Persönliches
Rhabarberfrauen / Warum es “das” und nicht “der” Bahnservice heißt

Gele­gentlich bin ich, bed­ingt durch den Man­gel an ver­gle­ich­baren Alter­na­tiv­en, in Zügen der Deutschen Bahn unter­wegs. Nicht immer lässt es sich da ver­mei­den, ein Abteil mit Men­schen mit obskur­er Erschei­n­ung und/oder obskurem Ver­hal­ten zu teilen.

So auch heute, als mir gegenüber eine Frau in ihren geschätzten Vierzigern saß. Das Erste, was ich von ihr allerd­ings nach ihrem Ein­stieg bemerk­te, war ein auf­fal­l­end forsch auf den Tisch zwis­chen uns gelegtes “Emma”-Magazin. Nun, der erste Ein­druck zählt. Dass das Mag­a­zin nach der Platzierung sein­er Besitzerin selb­st in deren Tasche ver­schwand (sie hat­te mich alles Notwendi­ge ja bere­its wis­sen lassen), macht Gese­henes also nicht ungeschehen. Nun saß ich ab ein­er Sta­tion — Hamm, wenn ich mich recht entsinne — ein­er Frau gegenüber, die Elke Hei­den­re­ich ähn­lich sah, ständig irgendwelche Noti­zen machte und gele­gentlich zu Recht mis­strauisch zu mir herüberblick­te. Aus ihrem Ruck­sack aber ragte nicht etwa besagtes Mag­a­zin her­vor, son­dern Rhabar­ber. Den Schaffn­er, der fragte, ob sich unter den Fahrgästen auch Zugestiegene befän­den (ver­mut­lich gehen Schaffn­er inzwis­chen davon aus, dass die meis­ten Pas­sagiere bere­its im Zug geboren wer­den), würdigte sie indes keines Blick­es.

Wahrschein­lich schwarz fahrende Frauen über dreißig, die im Ruck­sack “Emma” und Gemüse trans­portieren — der neue Fem­i­nis­mus treibt gele­gentlich skur­rile Blüten.

Aber auch ohne diese Begeg­nun­gen ist das Fahren mit der Bahn oft ein Vergnü­gen für uns Lei­dens­fro­he. Ein Beispiel: Vor eini­gen Wochen machte ich den Fehler, aus der Gegend um Dort­mund nach Nieder­sach­sen fahren zu wollen. Dass diese Strecke für ihre Attrak­tiv­ität auf Selb­st­töter bekan­nt ist, war bis dahin zwar ein Gerücht, das ich häu­fig gehört hat­te, mehr jedoch auch nicht.

Nun, an diesem Tag wurde ich eines Besseren belehrt. (Men­schen, die sich so umbrin­gen, dass es möglichst vie­len anderen Men­schen den Abend verdirbt, sind nicht meine lieb­sten.) Infolge eines entsprechen­den Zwis­chen­falls ver­passte ich meinen Anschlusszug eben­so wie einen alter­na­tiv­en Zug wenig später. Die zumin­d­est ver­ständi­ge Schaffner­in ver­wies mich nach eini­gen Tele­fonat­en darauf, dass sie nicht weit­er­wisse, und damit auf das Bah­n­per­son­al am Bahn­hof Han­nover. Aus­gerech­net Han­nover.

Das so genan­nte “Ser­vi­ceper­son­al” in Han­nover, wo ich irgend­wann doch noch ankam, erk­lärte mir, ich könne auf der let­zten Teil­strecke ein Taxi auf, immer­hin, Bahnkosten nutzen, wenn ich das im Fol­gezug bekan­nt­geben würde, wo man mir ein entsprechen­des “Tick­et” ausstellen könne. Der Zug­be­gleit­er im Fol­gezug jedoch sah das anders; ihm zufolge sei die Schaffner­in im ersten Zug dafür zuständig gewe­sen.

Kurz­fas­sung des Vor­gangs, um die tem­po­ralen Kausal­itäten bess­er darstellen zu kön­nen: Zug 1 ver­weist mich an Per­son­al auf dem Bahn­hof, Per­son­al dort ver­weist mich an Zug 2, Zug 2 sagt, Zug 1 wäre zuständig gewe­sen, tja, Pech gehabt. Angesichts dieser Logikkette ist die selt­same bahn­seit­ige Auf­fas­sung davon, wie viele Sekun­den eine Minute hat, immer­hin ver­ständlich: Zeitliche Zusam­men­hänge sollte man kon­se­quent mit gle­ich­er Ein­heit messen.

Die Bahn hat auch nicht mehr jedes Teeser­vice im Schrank.

“Die Erhal­tung der Reichs­bahn und ihre möglichst schnelle Zurück­führung in die Macht des Reich­es ist eine Auf­gabe, die uns nicht nur wirtschaftlich, son­dern auch moralisch verpflichtet.”
– Adolf Hitler, 23. März 1933

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXIII: Na, auch antidemokratisch?

Ihr engagiert euch in ein­er dieser “NGOs”, dieser Arbeit­skreise und Arbeits­grup­pen, etwa dem AK Zen­sur oder dem Vere­in “Mehr Demokratie”? Dann hat unser Innen­min­is­ter schlechte Nachricht­en für euch:

Das Dossier zur “Neuaus­rich­tung der Beobach­tung­sprax­is” beschreibt dem Bericht zufolge sechs Linken-Grup­pierun­gen als ver­fas­sungs­feindlich. (…) Indizien für eine anti­demokratis­che Gesin­nung seien (sic!) bere­its der Ver­such, mit außer­par­la­men­tarischen Bewe­gun­gen zu pak­tieren (…).

“Wir sind Ter­ror­is­ten, wir bomben euch ins All.”
– Heit­er bis Wolkig: “Ter­ror­is­ten”

In den Nachrichten
Andrej Holm, relativ recherchiert.

Auf SPIEGEL ONLINE ver­wiesen zwei Autoren gestern auf eine Studie, die belegt, dass häus­liche Gewalt gegen Män­ner dur­chaus gele­gentlich vorkommt. Gemäß der Studie — die sex­uelle Gewalt wurde lei­der nicht berück­sichtigt — sind Frauen und Män­ner beina­he gle­ichauf.

Manchen Autoren scheint es schw­erz­u­fall­en, dem Grund­satz zu fol­gen, der Leser möge Gebrauch von sein­er eige­nen Medi­enkom­pe­tenz (ger­ade in Bezug auf Stu­di­en und den SPIEGEL im All­ge­meinen) machen, und so dauerte es nicht lange, bis Andrej Holm für den “Fre­itag” die Studie ver­riss. Sein­er Absicht, die SPIEGEL-Autoren als frauen­feindliche Mies­linge darzustellen, kommt der Ver­riss aber eher nicht zupass:

Nur ein knappes Vier­tel der Gewal­ter­fahrun­gen gegen Frauen (1,2%) wird von den einge­s­tande­nen Gewalt­tätigkeit­en von Män­nern (0,3%) gedeckt.

Um die bei­den Prozen­twerte jedoch gegeneinan­der aufrech­nen zu kön­nen, ist es notwendig, dass die absoluten Zahlen iden­tisch sind, also gle­ichviel Männlein und Weiblein befragt wur­den. Der Studie ist zu ent­nehmen, dass das Quatsch ist:

Aktive und pas­sive Erfahrun­gen kör­per­lich­er und psy­chis­ch­er Gewalt wur­den im Alters­bere­ich von 18 bis 64 Jahren bei ins­ge­samt 5939 Teil­nehmerin­nen und Teil­nehmern, davon 3149 Frauen und 2790 Män­ner (ungewichtete Angaben) erhoben.

Somit ist davon auszuge­hen, dass Andrej Holm die Zahlen sehr wohl bekan­nt sind — die bloßen Prozen­twerte, die ver­hält­nis­mäßig ger­ing scheinen, besitzen also kaum rel­e­vante Aus­sagekraft. 0,3 Prozent von 3149 sind eben nicht 0,3 Prozent von 2790. Somit macht Andrej Holm den gle­ichen Fehler, den er den SPIEGEL-Autoren vor­wirft, wenn er bloße Ver­hält­nisse bemüht:

Die Dif­ferenz zwis­chen Gewal­ter­fahrung von Män­nern (6,9%) und ihren eige­nen Gewalt­tätigkeit­en (3,9%) fällt dabei deut­lich größer aus als bei den Frauen (3,3% vs. 3,4%).

(Dass die Dif­ferenz bei Frauen ins Neg­a­tive geht, die Gewaltver­hält­nisse also kon­trär sind, sei hier aus didak­tis­chen Grün­den nicht weit­er berück­sichtigt.)

Ob die Unter­schiede in den absoluten Zahlen nun eher für Her­rn Holm oder für die SPIEGEL-Autoren sprechen, sei außer Acht gelassen. Gewitzt und somit beachtlich ist vor diesem Hin­ter­grund jedoch Her­rn Holms Fest­stel­lung, dass “mehr Frauen als Män­ner von Gewal­ter­fahrun­gen in der Part­ner­schaft bericht­en”; Kun­st­stück, wenn mehr Frauen als Män­ner befragt wer­den, nicht wahr?

Jour­nal­is­mus: Die Fähigkeit, Medi­enkom­pe­tenz der gewün­scht­en Diskus­sion­srich­tung unterzuord­nen.

Und ich nehme doch so ungern den SPIEGEL in Schutz!

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXII: Ein klares Signal; wie aus der Pistole geschossen.

Was macht eigentlich Gui­do West­er­welle (F.D.P., das war die Partei mit dem lusti­gen Vor­sitzen­den) ger­ade? Nun, er ist immer noch Außen­min­is­ter Deutsch­lands, und als ein solch­er hat­te er sich jüngst mit seinen Amt­skol­le­gen aus dem Rest der Europäis­chen Union zusam­menge­set­zt und sich darüber unter­hal­ten, wie man mit Syrien, in dem ger­ade ein Bürg­erkrieg stat­tfind­et, umzuge­hen hat.

Endlich gibt es eine Lösung:

Am Ende kon­nten sich die Außen­min­is­ter nicht auf eine Ver­längerung des EU-Waf­fen­em­bar­gos eini­gen — und damit ihren Stre­it in der Frage von Waf­fen­liefer­un­gen bei­le­gen. Damit läuft das Embar­go gegen Syrien automa­tisch an diesem Fre­itag um Mit­ter­nacht aus.

Eigentlich löst das nicht nur das Syrien‑, son­dern auch das Krisen­prob­lem: Deutsch­land als treibende Kraft im weltweit­en Waf­fen­han­del benötigt drin­gend einen neuen Auf­schwung, und der wäre so zumin­d­est sichergestellt, wenn auch nicht lange. Jeden­falls für Erle­ichterung ist so gesorgt:

In deutschen Ver­hand­lungskreisen herrschte danach große Erle­ichterung über den Kom­pro­miss. “Alles andere wäre ein fatales Sig­nal gewe­sen, des Nichthandels an Assad und der Hand­lung­sun­fähigkeit der EU”, hieß es am Dien­stag.

Denn, genau!, was sollen die Leute denken, wenn die EU sich nicht ein­mal dafür entschei­den kann, Waf­fen in ein Kriegs­ge­bi­et zu liefern? Undenkbar, sage ich.

Auf die EU ist eben Ver­lass.

Montagsmusik
SchizofrantiK — Men Without Souls

Was machen momen­tan eigentlich High Wheel, die nach meinem Dafürhal­ten viel zu wenig beachteten bayrischen Retro-Prog-Musik­er, die zulet­zt 2006 das Liveal­bum “Live Before The Storm” veröf­fentlicht haben?

Nun, so genau weiß ich es nicht. Der Gitar­rist und der Bassist jedoch taucht­en unlängst als Hin­ter­grund­chor bei den gle­ich­falls bayrischen Funk-Prog-Ver­rück­ten Schizofran­tiK auf:

Schizofran­tiK — “men with­out souls”

Dieses Bay­ern sollte man wahrschein­lich im Auge behal­ten.

Zunächst aber: Guten Mor­gen!

Netzfundstücke
Gute Laune dank Bahn-App!

Als gele­gentlich­er Bah­n­reisender werde ich häu­fig Zeuge der Qual­ität­sof­fen­sive der Deutschen Bahn. Aktuell spülte mir diese Offen­sive eine Umfrage zu den diversen Dien­sten der Deutschen Bahn ins Post­fach, die zweifel­sohne ihres­gle­ichen sucht.

“Ihre Schaffn­er sind unfre­undlich, Ihre Preise zu hoch und Ihre Fahrpläne nicht mal als Klopa­pi­er tauglich” lautete lei­der keine Auswahlmöglichkeit; stattdessen fragte man mich unter anderem nach meinen Erfahrun­gen mit den mobilen apps der Deutschen Bahn. Ach, die Funk­tion­al­ität? Weit gefehlt!

Bahnumfrage

“Jede Zelle meines Kör­pers ist glück­lich, jede Kör­perzelle fühlt sich wohl.”
– aus bekan­ntem Video mir unbekan­nten Ursprungs


Apro­pos glück­lich: Drüben auf Geras­po­ra erk­lärte ich aber­mals, warum der Zauber der Piraten­partei ver­flo­gen scheint.

MusikIn den Nachrichten
Medienkritik in Kürze: Der SPIEGEL und die Begleitsolisten

Nein, Hans Hielsch­er (SPIEGEL ONLINE), ein­fach nein:

Der Jazz-Kon­tra­bassist Char­nett Mof­fett ent­pup­pt sich mit seinem Album als vir­tu­os­er Solist. Auch andere Kün­stler befreien sich von ihrer Rolle als Hin­ter­grund­musik­er.

Der Kon­tra­bassist ist im Jazz keineswegs dazu ver­dammt, ein Hin­ter­grund­musik­er zu sein, nur, weil sein Name nicht promi­nent auf dem Schallplat­ten­cov­er zu find­en ist. Seine Arbeit ist ein tra­gen­des Ele­ment eines jeden Jaz­zal­bums, gern auch erset­zt durch einen E‑Bass-Spiel­er — der dann wiederum eben­falls kein bloßer Hin­ter­grund­musik­er ist, auf ewig dafür zuständig, dem Sänger zur Promi­nenz zu ver­helfen.

Aber ich ver­ste­he Sie, Hans Hielsch­er, schon, wenn Sie davon aus­ge­hen, dass nur rel­e­vant ist, wer die Kam­eras auf sich fix­ieren lässt. Es ist aber nicht die Schuld der Bassis­ten, wenn “Musikjour­nal­is­ten” wie Sie, Hans Hielsch­er, immer nur die Front­per­son abzu­bilden pfle­gen. Wenn Sie sich nicht dafür inter­essieren, dass eine Musik­gruppe nicht nur aus einem Sänger oder einem Gitar­ris­ten beste­ht, soll­ten Sie das mit der Musik bei SPIEGEL ONLINE ander­er­seits vielle­icht ein­fach lassen.

PolitikIn den Nachrichten
Die SPD, die ewige Zweite.

Sig­mar Gabriel hat sich als gegen­wär­tiger Parte­ichef der SPD ver­mut­lich schon daran gewöh­nt, gele­gentlich nicht ganz die Wahrheit zu sagen und das mit den Ide­alen nicht mehr ganz so ernst zu nehmen wie die Grün­der der Partei. Nach dem bis­lang let­zten seit­ens Deutsch­lands so deklar­i­erten Weltkrieg hat sich die SPD etwa gegen die Wieder­aufrüs­tung des Lan­des gewehrt, heute find­et sie das mit dem Leutetotsch­ießen nicht mehr allzu furcht­bar. Die “Regierung Schröder” hat so manch­es Land von bewaffneten Trup­pen befrieden lassen. Was die Agen­da 2010 noch mit den hehren Zie­len von Fer­di­nand Las­salle zu tun haben soll, ist mir im Übri­gen auch immer noch nicht ganz klar.

Dass jemand, der in so großem Stil seine Klien­tel belügt, auch in eigentlich belan­glosem Kon­text nicht immer die Wahrheit sagt, sollte nie­man­den ern­sthaft über­raschen. Dass Sig­mar Gabriel die BILD belügt, ver­di­ent aber zumin­d­est anerken­nen­des Schmun­zeln.

Fol­gen­des gab er zu Pro­tokoll:

(…) Denn die SPD ist die älteste demokratis­che Partei Europas.

So weit, so Quatsch.

Die SPD wurde, wie heute jedes gute Geschichts­buch (eben­so wie die Wikipedia) lehrt, als Partei am 27. Mai 1875 als Vere­ini­gung der Sozialdemokratis­chen Arbeit­er­partei (SDAP, gegrün­det 1869) und des All­ge­meinen Deutschen Arbeit­er­vere­ins (ADAV, 1863) als “Sozial­is­tis­che Arbeit­er­partei Deutsch­lands” (SAPD) — die “Sozialdemokratie” kam erst später in den Namen — kon­sti­tu­iert. Zu diesem Zeit­punkt bestand die Deutsche Zen­trumspartei, eben­so wie die SPD nur während des Drit­ten Reich­es kurzzeit­ig aufgelöst, bere­its seit fast fünf Jahren. Auch dann, wenn man, wie Sig­mar Gabriel, die Wurzeln ver­fol­gt, nicht also die Parteigrün­dung 1875, son­dern die Grün­dung eines Vor­läufers 1863, als Stich­tag fes­tlegt, sollte sich die SPD mit dem Titel des ewigen Zweit­en abfind­en — der Katholis­che Klub als Pio­nier der poli­tis­chen Katho­liken­be­we­gung in Deutsch­land fand sich bere­its während der Nation­alver­samm­lung 1848 zusam­men, die Ursprünge der Zen­trumspartei liegen also 15 Jahre vor denen der SPD. Alles Gute zum 165. Geburt­stag, liebe Zen­trumspartei.

Aber die SPD hat ja son­st nichts mehr. Auch keinen Stil.

MusikPolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXI: Cascada? Merkel ist schuld!

Zum ersten Mal seit Jahren ist der diesjährige “Euro­vi­sion Song Con­test”, der offen­bar in den let­zten Tagen sein Finale fand, von mir unbe­merkt vorüberge­zo­gen. Deutsch­land hat offen­bar einen nicht allzu guten Platz errun­gen. Warum? Thomas Schreiber (ARD) weiß es:

“Wir sind in ein­er schwieri­gen Sit­u­a­tion. Es gibt sich­er auch eine poli­tis­che Lage”, sagte Schreiber. “Ich will nicht sagen ’18 Punk­te für Angela Merkel’. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cas­ca­da, son­dern da stand auch Deutsch­land auf der Bühne”, sagte der ARD-Mann.

Cas­ca­da sind mir ja bish­er nur ein­mal pos­i­tiv aufge­fall­en: Deren Sän­gerin Natal­ie Hor­ler zierte vor eini­gen Monat­en die Titel­seite des deutschsprachi­gen “Playboy”-Magazins. Das war inter­es­sant. Anson­sten kenne ich Cas­ca­da als ödes Disco­ge­stampfe zu englis­chsprachi­gen Aller­welt­s­tex­ten. Da ste­ht Deutsch­land auf der Bühne, meine Damen und Her­ren; wie eben auch vor eini­gen Jahren:

Gewon­nen hat eine bar­füßige 20-Jährige mit viel Charme und einem eingängi­gen Lied­chen — jung und herz­er­frischend wie vor drei Jahren Lena Mey­er-Lan­drut.

“Satel­lite”, jung und herz­er­frischend und unglaublich belan­g­los. Deutsch­land, Nor­we­gen, Großbri­tan­nien oder Taka-Tuka-Land — wofür ste­ht es? Was ehe­dem ein Län­der­wettstre­it sein durfte, dessen Pro­tag­o­nis­ten ver­sucht­en, mit Lokalkolorit (“Ein biss­chen Frieden”) zu siegen, ist heutzu­tage nur mehr eine her­zlose Schlacht darum, welch­es Land den Kom­pon­is­ten für die am wenig­sten gle­ich­för­mige Ein­heit­spop­scheiße beherbergt, die den­noch radio­tauglich sein muss. Es geht längst nicht mehr um den Inhalt, nur noch um die Form.

Lieber hat man sich hier für einen abgeschmack­ten Auf­guss, also im Grunde gar nicht entsch­ieden, als ein Risiko einzuge­hen. Lieber wurstelt man sich durch, als beherzt auch mal ein großar­tiges Scheit­ern in Kauf nehmen zu wollen. Lieber tut man hier nichts, als etwas zu wagen.

So gese­hen: Vielle­icht ist doch Angela Merkel schuld.

Das allerd­ings bezwei­fle ich ein wenig.

Montagsmusik
Värttinä — Manattu

Oh, mor­gen endlich wieder Mon­tagsmus-… wie, das war heute?

Ach.

Värt­tinä feat. Sakari Kukko — Man­at­tu @ Musi­ikki­ta­lo

Mie oon noi­jan nuorim­mainen, nuorin neito
Mie kun tanssin, taivas läikkyy
Sanel­e­vatkin sala­mat taivon
Tähet tun­turin takana taikoo

Habt einen schö­nen Wochen­be­ginn!

PersönlichesIn den NachrichtenMir wird geschlecht
Mein Problem mit dem Feminismus

Obwohl (oder ger­ade weil?) ich die #Piratin­nenKon besucht und mich dort sowie im Anschluss mit eini­gen dur­chaus diskus­sions­bere­it­en und auch überzeu­gen­den Fem­i­nistin­nen unter­hal­ten habe, werde ich gele­gentlich gefragt, worin eigentlich mein Prob­lem mit dem Fem­i­nis­mus beste­he. Vorge­wor­fen wer­den mir unter anderem meine nicht feind­seli­gen Kon­tak­te zu ver­meintlichen Tätern sowie meine man­gel­nde Bere­itschaft, mich an nett gemein­ten, ratio­nal aber eher kon­trapro­duk­tiv­en Aktio­nen wie der “In-Woche”, also ein­er Woche, in der auss­chließlich das gener­ische Fem­i­ninum ver­wen­det wird, zu beteili­gen. Auch meine Kri­tik daran, dass eigentlich unter­stützenswerte Aktio­nen gegen sex­uelle Über­griffe häu­fig stur ein bes­timmtes Täter-Opfer-Schema befol­gen, stößt nicht über­all auf Zus­pruch. Offen­bar wirke ich in meinem Habi­tus wie ein Frauen­fress­er.

Natür­lich gibt es auch radikal agierende oder sich radikal äußernde Vertreter der Ansicht, Frauen seien auf­grund ihres Geschlechts in der Küche noch immer am Besten aufge­hoben. Dass viele Frauen dieses Spiel aktiv mit­spie­len, sei es aus religiösen, sei es aus anderen wirren Grün­den (recht beliebt ist das Bild der Frau als untergebene Gefährtin des Mannes zum Beispiel auch bei Fre­un­den des Mit­te­lal­ters), ist zumin­d­est eine Randbe­merkung wert, jedoch kein Grund anzunehmen, neg­a­tive Rol­len­klis­chees seien eine rein männliche Eigen­heit.

“Wein soll fließen, bren­nen soll das Weib!”
– Lost Belief: Bischof­swein

Ver­mut­lich ist es eher wenig förder­lich für den Fem­i­nis­mus, wenn Fem­i­nistin­nen in der Tra­di­tion von Valerie Solanas das Ende alles Männlichen fordern. (Einem Mag­a­zin gefällt das.) Dabei befinde ich Fem­i­nis­mus von sein­er bloßen Inten­tion her gar nicht für schlimm. Die Gle­ich­be­hand­lung aller drei Geschlechter, ohne ein Geschlecht (etwa, wie es oft erfol­gt, das männliche oder das weib­liche) pos­i­tiv oder neg­a­tiv her­vorzuheben, ist eine dur­chaus pro­gres­sive Idee und der “Postgender”-Idee, die die Über­win­dung von Geschlechterzuge­hörigkeit zum Inhalt hat, nicht unähn­lich. Nicht schön wird es aber, wenn man sich auf dem Weg dor­thin radikaler Meth­o­d­en bedi­ent.

Ein konkretes Beispiel: Vor recht kurz­er Zeit wurde in Berlin das “Bar­bie Dream­house” eröffnet. Natür­lich waren viele Kinder und Eltern dort. Nahe liegend ist, dass man als ratio­naler Men­sch eine Kundge­bung abhält, um medi­al desin­ter­essierten Besuch­ern zu ver­ste­hen zu geben, dass das Frauen­bild, das Bar­bie ver­mit­telt, nicht unbe­d­ingt opti­mal ist. (Dabei ist die Kri­tik an dem Frauen­bild nicht immer klar ver­ständlich: Geht es um die unge­sun­den Pro­por­tio­nen der Puppe, um das Klis­chee von der kich­ern­den Haus­frau, die ständig nur mit ihren Fre­undin­nen Urlaub macht und son­st nichts auf die Rei­he bekommt, oder um die heutzu­tage allzu welt­fremde Vorstel­lung, die erste richtige Beziehung [“Ken”] wäre die “Liebe des Lebens”?)

Etwas weniger nahe liegend ist das:

Klara Martens tauchte als Bar­bie auf, ent­blößte ihre per­fek­ten Brüste („Life in plas­tic is not fan­tas­tic!“) und hielt ein bren­nen­des Kreuz hoch.

Nun würde ich ja behaupten, die For­mulierung “per­fek­te Brüste” sei hier nicht klug gewählt und wirke eher nei­disch als spöt­tisch, aber mich fragt natür­lich wieder kein­er. Inter­es­sant ist aber auch das mit dem bren­nen­den Kreuz, an das im Übri­gen — ein hier nicht ganz unwichtiges Detail — eine Bar­bie-Puppe gebun­den wor­den war. Da hat jemand zu viel Geld.

Ein­mal ganz abge­se­hen von dem recht däm­lichen Umstand, dass man als fem­i­nis­tis­che Frau gegen Geschlechterk­lis­chees heutzu­tage offen­bar bevorzugt halb­nackt demon­stri­ert (“Sex­is­mus ist scheiße, aber guckt mal, wie toll meine Brüste sind!”), denn von voll bek­lei­de­ten Demon­stran­tinnen bekommt man in den Medi­en nur wenig zu sehen, ziehen sich durch die “Femen”-Proteste — “Femen” nen­nen sich die bar­busi­gen Radikalfem­i­nistin­nen, deren einzige Emo­tion anscheinend Aggres­sion ist — auch Stilmit­tel ganz ander­er Grup­pen wie ein rot­er Faden. Bren­nende Kreuze? Haben andere schon gemacht. Ver­harm­lo­sung von NSDAP-Sym­bol­en? Läuft. Die Zurschaustel­lung des weib­lichen Kör­pers als Objekt erfol­gt ja als Grup­penkon­sens ohne­hin. Eine kreative Femen­gruppe, die irgen­det­was Uner­freulich­es machen möchte, was noch nicht jed­er gemacht hat, um aufz­u­fall­en, müsste also eventuell irgend­was mit aktiv­er Pädophilie machen. Oder mit Fäkalien. Oder bei­des.

“Bren­nen, sie soll bren­nen!”
– Sub­way to Sal­ly: Die Hexe

Bemerkenswert ist, dass sowohl der Ku-Klux-Klan als auch die NSDAP primär Vere­ine waren beziehungsweise sind, in denen das ver­has­ste Patri­ar­chat den Ton angab beziehungsweise angibt. Man macht also Gebrauch von den Meth­o­d­en des Fein­des, eben des ver­meintlichen Patri­ar­chats, um zu zeigen, dass es falsch liegt. Ich bin unwil­lens, mich einen Patri­archen zu nen­nen, aber ich bin der fes­ten Überzeu­gung, dass Män­ner, die gegen eine Vorherrschaft des Weib­lichen, sofern diese eines Tages ein­tritt, demon­stri­eren gehen wollen, dafür keine Nazisym­bo­l­ik benöti­gen. Allerd­ings ist mir auch kein solch­er Fall bekan­nt. Man schelte mich einen Nar­ren, so er denn eines Tages ein­tritt und ich soeben irrte.

Blöd am Fem­i­nis­mus ist auch, dass er in Behör­den und ähn­lichen Ein­rich­tun­gen allzu oft mit “Gen­dern” ver­wech­selt wird. Dafür kann der Fem­i­nis­mus indes nichts. “Gen­dern” ist — so mein bish­eriger Ken­nt­nis­stand — die furcht­bare Marotte, geschlechterg­erechte Sprache zu benutzen, also jedem gener­ischen Maskulinum ein gener­isches Fem­i­ninum zur Seite zu stellen. (Trans­sex­uelle dür­fen natür­lich auch weit­er­hin sprach­lich unter­drückt wer­den, sind ja nicht so viele.) Mir als Mann ist es ja völ­lig wurscht, ob ich nun “der Men­sch”, “die Men­schin” oder “das Men­sch” bin, und ich habe bish­er auch nur wenige Stu­dentin­nen ken­nen gel­ernt (ich kön­nte spon­tan nicht mal einen Namen nen­nen), die eine Anrede als “liebe Stu­den­ten” als tiefe Belei­di­gung emp­fun­den hät­ten, schon, weil es im Regelfall um den Stand und nicht um das Geschlecht geht; aber bitte, ein jed­er möge seine eige­nen Prob­leme zur Lösung ein­re­ichen. Per­sön­lich bin ich ein Fre­und des gener­ischen Neu­trums, und wenn man schon Wörter wie “Pirat­en” mit irgendwelchen Aus­las­sungsas­terisken ergänzen muss, weil es das gener­ische Neu­trum für Per­so­n­en­beze­ich­nun­gen in der Prax­is gar nicht gibt, dann doch bitte “Pirat*en” und nicht “Pirat*innen”, da let­zteres bere­its eine geschlecht­sein­deutige Endung impliziert; das “Gen­der­sternchen” ste­ht ja, entlehnt aus der EDV-Welt, dafür, dass man an sein­er Stelle Beliebiges ein­fü­gen kann, und solch­es Beliebiges, das aus “Pirat*innen” männliche oder trans­sex­uelle “Pirat­en” — let­ztere bevorzu­gen sowieso oft das Wort “Queer­at­en” — macht (offizieller Sprachge­brauch: “mit­meint”), ist jeden­falls mir nicht geläu­fig.

Man sollte natür­lich auch weit­er­hin geson­dert von “sehr geehrten Damen und Her­ren”, “sehr geehrten Män­nern und Frauen” oder ähn­lichen Teilun­gen sprechen, sofern man etwa als Red­ner ein Pub­likum, das rest­los aus Vertretern bei­der­lei Geschlechts beste­ht, anzure­den beliebt; “sehr geehrte Men­schen” klingt doch etwas hol­prig und “sehr geehrte Teil­nehmer” passt längst nicht immer. Warum es aber unzu­mut­bar erscheint, auch in der Schrift­sprache alle ange­sproch­enen Per­so­n­en mit­samt ihrem Geschlecht, sofern als notwendig erachtet, voll­ständig auszuschreiben, erschließt sich mir nicht. (Der Autor des soeben ver­link­ten Textes ver­wech­selt jedoch “zuse­hends” und den meines Eracht­ens frag­würdi­gen Anglizis­mus “zunehmend”, ich empfehle also, seine Ergüsse nicht ein­fach als gegeben hinzunehmen.) Die Zeit, in der ein ein­fach­er Text noch zu Kapaz­ität­sen­g­pässen führte, soll­ten seit eini­gen Jahren längst über­wun­den sein. Ich per­sön­lich lege hinge­gen gar keinen Wert darauf, Wörter nach ihrem gram­matikalis­chen Geschlecht zu beurteilen. Bin ich ein Frauen­feind, weil es mich nicht stört, wenn der Baum prächtig gedei­ht? Zugegeben, der Ver­gle­ich hinkt. Ziehen wir einen anderen her­an: Bin ich ein Frauen­feind, wenn ich nach der Kon­sul­ta­tion eines Ärztepaares, von dem ein Teil männlich, ein Teil weib­lich ist, sage, ich sei beim Arzt oder bei Ärzten und nicht beim Arzt und bei der Ärztin gewe­sen? Ich ver­suche wirk­lich zu begreifen, warum das notwendig sei, um sich vom Patri­ar­chat zu dis­tanzieren, aber es gelingt mir ein­fach nicht. Ich sehe mich ohnedies — ich erwäh­nte es bere­its — nicht als einen Patri­archen. Herrschaft qua Geschlecht ist keine gute Herrschaft, Herrschaft qua Kom­pe­tenz gilt es zu fördern. Mit dem Wort “Herrschaft” rate ich in ein­er Demokratie übri­gens äußerst vor­sichtig umzuge­hen, meine Herrschaften. (Hat eigentlich schon jemand den Begriff der “weiblichen Herrschaft” angeprangert?)

“Ich bin nicht unter dir, ich bin nicht über dir, ich bin neben dir.”
– Ton Steine Scher­ben: Komm schlaf bei mir

Dass eines der Ziele des Fem­i­nis­mus’ auch eine Gle­ich­be­hand­lung der Frau bei Beförderun­gen, Anstel­lun­gen und Ent­loh­nung ist, finde ich des Weit­eren gut und richtig. Die Ver­fechter dieser Gle­ich­be­hand­lung schaden ihrer eige­nen Sache jedoch allzu oft mit inko­r­rek­ter Wieder­gabe tat­säch­lich­er Zahlen und (bewusster?) Unken­nt­nis der wirtschaftlichen Real­ität. Natür­lich sind Per­son­alchefs, die bei Bewer­bun­gen einen Mann wegen seines Gliedes und nicht wegen sein­er Kom­pe­tenz bevorzu­gen, eine Fehlbe­set­zung. Wenn aber zum Beispiel eine Frau in Män­ner­berufen (zum Beispiel in der Infor­matik­branche) abgelehnt wird, weil sie in ihrer Kind­heit mit Pup­pen statt wie ihre männlichen Mit­be­wer­ber mit Com­put­ern gespielt hat, dann ist das eine Kom­pe­tenz- und keine Geschlechter­frage. Ich als Per­son­alchef würde übri­gens für Pro­gram­mierung generell lieber eine Frau, die C++ beherrscht, als einen Mann, der den modis­chen Null­be­griff “Web 2.0” als Fachken­nt­nis angibt, ein­stellen; mir sind sog­ar konkrete Beispiele für bei­de genan­nten Per­so­n­en bekan­nt. “Frauen kön­nen nicht pro­gram­mieren und Män­ner sind Nerds” ist also aus­gemachter Schwachsinn. Ich bin aber kein Per­son­alchef. — Ander­sherum bezweifelt wahrschein­lich auch kaum jemand (gle­ich welchen Geschlechts), dass Frauen sich auf­grund ihrer Urin­stink­te als Kindergärt­ner, äh, Kindergärt­ner­in­nen generell bess­er eignen als Män­ner. (Eine per­sön­liche Anek­dote in diesem Zusam­men­hang: Seit­ens der staatlichen Insti­tu­tion, bei der ich in Lohn, wenn auch nicht in Brot, ste­he, wird in Stel­lenauss­chrei­bun­gen gegen­wär­tig aus­drück­lich angegeben, dass Bewer­bun­gen von Män­nern auf­grund der Bes­tim­mungen des nieder­säch­sis­chen Gle­ich­berech­ti­gungs­ge­set­zes (NGG) beson­ders erwün­scht seien. Anscheinend ist der Frauenan­teil stel­len­weise inzwis­chen so groß gewor­den, dass der Geset­zge­ber inter­ve­nieren musste. Das kön­nte daran liegen, dass einen männlichen, kinder­losen Akademik­er mit abgeschlossen­em Studi­um die hier üblichen 50-Prozent-Stellen meist nicht son­der­lich reizen. — Wer jeden­falls in über­stürztem Aktion­is­mus trotz guter Absicht­en pauschal eine Frauen­quote im öffentlichen Dienst fordert und keine Aus­nah­men vor­sieht, über­sieht dabei offen­sichtlich etwas Grundle­gen­des.)

Nein, ich habe kein Prob­lem mit dem Fem­i­nis­mus. Ich habe ein Prob­lem damit, dass die Men­schen ihn per­vertieren. Das Ende von geschlechter­be­zo­gen­er Diskri­m­inierung mit­tels der Über­win­dung der Kat­e­gorisierung nach (mithin: der impliziten oder expliziten Bevorzu­gung von) Mann, Frau oder unklarem Drit­ten (in behördlichen For­mu­la­ren tauchen diese Drit­ten oft nicht ein­mal auf, sie haben also ein zusät­zlich­es Diskri­m­inierung­sprob­lem), sollte gegebe­nen­falls poli­tis­ches, primär aber gesellschaftlich­es Ziel eines pro­gres­siv denk­enden Men­schen sein.

Das ist eigentlich auch schon alles.

In den NachrichtenPiratenpartei
“Mit dem Handy komme ich sogar in die Zeitung!”

In der beliebten Rei­he “Pirat­en geben dumme Antworten auf dumme Presse­fra­gen” hat René Rottmann im Gespräch mit den West­fälis­chen Nachricht­en nachgelegt.

Es begin­nt mit ein­er schwachsin­ni­gen (und schon viel zu oft beant­worteten) Frage:

„Fluch der Karibik“ ist ein toller Piraten­film, die Pirat­en vor Afri­ka sind schlechte Men­schen – Pirat­en, ein doofer Name?

Pri­ma wäre eine Antwort wie: “(Ihre dümm­liche und vor allem abge­lutschte Ein­stiegs­frage verdirbt mir bere­its beina­he die die Lust, weit­er mit Ihnen zu reden, aber gnädi­ger­weise) möchte ich zumin­d­est darauf ver­weisen, dass unser Name nichts mit Seeräu­bern zu tun hat.”

Eher ungut hinge­gen ist unter anderem die gegebene Antwort:

Der Name ist his­torisch gewach­sen. Er kommt aus Schwe­den und hängt zusam­men mit ein­er ver­bote­nen Inter­net-Plat­tform, die viele Men­schen genutzt haben. Und wir machen ja auch was Gutes mit dem Namen Pirat­en. Und schließlich ist man ja auch kein schlechter Men­sch, wenn man im Inter­net Filme herun­ter­lädt.

Es ist zwar sach­lich kor­rekt, dass die Piraten­partei dem Dun­stkreis der Tauschbörse The Pirate Bay entstammt, aber diese ist nicht ver­boten. (Eine Tauschbörse mit dem Herun­ter­laden von Kinofil­men gle­ichzuset­zen ist übri­gens ein Faux­pas, den die Indus­trie gern bege­ht. Von einem Pirat­en hätte ich hinge­gen mehr erwartet.) Das wäre natür­lich eine Steil­vor­lage gewe­sen, dem Fragesteller in Kürze nahe zu brin­gen, warum und in welchem Aus­maß die Piraten­partei sich für die Reformierung des Urhe­ber­rechts stark macht. Stattdessen wurde sich hier dem Duk­tus der poli­tis­chen Geg­n­er angepasst. Damit wur­den 100 Prozent der Chan­cen, dass das Inter­view irgen­deine Rel­e­vanz bekommt, ver­spielt. Anson­sten: Glatt gebügeltes Geschwafel. Das ist etwas schade.

Und was qual­i­fiziert Her­rn Rottmann dazu, aus­gerech­net Direk­tkan­di­dat zu sein? Nun:

(…) es sind – wenn es hoch kommt – 15 aktive Pirat­en. Es gibt keinen Kreis- oder Ortsver­band. Aber alle Pirat­en aus dem Wahlkreis haben ein­stim­mig mich gewählt und die ste­hen auch voll hin­ter mir.

Wie viele von diesen höch­stens 15 Pirat­en wahlberechtigt und anwe­send waren, weiß ich zwar nicht, jedoch gehe ich auf­grund von Erfahrungswerten mit anderen Auf­stel­lungsver­samm­lun­gen davon aus, dass es nicht viel mehr als 4 waren. Dass diese 4 sich auf einen Kan­di­dat­en eini­gen kon­nten, ist wahrlich erstaunlich.

Eines aber hat René Rottmann ver­standen:

Die Leuten wollen die Land­tags- oder Bun­de­spoli­tik­er nicht mehr hören, die schwafeln ja nur.

Er zieht jedoch die falschen Kon­se­quen­zen, wenn er seine Eig­nung für den Bun­destag beschreibt:

Durch meine Aus­bil­dung bin ich sehr geübt im Umgang mit Geset­zes­tex­ten. Und ich kann nicht schwafeln, das ist eine mein­er Stärken.

Aber ken­nt René Rottmann über­haupt seinen Wahlkreis?

Blick­en wir in die Region, diesen etwas speziellen Wahlkreis rund um den Großraum Ibben­büren mit Ems­det­ten, Greven und Saer­beck als Anhängsel – ken­nen Sie sich aus im Teck­len­burg­er Land?

Rottmann: Mit dem Bus komme ich da bes­timmt hin. Ich bin dig­i­tal Native, ich mache alles mit dem Handy. Ich kann über­all alles find­en.

In anderen Worten: “Nie davon gehört, aber ich kann ja mal die Wikipedia fra­gen.” — “Ich mache alles mit dem Handy” ist jeden­falls ein ziem­lich inter­es­san­ter Kern­satz in diesem Dia­log, über den jed­er Leser nun für ein paar Minuten sin­nieren sollte, bis er seine kom­plette Gurkigkeit erfasst zu haben glaubt.

Dann geht es weit­er. Nach einigem Geplänkel über Schul­for­men und ‑refor­men (“wir brauchen … eine einzige Schul­form, bei der alles rauskom­men kann”, ahja) wird es wieder per­sön­lich. Wo wolle er, René Rottmann, Akzente set­zen?

Der Gesellschaft die Illu­sion der Vollbeschäf­ti­gung zu nehmen ist ein Schw­er­punkt.

Ich weiß nicht, ob “Ihr kön­nt übri­gens nicht alle arbeit­en!” ein gutes Wahlkampf­mot­to ist, aber der Ver­such kann ja nicht schaden, nicht wahr? Wer mit ein­er der­ar­ti­gen poli­tis­chen Unbe­darftheit in den Wahlkampf zieht, hat noch nicht automa­tisch ver­loren, immer­hin ist die Laien­haftigkeit ein­er der men­schlichen Vorzüge der Piraten­partei; ein biss­chen umsichtiger kön­nte man allerd­ings schon sein. Der Nach­satz, man habe stattdessen immer­hin ein bedin­gungslos­es Grun­deinkom­men im Pro­gramm, rel­a­tiviert den Schw­er­punkt nur unzure­ichend.

(Für die munteren Mitleser emp­fohlen­er Such­be­griff: “Demografis­ch­er Wan­del”.)

Auf die Frage, ob er Angst habe zu scheit­ern, antwortete René übri­gens:

Nein! Bei der Land­tagswahl habe ich es ja auch geschafft, die Pirat­en nicht zu blamieren.

Gut, dass zumin­d­est dieser Fehler endlich behoben wer­den kon­nte.

(Offen­le­gung: René ist mir — mehr oder weniger — per­sön­lich bekan­nt und einiges von mir gewohnt.)

NetzfundstückeIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLX: Uns geht’s doch gut!

Die (nach eige­nen Angaben) “Qual­ität­sjour­nal­is­ten” von SPIEGEL ONLINE (das waren die hier) sind immer­hin gele­gentlich doch noch im pos­i­tiv­en Sinne belusti­gend.

Der Schlussteil des heute kurz nach Mit­ter­nacht veröf­fentlicht­en Artikels “Neue Umfrage: Europäer trauen Europa nicht mehr” (regelmäßige Leser mein­er Texte rufen nun vielle­icht ver­wun­dert “Ach?!”) etwa ist ein humoreskes Bon­mot son­der­gle­ichen:

Befragt zu Stereo­typen über andere EU-Län­der, hal­ten die Bürg­er in sechs der acht Umfrage-Staat­en Deutsche für am wenig­sten mit­füh­lend, in fünf von acht Natio­nen für am arro­gan­testen. Bun­des­bürg­er kön­nen der­lei Ressen­ti­ments nicht ver­ste­hen: Nach ihrem Urteil ist Deutsch­land die ver­trauenswürdig­ste, mit­füh­lend­ste und am wenig­sten arro­gante EU-Nation.

Echt jet­zt; die Banau­sen da unten haben nur keine Ahnung!