Sonstiges
Von der Unsterb­lich­keit

„Schei­ße, ich frag‘ mich, wel­cher gott­ver­damm­te Zau­ber hält die­se lee­re Hirn­wasch­kul­tur am Leben?“
– Slime: Unsterb­lich


Das Phi­lo­so­phie­ma­ga­zin „Hohe Luft“, des­sen Name sicher irgend­et­was Tief­schür­fen­des zu bedeu­ten hat, stellt in sei­ner aktu­el­len Aus­ga­be die rhe­to­ri­sche Fra­ge, ob der Tod wirk­lich das Ende des Lebens zu bedeu­ten habe, nur um sie sogleich zu ver­nei­nen. Was aber bleibt vom Leben?

Unsterb­li­che Figu­ren unse­rer Tage sind unter ande­rem der olle Jesus, Elvis, Andy War­hol und Mari­lyn Mon­roe. Erste­rer ist viel­leicht auf­grund der nicht zwei­fels­frei gesi­cher­ten Gescheh­nis­se sepa­rat zu betrach­ten. Fan­gen wir doch gleich mal mit ihm an. Jesus (der über­lie­fer­te, nicht ein­mal der histo­risch beleg­te, der ver­mut­lich eher unspek­ta­ku­lär leb­te und starb) ist heu­te unsterb­lich, weil ihm vie­le Wun­der nach­ge­sagt wer­den (eigent­lich soll­te Ras­pu­tin auch eine Reli­gi­on bekom­men) und die Kano­ni­sie­rung des Neu­en Testa­ments nur die vor­teil­haf­ten Geschich­ten über ihn kumu­lier­te. Der Mythos Jesus wur­de also künst­lich auf­ge­baut, um eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur zu haben, die jahr­hun­der­te­lang das stil­le Vor­bild für die Chri­sten sein soll­te. (Aus gutem Grund sind außer­ka­no­ni­sche Schrif­ten heut­zu­ta­ge kaum ver­brei­tet.) Die­se Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur ist auch vie­le Jahr­hun­der­te nach ihrem Tod den mei­sten Men­schen in ihrem angeb­li­chen Wir­ken bekannt; man­che nen­nen es „Tra­di­ti­on“. Die­se Art der Unsterb­lich­keit ist eine, die dem Unsterb­li­chen ziem­lich pein­lich wäre, wür­de er irgend­wann ins Reich der Leben­den zurück­keh­ren, wie es ja immer wie­der pro­phe­zeit wird. Wäre ich maß­geb­lich dafür ver­ant­wort­lich, dass jahr­hun­der­te­lang ziem­lich unan­ge­neh­me Krie­ge geführt wür­den, ich wür­de mich wohl prompt ein zwei­tes Mal ziem­lich tot füh­len.

Die­ser Jesus also ist eine Aus­nah­me, denn er ist nicht unsterb­lich in dem, was er uns hin­ter­las­sen hat. Anders sieht es bei Elvis, Andy War­hol und Mari­lyn Mon­roe aus. Alle drei haben in ihrem Fach­ge­biet („Musik“, „Kunst“ und „Schau­spiel“) Din­ge voll­bracht, an denen wir uns noch ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter direkt, ohne Umweg über ver­staub­te Bücher oder die stil­le Post, zu erfreu­en ver­mö­gen, so uns denn der Sinn danach steht. Die machten’s, so „Hohe Luft“, offen­bar rich­tig: Sie schu­fen mehr oder weni­ger Gro­ßes für die Nach­welt, die wohl noch über meh­re­re Gene­ra­tio­nen hin­weg das Lob­lied der Erschaf­fer sin­gen wird.

Wir aber, was wird aus uns, die wir nicht viel erschaf­fen, was von Wert ist? Unse­re Tweets wer­den irgend­wann genau so ver­schwin­den wie unse­re län­ge­ren Tex­te, unse­re gele­se­nen E‑Books, unse­re E‑Mails. Nur das E‑Government wer­den wir nicht mehr los. Unse­re Nach­fah­ren wer­den viel­leicht noch unse­re Plat­ten­samm­lung bewun­dern, unse­re Bücher­samm­lung, viel­leicht gar etwas dar­aus in den eige­nen Bestand über­neh­men und sich dar­an erfreu­en. Als Men­schen jedoch wer­den wir wohl über­wie­gend schlicht weg sein. Und war­um soll­te uns das stö­ren?

War­um strebt der Mensch danach, nach dem Tod noch etwas zu bedeu­ten? Viel­leicht ist es die Ver­zweif­lung, die Wei­ge­rung zu akzep­tie­ren, dass das Leben umsonst gewe­sen sein soll. Leben, um unsterb­lich zu wer­den, erscheint mir aller­dings etwas unvoll­kom­men. Jemand, der immer nur nach Ein­fluss, Bekannt­heit oder son­sti­ger Macht strebt, fin­det neben­bei nur schwer­lich Zeit, an sei­nem Leben aktiv teil­zu­neh­men. Was muss ein sol­cher Mensch nur für ein Leid erdul­den! Nein, zum Idol soll­ten wir ihn uns nicht machen, viel­mehr sei­nen Tod als mah­nen­des Bei­spiel ehren: Seht ihn an, den erfolg­rei­chen Men­schen! Auf dem Weg zur Unsterb­lich­keit ver­säum­te er es zu leben, und nun ist er auf ewig gefan­gen in sei­ner Berühmt­heit und weiß doch nichts mehr dar­aus zu machen als sei­nen Erben das Leben zu ver­kom­pli­zie­ren.

Die­se Men­schen wol­len nicht unsterb­lich über den Tod hin­aus wer­den, sie wol­len die­se Unsterb­lich­keit bereits zuvor genie­ßen kön­nen. Die 15 Minu­ten Ruhm, die Andy War­hol jedem Men­schen pro­phe­zei­te, wol­len genos­sen und aus­ge­lebt wer­den. Ich kann mir zwar vor­stel­len, dass es eine erle­bens­wer­te Erfah­rung ist, wenn man auf der Stra­ße erkannt und freu­dig umju­belt wird, aber ist das bereits die­se Unsterb­lich­keit, die bereits Kant in Grund­zü­gen ver­stand?

Tat­säch­lich soll­ten wir unse­re eige­ne Sterb­lich­keit nicht zu besie­gen ver­su­chen, son­dern jeden Tag auf’s Neue vor unse­re Augen hal­ten, denn jeder ver­stri­che­ne Tag ist eine ver­ta­ne Chan­ce. Ihr soll­tet das nut­zen.

(Und ich soll­te auf­hö­ren, Phi­lo­so­phie­ma­ga­zi­ne zu lesen.)


„Das letz­te Hemd hat kei­ne Taschen, er nimmt bestimmt nichts mit.“
– Die Toten Hosen: Ehren­mann

Senfecke:

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