PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLVII: Das kann man sich mal vorstellen!

Ein evi­dentes Beispiel dafür, dass Ergeb­nisse von (zumal poli­tis­chen) Umfra­gen schon auf­grund ihrer Fragestel­lung auch dann nicht repräsen­ta­tiv sind, wenn man “repräsen­ta­tive Umfrage” drüber­schreibt, hat ZEIT ONLINE — nur echt mit Brüll­buch­staben — Mitte voriger Woche so unauf­fäl­lig pub­liziert, dass erst dieser Tage jemand (zum Beispiel das Han­dels­blatt) daraus zitiert.

Umfrage AfD

Dem­nach kön­nten sich 27 Prozent der (befragten) Deutschen vorstellen, die neue Partei “Alter­na­tive für Deutsch­land” zu wählen, was verse­hentlich für eine Wahl­prog­nose gehal­ten wird.

Ich zum Beispiel kann mir auch vorstellen, die CDU zu wählen. Ich würde es trotz­dem unter keinen Umstän­den frei­willig tun. Ich kann mir sog­ar vorstellen, wie es wohl aussieht, wenn Jesus Chris­tus auf einem mit ein­er Laser­pis­tole bewaffneten Dinosauri­er auf die Erde zurück­kehrt (näm­lich ziem­lich lustig). Der Fan­tasie sind nur sel­ten physis­che Gren­zen geset­zt.

Denkt daran, wenn ihr näch­stes Mal eine Wahl­prog­nose lest. Und an Dinosauri­er.

KaufbefehleMusikkritik
La Dispute — Wildlife

La Dispute - WildlifeNoch’n Musikar­tikel, da ich ger­ade in der Stim­mung dazu bin. Momen­tan erfüllen die Geräusche auf “Wildlife”, dem 2011 veröf­fentlicht­en zweit­en Album des US-amerikanis­chen Quin­tetts La Dis­pute, den Raum. Der Band­name stammt ange­blich von der Komödie gle­ichen Namens, in der es irgend­wie um Part­ner­tausch oder so geht. “La dis­pute” heißt auf Deutsch (eben­falls ange­blich) “der Stre­it”, und so klingt “Wildlife” auch.

In der Wikipedia fab­u­lieren die Autoren irgendwelche Gen­res, “Screamo” und “Post-Hard­core” und son­stiges, her­bei. Nun, ich behaupte: Gen­res existieren nicht. Ein gutes Beispiel ist der Postrock (manch­mal auch “Post-Rock” geschrieben). Sig­ur Rós machen Postrock, Talk Talk macht­en Postrock, Mog­wai machen Postrock. Was sagt das über den Postrock aus? Richtig: Nichts.

“Screamo” also. Dabei scheint es sich um eine Art “Emo­musik” zu han­deln, also Musik mit verzweifel­ten, wein­er­lichen Texte, die gern geschrien (scream) wer­den. Das ist nun weniger schreck­lich als es sich anhört und kann oft auch zu erstaunlichen Entwick­lun­gen führen; die ziem­lich großar­ti­gen …And You Will Know Us by the Trail of Dead haben mit “Fake Fake Eyes” am Anfang ihrer Kar­riere auch ähn­liche Musik aufgenom­men und sind inzwis­chen zu ein­er über­durch­schnit­tlich guten Musik­gruppe zwis­chen den Gen­res avanciert. Auch Tocotron­ic, die sym­pa­thisch dilet­tan­tis­che Rock­band, ist oft nicht fern. Kri­tik­er wür­den “Wildlife” als “Geschep­per mit Geschrei” zusam­men­fassen. Aber so leicht ist das nicht.

Das “Geschep­per”, ander­swo “unglaublich fil­igrane Gitar­renar­beit” genan­nt, entwick­elt einen sprö­den Charme, wie man ihn auch von den wirk­lichen Glanz­tat­en von Nir­vana (“Milk It”) ken­nt. Die Verbindung zur Emo-Szene (etwa Jim­my Eat World) wird schon dadurch gekappt, dass La Dis­pute gar nicht erst ver­suchen, den Ansprüchen der Radio- und Fernsehsender zu genü­gen. Als “Ref­eren­zen” wer­den da auch schon mal At The Dri­ve-In, vie­len bekan­nt als Keimzelle von The Mars Vol­ta, genan­nt, was schon eher passt.

Zumal sowieso eben die Texte im Vorder­grund ste­hen: “Can I still get into heav­en if I kill myself?” (“King Park”). Zugegeben: Diese Art von Tex­ten gefällt nicht jedem und entspricht vielle­icht auch nicht unbe­d­ingt dem Ide­al eines Musikalbums, das man gern und immer wieder hören möchte. Ander­er­seits ist das inzwis­chen ja auch egal, bedenkt man, dass im Radio tagein, tagaus noch ganz andere Lieder laufen; sei’s Lou Reeds “Walk On The Wild Side” (“in the back­room she was everybody’s dar­ling / but she nev­er lost her head / even when she was giv­ing head”), sei’s Inner Cir­cles “Sweat” (“girl I want to make you sweat / sweat till you can’t sweat no more / and if you cry out / I’m gonna push it / push it, push it some more”), um fröh­liche Som­merspaß­texte geht es den Medi­en nicht. Wer achtet auch auf so was?

Und so wird auch wieder völ­lig unterge­hen, dass wir es hier mit einem Konzep­tal­bum zu tun haben:

Wie ein rot­er Faden ziehen sich „A Depar­ture“, „A Let­ter“, „A Poem“ und „A Bro­ken Jar“ durch das Album: Diese Songs präsen­tieren die verzweifelte und ver­lorene Exis­tenz eines Erzäh­lers, der eine andere Per­son zu erre­ichen ver­sucht und dabei sowohl an sich selb­st als auch an den Umstän­den scheit­ert und zer­bricht. Die Wort­losigkeit und die beredte Sprachkrise hin­sichtlich des Ver­lusts der eige­nen Iden­tität und des verzweifel­ten Ver­suchs ein geliebtes Gegenüber zu erre­ichen wurde wohl sel­ten der­ar­tig emo­tion­al und herzzereißend for­muliert und vor­ge­tra­gen. Songs wie das her­aus­ra­gende „The Most Beau­ti­ful Bit­ter Fruit“ sind eben­so per­sön­liche Geschicht­en und loten dieses Feld in einem bre­it­eren Kon­text weit­er aus.

Wer vor­ge­nan­nte ver­gle­ich­bare Musik­grup­pen mag, all­ge­mein ein Fre­und ver­ton­ten Liebeskum­mers ist oder auch nur ein wenig Krach benötigt, der sollte hier unbe­d­ingt mal rein­hören. Fest ste­ht: “Wildlife” ist sicher­lich kein Album für einen entspan­nten Feier­abend.

Aber wer will sich schon immer nur entspan­nen?

In den Nachrichten
Medienkritik LXXVIII: Du sollst nicht hinterziehen deines Staates Steuergeld!

Der kennt sich aus mit Geld.Ihr habt es wahrschein­lich bere­its mit­bekom­men: “Aus­gerech­net” (Augs­burg­er All­ge­meine, RP Online, SPIEGEL ONLINE) Fußball­funk­tionär Ulrich “Uli” Hoeneß, der 2005 ange­blich der wider­wär­ti­gen “BILD” mit­teilte, er wisse, dass das doof sei, aber er zahle weit­er­hin Steuern, hat nun beschlossen, doch lieber nicht doof zu sein, und sich selb­st wegen Hin­terziehung ein­er Kap­i­taler­trag­s­teuer angezeigt. Das Wort “Kap­i­taler­trag­s­teuer” scheint auch so ein Prob­lem der Reichen zu sein, mein Kap­i­tal zum Beispiel ertrage ich oft nicht. Mit denen möcht’ ich nicht tauschen!

Von Steuer­hin­terziehung ist ja häu­figer in den Nachricht­en zu lesen. Bekan­nt wurde 2011 etwa der Fall ein­er Haus­frau aus Wassen­berg, die es ver­säumt hat­te, das Finan­zamt über eine größere Erb­schaft zu informieren. Die Frau wurde zu ein­er Bewährungsstrafe verurteilt. In der medi­alen Berichter­stat­tung wurde, so weit ich das sehen kann, über diesen Fall weit­ge­hend nüchtern und sach­lich informiert. Anders sieht es aus, wenn jemand wie “aus­gerech­net” Ulrich “Uli” Hoeneß Steuern hin­terzieht. Das bet­rifft dann keine Haus­frau, son­dern Her­rn Hoeneß selb­st. Vielle­icht kann er so niedlich guck­en; nach medi­alem Dafürhal­ten ist er dann jeden­falls kein Ver­brech­er. Er ist laut Frank­furter Rund­schau etwas ganz anderes:

Uli Hoeneß, Man­ag­er und Präsi­dent des FC Bay­ern München, ist ein Steuer­sün­der.

Der Herr hat eine beein­druck­ende Kar­riere hin­ter sich: “Erfol­gre­ich­er Wurst­fab­rikant und Fußball-Man­ag­er — und nun Steuer­sün­der?” (RP Online); in Kurz­form eben auch: “Ein Sauber­mann wird zum Steuer­sün­der” (Ham­burg­er Abend­blatt). Ein solch­er Sün­den­fall geht schon tra­di­tionell auch an der Christlich-Demokratis­chen Union nicht vorüber: Kan­z­lerin Merkel (ist) ent­täuscht von Steuer­sün­der Hoeneß und dis­tanziert sich von Steuer­sün­der Hoeneß.

Und so wird “Steuer­sün­der Hoeneß” (WAZ), sofern denn seine Selb­stanzeige über­haupt berechtigt war, vom Dieb — Steuer­hin­terziehung ist let­z­tendlich nur Dieb­stahl ohne physis­chen Trans­fer — zum Sün­der. Während Diebe in der Gesellschaft eher wenig willkom­men sind, sind Sün­den beina­he Voraus­set­zung, um gle­ich­berechtigt an ihr teil­nehmen zu dür­fen. Und wie leicht das ist!

Ein durch­schnit­tlich aufmerk­samer Men­sch sollte in den let­zten paar Jahren aus Wer­bung und akzept­ablen Medi­en näm­lich aller­lei über Sün­den erfahren haben und längst wis­sen, wie schwierig es ist, nicht zum Sün­der zu wer­den: Schoko­lade ist eine Sünde, Häkeln ist eine Sünde, Met­al ist eine Sünde, Gum­mibären sind eine Sünde, Kaf­fee ist eine Sünde, Sex­u­al­ität vor der Ehe ist eine Sünde, Liebe ist eine Sünde, Abtrei­bung ist eine Sünde, Alko­hol­genuss ist eine Sünde, aus­bleiben­der Alko­hol­genuss ist auch eine Sünde, alle Untu­gend ist Sünde und offen­bar ist auch Steuer­hin­terziehung eine Sünde. Zum Glück ist wenig­stens eines keine Sünde: Micky Maus.

Wenn also all­ge­mein in dieser vorge­blich säku­lar­isierten Medi­en­welt darauf bestanden wird, “Uli” Hoeneß sei kein Dieb, son­dern ein Sün­der, wäre es dann nicht vielle­icht ange­bracht, anstelle des Finan­zamts die Inqui­si­tion zu benachrichti­gen? Ein pos­i­tiv­er Neben­ef­fekt wäre es, dass die Zahlungsmoral mit­tels san­ften psy­chis­chen Drucks deut­lich steigen dürfte. Das hat doch früher auch funk­tion­iert.

“I’m a win­ner, I’m a sin­ner / Do you want my auto­graph?”
– Super­tramp: Take A Look At My Girl­friend

Montagsmusik
Toulouse Lautrec — Irrational

Hen­ri Marie Ray­mond de Toulouse-Lautrec-Mon­fa war ein franzö­sis­ch­er Maler und Grafik­er des Post-Impres­sion­is­mus im aus­ge­hen­den 19. Jahrhun­dert. Warum sich eine Musik­gruppe nach diesem Her­rn benan­nt hat, weiß ich nicht. Die Namenswahl war ver­mut­lich irra­tional.

Toulouse Lautrec — Irra­tional

Und nein, eine blödere Über­leitung ist mir nicht einge­fall­en.

Guten Mor­gen.

SonstigesNetzfundstücke
Warum Text, wenn man auch ein Bild benutzen kann?

Ein ziem­lich merk­würdi­ges Phänomen zieht sich durch die so genan­nten “sozialen Net­zw­erke”.

Dort ist es, sei es nun per “Pin­nwand”, “Gäste­buch” oder “Zeitachse”, möglich, jeman­dem (Einzelper­so­n­en oder ein­er ganzen Per­so­n­en­gruppe) kurze Nachricht­en, aber auch Bilder zu hin­ter­lassen. Während kurze Texte als Bil­dun­ter­schrift dur­chaus gele­gentlich Sinn ergeben (etwa für (De-)Motivational Posters), stammt die etwa im Blog “Sheng Fui” prak­tizierte Eige­nart, ganze Texte als Grafik einzu­binden, noch aus der Zeit, als Web­fonts (also vom Web­de­sign­er bere­it­gestellte Schrif­tarten) noch nicht ver­bre­it­et waren, es jedoch gele­gentlich nötig war, einen Text auf jedem Sys­tem in iden­tis­ch­er For­matierung anzuzeigen. (Dass auch ver­gle­ich­sweise kleine .gif-Grafiken in ein­er Zeit der analo­gen Modems im Ver­gle­ich zu reinem Text nicht ger­ade schnell geladen und angezeigt wur­den, hin­ter­fragt die dama­li­gen Ange­wohn­heit­en ins­beson­dere.)

Vorhin stieß ich über aller­lei ver­wor­rene Umwege auf den hier aus daten­schutzrel­e­van­ten Grün­den nicht ver­link­ten (immer­hin jedoch öffentlich ein­se­hbaren) Face­book-Account “Mein Kopfki­no ist der rein­ste Pornoschup­pen”. Hier­bei scheint es sich um ein reines Spaßkon­to zu han­deln, dessen Aktiv­itäten darauf beschränkt sind, unfass­bar dumme Sprüche (ähn­lich wie “Mein Kopfki­no ist der rein­ste Pornoschup­pen”) in Bild­form zu pub­lizieren.

Dort find­en sich zum Beispiel fol­gende witzige Bild­chen:

Was Hand und Fuß hat Geblickfickt

Nicht erst in der Ver­größerung gut zu erken­nen sind die JPEG-Arte­fak­te, die der Sinnlosigkeit des Vorhabens, eine geringe Textmenge in eine Grafik einzu­binden, die keinen qual­i­ta­tiv­en oder pointen­be­zo­ge­nen Mehrw­ert mit sich bringt, eine weit­ere Nuance hinzufü­gen. Falls hier ein­er der­jeni­gen, die diesem Face­bookac­count gele­gentlich ihre Aufmerk­samkeit schenken, mitli­est: Was soll der Quatsch?

Selb­st, wenn man dem bar­ri­ere­freien Web keinen Vorschub leis­ten möchte (Bilder kön­nen halt nicht vorge­le­sen wer­den), ist der­lei Tun höchst absurd. Der einzige erkennbare “Vorteil” der Ver­wen­dung eines Bildes ist, dass es sich optisch von reinem Text abhebt. Dumme Sprüche wie “Hast du mich ger­ade geblick­fickt?” (siehe oben) wür­den auch in einen Tweet passen, jedoch unter Umstän­den im all­ge­meinen Rauschen sofort unterge­hen. Warum man allerd­ings wollen sollte, dass solche (nicht mal beson­ders amüsan­ten) Klowand­sprüche beson­dere Aufmerk­samkeit auf sich ziehen, ist mir ein Rät­sel.

Anders aus­ge­drückt: Hört auf damit. Ihr habt das Inter­net nicht ver­standen.

(Und ja, ich habe tat­säch­lich kurz darüber nachgedacht, diesen Text als Bild einzufü­gen.)

KaufbefehleMusikkritik
Guapo — Black Oni

Guapo - Black Oni“Black Oni” ist das sech­ste Stu­dioal­bum der 1994 gegrün­de­ten britis­chen Musik­gruppe “Guapo”, die auch schon mal mit Ruins und Cer­berus Shoal zusam­men musiziert haben. Wer diese Bands ken­nt, der weiß, was er hier zu erwarten hat. Zur Ety­molo­gie: Ein Oni ist in der japanis­chen Mytholo­gie eine Art Mon­ster oder Dämon gut- oder böswilliger Natur. Ob ein schwarz­er Oni etwas anderes tut als ein ander­s­far­biger, ist mir nicht geläu­fig. Hüb­sch ist er jedoch eher nicht.

Zurück zum Album: Bere­its das cov­er, ein Schwarz­graubild eines entwurzel­ten Baumes mit­ten im Wald, lässt hof­fen. Fröh­lichen Indiemist möge man bitte woan­ders suchen.

Und tat­säch­lich: Es begin­nt mit bedrohlich anschwil­len­den Geräuschen, elek­tro­n­isch und nach der Ver­to­nung der Arbeit in ein­er Met­all­fab­rik klin­gend. Ein Pfeifton gesellt sich dazu, der nach etwa zwei Minuten, kurz bevor dem Hör­er der Kopf platzt, seine Kli­max erre­icht. Es fol­gen etwa eine Minute lang Bass, Schlagzeug und merk­würdi­ge Gitarre, anschließend wieder Fab­rikgeräusche.

Ger­adlin­iger ver­läuft da schon Stück 2 (“II”), das von einem treiben­den Schlagzeug und einem für mich als Laien nicht sofort zu iden­ti­fizieren­den Tas­tenin­stru­ment geführt wird. Es wech­seln sich immer wieder die Stim­mungen, Span­nungs­bö­gen wer­den immer wieder neu errichtet. Das Mel­lotron, das bis dahin nur spo­radisch zu iden­ti­fizieren war, hat seinen großen Auftritt jedoch im fol­gen­den Stück “III”, das in einem wahren Zeuhl-Feuer­w­erk (lei­der ohne Gesang) endet. Mel­lotron? Ja, King Crim­son (ins­beson­dere die Impro­vi­sa­tio­nen der frühen 1970er Jahre) lugen hier und da ums Eck.

Nach dieser Explo­sion ist Stück Num­mer 4 (“IV”), ein wabern­des, elek­tro­n­is­ches Klanggemälde, das Fre­un­den früher Krautrock­pro­tag­o­nis­ten wie Klaus Schulze oder Tan­ger­ine Dream zusagen kön­nte, gle­ich­sam die Ruhe nach dem Sturm; oder vor ihm? Das abschließende — na, wer errät es? richtig — “V” ist wiederum unver­mit­telt ein­set­zen­der Retro-Prog mit aller­lei Syn­the­siz­er-Finessen, der mit steigen­der Dauer (“V” ist immer­hin knapp 13 Minuten lang) an Geschwindigkeit abn­immt und über einen Doom-Mit­tel­teil wiederum im Kraut(-rock) endet.

Ihr seht: “Black Oni” als Ganzes stilis­tisch einzuord­nen ist nicht leicht. Ich erkenne Postrock, Zeuhl, Space-/Krautrock und das alt­bekan­nte RIO/Avant. Artver­wandt? Gong, King Crim­son, vielle­icht auch Frank Zap­pa. Der geht als Ver­gle­ich ja immer. Allen Stück­en gemein­sam ist der fehlende, nein, aus­bleibende Gesang. Schlimm? Nein. Im Gegen­teil: Ich mag es. Und ihr soll­tet das auch tun.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLVI: Zweimal Tammtamm!

Ale rauß wärfen!Zwei Säue wur­den mit großem Tamm­tamm diese Woche durch’s Dorf getrieben, und es wer­den voraus­sichtlich nicht die let­zten bleiben. Da ich emp­fahl, Nachricht­en zu mei­den, fasse ich die Geschehnisse im Fol­gen­den kurz zusam­men.

Sau Num­mer eins: Die geschlechterg­erechte Erneuerung der Straßen­verkehrsor­d­nung. Denn — Stich­wort “Piratin­nenKon” — wir erin­nern uns: Bere­its in der All­t­agssprache wer­den Frauen offen­siv mit­tels patri­ar­chalis­ch­er Kon­struk­te wie dem gener­ischen Maskulinum aktiv unter­drückt. Nach­dem das sit­ten­widrige Zeichen “Mann mit Kind” bere­its 1971 durch ein offen­bar okayes “Frau mit Kind” erset­zt wurde, wird jet­zt auch die Sprache der StVO aktuellen Bedürfnis­sen angepasst. Dass es der Fußgänger heißt, ist so böse sex­is­tisch, dass es einen untrag­baren Zus­tand darstellt. Die Lösung: Eine möglichst kom­plizierte Umschrei­bung des Sub­jek­ts im Satz. Natür­lich ohne “man”, denn das klingt wie “Mann”, und das ist bekan­ntlich böse. Nein, das geht bess­er:

Damit Frauen ab jet­zt von der verkehrspoli­tis­chen Amtssprache mit­ge­meint sind, heißt es jet­zt nicht mehr „Fußgänger“, son­dern „wer zu Fuß geht“.

Denn “wer etwas tut”, ist selb­stver­ständlich unbekan­nten Geschlechts. Schon Luther schrieb:

Als sie nu anhiel­ten jn zu fra­gen / richtet er sich auff / vnd sprach zu jnen / Wer vnter euch on sunde ist / der werffe den ersten stein auff sie.

Ach so, “wer” ist (noch) auch ein fies maskulis­tis­ches Wort? Dann will ich mal nichts gesagt haben. Aber wenig­stens ist der patri­ar­chalis­che “Fußgänger” aus­ge­merzt.

Sau Num­mer zwei: Bomben in Boston. Irgen­dein Knal­lkopf (schon wieder so ein fies maskulis­tis­ches Wort!) hat am Mon­tag während eines Marathon­laufs in Boston zwei Bomben gezün­det, es gab min­destens drei Tote. Das Resul­tat war vorherse­hbar, die deutschen Medi­en ken­nen seit Tagen kaum ein wichtigeres The­ma. Wer tue denn so etwas, warum tue er (merke: im Ver­brechens­fall gilt offen­bar das gener­ische Maskulinum) es, und über­haupt wur­den Kinder gefährdet, Kinder!, das sei ger­adezu bes­tialisch.

Etwa zur gle­ichen Zeit explodierten im Irak diverse Auto­bomben, rund 40 Men­schen seien getötet wor­den, heißt es. Die tage­lange Trauer­be­flag­gung der deutschen Medi­en blieb trotz­dem aus. Ach, dort ist sowieso Krieg, da ster­ben ständig Leute, das ist nor­mal und keine Mel­dung wert? Dann ziehe ich meinen Ein­wand natür­lich zurück.

Irgend­wo muss so eine Gesellschaft ja auch ihre Pri­or­itäten set­zen. Oink!

Persönliches
Kinder statt Jugend? (Ein Nachtrag.)

Let­zte Woche mut­maßte ich, es gebe ein Feind­bild Jugend. So weit, so begrün­det. Heute nun schrieb Nutzerin “07elfe” fol­gen­den Tweet:

Solange ich nicht Mut­ter bin, darf ich selb­st das Kind bleiben, so seh ich das.

Während mir nicht ganz klar ist, wie viel Humor in diesem Tweet steckt, lässt er mich doch nach­den­klich wer­den. Ist das Selb­st­bild wer­den­der Eltern tat­säch­lich, dass die Zeit für Jux nun vorüber ist? Wie trost­los muss es sein, nicht mehr Kind sein zu dür­fen, weil man voll aufge­ht in der Rolle des Vor­bilds! Natür­lich ist es für die Entwick­lung eines Kindes als nicht kom­pat­i­bel mit gesellschaftlichen Nor­men anzuse­hen, wenn die Eltern bedröh­nt durch den Tag wan­deln und gele­gentlich fluchen und/oder unschöne Dinge tun, zum Beispiel alte Men­schen schub­sen oder BILD “lesen”.

Aber warum sollte man den Nor­men stets entsprechen?

Das staatliche Ide­al­bild eines Men­schen ist der Jasager, der sein spießiges kleines Leben unter dem Damok­less­chw­ert der Nor­men ver­bringt. Wer sich daneben­ben­immt, bege­ht damit sozialen Selb­st­mord oder beg­ibt sich zumin­d­est frei­willig in die Quar­an­täne. In diesen Trott gilt es nicht zu ver­fall­en. Warum sich selb­st den Spaß nehmen lassen?

So ungern ich das auch an dieser Stelle zugebe, aber die Serie “Gilmore Girls” habe ich kurzzeit­ig ver­fol­gt. Eine allein­erziehende Mut­ter in ein­er sit­com führt zwar wahrschein­lich ein meist etwas anderes Leben als die deutsche Haus­frau mit vorüberge­hend voll­ständi­ger Fam­i­lie, aber es gilt zu erken­nen, wo die Über­schnei­dun­gen liegen kön­nen. Wem ist geholfen, wenn der eigene Nach­wuchs seine Vor­fahren für lang­weilig, für wenig nachah­menswert hält? Let­z­tendlich möchte man in ein­er Phase seines Lebens oft anders sein als seine Eltern, denn die sind nor­maler­weise nicht cool. Warum nicht pos­i­tiv über­raschen?

Der Hedo­nis­mus ist wahrlich kein schlechter Rat­ge­ber, wenn die Lebens­führung selb­st einen Führer braucht. Das Leben ist zu kurz für Kom­pro­misse mit sich selb­st. Wenn man anders sein, seine Kinder bess­er erziehen will als man es selb­st in der Kind­heit erfahren hat, warum dann nicht mit Kon­se­quenz? — Tat­säch­lich sollte man stets ein Kind bleiben, um seine eige­nen Kinder zu ver­ste­hen. Nur wenig ver­führt mehr zu Mis­se­tat­en als der Reiz des Ver­bote­nen und das Bewusst­sein, dass das, was man tut, die Eltern ziem­lich verärg­ern würde, wären sie dabei.

So ist auch erk­lärt, warum die Jugendlichen, die lieben Jugendlichen, aus erwäh­n­tem Vor­beitrag stets die Bösewichte sind, deren Treiben es Ein­halt zu gebi­eten gilt. Natür­lich näm­lich waren die Erwach­se­nen, die Spießer unter dem Schw­ert, niemals jung, hat­ten niemals Spaß. Spaß war damals unter Strafe ver­boten. Beat­musik wurde natür­lich nicht gehört, die Röcke blieben immer unten, die Schuhe an den Füßen, und an Dro­gen war damals nicht zu denken; der anständi­ge Jugendliche von früher trank natür­lich nur Kräuter­tee und hat­te Spaß mit Büch­ern und Wan­dern. In wessen Dro­gen­hal­luz­i­na­tion diese Wirk­lichkeit sich einst befand, ist mir jedoch nicht bekan­nt.

Wer ein Vor­bild für ein Kind sein will, muss zunächst ein­mal in der Lage sein, selb­st Kind zu sein; wer will schon ein Kind haben, das sich ben­immt wie seine Erzieher?

Wenn es oben­drein wohler­zo­gen ist und im Bus und in der Bahn auch mal die Klappe hält, fände ich das ziem­lich spitze. Es wäre mir eine große Freude, hier­für den Aus­lös­er geliefert zu haben. Die Bla­gen gehen mir näm­lich wirk­lich enorm auf die Ner­ven.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt CLV: Schlechte Nachrichten!

Let­zte Woche im Guardian, übri­gens:

Nachricht­en sind schlecht für Sie, und wenn Sie aufhören, sie zu lesen, wer­den Sie glück­lich­er.

Schon das erste Argu­ment (frei über­set­zt) gefällt mir:

Nachricht­en führen in die Irre. Betra­cht­en Sie fol­gen­des Ereig­nis: Ein Auto fährt über eine Brücke, und die Brücke bricht zusam­men. Worauf konzen­tri­eren sich die Medi­en? Das Auto. Die Per­son im Auto. Woher sie kam. Wohin sie fahren wollte. (…) Aber das alles ist irrel­e­vant. Was ist rel­e­vant? Die struk­turelle Sta­bil­ität der Brücke. (…) Aber das Auto ist auf­fäl­lig, es ist drama­tisch, es ist eine Per­son (nicht abstrakt), und es ist eine Neuigkeit, die bil­lig zu pro­duzieren ist. Nachricht­en ver­leit­en uns dazu, mit ein­er völ­lig falschen Risikokarte in unseren Köpfen herumzu­laufen.

Unbe­d­ingt lesenswert.

Montagsmusik
Einstürzende Neubauten — Was ist ist

Und weil Mon­tag auch nur die Nachtruhe der Irra­tional­ität ein­läutet, ist er ander­er­seits der Beginn des final count­down, des let­zten Run­terzäh­lers bis zur weit­eren Eskala­tion.

Über­haupt, Eskala­tion.

Ein­stürzende Neubaut­en — Was Ist Ist

… ein Welt­ge­bäude ohne Wände, so viel Platz muss sein,
einen Mor­gen ohne Kater, ohne Reue, nicht allein.

Guten Mor­gen.

PersönlichesFotografiePiratenpartei
#lmvnds132

Gifhorn. Kann man mal hin, muss man aber nicht.

Jeden­falls nicht unvor­bere­it­et.

#LMVNDS132

Manche(*) nen­nen es Poli­tik.

* Pirat­en

NetzfundstückeNerdkrams
“Einmal Ubuntu — immer Ubuntu?” oder: PEBKAC! (2)

Im Dezem­ber 2011 schrieb ich bere­its über das gefährliche Selb­stver­ständ­nis von Lin­uxnutzern, die aus mir bis heute unklaren Grün­den der Mei­n­ung sind, der eige­nen Blöd­heit (“oh, ein Link, gle­ich mal draufk­lick­en”) begeg­ne man nicht etwa, indem man Grund­wis­sen über Sicher­heit­skonzepte lernt, son­dern, indem man ein­fach das Betrieb­ssys­tem wech­selt. Lin­ux passt schon auf, dass ich keinen Unsinn mache.

Tja.

Am Mon­tag veröf­fentlichte SPIEGEL-ONLINE-Autor Frank Pat­a­long das Ergeb­nis seines Selb­sttests nach einem Jahr Ubun­tu. Man muss nicht allzu viel über Betrieb­ssys­teme wis­sen, um darüber informiert zu sein, dass die Fir­ma Canon­i­cal, die hin­ter Ubun­tu ste­ht, ihr Best­möglich­es tut, um die Ähn­lichkeit­en zu anderen lin­uxbasierten Sys­te­men möglichst ger­ing zu hal­ten. “Ubun­tu = Lin­ux” ist also keine allzu gute Gle­ichung, auf der man einen solchen Artikel auf­bauen sollte.

Und der Artikel ist entsprechend grauen­voll gewor­den.

Schon der Ein­leitungssatz lässt den Fach­mann schief grin­sen: Von “Nie wieder Viren” ist dort die Rede. Inter­es­sant in diesem Zusam­men­hang ist vielle­icht dieser heise-secu­ri­ty-Artikel von 2012, der über einen Tro­janer­baukas­ten berichtet, der auch Lin­ux abdeck­en kön­nen soll, und auch The Reg­is­ter warnte 2012 vor Lin­ux-Rootk­its. Wer trotz Ken­nt­nis­nahme hier­von weit­er­hin die Lüge ver­bre­it­et, Lin­ux sei viren­frei und sich­er, der ist ein gefährlich­er Men­sch, der im Zweifels­fall mit­tels sein­er bewussten Lügen großen Schaden anricht­en kann. Ich empfehle solche Men­schen zu mei­den.

Noch mal für Doofe (zum Beispiel Frank Pat­a­long) zum Mitschreiben: Kein Betrieb­ssys­tem ist sich­er. Haben wir’s? Gut.

Weit­er im Text. Warum über­haupt Lin­ux? Nun:

Als Anfang Jan­u­ar 2012 ein Tro­jan­er meinen eigentlich gut geschützten Win­dows-Rech­n­er in Sekun­den unbrauch­bar machte, stand ich mit dem Rück­en zur Wand (…). Mein Umstieg auf Lin­ux war also mehr als nur die Kon­se­quenz des Viren­frusts — er war eine Not­maß­nahme.

Habt ihr aufgepasst, liebe Leser? Erken­nt ihr die Pointe? Gut. Weit­er:

Wenn Lin­ux läuft, dann gut. Die meis­ten Nutzer, die vor allem schreiben, das Inter­net nutzen, ein wenig Foto­bear­beitung treiben und Medi­en­in­halte abspie­len, bleiben bei Lin­ux, wenn sie sich ein­mal darauf ein­ge­lassen haben (…).

Das ist bei Win­dows, PC-BSD, Mac OS X und, meinetwe­gen, eCom­Sta­tion jet­zt auch nicht unbe­d­ingt anders, aber vielle­icht fehlten ein­fach noch ein paar Sil­ben für die näch­ste Hon­o­rarstufe.

Viel umler­nen muss man auch nicht, wenn man zu Ubun­tu oder zum eng ver­wandten Mint wech­selt. Die Office-Pro­gramme sind von denen in der Win­dows-Welt kaum zu unter­schei­den, die Inter­net­brows­er sind iden­tisch, Grafik- und Medi­en­soft­ware funk­tion­iert sehr ähn­lich.

Wenn man von Win­dows zu Ubun­tu (nicht Lubun­tu, Xubun­tu, …) wech­selt, sitzt man zunächst mal rat­los und/oder (in meinem Fall) angewidert vor der grauen­haften Uni­ty-Ober­fläche:

Unity 5.12 (Quelle: Wikipedia)

Da muss man nicht viel umler­nen, nur eben beina­he alles. Aber Fein­heit­en fall­en nicht weit­er ins Gewicht.

Dass Libre­Of­fice und Soft­Mak­er Office und Fire­fox und The GIMP unter Lin­ux ausse­hen wie unter Win­dows, ist keine große Über­raschung. Wer unter Win­dows allerd­ings Microsoft Office, Pho­to­shop und den Inter­net Explor­er — in den aktuellen Ver­sio­nen ist er dur­chaus akzept­abel — ein­set­zt, der wird ein Prob­lem haben. Kleinkram, nicht wahr?

Es fol­gt ein kurz­er Absatz über Dinge, die unter Lin­ux ner­ven, aber eigentlich über­haupt nicht ner­ven, ist ja alles nicht so schlimm; religiöse Beschwich­ti­gungs­formeln eben. Danach wird es aber wieder inter­es­sant:

Meist stellen Nutzer auch keine Lück­en im Soft­ware­ange­bot fest (fast 40.000 kosten­freie Pro­gramme).

Unter Win­dows gibt es ver­mut­lich deut­lich mehr kosten­freie Pro­gramme. Ist das ein Argu­ment? Wahrschein­lich nicht. Aber wo kommt die Zahl her? Tja, ste­ht da nicht. Ich unter­stelle, sie ist frei erfun­den. Nicht belegte Zahlen lassen stets Raum für Skep­sis. (Über­haupt: Kosten­los. Soft­Mak­er Office zum Beispiel kostet Geld, ist Libre­Of­fice trotz­dem in manch­er Hin­sicht klar über­legen. Qual­ität hat manch­mal ihren Preis. Aber auch die Kosten­loskul­tur scheint einen großen Reiz auf Lin­uxnutzer auszuüben, da stellt man die Qual­ität gern hin­ten an — was einiges erk­lärt.)

Ein pos­i­tives Erleb­nis ist der Per­for­mance-Zuwachs. Mit Ubun­tu startet mein Arbeit­slap­top rund vier­mal schneller als unter Win­dows, auf meinem Net­book fällt der Unter­schied noch größer aus.

Hier hat Herr Pat­a­long geschum­melt: Ohne die Ver­sions- oder Hard­ware­angaben kann diesen Test nie­mand wider­legen. Dass Win­dows 8 im Regelfall deut­lich schneller startet als etwa Win­dows Vista (und nach meinen Erfahrun­gen auch Ubun­tu 12.04), ist zumin­d­est mess­bar.

Meine Arbeit­srech­n­er sind über eine ver­schlüs­selte Ubun­tu-Cloud-App­lika­tion ständig syn­chro­nisiert, Manuskripte wird mir kein Virus mehr ins dig­i­tale Nir­vana befördern kön­nen.

Die Ubun­tu-Cloud ist also ver­schlüs­selt, und nie­mand, auch kein Geheim­di­enst, wird jemals darauf zugreifen kön­nen. Blind­er Tech­nikglaube hat schon manchem Men­schen das Leben schw­er gemacht. Eine Cloud-App­lika­tion dient im Zweifel allein der Ent­mündi­gung ihrer Benutzer, die die Kon­trolle über ihre eige­nen Dat­en an ein kom­merziell ori­en­tiertes Unternehmen abtreten. Frei­willig. Diesen Satz möge man bitte so oft lesen, bis man das flaue Gefühl der Erken­nt­nis ver­spürt. Bei ein­er solchen Kurzsichtigkeit ist es beina­he schon egal, dass Herr Pat­a­long die Lüge von den fehlen­den Viren nochmals wieder­holt.

Vor diesem Hin­ter­grund bekommt ein abschließen­der Satz eine ganz andere Sin­nebene:

Das macht es zum ide­alen Betrieb­ssys­tem für Leute, die sich als reine Nutzer ver­ste­hen, die sich mit Fra­gen der Soft­ware und Sicher­heit nicht befassen wollen oder kön­nen.

Wer näm­lich wirk­lich an Sicher­heit inter­essiert ist und sich ein wenig damit beschäftigt, der wird schnell ler­nen, dass ein Umstieg von Win­dows auf Lin­ux nur einige Symp­tome bekämpft, die Ursache — Leicht­gläu­bigkeit im Umgang mit dem Sys­tem — jedoch noch ver­schlim­mert. Anson­sten schafft man es immer noch zum SPIEGEL-ONLINE-Redak­teur. Auch eine Art “Kar­riere”.

Didi, überzeugter, zum Glück aber wenig überzeu­gen­der Lin­ux­predi­ger, schrieb, Win­dows und seine Nutzer seien ein Prob­lem. Ich halte dage­gen: Das Prob­lem sitzt immer vor’m Bild­schirm. PEBKAC.

Aber wer gibt schon gern zu, dass er selb­st das Prob­lem ist?

In den NachrichtenPiratenparteiMir wird geschlecht
Medienkritik in Kürze: Nochemaa #PiratinnenKon

Noch ein Kurz­er zum The­ma Piratin­nenKon:

Dem geschlecht­sneu­tralen Onlinepor­tal BRIGITTE.de (“Mode, Beau­ty, Fig­ur, Frauen” und so weit­er) gab Organ­isatorin Chris­tiane Schinkel ein Inter­view. Dort stellte sie unter anderem her­aus, dass in der Piraten­partei zu viele Män­ner einem Konkur­ren­z­denken unter­liegen wür­den, das der Gle­ich­berech­ti­gung im Wege ste­he.

Natür­lich kommt das Gespräch nicht ohne das lei­di­ge The­ma “die bösen Kri­tik­er” aus:

(…) auf Twit­ter brach im Vor­feld ein heftiger Shit­storm über uns hinein. Nicht von Pirat­en, son­dern von so genan­nten “Män­nerrechtlern”. (…) Von der “Dik­tatur des Fem­i­nis­mus” war da die Rede, oder es wurde uns unter­stellt, wir wür­den Män­ner auss­chließen. Für diese Män­ner sind Frauen, die für ihre Rechte kämpfen, ein Feind­bild.

(For­matierung von mir.)

Män­nerrechtler sind, wie der Name schon sagt, Män­ner, die für ihre Rechte kämpfen. Laut Mit­gliedern der — nach eige­nen Angaben — geschlech­ter­demokratis­chen Hein­rich-Böll-Stiftung (“Hein­rich Böll Stiftung”) sind sie oft ras­sis­tisch und homo­phob, und man müsse offen­siv mit ihnen umge­hen.

In den Regeln der Piratin­nenKon war vor der beab­sichtigten Ver­wässerung zu lesen:

Ich weiß, dass Wort­beiträge, die diesem The­ma ent­ge­gen arbeit­en oder wider­sprechen (z.B. Maskulin­is­mus, Män­nerrechtler) auf dieser Kon­ferenz keinen Raum erhal­ten wer­den.

Offen­sichtlich sind für die Frauen­rechtler Män­ner, die für ihre Rechte kämpfen, ein Feind­bild. Aber darüber schreibt BRIGITTE.de natür­lich nicht.

Rand­no­tiz: Die etwa 100 Teil­nehmer an der Piratin­nenKon am Woch­enende macht­en etwa 2,5 Promille aller Pirat­en aus.

PiratenparteiPolitik
Die Welt vom Sofa aus verändern: Digitales Demonstrieren auf Piratisch

Sehr geehrte Visa/MasterCard,

über die Piraten­partei habe ich selb­st wie auch viele andere auf­grund der unfass­bar bek­loppten “Piratin­nenKon” in den let­zten Tagen eini­gen Spott ergossen. Aber die Pirat­en wären nicht die liebenswerten Chaoten von früher, wenn sie nicht noch eine gehörige Schippe — hof­fentlich — Selb­stironie draufzule­gen wüssten.

Am 14. und 27. April 2013 wer­den — von mir an dieser Stelle, sofern zeitlich nicht unpassend, aus­drück­lich emp­foh­lene — Demon­stra­tio­nen gegen die Bestands­date­nauskun­ft stat­tfind­en. Hier­bei ist es von Belang, dass die zuständi­ge Regierung hier­von Ken­nt­nis nimmt. Die Piraten­partei geht mit gutem Beispiel voran: Nicht nur ruft der nieder­säch­sis­che Lan­desvor­sitzende jeden sein­er Ver­fol­ger dazu auf, sein Avatar­bild auf Twit­ter durch den Text “DEMO 14.4. NO #BDA” zu erset­zen, was zum Einen die einst recht über­sichtliche time­line viel­er Men­schen kein biss­chen unüber­sichtlich­er macht, zum Anderen die Herrschen­den sicher­lich immens beein­druck­en wird, son­dern es sind auch tat­säch­lich sin­nvolle Aktio­nen geplant.

Zum Beispiel eine weit­ere Demon­stra­tion. Eine Online-Demon­stra­tion. Per Tele­fonkon­ferenz. Heute Abend wird auf­tak­t­tele­foniert:

onlineBDADemo

Klar, die Piraten­partei will “Poli­tik 2.0” machen, frischen Wind und mehr Satire in der Poli­tik etablieren. Die Logik dahin­ter ver­ste­he ich aber noch nicht ganz. Was ich bish­er in Erfahrung brin­gen kon­nte, ist diese Herange­hensweise: Es gehe unter anderem um dig­i­tale Dat­en, deshalb solle eine Demon­stra­tion eben­falls dig­i­tal stat­tfind­en. Zugegeben, schwachsin­niger Sym­bol­protest wie dieser hat ja Tra­di­tion, man denke nur an die Femen­proteste, in deren Ver­lauf Frauen mit nack­tem Oberkör­p­er gegen Sex­u­al­isierung protestieren.

Aber eine Online-Demon­stra­tion? Per Mum­ble? Begleit­et von einem Video, wie man Mum­ble instal­liert, falls irgen­dein Teil­nah­mewil­liger — auf welche Weise auch immer er von der Aktion erfahren hat — noch nie so einen Kom­pjuter ange­fasst hat?! Macht die CDU etwa auch mit?

Es ist selb­stver­ständlich nicht zu erwarten, dass jed­er, der gegen die Bestands­date­nauskun­ft protestieren möchte, son­der­lich inter­netaf­fin ist. Allein: Während der “Frei­heit statt Angst”-Demonstrationen 2009 skandierte man “wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns die Frei­heit klaut”. So ein Protest­pi­rat wird aber auch nicht jünger. Er möchte nicht mehr laut sein, er möchte nicht ein­mal mehr hier sein. “To mum­ble” bedeutet etwa so viel wie “Murmeln”. Das Rauschen im frischen Wind.

Aus Protest gegen die elek­tro­n­is­che Gesund­heit­skarte werde ich jet­zt erst mal krank. Vive la révo­lu­tion!

Persönliches
Feindbild Jugend

Die außer­halb von Mil­itär, Aktivis­mus und Sport seit jeher pop­uläre These, die Jugend sei von Grund auf ver­dor­ben, zieht immer noch weite Kreise.

Ich kann ja ver­ste­hen, dass man als pars pro toto gern diejeni­gen als Beispiel her­anzieht, die aus der Menge her­ausstechen. Recht häu­fig werde ich etwa Ohren­zeuge von Gesprächen zwis­chen Jugendlichen, die von jüng­sten Geschehnis­sen bericht­en und jed­er gle­ich wie öden Teil­erzäh­lung ein “vor allem, das Geil­ste war” voranstellen. Fällt diese Phrase, so kann man get­rost davon aus­ge­hen, dass irgen­dein lah­mer Pups- oder ver­gle­ich­bar­er Witz fol­gt.

Let­zte Woche stand ich an ein­er Bushal­testelle herum, an der Namen wie “Schweiger­straße” von unge­lenker Hand mit “Till-Schweiger-Straße” über­schrieben wur­den, “Lin­den” etwa mit “Indi­en”. Um den Hal­testel­lenpfos­ten mit diesen Auf­schriften herum standen Lesean­fänger, die (löblich!) ver­sucht­en, die Schrift zu iden­ti­fizieren. Ein­er von ihnen stellte fest, dass das gar nicht die kor­rek­ten Namen waren, son­dern dass da jemand was Falsches hingeschrieben hat. Nein, nicht jemand: “Das waren Juu­u­u­gendliche!” (Beto­nung nachemp­fun­den). Warum nur Jugendliche schwarze Leucht­s­tifte sowie die bierselige Laune, “Lin­den” mit “Indi­en” zu über­schreiben, besitzen soll­ten, ist mir schleier­haft. Auszuschließen ist zumin­d­est, dass es eventuell nicht allzu außergewöhn­liche Frauen in ihren Zwanzigern waren, denn die wis­sen nor­maler- wie über­flüs­siger­weise, wie man Til Schweiger richtig schreibt.

Ein anderes Beispiel: In ein­er hier nicht weit­er bedeut­samen Kle­in­stadt wer­den gele­gentlich wiederum die Glaswände ein­er bes­timmten Bushal­testelle zer­stört und/oder beschmiert. Die Stadtpfleger hat­ten das irgend­wann der­maßen satt, dass sie einen offe­nen Brief aushängten, in dem sin­ngemäß etwa stand, dass die lieben Jugendlichen doch bitte damit aufhören soll­ten. Nur Jugendliche kämen auf die Idee, Glass­cheiben zu zerstören!!1 Kindliche Mut­proben, alko­holin­duziertes Fehlver­hal­ten ver­meintlich Erwach­sen­er? Gibt es nicht, darf es nicht geben. Das wäre doch schade um die Stereo­typ­isierung. (Merk­würdig, dass trotz­dem noch so viele von der ewigen Jugend träu­men. Das Finan­zamt fände das auch nicht gut.)

Nicht, dass ich ein nen­nenswertes Prob­lem damit hätte, dass mir ältere Men­schen immer noch mit erschrock­en­em Blick auswe­ichen, wenn ich ihnen in der Stadt ent­ge­genkomme; nicht, dass ich ein nen­nenswertes Prob­lem damit hätte, dass ich im öffentlichen Per­so­nen­nahverkehr meist Platz habe, um mich auszubre­it­en, weil ältere Mitreisende einen großen Bogen um mich machen und ihren Ehep­art­nern, die sie fra­gend anse­hen, leise erk­lären, dass dort schon ein junger Mann sitze und man deswe­gen also nicht den freien Platz neben ihm ein­nehmen könne. Im Gegen­teil, ich begrüße dies, denn es kommt mein­er Freude an aus­re­ichend Bein­frei­heit oft sehr ent­ge­gen. Eben­so stört es mich nicht im Ger­ing­sten, für einen Jugendlichen gehal­ten zu wer­den. Was mich aber stört, sind Pauschal­isierun­gen auf meine Kosten, obwohl ich diese Kosten liebend gern zahle.

Dass die Pro­tag­o­nis­ten in Wer­bekam­pag­nen gegen Alko­holis­mus meist jugendlich sind, ist sich­er auch nur Zufall.

Ich war nie so.