In den NachrichtenPiratenpartei
„Mit dem Han­dy kom­me ich sogar in die Zei­tung!“

In der belieb­ten Rei­he „Pira­ten geben dum­me Ant­wor­ten auf dum­me Pres­se­fra­gen“ hat René Rott­mann im Gespräch mit den West­fä­li­schen Nach­rich­ten nach­ge­legt.

Es beginnt mit einer schwach­sin­ni­gen (und schon viel zu oft beant­wor­te­ten) Fra­ge:

„Fluch der Kari­bik“ ist ein tol­ler Pira­ten­film, die Pira­ten vor Afri­ka sind schlech­te Men­schen – Pira­ten, ein doo­fer Name?

Pri­ma wäre eine Ant­wort wie: „(Ihre dümm­li­che und vor allem abge­lutsch­te Ein­stiegs­fra­ge ver­dirbt mir bereits bei­na­he die die Lust, wei­ter mit Ihnen zu reden, aber gnä­di­ger­wei­se) möch­te ich zumin­dest dar­auf ver­wei­sen, dass unser Name nichts mit See­räu­bern zu tun hat.“

Eher ungut hin­ge­gen ist unter ande­rem die gege­be­ne Ant­wort:

Der Name ist histo­risch gewach­sen. Er kommt aus Schwe­den und hängt zusam­men mit einer ver­bo­te­nen Inter­net-Platt­form, die vie­le Men­schen genutzt haben. Und wir machen ja auch was Gutes mit dem Namen Pira­ten. Und schließ­lich ist man ja auch kein schlech­ter Mensch, wenn man im Inter­net Fil­me her­un­ter­lädt.

Es ist zwar sach­lich kor­rekt, dass die Pira­ten­par­tei dem Dunst­kreis der Tausch­bör­se The Pira­te Bay ent­stammt, aber die­se ist nicht ver­bo­ten. (Eine Tausch­bör­se mit dem Her­un­ter­la­den von Kino­fil­men gleich­zu­set­zen ist übri­gens ein Faux­pas, den die Indu­strie gern begeht. Von einem Pira­ten hät­te ich hin­ge­gen mehr erwar­tet.) Das wäre natür­lich eine Steil­vor­la­ge gewe­sen, dem Fra­ge­stel­ler in Kür­ze nahe zu brin­gen, war­um und in wel­chem Aus­maß die Pira­ten­par­tei sich für die Refor­mie­rung des Urhe­ber­rechts stark macht. Statt­des­sen wur­de sich hier dem Duk­tus der poli­ti­schen Geg­ner ange­passt. Damit wur­den 100 Pro­zent der Chan­cen, dass das Inter­view irgend­ei­ne Rele­vanz bekommt, ver­spielt. Anson­sten: Glatt gebü­gel­tes Geschwa­fel. Das ist etwas scha­de.

Und was qua­li­fi­ziert Herrn Rott­mann dazu, aus­ge­rech­net Direkt­kan­di­dat zu sein? Nun:

(…) es sind – wenn es hoch kommt – 15 akti­ve Pira­ten. Es gibt kei­nen Kreis- oder Orts­ver­band. Aber alle Pira­ten aus dem Wahl­kreis haben ein­stim­mig mich gewählt und die ste­hen auch voll hin­ter mir.

Wie vie­le von die­sen höch­stens 15 Pira­ten wahl­be­rech­tigt und anwe­send waren, weiß ich zwar nicht, jedoch gehe ich auf­grund von Erfah­rungs­wer­ten mit ande­ren Auf­stel­lungs­ver­samm­lun­gen davon aus, dass es nicht viel mehr als 4 waren. Dass die­se 4 sich auf einen Kan­di­da­ten eini­gen konn­ten, ist wahr­lich erstaun­lich.

Eines aber hat René Rott­mann ver­stan­den:

Die Leu­ten wol­len die Land­tags- oder Bun­des­po­li­ti­ker nicht mehr hören, die schwa­feln ja nur.

Er zieht jedoch die fal­schen Kon­se­quen­zen, wenn er sei­ne Eig­nung für den Bun­des­tag beschreibt:

Durch mei­ne Aus­bil­dung bin ich sehr geübt im Umgang mit Geset­zes­tex­ten. Und ich kann nicht schwa­feln, das ist eine mei­ner Stär­ken.

Aber kennt René Rott­mann über­haupt sei­nen Wahl­kreis?

Blicken wir in die Regi­on, die­sen etwas spe­zi­el­len Wahl­kreis rund um den Groß­raum Ibben­bü­ren mit Ems­det­ten, Gre­ven und Saer­beck als Anhäng­sel – ken­nen Sie sich aus im Teck­len­bur­ger Land?

Rott­mann: Mit dem Bus kom­me ich da bestimmt hin. Ich bin digi­tal Nati­ve, ich mache alles mit dem Han­dy. Ich kann über­all alles fin­den.

In ande­ren Wor­ten: „Nie davon gehört, aber ich kann ja mal die Wiki­pe­dia fra­gen.“ – „Ich mache alles mit dem Han­dy“ ist jeden­falls ein ziem­lich inter­es­san­ter Kern­satz in die­sem Dia­log, über den jeder Leser nun für ein paar Minu­ten sin­nie­ren soll­te, bis er sei­ne kom­plet­te Gur­kig­keit erfasst zu haben glaubt.

Dann geht es wei­ter. Nach eini­gem Geplän­kel über Schul­for­men und ‑refor­men („wir brau­chen … eine ein­zi­ge Schul­form, bei der alles raus­kom­men kann“, ahja) wird es wie­der per­sön­lich. Wo wol­le er, René Rott­mann, Akzen­te set­zen?

Der Gesell­schaft die Illu­si­on der Voll­be­schäf­ti­gung zu neh­men ist ein Schwer­punkt.

Ich weiß nicht, ob „Ihr könnt übri­gens nicht alle arbei­ten!“ ein gutes Wahl­kampf­mot­to ist, aber der Ver­such kann ja nicht scha­den, nicht wahr? Wer mit einer der­ar­ti­gen poli­ti­schen Unbe­darft­heit in den Wahl­kampf zieht, hat noch nicht auto­ma­tisch ver­lo­ren, immer­hin ist die Lai­en­haf­tig­keit einer der mensch­li­chen Vor­zü­ge der Pira­ten­par­tei; ein biss­chen umsich­ti­ger könn­te man aller­dings schon sein. Der Nach­satz, man habe statt­des­sen immer­hin ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men im Pro­gramm, rela­ti­viert den Schwer­punkt nur unzu­rei­chend.

(Für die mun­te­ren Mit­le­ser emp­foh­le­ner Such­be­griff: „Demo­gra­fi­scher Wan­del“.)

Auf die Fra­ge, ob er Angst habe zu schei­tern, ant­wor­te­te René übri­gens:

Nein! Bei der Land­tags­wahl habe ich es ja auch geschafft, die Pira­ten nicht zu bla­mie­ren.

Gut, dass zumin­dest die­ser Feh­ler end­lich beho­ben wer­den konn­te.

(Offen­le­gung: René ist mir – mehr oder weni­ger – per­sön­lich bekannt und eini­ges von mir gewohnt.)