wertes für ‘border-radius’. Deklaration ignoriert.
Quelldatei: http://www.webdesign-in.de/wp-content/themes/mts-webdesign-12/style.css
Zeile: 183
Frau Thon-Soun schreibt dort border-radius:none. Kann man machen, ist halt falsch. In eine ähnliche Kategorie fallen Fehler wie dieser:
Warnung: Farbe erwartet, aber ’noneimportant’ gefunden. Fehler beim Verarbeiten des Wertes für ‘border’. Deklaration ignoriert.
Quelldatei: http://www.webdesign-in.de/wp-content/themes/mts-webdesign-12/style.css
Zeile: 551Warnung: Farbe erwartet, aber ’noneimportant’ gefunden. Fehler beim Verarbeiten des Wertes für ‘border’. Deklaration ignoriert.
Quelldatei: http://www.webdesign-in.de/wp-content/themes/mts-webdesign-12/style.css
Zeile: 552
Zweifelsohne: noneimportant ist keine Farbangabe. Gemeint war vielleicht: border:none !important; — aber Frau Thon-Soun macht was mit diesem Webdesign, die macht solche Fehler nicht. Und schon gar nicht mehrfach.
Sie ist halt Profi. Wenn sie was versiebt, dann wenigstens richtig:
Warnung: Identifikator für Pseudoklasse oder Pseudoelement erwartet, aber ’ ’ gefunden. Regelsatz wegen ungültigem Selektor ignoriert.
Quelldatei: http://www.webdesign-in.de/wp-content/themes/mts-webdesign-12/style.css
Zeile: 734Warnung: Unerwartetes Dateiende beim Suchen nach Abschließende } eines ungültigen Regelsatzes.
Quelldatei: http://www.webdesign-in.de/wp-content/themes/mts-webdesign-12/style.css
Zeile: 736
(Für die grauenvolle Grammatik in Firefox-Fehlermeldungen kann sie zumindest wahrscheinlich nichts.)
Die zahllosen “Warnungen” aufgrund von Präfix-CSS-Angaben (etwa -moz-border-radius) möchte ich hier gar nicht weiter auseinandernehmen, obige Beispiele sollten genügen.
Frau Thon-Soun hat ihrer Website den Seitentitel “professional WebDesign barrierefrei” gegeben. Ja, doch, Humor hat sie.
Nachtrag: In den Kommentaren zu eingangs erwähntem Beitrag wirft mir Frau Thon-Soun vor, mich hinter eventueller Satire zu verstecken. Ich teile diese Auffassung nicht.
Kurz verlinkt CL: Säkularismus wann anders.
Art. 137 Abs. 1 der Weimarer Reichsverfassung (weiterhin gültig gemäß Art. 140 GG):
Es besteht keine Staatskirche.
SPIEGEL ONLINE zur Amtseinführung von Papst Franz (ungefähr jetzt gerade):
Unter den Besuchern auf dem Petersplatz waren viele Pilger, aber auch Delegationen aus 132 Ländern, Staats- und Regierungschefs, Politiker, Religionsführer. Darunter waren Bundeskanzlerin Angela Merkel (evangelisch, A.d.V.), Bundesratspräsident Winfried Kretschmann und Bundestagspräsident Norbert Lammert, US-Vizepräsident Joe Biden und Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner.
Merkt ihr selbst?
John Cale — Ghost Story
Montag. Schauderhaft.
Vintage Violence: Gutes Album. Ja.
Guten Morgen.
Medienkritik in Kürze: ZEIT ONLINE und sein Ressort Analog
Zum Ende vom Google Reader hat auch Kai Biermann, seines Zeichens Redakteur im “Ressort Digital” für das fragwürdige Onlineblatt “ZEIT ONLINE”, auch was geschrieben. Was bedeutet das Ende dieses RSS-Dienstes? Tja, ganz einfach:
Nun verbreitet allein Facebook News – und das ist nicht offen.
Nachrichten gibt es nun nur noch per Facebook, schreibt Kai Biermann. Natürlich: Ginge es nach den großen Zeitungsverlagen (die ZEIT gehört allerdings meines Wissens nicht zu den aktiven Unterstützern des Leistungsschutzrechts), ist das Internet sowieso keine valide Quelle, um sich zu informieren. Dort wird ja nur raubkopiert.
Wir lernen: Wer Nachrichten online lesen will, muss sich jetzt bei Facebook anmelden. NewsBlur, Tiny Tiny RSS, Feedly und (nicht zuletzt) die “Live-Lesezeichen” von Firefox gibt es nicht. Bilder wie dieses sind gefälscht:
Danke, Kai Biermann, für diesen Einblick in Ihr “Ressort Digital”. Darauf wäre ich ohne Sie nie gekommen.
(via Alarmknopf, dort ausführlicher nachzulesen)
#ökogate
Im vorigen Dezember schrieb ich:
Sagt mir, Piraten: Warum sollte man uns wählen? Weil wir uns so toll für Umwelt und Bildung einsetzen und weil wir irgendwas mit sozial im Programm haben?
Anti-Atomstrom-Aktivistin Kine Haasler, bekannt geworden durch allerlei wirre Wahlkampfaktionen, hat nun unter großem Tamtam ihren Austritt bekanntgegeben. Ihre Begründung: Sie sei Aktivistin und keine Politikerin. Ja, das stimmt so.
Viele Wähler haben ihre Stimme bei der Landtagswahl 2013 in Niedersachsen nur deshalb nicht der Piratenpartei gegeben, weil es ihr an einem klaren Profil mangelte. In den Wahlkampf wurde mit Energie- und Bildungspolitik gezogen — nichts, was die Grünen oder die Linke nicht schon seit langem selbst vertreten würden. Das Problem der Piratenpartei waren niemals die “innerparteilichen Streitereien”, denn die gibt es selbst in der alles andere als transparenten CDU (“Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen”, “Ich kann den Scheiß nicht mehr hören”, “Du machst mit deiner Scheiße alle Leute verrückt” — so weit bekannt). Das Problem der Piratenpartei waren und sind die Aktivisten, die aus den unterschiedlichsten Strömungen stammen.
Zweifellos wurde die Piratenpartei selbst von Aktivisten für freien Dateitausch gegründet. Das ist kein Grund, weitere Aktivismen hinzuzufügen, denn es verwässert ihre Ziele. Der Austritt Kine Haaslers, obschon bejammert als “Zeichen für den Untergang”, da mit ihr auch ein aktives Mitglied die Partei verlässt, setzt ein klares Zeichen: In der Piratenpartei verwurzelte Aktivisten für “grüne” Themen sehen sich mittlerweile außerstande, ihre Ziele als Pirat zu erstreiten.
Die Behauptung, mit der Piratenpartei ginge es bergab, kann nun nicht mehr unwidersprochen hingenommen werden. Tatsächlich hat das Abschneiden bei der niedersächsischen Landtagswahl nun zur Folge, dass sich das Profil der Partei endlich wieder schärft, da diejenigen, die vollmundig “wir brauchen ein Vollprogramm und auf jede noch so dumme Frage eine Antwort” skandierten, ganz kleinlaut geworden sind. Schwarmintelligenz funktioniert manchmal eben doch.
Vielleicht überlege ich mir das mit der Bundestagswahl ja doch noch mal.
Google, der Kundenfresser
Diesmal hat Google seine Kunden unterschätzt. In welchem Zusammenhang? Tja, am 1. Juli wird beim Google Reader der Stecker gezogen. Der Google Reader war jahrelang ein verbreiteter RSS-Leser (siehe auch), der irgendwann so erfolgreich wurde, dass eine Vielzahl an Desktop-RSS-Lesern (etwa RSSOwl) und Onlinediensten (etwa das leider ziemlich scheußlich zu bedienende Feedly) ihn als Synchronisationsquelle verwendeten.
Googles Begründung für den Schritt belustigt mich: Man wolle zum Einen seine Energie in weniger Produkte stecken müssen (selbst fahrende Automobile, elektronische Brillen und ein soziales Netzwerk für Brasilianer haben offenkundig Priorität; nach meinem Kenntnisstand hat jedoch seit Jahren niemand mehr an Google Reader Entwicklungsarbeit betrieben), zum Anderen nutze ohnehin niemand mehr RSS. Bereits wenige Minuten nach der Ankündigung waren die Server von Feedly, NewsBlur und der selbst zu hostenden Alternative Tiny Tiny RSS mit einem Vielfachen der gewohnten Serverlast nur noch schwer bis gar nicht zu erreichen. Der Ansturm der Niemande war offenbar gewaltig.
Für viele auf den Google Reader aufbauende RSS-Leser sieht die Zukunft auch nicht rosig aus. FeedDemon wird eingestellt, RSSOwl wird zumindest nicht mehr synchronisieren können. Die diversen “gReader”- und ähnlichnamigen apps unter Android werden vermutlich auch kein langes Leben mehr vor sich haben. Zumindest Feedly hat bereits angekündigt, rechtzeitig ein dem Google Reader ähnliches API zur Verfügung zu stellen, das Entwicklern solcher Programme eine einfache Migration (wahrscheinlich: einfach URI ändern und läuft wieder) ermöglichen wird. Ich vermute, weitere Anbieter werden folgen. Für den einfachen Anwender, der keine Synchronisation benötigt, wird sich ohnehin wahrscheinlich nicht viel ändern.
Diese Entwicklung ist erneut ein Beleg dafür, dass es eine fatale Fehlentscheidung sein kann und meist sein wird, seine digitale Existenz in die Hände eines einzigen Anbieters zu legen — das Funktionieren des eigenen workflows liegt dann allein in seinem Ermessen. Alternativen gibt es zuhauf. Selbst, wer darauf angewiesen ist, seine RSS-Feeds auf mehreren Geräten verfolgen zu können, kann zu Feedly oder NewsBlur greifen. Empfehlenswert ist es aber aus genanntem Grund, auf dem eigenen Server oder eigenen Webspace Tiny Tiny RSS oder das recht hübsche, jedoch nicht kostenlose Fever zu installieren. Das ist ziemlich einfach, das bekomme sogar ich hin. Der Vorteil: Man wird keine unangenehmen Überraschungen erleben. Gute (also übersichtliche und einigermaßen komfortable) Clients für mobile Geräte gibt es meines Wissens für jeden der genannten Dienste.
Warum Google noch an Google Mail festhält? E‑Mail ist in Zeiten “sozialer Netzwerke” doch längst so gut wie tot. Aber dann wissen wir ja jetzt schon, welcher Dienst beim nächsten Google-Frühjahrsputz aussortiert wird. Sollen die Leute doch zu Google+ wechseln, sagt Google, denn über Google+ kann man sicherlich auch das eine oder andere Blog lesen; natürlich nicht ansatzweise so komfortabel und übersichtlich wie mit einem brauchbaren RSS-Leser, aber das ist nun mal die Zukunft. Und niemand braucht mehr etwas anderes.
Vielleicht braucht aber auch einfach niemand Google. Das könnte sich allmählich herumgesprochen haben.
Eiderdaus: Es ist ein Papst!
Nachdem die Öffentlich-Rechtlichen den gestrigen Tag damit verbrachten, die 26 Prozent Katholiken in Deutschland von öffentlichen Geldern vollumfänglich zu bespaßen, indem immer wieder Bilder von Schornsteinen und verschiedenfarbigem Rauch eingeblendet wurden (dämlich genug), fiel die Überraschung eher nüchtern aus: Es ist erneut ein alter männlicher Katholik geworden.
Anhänger des deutschen (nun ja, bayrischen) Papstes Benedikt XVI., die angesichts seines argentinischen Nachfolgers eher skeptisch waren, können beruhigt sein: Nichts wird sich ändern.
Und die Millionen, die begeistert auf dem Petersplatz froren und auf weißen Rauch warteten, sie alle sind längst verloren für die reine Vernunft. Ach, Menschen. Sie sind so vorhersehbar.
In weiteren Nachrichten: Für die Steuerzahler war die Rettung der Commerzbank ein Desaster, wie es heißt; das hat ja vorher niemand ahnen können!
Warum diese Meldung gestern kaum Aufsehen erregt hat? Nun, der Anteil an Steuerzahlern in Deutschland ist zwar deutlich größer als der der Katholiken, aber an der Spitze der Commerzbank steht eben kein alter Mann in Frauenkleidern, sondern ein gewöhnlicher Bankier. Den mag doch keiner im Fernsehen sehen.
Ach, Menschen.
Medienkritik in Kürze: SPIEGEL ONLINE, die SPD und der Neoliberalismus
SPIEGEL ONLINE haut mal wieder so richtig auf die Kacke:
Warum die Agenda 2010 eine unverstandene Reform ist
Man bekommt spontan Mitleid! Und die Demonstranten …
Die Gegner gab es von Anfang an. Bis heute demonstrieren sie montags in Freiburg, Bremen oder Eisenhüttenstadt gegen eine Reform, die aus ihrer Sicht vor allem eines gebracht hat: einen “rücksichtslosen Sozialkahlschlag”.
… sind sicherlich allesamt nur zu kurzsichtig, um die Vorteile der Agenda 2010 zu erkennen. Da haben andere einen besseren Durchblick:
Doch in jüngster Zeit zeigen sich vor allem die Freunde der Agenda 2010. Zu ihnen gehört (…) [d]er Chef des US-Konzerns General Electric, der sagte: “Wir müssen mehr wie Deutschland werden.”
Dass ein Arbeitgeber es gut findet, wenn die Löhne angenehm niedrig bleiben und auch massenhaft Entlassene nur teilweise als arbeitslos gelten, ist doch ein sicheres Zeichen dafür, dass alles richtig gemacht wurde.
Ist das noch sozialdemokratisch? Aber sicher!
Und neuerdings auch Schröders Parteifreunde. “Wir können sehr stolz auf die Agenda 2010 sein”, sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel im Interview mit SPIEGEL ONLINE.
Ja, das habt ihr gut gemacht.
Der Gerhard Schröder war übrigens nicht sehr lange Kanzler. Aber das habt ihr sicher nur vergessen.
Umphrey’s McGee — In The Puppet Kitchen
Die US-amerikanische Musikgruppe Umphrey’s McGee veröffentlichte ihr erstes Album bereits 2002, trotzdem gehen sie in der großen Welle der “irgendwie so Rockbands” selbst nach dem europäischen Durchbruch mit dem Album “Anchor Drops” (2005) ein wenig unter. Das ist schade, denn abwechslungsreiche Rockmusik abseits der Progressive-Rock-Pfade sucht mancher Musikfreund dann doch vergebens. Was das hier ist? Beat und Funk und Jazz und AOR und Pop und Melodic Rock und was auch immer man eben gerade so finden mag. Der Laune kommt’s entgegen.
And there’s no argument
for wasting time much better spent
complacently replacing a melody with smoke.
Guten Morgen.
Regen.
Und dieser Regen, der an die Scheiben klopft und (geräuschlich dafür sorgt, dass man dringend aufs Klo muss, und) den Schnee immerhin verdrängt, der sich nach einigen Sonnentagen überraschend aus dem Urlaub zurückmeldete, denn eine alte Bauernregel besagt, es gibt stets sieben Winter zwischen Sommer und Sommer, und das ist dann jetzt der siebte gewesen, dieser Regen also lässt Vergessenes wieder aufleben wie ein Déjà-vu oder doch eher ein Menetekel, denn manches war nicht grundlos vergessen: Man stand ja irgendwann schon mal knutschend und/oder bedrückt (im Rheinland sagt man nicht umsonst bedröppelt) im Regen und verbindet mit dem Regen nicht vor allem ’ne Erkältung.
Regen bedeutet Sonnenschein, aber eben auch erst später, und bis dahin steht man am leeren Bahnhof und (friert und) wartet und/oder knutscht, je nachdem. Meistens ist’s Oder.
Zufriedenheitsstatus: Satt (wie in: ~ sein — siehe auch: es ~ haben); beziehungsweise: Sehn-Sucht.
“I can’t stand the rain against my window, bringing back sweet memories.”
– Tina Turner
Mehdorn wird Weltfrauentag.
Aktuell in den deutschen Twitter-Trends laut Trendsmap.com:
Der Weltfrauentag, Frauentag oder wie auch immer man ihn nennen möchte.
Aktuell in den deutschen Twitter-Trends laut WhatTheTrend.com:
Der Weltfrauentag. Und Germany’s Next Topmodel.
Mario Barths ohnehin bereits recht vorhersehbare Witze werden gerade von euch selbst unterboten, Mädels. Weiter so.
Der Weltmännertag findet übrigens wie jedes Jahr am 3. November statt. Frohes Fest!
Kurz verlinkt CXLIX: “Immer mitten in die Fresse rein!”
(Vorbemerkung: Die Musikgruppe Frei.Wild ist mir nur namentlich bekannt, ich finde die meisten gegenwärtigen Deutschrockgruppen untalentiert bis belanglos und habe daher bisher darauf verzichtet, mich abermals davon zu überzeugen.)
Derzeit wird außer Johannes Ponader, über den man auf SPIEGEL ONLINE, dem renommierten Desinformationsmagazin zur Piratenpartei, dieser Tage wieder allerlei nicht Verlinkenswertes berichtet, auch eine andere Sau durchs Dorf getrieben, nämlich die Rockband “Frei.Wild”:
Die Rechtsrocker von Frei.Wild sind für einen Echo nominiert. Für Kraftklub ein Grund abzusagen. Auch Die Ärzte finden das “politisch fragwürdig”. (…) Die Ärzte lassen sich durch Frei.Wild den Echo nicht verderben.
Frei.Wild waren bereits vor einigen Wochen in die Schlagzeilen geraten, als das zumindest musikalisch beachtenswerte Musikmagazin “Visions” seine Förderung eines Festivals absagte:
Mit Frei.Wild hat das With Full Force eine Band bestätigt, die sich mit nationalistischen Tendenzen in der Mitte der Gesellschaft positioniert. VISIONS will das nicht unterstützen und zieht sich deshalb aus der Präsentation des Festivals zurück.
Als einer der Belege für nicht unterstützenswertes Verhalten seitens Frei.Wilds wird dort ein Liedtext angeführt:
Das Video zum Song „Halt die Schnauze“ von 2008 zeigt eine weitere Seite der Band, die wir in einem hohen Maße ablehnen. Dort heißt es: “Du hast mich provoziert/ Nichts als Hass geschürt/ Und mich nichts als schikaniert/ Jede Meinung ignoriert/ Es war dir scheißegal/ Ganz im Gegenteil/ Provokation total/ Und feurig fatal/ Ich sag’s dir ein allerletztes Mal/ Halt die Schnauze!” (…) Hau die um, die dich provozieren, und tritt rein, wenn sie am Boden liegen. Ab wann Gewalt zum probaten Mittel wird, ist dabei nur noch abhängig von der Länge der Zündschnur des Provozierten.
Die von SPIEGEL ONLINE als positives Beispiel genannten Ärzte — im Hause “Visions” vielfach geschätzt — veröffentlichten 1995 das Album “Planet Punk”, deren “Schunder-Song” aufgrund des großen Erfolgs mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde. In diesem Lied heißt es:
Jetzt liegst Du vor mir und wir sind ganz allein,
und ich schlage weiter auf Dich ein.
Das tut gut. Das mußte einfach mal sein.
Immer mitten in die Fresse rein!
Gleicher Inhalt, anderer Kontext (bzw. eben jeweils gar keiner). Gewalt ist ein probates Mittel, wenn’s Die Ärzte besingen; oder wenn der Ironiedetektor der “Visions” halt gerade mal nicht defekt ist.
“Halt die Fresse! Red’ kein’ Stuss, wenn du nicht musst! Mein Gott, wen juckt’s? Hey, Schnauze!”
– Die Fantastischen Vier: Schnauze
Krieger des Lichts
Auf der CeBIT 2013 gibt es außer viel leerem Geschwätz übrigens auch Produktneuheiten zu betrachten. Dazu zählt unter anderem “Changers”. “Changers?” Ja, “Changers”:
Über ein mobiles, flexibles Solarmodul, das kaum größer ist als ein DIN A4-Blatt und nur wenig mehr als 100 Gramm wiegt, kann der Nutzer überall auf der Welt seine eigene Energie erzeugen.
Natürlich zum Patent angemeldet, denn dass etwa getDigital.de so ein Gerät bereits seit Jahren ziemlich preiswert verscherbelt, heißt ja nicht, dass es nicht trotzdem eine total originelle Idee sein kann. Noch origineller ist eigentlich nur die Website, deren Sprachauswahlfeld rechts oben momentan nur Englisch anbietet. Trotzdem danke für den Versuch. (Die Erzeugung von Energie aus dem Nichts ist mit diesem Gerät übrigens höchstwahrscheinlich auch weiterhin nicht möglich; ich nehme an, gemeint war die Umwandlung von Sonnen- in elektrische Energie.)
Worum es geht, wird bereits auf der Startseite deutlich:
Please meet our intelligent and powerful solar charger, Kalhuohfummi and the super light and flexible solar panel Maroshi. Together they are known as the Changer Starter Kit.
“Kalhuohfummi”. Hihi. Und: Soso, ein “Starterkit”. Das heißt, man kann es upgraden, indem man einfach noch mehr Geräte mit einem blöden Namen kauft. Oh. Mehr Batterien haben also auch mehr Ladung. Schön, dass wir darüber gesprochen haben.
Aber was ist das? Oh, eine Seite namens “Community”! Dort treffen sich also die kurzsichtigen Ökonarren und tauschen getreu dem Motto “ich hab’ den längeren (Stromzähler)” ihre vermeintliche Ersparnis aus. Momentan haben die gesammelten Kräfte etwa 86 Kilogramm Energie erzeugt. Ja, im Hause Blacksquared (Name der Herstellerfirma) misst man Energie in Gewicht. So eine Waage hätte ich auch gern.
Noch nicht vollends überzeugt? Dann ab in den “Shop”! Den gibt es zwar auch auf Deutsch (als — ich wiederhole — Teil der englischsprachigen Website, auch den Pfad in der Adresszeile beachten!), aber warum sollte man als Webentwickler auch so etwas wie die Spracheinstellungen des Browsers nutzen? Das wäre doch abwegig. Aber das ist nicht schlimm, der englischsprachige “Shop” ist bescheuert genug.
Ein ziemlich guter Witz ist bereits oben auf der Seite zu finden: So ein “Starterkit” wird mal eben mit 149 Euro veranschlagt. Der geneigte Leser möge parallel oben verlinkte getDigital-Produktseite öffnen und sich wundern. 2.200 mAh sind auch nicht wesentlich mehr als 1.500. Aber vielleicht sind im Preis die abzusehenden Patentklagen von Apple bereits enthalten: Weiß, Plastik, abgerundet, nur 1 Schaltfläche. Das ist heutzutage sehr gefährlich.
Dazu passt, dass man daneben mit diversen bereits errungenen Preisen wirbt: “Product Design Award 2012”, “Good Design” (ah ja) sowie “German Design Award 2013”, letzteres erst als Anwärter. Für Innovationspreise reicht es offenbar nicht. Wieder so eine Parallele zu Apple: Wenn’s nicht neu ist, machen wir’s wenigstens hübsch und teuer. Die Leute werden es lieben! Nicht umsonst wird unter “Features” nochmals mit dem erworbenen “IF design award 2012” in der Kategorie “Leisure and Lifestyle”, “Freizeit und Lebensstil”, geworben. In diese Kategorie fallen auch Lavalampen und Sudokuhefte, nehme ich an.
Und was ist so alles im Lieferumfang enthalten? Kalhuohfummi, Maroshi und Pikachu, diverse Kabel sowie ein Poster namens “Wir sind das Volk!” (genau so gut könnte es natürlich “zicke zacke Hühnerkacke” heißen), auf dem angeblich erklärt wird, warum die Einzelteile so behämmerte Namen tragen. Außerdem ist dort, das ist in der Vorschau gut zu sehen, der Werbespruch “Storming the Bastille.” zu lesen. Wie wir aus dem Geschichtsunterricht wissen, endete der Sturm auf die Bastille mit ziemlich vielen Enthauptungen. Das wird lustig. — Apropos “unpassende Zitate”: Unter “Experience” (denn man ist ja kein einfacher Benutzer eines Kalhuohfummi) lässt man Dritte die Werbetrommel rühren, zitiert etwa irgendjemanden aus dem Discovery Channel mit den Worten “One Solar Changer to Rule them All”, “ein Solarladegerät, sie alle zu knechten”. Da hat jemand den “Herrn der Ringe” nicht zu Ende geguckt.
Sonst so? Ach ja: “Environment”. “Umwelt” also. Darum geht es ja normalerweise, wenn man so ein Solarteil an den Mann bringen will. Dass Herstellung und Transport eines Kalhuohfummis wohl mehr Kohlenstoffdioxidausstoß verursachen als das Produkt während seiner gesamten Lebensdauer einzusparen vermag, wird meinerseits gnädig übersehen. Mit Apologeten der Solarenergie über den Umweltschaden durch Solarzellen zu diskutieren ist in der Regel ungefähr so aussichtsreich wie einem militanten Vegetarier die Vorzüge des Fleischkonsums schmackhaft zu machen. Unter “Umwelt” findet sich übrigens in der deutschen Version des “Shops” auch ein weiterer guter Grund, warum man sie nicht benutzen sollte:
Wir neutralisieren den Transport unserer Geräte.
(Hervorhebung von denen.)
Das würde ich ja schon gern sehen.
Nun, zurück zum “Environment”. Was wird noch geboten? Ah, der kohlenstofffreie Flug:
We fly carbon neutral with Atmosfair
Gut, um Kohlenstoff geht es eigentlich nicht, sondern um Kohlenstoffdioxid, aber das ist womöglich überzogene Kritik. Was ist dieses Atmosfair genau? Atmosfair — Eigenschreibweise “atmosfair” — neutralisiert nicht den Kohlenstoffdioxidausstoß eines Flugzeugs, sondern führt pro Flug einen angemessenen Betrag an Klimaschutzprojekte ab, also vielleicht an Krombacher. Dass das den Flug nicht kohlenstoffdioxid- und schon gar nicht kohlenstofffrei macht, ist allerdings auch wieder so etwas, was man in Gegenwart von manchen so genannten Klimaschützern vielleicht nicht laut sagen sollte, wenn man friedliches Miteinander bevorzugt.
Aber von Fakten wollen wir uns mal nicht unseren Lebensstil ruinieren lassen. Wie fordert doch die Startseite an prominenter Stelle?
Become a warrior of the light
Den Kriegern des Lichts gehen eben manchmal nur Energiesparlampen auf.
(Mit Dank an B.!)



















