Montag, ein weiteres Wochenende ist vorbei. Und dann immer diese Routine!
Aber warum nicht mal ausbrechen? Warum nicht mal tanzen statt schleichen? Warum nicht mal Dub statt Rock?
Kopfhörer auf und guten Morgen!
Montag, ein weiteres Wochenende ist vorbei. Und dann immer diese Routine!
Aber warum nicht mal ausbrechen? Warum nicht mal tanzen statt schleichen? Warum nicht mal Dub statt Rock?
Kopfhörer auf und guten Morgen!
Derzeit rotiert in meinem Musikspieler das Album „Lunatics“ des deutschen Kraut-/Spacerocktrios Electric Moon, deren Gitarrist und Organist Sula Bassana sich auch als Solokünstler inzwischen einen recht bekannten Namen gemacht hat. Ich möchte es wärmstens empfehlen.
Es beginnt mit „Gefährliche Planetengirls“, einem longtrack (vier der fünf Stücke auf dem Album überschreiten die Elf-Minuten-Marke), der trotz des Namens instrumental ist. Gesungen wird auf dem Album nur spärlich, aber darauf kommt es nicht an – Pink Floyds „Set the Controls for the Heart of the Sun“ lebt ja auch vor allem vom Instrumentalspiel. Überhaupt ist dieses Stück ein hervorragender Vergleich, „Lunatics“ klingt wie ein würdiger Nachfolger des Stücks in Albenlänge.
Gesang kommt zuerst in „Hotel Hell“ – im Original, so weit mir bekannt, von den Animals – zum Einsatz. Primär singt Bassistin „Komet Lulu“, hier links im Bild, und das nicht mal schlecht. (Allerdings finde ich auch, dass der Originalinterpret Eric Burdon nicht sonderlich gut singt. Ich finde ihn eher langweilig.)
Mit dem Dreiundzwanzigminüter „Moon Love“ gibt es dann noch mal einen würdigen Abschluss im Stil von Pink Floyds „Careful With That Axe, Eugene“ (zu Deutsch etwa: „Sei vorsichtig mit dem Deodorant, Eugen!“), der aber auch Kennern (und Mögern) von Gong und den alten Hawkwind gefallen sollte. Im Vordergrund steht wuchtiger Bass, „Komet Lulu“ flüstert dazu bedrohlich vor sich hin. Es gibt sogar einen Refrain:
Moon Love.
Moon Love.
Moon Love.
(…)
„Sogar“ trifft’s übrigens ganz gut. Electric Moon machen primär Spacerock. Das Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Refrain-Ende-Schema wird von ihnen erfreulicherweise ignoriert. Radiohörer, denen alles über drei Minuten schon unnatürlich lange vorkommt, werden herzlich dazu eingeladen, lieber was anderes zu hören. Ihnen wird einiges entgehen. Auch die Wiederholung wird hier zelebriert: Das Grundmuster der Stücke bilden wiederkehrende Rhythmusmuster, über die dann gelegentlich eine eruptive Gitarre gelegt wird. Das liest sich monotoner als es eigentlich ist, es passiert eigentlich ständig etwas.
Gerade das abschließende „Moon Love“ ist ein musikalischer Orgasmus, sich allmählich aufbäumend und dann gleichsam explodierend. Die richtige Musik ist, ich wiederhole mich sicher noch des Öfteren, Sex für den Kopf, nur besser.
„Lunatics“ ist ein gutes Album. Ich bitte es zur Kenntnis zu nehmen.
Gern geschehen.
Mit „Call a Bike“ hatte die Bahn den öffentlichen Nahverkehr um eine geniale Idee bereichert. (…) Vor einigen Wochen hat die Deutsche Bahn offenbar gemerkt, wie genial das System ist. Und dann wohl beschlossen, dass dies nicht zu ihr passt.
So ungern ich auch Journalisten für irgendwas lobe: Frank Stocker gehört hiermit meine vorzüglichste Hochachtung.
sueddeutsche.de berichtete gestern:
Es wird kaum noch illegal kopiert – weil es Alternativen gibt. (…) In Skandinavien verbreiteten sich relativ früh Dienste wie Spotify oder Netflix , die den einfachen, legalen Zugang zu Musik und Filmen ermöglichen. Dabei kauft der Nutzer nicht mehr einzelne Songs, sondern erwirbt durch eine pauschale Zahlung Zugang zu mehr als 20 Millionen Liedern. So verlieren die illegalen oder halblegalen Möglichkeiten des Netzes ihre Attraktivität.
sueddeutsche.de berichtete am Dienstag über Spotify:
Gruppen wie Led Zeppelin und AC/DC haben ihr Repertoire bis heute nicht freigegeben, diverse kleinere Künstler verließen den Dienst nach einiger Zeit frustriert.
Ich schrieb im August 2012 zum gleichen Thema:
Aber wer Vielfalt will, der kann ja auch einfach ins Internet gucken.
Ich finde den illegalen Dateitausch jedenfalls nicht trotz, sondern wegen Spotify immer noch interessant. Dass Medienjournalisten einen nicht allzu breit gefächerten Musikgeschmack haben und zufrieden mit dem sind, was man ihnen hinwirft, ist ein wenig traurig zu sehen, aber sicherlich nicht repräsentativ. Ich empfehle Meldungen wie die eingangs erwähnte jedenfalls weiträumig zu umfahren.
(Vorbemerkung: Ich würde mir niemals anmaßen, sachliche und ausgewogene Berichterstattung über politische Vorgänge, die mich als Wähler massiv missachten, auszuüben. Auch jetzt nicht.)
Ach was: Das deutsche PRISM ist wahrscheinlich doch dasselbe wie das US-amerikanische PRISM. Das Kanzleramt (CDU) widerspricht dieser Darstellung, das Verteidigungsministerium (CDU) bekräftigt sie. In anderen Ländern hätte man eine Regierung, deren Organe sich gegenseitig auf Kosten der Wähler belügen, vermutlich bereits unsanft entsorgt. Ob die Frage, ob es zwei oder nur ein PRISM gibt, mithilfe dessen deutsche Bürger kontinuierlich ihre Privatsphäre zugunsten irgendwelcher Sicherheit einbüßen, überhaupt die entscheidende ist, gilt es beizeiten zu prüfen.
(Ein kurzer Realitätsabgleich: 41 Prozent der deutschen Wähler würden momentan CDU/CSU wählen. Ein Staat, der euch das lästige Denken erspart, klingt doch einladend, oder?)
Und es bleibt nicht bei PRISM. Da kommt noch viel mehr. Und wir wollen wahrscheinlich gar nicht wissen, was das gekostet hat. Detroit ist nämlich pleite. Haben wir eigentlich schon mal eine ganze Stadt gerettet? Gibt es dort eine Bank?
Man sollte meinen, zumindest der Piratenpartei käme die politische Entwicklung zugute. Und tatsächlich erwacht sie aus dem Standbymodus und gründet, agil wie eh und je, erst mal eine AG Revolution. Vor wenigen Jahren wollte die Piratenpartei noch das System reformieren, jetzt prokrastiniert sie das in Arbeitsgruppen. Natürlich wäre es vielleicht auch für einen Wahlerfolg im September lohnenswert, bei seinen Leisten zu bleiben und mit einem klaren Profil zu punkten, aber es gibt andere Probleme zu lösen, Neonazis und Flaschenpfandkürzung und so. Die Regierung kritisieren kann man später auch noch.
Das mit PRISM, sagt der Innenminister, ist ja auch nicht so schlimm. Wir sollten stattdessen froh darüber sein, denn es räumt uns das Supergrundrecht der Sicherheit ein. Wir bekommen mehr Rechte und beschweren uns auch noch darüber, wir undankbares Volk.
Es gibt da übrigens noch so ein Super-Grundrecht, fest verankert im Grundgesetz:
(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Ich wäre dann jetzt so weit.
Apropos „bescheuerte Werbemaßnahmen“: Großes Aufsehen erregt zurzeit die merkwürdige Werbeaktion „Trink ’ne Coke mit…“. Auf coke.de (bewusst nicht verlinkt) kann man also einen beliebigen Namen eingeben und bekommt im Austausch gegen ein paar Euro virtuellen Geldes eine Lieferung damit bedruckter Zuckerbrauseflaschen und/oder (offenbar) ‑Dosen. Einen beliebigen? So einfach will man es dem Streichfreund nicht machen.
Dass Namen wie „Hitler“, „Ulrike Meinhof“, „Mao Zedong“ und „Goebbels“ in manchen Schreibweisen nicht erwünscht (und damit möglich) sind, ist selbsterklärend, auch „… mit deiner Mudder“ funktioniert nicht (im Gegensatz übrigens zu „deiner Mutter“ – damit fällt das Geschenk zum Muddertag wohl aus). Die nahe liegenden Begriffe „Zucker“, „Säure“ und „Gift“ sind ebenso unerwünscht wie „Ratten“, Karies“, „Krebs“ und „Syphilis“. Das gespannte Netz ist aber löchrig, wie es sich für ein gutes Netz gehört – mit „Salz“, „Tripper“, „Läusen“, „Katzen“, „Schuppen“ und „Knoblauch“ dürft ihr eure coke also gern bestellen.
Auch Konkurrenz fürchtet man: Mit Pepsi, Fritzkola und Dr. Pepper ist keine coke zu bestellen, jedoch mit den eigenen Produkten Sprite, Fanta und 7‑up („Seven Up“). Zahlen sind nicht möglich, Twitternutzer müssen also auf ihre „Coke mit <3“ verzichten. Offenbar sind zumindest Produkte erlaubt, für die es keine hauseigenen Alternativen gibt, etwa Selters, Brokkoli, Sellerie und Rosenkohl. Eine Coca-Cola-Alternative zu Bärensaft scheint es allerdings zu geben, denn auch „Coke mit Bärensaft“ kann man nicht bestellen.
Ebenso ist es übrigens nicht möglich, ’ne „Coke mit Mineralwasser“ zu bestellen, denn bei ass schlägt der integrierte Wortfilter wieder zu. Der ist aus irgendwelchen Gründen öffentlich verfügbar und bringt mir Wörter (etwa „falkialki“ und „sloven“) und Namen (etwa Burkhard Garweg) bei, die ich bisher noch nicht kannte und die mich tatsächlich zur Bildung durch Recherche animierten. Doof halt, wenn ein potenzieller Kunde so heißt.
Offenbar durchaus nicht nur erwünscht, sondern ausdrücklich empfohlen werden grammatikalische Fehlschläge wie „… mit deinem Held“ und „… mit deinem Prinz“, das belegt das Foto des Tages am 16. Juli 2013. Trink ’ne Coke mit Peinlichkeit. Wahrscheinlich ist es unnötig zu erwähnen, dass auch das möglich ist.
Darauf einen Whiskey – ohne Coke. Kann ich nämlich nicht bestellen.
(via herzmeister der welten)
In weiteren Nachrichten und apropos Twitter: Papst Franz sagt, wer ihm auf Twitter folgt, der wird von seinen Sünden befreit. Dafür mache ich nicht mein schönes Twitter schmutzig. Ich gebe nur zu bedenken, dass letztes Mal, als irgendjemand im großen Stil Ablass verkaufte, ein damit unzufriedener Mönch spontan die evangelische Kirche gründete. Nicht, dass mich persönlich eine weitere christliche Splitterkirche stören würde!
Als der Axel-Springer-Verlag (nicht mit dem weit weniger ekelhaften Springer-Verlag zu verwechseln) einige Inhalte von BILD.de als „BILDplus“ kostenpflichtig zugänglich machte, war ich noch erleichtert darüber und frohlockte, dass nun also BILD selbst dazu beiträgt, dass die breite Masse nicht ohne zusätzliche Hürden weiter verblödet.
Andere Verlage ziehen nun aber nach:
Bislang hat man sich bei Zeit Online immer sehr zurückhaltend in Bezug auf zahlungspflichtige Online-Inhalte gegeben, nun ist es aber fix. (…) Derzeit seien bei Zeit Online die wichtigste Einnahmequelle die Werbeerlöse, allerdings müsse man künftig so viele Einnahmequellen wie möglich aufmachen, so Esser.
Eine Bezahlschranke vor einer Website bedeutet automatisch weniger Besucher, somit weniger Einnahmen durch eingeblendete Werbung. Es werden also mehr Einnahmequellen aufgemacht, damit weniger Leser mehr zahlen. Aha. – Anders gesagt: ZEIT ONLINE soll (wie schon BILD.de) zum Elitemedium werden, das nur noch denen vollständig offen steht, die es sich leisten können.
Spreu und Weizen. Und damit sind nicht die Leser gemeint.
Gerade auch vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen sollte man sich gelegentlich dann doch mal wieder fragen, worin eigentlich die Ursache selbiger liegt.
Das Elend aller autoritären Herrschaft, da tun sich Plutokratie, Faschismus und Staatssozialismus gar nichts, ist die Hierarchie, die Befehlskette von oben nach unten. Eine demokratische Gesellschaft funktioniert andersherum[.]
Dass Selbstverständlichkeiten separat erwähnt werden müssen, lässt mich nicht vom Konzept des aufgeklärten, modernen Bürgers überzeugt sein, fürchte ich.
Kaum guckste mal nicht hin, ist schon wieder Montagmorgen.
Stimmung gefällig?
Schönen guten Morgen.
Herr Nouripour, MdB im Auftrag der Grünen,
wie Sie da Ihr Weltbild via WELT ONLINE konsequent vorleben, ist sicher vorbildlich, aber ich hätte da ein paar Fragen:
Bushido ist ein Aufmerksamkeitsparasit. Das beste Mittel dagegen ist: Ignorieren!
Frage: Warum reden Sie dann darüber?
Irgendwann wird dem letzten Fan auffallen, dass dieser Typ ein Glaubwürdigkeitsproblems (sic! A.d.V.) hat.
Frage: Sie sind Politiker der „Grünen“ (das waren die mit dem Krieg), richtig?
Ich war nie Oberliga, aber besser als Bushido kann ich bis heute noch rappen.
Frage: Sollte man Sie, Herr Nouripour, jetzt eigentlich auch ignorieren?
Nur so interessehalber jetzt.
Wenn ich in die Bibliothek gehe und mir ein Buch ausleihe, das ich gegen eine geringe Gebühr lesen und kopieren, aber nicht im Original behalten darf, ist es dann mein Buch?
Wenn ich in die Videothek gehe und mir eine DVD ausleihe, die ich gegen eine geringe Gebühr lesen und kopieren, aber nicht im Original behalten darf, ist es dann meine DVD?
Wenn ich in eine Discothek gehe und mir eine Platte anhöre, die von einem DJ gegen eine geringe Gebühr gespielt wird, ist es dann meine Platte?
Wenn ich auf Spotify („Deine Musik überall“), WiMP („… deine Musik immer dabei“) oder andere Musikstreamingseiten gehe und ein Lied abspiele, das ich gegen eine geringe Gebühr hören und kopieren, aber nicht im Original behalten darf, ist es dann meine Musik?
Schöne, neue, besitzlose Welt.
Mal was anderes: Gestern hatte @schwarzblond auf Twitter, Herrn Urbach nicht unähnlich, bekannt gegeben, sie werde aus der Piratenpartei austreten, sofern ein Mitglied des Bundesvorstands nicht unverzüglich sein Lob für einen anderen Piraten, der sich ihrer Meinung nach falsch verhalten hatte, zurücknehme. Ich empfehle solchen Vorfällen übrigens stets mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Wer seine Mitgliedschaft in einem nahezu beliebigen Verein davon abhängig macht, ob ein anderes Mitglied den eigenen Wünschen entspricht oder nicht, der ist in diesem Verein tatsächlich falsch und sollte nicht am Gehen gehindert werden. Gerüchten zufolge ist Frau @schwarzblond übrigens immer noch da.
Die Lösung für alle Überwachungsprobleme laut Twitter: „Skype und Facebook werden überwacht! Lasst es uns unter Linux nutzen!“
Auch und gerade vor dem Hintergrund der NSA-betriebenen totalen Überwachung und meiner Aufforderung zu mehr digitaler Mündigkeit werde ich gelegentlich spöttisch gefragt, warum ich auf einem meiner Systeme nach wie vor auf Windows setze, das böse Windows mit dem NSAKEY von dem bösen Microsoft, das sich perfiderweise an die Gesetze hält, und nicht ebenfalls auf FreeBSD oder andere vermeintlich überlegene (weil offene) Systeme. Besonders häufig ernte ich diese Kritik von Linuxnutzern. Das ist ein wenig merkwürdig.
Dass der Quellcode von Linux nämlich weitgehend offen verfügbar ist, bedeutet noch keine Fehlerfreiheit oder Sicherheit. Veröffentlichte Sicherheitslücken in verbreiteten Linuxdiensten bis hin zu Kernkomponenten (etwa su/sudo) sind nahezu an der Tagesordnung. Viele Köche sehen mehr, aber sie verderben eben auch den Brei. Auch unter Umständen kritische Lücken bleiben da schon mal monate‑, gar jahrelang unbemerkt. „Nimm Linux, da fallen Fehler schneller auf“. Hier hast du 2 Milliarden Zeilen Quellcode der aktuellen Version, der morgen schon wieder veraltet ist, guck selber, ob da irgendein Hintertürchen drin ist. Es ist schön, dass ihr den Quellcode theoretisch kennen könnt, aber vertraut ihr ihm? Wenn ja: Warum?
Es gibt keine fehlerfreie Software, das sollte jedem Computernutzer klar sein. Aber kann es nicht auch sein, dass die NSA sich selbst Hintertüren in Windows eingebaut hat? – Möglich ist das natürlich. Die NSA ist potenziell unser Feind, das hat jeder außer der Kanzlerin wahrscheinlich bereits gemerkt, und ihre Bonbons sind höchstwahrscheinlich vergif- oh:
SELinux wird maßgeblich von der NSA und von dem Linux-Distributor Red Hat entwickelt. (…) Für Kernel 2.4.x gibt es einen Patch, in Kernel 2.6.x ist SELinux direkt integriert.
„Nimm Linux, das ist sicher vor der NSA“. Klar, der Quellcode ist offen. Und – habt ihr ihn überprüft? Aber ich verstehe schon: Die Linux-NSA ist gut und die Windows-NSA ist böse. So einfach geht das. Und eigentlich ist ja auch nicht die NSA schuld, sondern Microsoft und Google und Facebook und Apple sind schuld, dass sie Daten ihrer Benutzer herausgeben. (Dass Microsoft dies ausdrücklich verneint hat, wird gern vergessen.) Bei PRISM ging es im Übrigen – das wird bei diesem Thema gern vergessen – auch nie darum, ob irgendwelche Hintertüren in Betriebssystemen vorhanden sind, vielmehr ermöglicht es Geheimdiensten angeblich, auf live geführte Kommunikation und gespeicherte Informationen bei den beteiligten Internetkonzernen zuzugreifen. Angriffsziel von PRISM sind also nicht „eure Computer“, es ist die cloud. Die cloud, das sind Google Drive und Google Mail und die iCloud und Facebook und Windows Azure und Windows SkyDrive und Dropbox und Ubuntu One und auch eure „im eigenen Land“, aber eben meist auf fremder Hardware liegende ownCloud. Das Betriebssystem, mit dem wir unsere Daten hochladen, ist hierbei vollkommen unerheblich. PRISM ist keine Sammlung von Trojanern, die direkt auf dem Laptop Bilder von euren Briefen und Mails machen. Das Problem ist nicht das Betriebssystem, das Problem sind die ach-so-nützlichen Programme, mit denen ihr eure Daten bearbeitet. Office 365, Photoshop Creative Cloud, Google Drive – ihr lasst nicht nur zu, dass „eure Software“ nicht mehr euch gehört, ihr speichert die damit erstellten Werke auch auf fremden Rechnern, ist halt so praktisch.
Richtig ist hingegen, dass es wichtig ist, die Integrität der eigenen Daten stets zu gewährleisten. Ob man nun seine Mails mit GnuPG verschlüsselt (das geht unter Windows übrigens mit The Bat! deutlich leichter als mit dem strokeligen Thunderbird, das in diesem Zusammenhang gern genannt wird), im instant messenger seiner Wahl standardmäßig OTR-Verschlüsselung aktiviert oder seine Dropbox absichert: Welches Betriebssystem ihr dafür verwendet, bleibt allein euren Vorlieben überlassen. Ihr wollt verhindern, dass die NSA eure Daten bekommt? Vielleicht solltet ihr sie ihr dann einfach nicht ungebeten in den Briefkasten werfen.
Und – sind eure Daten sicher?
Wisst ihr noch, als der Regierungssprecher die Abhörsituation in Deutschland mit dem Kalten Krieg verglichen hat? Nun, wir haben Glück gehabt, so schlimm ist es nicht, sagt die Kanzlerin:
Die Bundeskanzlerin stellt sich in der NSA-Abhöraffäre hinter die deutschen Geheimdienste. (…) Sie wünsche sich, „dass wir die notwendige Diskussion mit den Vereinigten Staaten von Amerika in einem Geist führen, der bei allen mehr als berechtigten Fragen nie vergisst, dass Amerika unser treuester Verbündeter in all den Jahrzehnten war und ist.“
Wie eben die Sowjets immer die treuesten Verbündeten der DDR waren, wenn man ein Herr-und-Sklaven-Verhältnis denn zum Bündnis pervertieren möchte; ich zum Beispiel kann mich nicht daran erinnern, dass „Amerika“ Deutschland in den letzten paar Jahrzehnten irgendeinen Gefallen getan hätte.
Dass deutsche Bürger indes von mehreren Staaten aktiv bespitzelt werden, hat mit der Arbeit der Stasi, mit der das gern verglichen wird, überhaupt nix zu tun!!1:
„Für mich gibt es überhaupt keinen Vergleich zwischen der Staatssicherheit der DDR und der Arbeit der Nachrichtendienste in demokratischen Staaten. (…) Die Arbeit von Nachrichtendiensten in demokratischen Staaten war für die Sicherheit der Bürger immer unerlässlich und wird es auch in Zukunft sein.“
Ach so. Sicherheit! So kann man es auch sehen: Wir müssen nie wieder Angst vor Datenverlust haben, es gibt ja ein Backup.
Wer hat noch mal dieses Pack gewählt?
Ich hatte im August 2010 unter dem Titel „Mein Musikfaschismus“ unter anderem geschrieben:
Mit dem „Soundtrack meines Lebens“ (…) untrennbar verbunden sind und bleiben so die Texte der Ärzte, der Toten Hosen und der Fantastischen Vier. Aber das ist eine andere Geschichte.
Vielleicht ist es an der Zeit, euch diese Geschichte zu erzählen. Keine Sorge: Sie ist trotz ihrer Zeitspanne recht kurz.
In jungen Jahren war ich, wie so viele meiner Altersgenossen, noch leicht zu beeindrucken von deutschsprachiger Rockmusik. Über das Radio geriet ich an Die Ärzte, über Freunde an Die Toten Hosen („Zehn kleine Jägermeister“ – wenn man 14 oder 15 ist, findet man das zum Brüllen). Wie genau ich an die Fantastischen Vier geraten bin, weiß ich heute nicht mehr – wahrscheinlich trägt ebenfalls das Radio die Schuld. „Arschloch! Arschloch! Arschloch!“ war tatsächlich die zweite Liedzeile, die ich in meinem Leben bewusst auswendig kannte; die erste lautete: „Hörst du die Glocken von Stella Maria, von Stella Maria, von Stella Maria?“. – Ich hatte, wie erwähnt, eine musikalisch gesehen nicht unbedingt tolle Kindheit.
Mit meinem ersten ernst zu nehmenden Liebeskummer wenige Jahre später fielen also die Kenntnis der Liedtexte von Für uns (Die Ärzte), Der Froschkönig (Die Toten Hosen) und Sie ist weg (Die Fantastischen Vier). Das sind vielleicht keine idealen musikalischen Voraussetzungen für die Verarbeitung der verflossenen ersten Liebe, und geholfen hat es auch nicht, aber das wohl wesentlich hilfreichere „OK“ von Farin Urlaub lag mir damals noch nicht so nahe. Heute erscheint es mir wahrscheinlich, dass ich seelischen Schmerz immer mit Gegenschmerz zu bekämpfen versuchte statt ihn mit fröhlichem Pop zu übertönen. Portugal. The Man wären vermutlich ebenfalls in der Lage, mich aus der damaligen seelischen Lage zu befreien, aber ich hatte es schlicht nicht versucht.
Einige Jahre später lernte ich eine Frau kennen, die wie ich die Fantastischen Vier vor allem wegen ihrer Texte zu schätzen wusste. Wir hörten oft „Viel“ und teilten unser Leid, dass sich in den Texten eigentlich unser ganzes Leben spiegelte. Als sie irgendwann, wie ich es längst gewohnt war, das Interesse an mir verlor, begann für mich auch der Text von „Ewig“ etwas Persönliches zu bedeuten, und immer wieder auch „Der Froschkönig“ und später „Nichts in der Welt“. Dass junge Menschen heutzutage ihren Kummer meist (wenn schon nicht in Alkohol) in englischsprachigem Pop oder manchmal Grunge ertränken, kann ich insofern nur begrenzt verstehen. Kurt Cobain (oder Taylor Swift) mochte gelegentlich Ähnliches besingen wie das, was im Herzen der unglücklich Verliebten vor sich geht, aber das Herz spricht nun mal die Muttersprache, auch dann, wenn man als unglücklich verliebter Teenager „i miss u“ in Baumrinden (und auf virtuelle Pinnwände) ritzt und dabei „ich vermisse dich“ fühlt. Zum Fühlen ist so ein Herz nie zu bequem, und das ist eigentlich ärgerlich. Vielleicht ist auch das eine Manifestation meines Musikfaschismus‘: Gefühlsbewältigung mit englischsprachiger Popmusik kann ich nicht ernst nehmen.
Partnerinnen also, ob nun mit enger oder nahezu ohne Bindung gegenüber einander, kamen und gingen, sie blieben nie lange. Zurück aber blieben immer die Toten Hosen, die Ärzte und die Fantastischen Vier mit ihren zeitlosen Texten, die so überzeugend wie sonst wohl nur wenige die Emotionswelt eines Verlassenen abzubilden und nicht nur zu paraphrasieren vermögen und so das Leid des Hörers teilen, statt ihm nur die kalte Schulter zum Ausweinen zu zeigen.
Dafür sollten wir diesen Künstlern ewig dankbar sein.
Da die Medien gern Studien bemühen, um die Diskriminierung irgendwelcher Menschengruppen zu belegen (ich berichtete), kann es heilsam sein, gelegentlich auf einander widersprüchliche Studien aufmerksam zu machen. Medienkompetenz will gelernt sein.
Im Gegensatz zu den Studien, die eine strukturelle, gesellschaftliche Diskriminierung ausschließlich der Frauen diagnostizieren, steht zum Beispiel eine Datenerhebung des Statistischen Bundesamts, die Walter Hollstein – ein Mann, versteht sich – auf Sueddeutsche.de zusammenfasst. Ich gehe davon aus, dass bereits dieser Satz manchen vermeintlich aufgeklärt-progressiven Leser zu der Behauptung verleiten wird, dass ein Mann gar nicht fähig sei, objektiv über Geschlechterrollen zu berichten. Nur: Wer dann?
Also, der Herr Hollstein so (teils zitierenderweise):
„Medien und Frauen haben Männern über Jahrzehnte erzählt, sie seien überflüssig, gewalttätig, dumpf und sowieso ein Irrtum der Natur. Da ist es doch kein Wunder, dass sie keine Stützen der Gesellschaft werden wollen.“ (…) In den vergangenen vier Jahrzehnten sind Trennungen und Scheidungen zu etwa 75 Prozent von Frauen ausgegangen. Nun sorgen Männer vor, indem sie sich erst gar nicht mehr auf eine Beziehung einlassen – vor allem nicht auf eine, die staats- und standesamtlich zementiert wird. (…) Die Politik ist an dieser Entwicklung nicht unschuldig. Sie hat über vier Jahrzehnte hinweg nur Mädchen und Frauen gefördert. Das angeblich so starke männliche Geschlecht hat sie vergessen.
Ich meinerseits bedanke mich bei Walter Hollstein dafür, dass ich nun endlich weiß, dass meine gelegentlich verspürte Einsamkeit nur ein Zeichen meiner Freiheit ist.
(Super-Symbolfoto auch: „Beim Käserollen am Cooper’s Hill in Gloucester, Großbritannien, kugeln junge Männer den Berg hinunter.“ Ich hatte mir mein Leben irgendwie anders vorgestellt.)