In den NachrichtenWirtschaft
“Wie viele Milliarden brauchen Sie?”

(Aus aktuellem Anlass mal wieder ein wenig Laien­wirtschaft. Ergänzun­gen sind willkom­men — tat­säch­lich ist dies nicht mein Fachge­bi­et.)

Den Nachricht­en — Ver­linkung lei­der uner­wün­scht — ist gegen­wär­tig zu ent­nehmen, dass wie jedes Jahr darüber nachgedacht wird, die höch­stver­schulde­ten deutschen Bun­deslän­der, darunter das Saar­land, ein­fach wegzu­fu­sion­ieren. Was aus den Schulden des jew­eili­gen Lan­des wer­den soll, ist dabei lei­der nicht klar geregelt; wahrschein­lich gehen diese dann in das Port­fo­lio des übernehmenden Lan­des über. Vielle­icht möchte Frankre­ich uns das Saar­land ja immer noch abnehmen.

Dabei ist das mit den Schulden doch eigentlich seit 2009 so gut wie erledigt:: Berlin, Bre­men, das Saar­land, Sach­sen-Anhalt und Schleswig-Hol­stein dür­fen nur noch bis Ende 2019 Schulden machen, danach ist Schluss; in anderen Worten: Dem immensen Schulden­berg darf danach nichts mehr hinzuge­fügt wer­den. Zum Ver­gle­ich: Wenn ich ein paar hun­dert Mil­lio­nen Euro Schulden hätte und sech­sein­halb Jahre Auf­schub für die Rück­zahlung erbäte, meine Bank wäre nicht mehr allzu fre­undlich zu mir — aber ich bin ja kein Land.

Inter­es­sant ist das Kon­so­li­dierung­shil­fenge­setz (Kon­sul, hi, ähm, Kon­sHil­fG) aber auch für diejeni­gen zu lesen, die bish­er noch nicht ver­standen haben, wieso es im Volksmund heißt, der Staat ziehe seinen Bürg­ern das Geld aus der Tasche, denn der geplante Schulden­ab­bau (es heißt, wohlge­merkt, Schulden­bremse, nicht Schulden­prell­bock — es wird also nichts abrupt ange­hal­ten, es dauert kün­ftig nur etwas länger) geht natür­lich nicht ein­fach so. Die Län­der bekom­men jedes Jahr ins­ge­samt 800 Mil­lio­nen Euro für die Por­tokasse spendiert, die sie dann bis 2020 sparen sollen. Woher diese 800 Mil­lio­nen kom­men, ist natür­lich eben­falls geset­zlich geregelt (§ 3 Kon­sHil­fG):

Die sich aus der Gewährung der Kon­so­li­dierung­shil­fen ergebende Finanzierungslast wird hälftig von Bund und Län­dern getra­gen. Der Anteil des Bun­des an den Zahlun­gen nach § 1 Absatz 2 beträgt jährlich 400 Mil­lio­nen Euro.

Leg­ende: Der Bund, das sind die Steuerzahler, und die Län­der, das sind eben­falls die Steuerzahler; nur eben diejeni­gen, die blöder­weise in den Län­dern wohnen, die mit ihrem Geld bess­er umge­hen kön­nen. Wer vor 2020 inner­halb Deutsch­lands umziehen möchte, sollte sich also eines der Bun­deslän­der aus­suchen, die nicht im Kon­sHil­fG aufge­führt sind. Man weiß ja nie.

Die 800 Mil­lio­nen Euro sind übri­gens offen­bar nicht dafür gedacht, damit Schulden abzubauen; § 2 Abs. 1 Kon­sHil­fG stellt diese Finanzspritze vielmehr als nettes Geschenk dar:

Gewährte Kon­so­li­dierung­shil­fen bleiben bei der Ermit­tlung des Finanzierungssal­dos unberück­sichtigt.

Selb­st, wenn also bis 2020 besagte Län­der ein aus­geglich­enes Sal­do vor­weisen kön­nen, wer­den die ins­ge­samt 800 Mil­lio­nen Euro sozusagen schlicht aus den Büch­ern gestrichen. Man möchte ja kein Bun­des­land unnötig bestrafen. Und wenn sie das nicht schaf­fen? Tja, dann gibt’s halt im entsprechen­den Jahr kein Extra­bon­bon aus dem Topf und einen mah­nen­den Blick (§ 2 Abs. 3 Kon­sHil­fG):

Wird die Ein­hal­tung der Ober­gren­zen des Finanzierungssal­dos nach Absatz 2 nicht fest­gestellt, ver­warnt der Sta­bil­ität­srat das betrof­fene Land. Der Anspruch des betrof­fe­nen Lan­des auf Kon­so­li­dierung­shil­fe für dieses Jahr ent­fällt.

Zum Ver­gle­ich: Die Bun­deslän­der haben 2012 ins­ge­samt einen Schulden­berg von fast 649 Mil­liar­den Euro aufge­häuft, Ten­denz steigend. Dass der Euro Deutsch­land von den lästi­gen Pflicht­en aus dem Ver­trag von Maas­tricht befre­it hat (für den es 2003 immer­hin noch eine Jubiläums­brief­marke gab), ist da vielle­icht zumin­d­est ein inter­essiertes “Oho!” wert.

Nochmals zum Ver­gle­ich: Die Schweiz, größter Einzel­gläu­biger Deutsch­lands und außer­halb der Euro­zone liegend, hat zurzeit (mit Stand von jet­zt ger­ade) eine tägliche Neu­ver­schul­dung von minus 3,463 Mil­lio­nen Euro.

Peter Bofin­ger — das war der “Wirtschaftsweise”, der sta­bile Währun­gen für Teufel­szeug hält — hat gesagt, es sei falsch, Schulden mit Meth­o­d­en zu bekämpfen, die Ver­luste für Gläu­biger bedeuten kön­nten. Vielle­icht soll­ten wir Deutsch­land ein­fach an die Schweiz angliedern.

Mit Aus­nahme des Saar­lands, ver­ste­ht sich.

(Mit Dank an L.!)

NetzfundstückeNerdkrams
Das Internet vor “Leistung” schützen: ✓

Es mag in all dem Pres­se­taumel um PRISM, Tem­po­ra und die PlaySta­tion 4 unterge­gan­gen sein: Seit gestern ist das Leis­tungss­chmutzrecht gel­tendes Recht in Deutsch­land.

Dass aus­gerech­net der eklige Axel-Springer-Ver­lag, ein­er der Vorkämpfer für einen “Schutz” der eige­nen “Leis­tung” im Inter­net, dann doch nix dage­gen hat, wenn Google vor­erst weit­er­hin sein “geistiges Eigen­tum” raub­mord­kopiert, lässt mich, zugegeben, nicht ein­mal mehr müde lächeln.

Seit gestern also haben die großen und viele kleinere Ver­lage kein allzu großes Inter­esse mehr daran, am Inter­net teilzunehmen, was ins­beson­dere uns, die wir gele­gentlich Dinge ins Inter­net rein­schreiben, gegebe­nen­falls in unan­genehme Sit­u­a­tio­nen brin­gen kön­nte. Eine verse­hentliche kosten­lose Wer­bung in Form eines Hyper­links kann teuer wer­den. Nun, der Erfül­lung des ver­lags­seit­i­gen Wun­sches nach Erleuch­tung durch Kasteiung mag ich als Mit­glied des großen sozialen Net­zes doch nur allzu gern Vorschub leis­ten.

Der Nachtwächter hat dafür let­ztes Jahr eine ziem­lich voll­ständi­ge Liste aller leis­tungss­chmutzrecht­slei­den­den Ver­lage in eine HOSTS-Erweiterung zusam­menkopiert. Diese Liste gilt es in die Text­datei /etc/hosts (UNIX, Lin­ux) oder C:\Windows\system32\drivers\etc\hosts zu kopieren, her­nach sind alle Ange­bote, die aus­drück­lich darum bit­ten, nicht im deutschen Inter­net (gegrün­det von Michaela Merz) gefun­den zu wer­den, aus dem eige­nen Inter­net ver­schwun­den.

Wir sind ja nicht so.

In den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXVIII: “Alternative religiöse Ideen”

Weil’s so schön war — einen noch:

Die katholis­che Kirche müsse sich damit auseinan­der­set­zen, dass Men­schen sie ver­ließen, da sie “unter der Illu­sion alter­na­tiv­er religiös­er Ideen glauben”, dass die Kirche ihnen nichts Bedeu­ten­des und Wichtiges mehr bieten könne, sagte der Papst am Sam­stag in Rio de Janeiro.

Does­n’t mat­ter, had sex beziehungsweise, Papst Franz­erl (her­rje, ihr Medi­en, den Johannes Paul II. habt ihr doch auch nicht “Ioannes Paulus” genan­nt), nein, dass Men­schen mit euch nichts mehr zu tun haben wollen, hat nichts damit zu tun, dass sie alter­na­tiv­en religiösen Ideen ver­fall­en sind — ab einem gewis­sen Alter hätte man halt nur gern mal Sex mit Frauen und nicht mehr mit dem Pfar­rer, und euer geistlich­es Rah­men­pro­gramm, dieses ganze heilige Brim­bo­ri­um, erzeugt in mir so einen unan­genehmen Brechreiz, je älter ich werde, desto stärk­er.

Göt­ter wur­den irgend­wann mal erdacht, um den Men­schen eine Erk­lärung für Dinge zu geben, die sie nicht ver­ste­hen. So weit ich weiß, helfen eure Elo­him aber nicht bei der Steuer­erk­lärung und sind auch nicht beson­ders gut darin, der Men­schheit zu erläutern, wie Krieg und Elend mit dem Bild von einem güti­gen Gott zusam­men­passen sollen, und woher Blitz und Don­ner kom­men, weiß inzwis­chen sicher­lich sog­ar Aiman Abdal­lah.

Geistige Aufk­lärung als alter­na­tive religiöse Idee zu beze­ich­nen ist aber schon sehr erhel­lend. Die Tem­pel von Ba’al und Aschera haben eure Elo­him damals wohlweis­lich zu zer­stören befohlen, den Tem­pel des men­schlichen Geistes aber kriegt nicht ein­mal ihr kaputt. (Rand­no­tiz: Glaube kann Gehirn­schwund verur­sachen.)

Das Prob­lem hat­tet ihr im Mit­te­lal­ter nicht, das war her­rlich, stimmt’s?

In den NachrichtenPolitik
Kurz verlinkt CLXXVII: Bestes Gewissen

Vertei­di­gungsmin­is­ter und Dok­tor, inzwis­chen bei­des a.D., von und zu Gut­ten­berg (CSU), Feb­ru­ar 2011:

Ich habe die Arbeit nach bestem Wis­sen und Gewis­sen ange­fer­tigt.

Bil­dungsmin­is­terin und Dok­torin, inzwis­chen bei­des a.D., Scha­van (CDU), Dezem­ber 2012 in fast gle­ichem Wort­laut und kon­se­quent ohne Quel­lenangabe:

Ich habe meine Arbeit nach bestem Wis­sen und Gewis­sen erstellt.

Bun­destagspräsi­dent Prof. Dr. Nor­bert Lam­mert (CDU), Juli 2013:

Ich habe meine Dok­torar­beit nach bestem Wis­sen und Gewis­sen ange­fer­tigt.

Aktueller Beschluss der CDU zum The­ma Bil­dung:

Unser Ziel ist die Bil­dungsre­pub­lik Deutsch­land:
(…)

  • Ein Land, in dem der Auf­stieg durch Bil­dung jedem Men­schen offen­ste­ht.
  • Eine Bil­dungspoli­tik in ein­er föderalen Ord­nung, in der jede poli­tis­che Ebene zur Leis­tungs­fähigkeit des Bil­dungssys­tems ihren Beitrag leis­tet und ihre Ver­ant­wor­tung wahrn­immt.

“Die meis­ten Leute haben ihre Bil­dung aus der BILD.”
– Die Ärzte: Lasse redn

PersönlichesNetzfundstückeMir wird geschlecht
Breitbeinige Macht

Der Fem­i­nis­mus hat neben eini­gen akzept­ablen Ansätzen zur Weltverbesserung (etwa der Abschaf­fung der Unter­schiede zwis­chen den Geschlechtern) auch einige spin­nerte Ideen her­vorge­bracht, etwa die Frauen­quote (denn eine mod­erne Frau möchte offen­sichtlich die Vagi­naquote von Mannes Gnaden — von wegen selb­st­bes­timmt — erfüllen und nicht mit so etwas Lästigem wie Kom­pe­tenz überzeu­gen müssen) und die kaum noch auszumerzende Überzeu­gung, dass alles, was ein Mann nicht gebückt tut, automa­tisch ein Zeichen von Macht sei.

Sex­is­mus sei ein rein männlich­es Phänomen, denn ein Mann, so ließ mich ein überzeugter Fem­i­nist (männlich) unlängst wis­sen, habe Macht, die eine Frau nicht habe, und daher könne eine Frau nicht sex­is­tisch sein. Nun, dieser Fem­i­nist sollte ein­mal mit offe­nen Augen durch die Welt gehen. Män­ner­feindlich­er Sex­is­mus in der Wer­bung? Aber natür­lich! Oder darf’s etwas sub­til­er sein? Dann stellt euch mal diese Satzan­fänge vor: “Män­ner sind …” und “Jun­gen sollen nicht …”. Euch fällt sofort min­destens eine Ergänzung ein? Glück­wun­sch: Ihr seid Sex­is­ten.

Ach, die männliche Macht spiegelt sich auch in der Gewalt gegen Frauen?

[E]twa 30% der Frauen und der Män­ner sind gewal­tak­tiv -, jedoch in jew­eils unter­schiedlichen For­men: Män­ner tendieren stärk­er zu (sicht­bar­er) physis­ch­er Gewalt, Frauen stärk­er zu (unsicht­bar­er) Kon­troll­ge­walt und ver­baler Gewalt. (…) Dabei erlei­den Män­ner stärk­er als Frauen physis­che Gewalt, aber in etwa zu gle­ichen Anteilen wie Frauen sex­u­al­isierte Gewalt.

Beziehungsweise eben: Drei Vier­tel aller Opfer sind Män­ner. Solche Prozen­tangaben stützen sich wohlge­merkt meist auf die Zahlen, die öffentlich ver­füg­bar sind. Ein Mann, dem von ein­er Frau Gewalt ange­tan wird, geht damit jedoch nicht allzu gern an die Öffentlichkeit, er würde ver­mut­lich meist aus­gelacht oder zum Einzelfall gemacht. In der Gesellschaft ist das Bild des starken Mannes fest ver­wurzelt. Das wird schon im Kinde­salter gelehrt: “Jun­gen weinen nicht.” Ob das die Jun­gen auch so sehen?

Ich per­sön­lich, fried­fer­tig, wie ich bin, habe in meinem Leben jeden­falls schon mehr (unter anderem ver­bale) Gewalt durch Frauen erfahren als ich jemals ausüben würde. Es wäre ein­fach nicht zielführend, mein Gegenüber wüst zu beschimpfen — einen Dis­put löse ich bevorzugt mit den besseren Argu­menten. Als Mann aber habe ich Macht, da muss ich mir so etwas natür­lich gefall­en lassen. Als ich mich kür­zlich (blöder­weise) in eine Fem­i­nis­mus­diskus­sion ein­schal­tete und mein Leid beschrieb, hieß es jeden­falls, es sei sicher­lich blöd, dass mir das passiert ist, aber ich sei immer noch die Min­der­heit und habe gefäl­ligst zu akzep­tieren, dass ich ein struk­turell mächtiger Mann sei.

Zugegeben, Mäd­chen müssen im Sportun­ter­richt für die gle­iche Bew­er­tung weniger gute Leis­tun­gen voll­brin­gen, wer­den (dank Frauen­quoten) oft bevorzugt eingestellt, sind damit sel­tener arbeit­s­los, bekom­men später mehr Rente und in einem Sorg­erechtsstre­it in der Regel auch die gemein­samen Kinder zuge­sprochen. Viel Macht bleibt mir da nicht mehr übrig. Ich habe nicht mal mehr die Macht, vor Wut zum Hulk zu wer­den, denn dabei würde meine Klei­dung platzen, und gemäß § 183,1 StGB ist öffentliche Nack­theit straf­bar — sofern man ein Mann ist.

Ja: Ich bin ein Mann! Naturgegeben ist mein Machover­hal­ten, und jedes Zuck­en mein­er Glied­maßen sig­nal­isiert meine Gewalt­bere­itschaft. Oi, bin ich böse! — Das sehen ver­mut­lich auch Frauen in der U‑Bahn so:

Ich saß in der U‑Bahn und dachte an nichts Bös­es, als ich die Frau fluchen hörte. Sie war um die 50 und hat­te ihre Einkauf­stüten auf einen Sitz ein paar Rei­hen weit­er vorne gewuchtet. Jet­zt zis­chte sie den Mann auf dem gegenüber­liegen­den Platz an: “Müssen Sie so bre­it­beinig dasitzen? Es gibt auch noch andere Men­schen hier!” Allerd­ings hat­te sie noch einen Sitz­platz für sich selb­st und ihre Tüten gefun­den. Der Mann, um die 40 und augen­schein­lich mit Migra­tionsh­in­ter­grund, schaute ver­wirrt von seinem Handy auf. Die Frau beruhigte sich gar nicht. “Sie sitzen da, als seien Sie alleine auf der Welt….” Der Mann sah ent­geis­tert aus, vielle­icht ver­stand er die Frau noch nicht ein­mal. Er stand auf und set­ze (sic!) sich woan­ders hin.

Bre­it­beiniges Sitzen — für Frauen eben­so untyp­isch wie im Ste­hen zu pinkeln — ist offen­bar ein Zeichen von männlich­er Macht. Ich wüsste ja schon gern, welchen Vorschlag die Frau um die 50 zur Platzierung des kleinen Unter­schieds zwis­chen den Beinen gemacht hätte und ob die anderen Men­schen hier nicht vielle­icht beque­mer sitzen soll­ten als Einkauf­stüten, aber lei­der wurde sie nicht gefragt.

Darauf erst mal ein schönes blutiges Frust­steak.

Montagsmusik
Caravan — Nine Feet Underground

Vor 40 Jahren stieg Dave Sin­clair, tal­en­tiert­er Key­board­er, der zwis­chen­zeitlich bei Deliv­ery und Hat­field and the North gespielt hat­te, zum zweit­en Mal bei Car­a­van ein, jene Musik­gruppe, die wie Soft Machine aus den vor 50 Jahren gegrün­de­ten Wilde Flow­ers her­vorg­ing. Car­a­van sind bis heute nicht offiziell aufgelöst, Dave Sin­clair war zumin­d­est im Jahr 2002 noch an Bord.

Diese Musik­gruppe hat wie ihre britis­chen Landsmän­ner Camel einige der schön­sten Melo­di­en der Can­ter­bury-Szene zu ver­ant­worten. Das ist zu ver­schmerzen.

Heute mal entspan­nt in den Mon­tag.

Guten Mor­gen.

Persönliches
Kamerawahn

Auf Twit­ter wer­den momen­tan in Vielzahl Fotos von Demon­stra­tio­nen gegen staatliche Überwachung veröf­fentlicht.

Vielle­icht bemerkt ihr die Diskrepanz zwis­chen “vie­len Fotos” (aus vie­len Kam­eras) und “Demon­stra­tio­nen gegen Überwachung”.

Ein Twit­ter­nutzer fragte mich angesichts dieser Bedenken anscheinend fas­sungs­los, ob ich denn auch keine Fotos vom Pub­likum von Fußball­spie­len und Konz­erten dulden würde. Nun: Nein. Wenn ich Berichter­stat­tun­gen über Konz­erte oder Fußball­spiele lese, dann bin ich nicht am Pub­likum inter­essiert, son­dern ich möchte Fußball­spiel­er oder Musik­er spie­len sehen. Beliebige Men­schen sehe ich qua­si jeden Tag um mich herum, dafür benötige ich keine Presse.

Es gibt exakt keinen für mich akzept­ablen Grund, eine Demon­stra­tion gegen Überwachung im Bild festzuhal­ten. Auch die Berichter­stat­tung über diese Demon­stra­tion funk­tion­iert in Textform her­vor­ra­gend, das Radio schafft das doch eben­falls.

Aber das ist ja im Zeital­ter der Smart­phones und Foto­brillen alles so prak­tisch.

Nerdkrams
Perfect PRISM Privacy

Momen­tan kann man im ganzen Land auf so genan­nten “Kryp­topar­tys” erfahren, wie man Mails und Sofort­nachricht­en (ich set­ze dafür unter Win­dows auf The Bat! mit GnuPG sowie Miran­da NG mit MirOTR-Plu­g­in, unter anderen Sys­te­men gibt es andere Meth­o­d­en) einiger­maßen abhör­sich­er aus­tauschen kann, auch wenn man nichts zu ver­ber­gen hat.

Abge­se­hen davon, dass diese Ver­schlüs­selun­gen nur die Symp­tome, nicht aber die Ursachen bekämpfen, bleibt das haupt­säch­liche Prob­lem ungelöst, näm­lich die Daten­sam­mel­wut der Staat­en. Auch die SPD mit ihrem Ruf nach Vor­rats­daten­spe­icherung will eigentlich nichts anderes als die anlass­lose Überwachung aller Vorgänge, die ihr im Inter­net durch­führt, mit anschließen­der Auf­be­wahrung der Aufze­ich­nun­gen. Es kön­nte ja sein, dass ihr mal Amok lauft oder so. (Viel mehr bleibt einem verzweifel­ten Bürg­er dieser Tage auch kaum mehr übrig.)

Eine doofe Eigen­schaft von TCP/IP, die ihr auch mit Ver­schlüs­selung nicht weg­bekommt, ist, dass ihr iden­ti­fizier­bar seid, der Dank gebührt eur­er IP-Adresse. Zwar gibt es eine Vielzahl an freien Prox­y­servern über­all auf der Welt, mit­tels der­er ihr “anonym” sein kön­nt, aber wer garantiert euch, dass diese Prox­y­serv­er nicht alles, was ihr tut, pro­tokol­lieren? Auch das Tor-Net­zw­erk, also die Umleitung “eures Inter­nets” über drei unab­hängige Router, wird gele­gentlich emp­fohlen, ist aber prinzip­iell kom­pro­mit­tier­bar (ein Angreifer muss nur min­destens auf zwei der drei Router zugreifen kön­nen, was einem Geheim­di­enst ver­mut­lich nicht schw­er fällt) und oben­drein aus ver­ständlichen Grün­den wirk­lich sehr, sehr langsam.

Und dann gibt es da noch VPNs.

VPNs (Vir­tu­al Pri­vate Net­works, “virtuelle pri­vate Net­ze”) funk­tion­ieren ähn­lich wie Prox­y­serv­er, sind aber etwas kom­plex­er (die Wikipedia weiß mehr). Auch die Hack­er­gruppe LulzSec ver­wen­dete ein VPN, um ihre Angriffe durchzuführen und online zu kom­mu­nizieren, was die Iden­ti­fizierung der Mit­glieder schw­er machte (diese gelang, wie man weiß, nur dank eines plaud­ern­den Mit­glieds der Gruppe). Zwar kosten VPN-Zugänge meist Geld (und zwar einiges), dafür sind die bere­it­gestell­ten Funk­tio­nen vielfältig. Ich mache das mal am Beispiel von Per­fect Pri­va­cy, da ich diesen Dienst seit Jahren selb­st benutze. Es gibt neben Per­fect Pri­va­cy auch weit­ere Anbi­eter, jedoch sind die Alter­na­tiv­en gele­gentlich gefährlich: Der Dienst “Hide My Ass” etwa zeich­net Verbindungs­dat­en auf. Im Zweifel gilt: Informiert euch vorher über den Dienst, der euch inter­essiert, damit ihr keine böse Über­raschung erlebt.

Per­fect Pri­va­cy funk­tion­iert so: Im Zen­trum ste­ht natür­lich der VPN-Zugang. Das geht mit der VPN-Soft­ware Open­VPN, die für alle nen­nenswerten Betrieb­ssys­teme ver­füg­bar ist. Dieser Zugang funk­tion­iert fol­gen­der­maßen: Der Benutzer startet das Pro­gramm, gibt seine Zugangs­dat­en ein (das kann übri­gens auch automa­tisiert wer­den), und schon ist er im Netz. Zur Auswahl ste­hen diverse Serv­er (beina­he) über­all auf der Welt, von Erfurt bis Tel Aviv. Alles, was ihr von nun an im Inter­net treibt, wird über den aus­gewählten Serv­er geleit­et; alles, was euer Inter­ne­tan­bi­eter (sowie jemand, der dort mitli­est) sieht, ist es, dass zwis­chen euch und diesem Serv­er irgendwelch­er Daten­verkehr stat­tfind­et. Blöd: Das funk­tion­iert nicht mit E‑Mail (außer — momen­tan — auf dem “Cyber­jaya”- sowie dem “Cairo”-Server); das ist aber ein­leuch­t­end: Ein anonymer E‑Mail-Ver­sand würde die Spamquote deut­lich erhöhen. Auch möglich ist der Auf­bau eines lokalen SSH-Tun­nels (das ist so was hier) mit­tels “Per­fect Pri­va­cy SSH”.

Die flex­i­bel­ste ange­botene Meth­ode ist jedoch die Nutzung als Proxy (SOCKS5 und HTTP wer­den unter­stützt). Das ermöglicht es, nur einzelne Pro­gramme über Per­fect Pri­va­cy zu routen. Empfehlenswert ist es etwa, den Proxy in der Tauschbörse eur­er Wahl einzu­tra­gen:

Perfect Privacy in eMule

Mit Fire­fox und der Erweiterung FoxyProxy Stan­dard ist es sog­ar möglich, nur einzelne Web­sites über Per­fect Pri­va­cy zu routen. Ihr wollt, dass YouTube euch für einen US-Amerikan­er oder für einen Lux­em­burg­er hält? Kein Prob­lem! — Euren Mail­client kön­nt ihr dann über “Cyber­jaya” oder “Cairo” routen, dann klappt auch das mit der Ver­schlüs­selung wieder.

Und die Sicher­heit? Nun ja, ger­ade der Serv­er in Erfurt wird natür­lich des Öfteren beschlagnahmt. Da Per­fect Pri­va­cy aber kein­er­lei Kun­den­dat­en spe­ichert, wed­er also wis­sen möchte, wer ihr seid (auch die Bezahlung ist anonym möglich), noch eure Verbindungs­dat­en irgend­wie aufze­ich­net, ist dies stets ergeb­nis­los geblieben.

Ihr habt die Wahl. Ver­säumt sie nicht.

PolitikIn den NachrichtenNerdkramsMir wird geschlecht
Kurz verlinkt CLXXVI: Schlagzeilen vom 24. Juli 2013

Guter Anfang: Anträge der NPD wer­den aus Prinzip abgelehnt, unab­hängig von deren Inhalt. Warum klappt das mit der CDU nicht auch?


Ach, CDU, die anderen sind auch nicht bess­er, sagt ihr? Stimmt: Sig­mar Gabriel von der Vor­rats­dat­en-SPD zeigt mal wieder mit dem Fin­ger auf andere, nur nicht auf die Schuldigen. Klar, es ist Wahlkampf, da sind Worthülsen zum The­ma Totalüberwachung unver­mei­d­bar, nicht?


Aber die Deutschen wollen es ja auch nicht anders. SwiftKey (Android-Tas­tatur) syn­chro­nisiert das Getippe jet­zt mit der cloud. Prak­tisch, jet­zt muss man nicht mehr Face­book, Google, Apple und Microsoft um Koop­er­a­tion bit­ten, son­dern kann die getippten Texte noch während der Eingabe auswerten. Außer­dem toll: SwiftKey kann nun “Trend­ing Phras­es” herun­ter­laden, das heißt, rel­e­vante Ereignisse des Tages (etwa das mit dem königlichen Nach­wuchs) sind automa­tisch “bekan­nte Begriffe”. Hui.


Königlich­er Nach­wuchs? Ach so, der neue Thron­fol­ger ist wieder nur ein Junge. Frech­heit, find­en Fem­i­nistin­nen. Muss William wohl noch mal ran.

“Wir alle wer­den ver­rückt geboren. Manche bleiben es.”
– Samuel Beck­ett, Warten auf Godot

PersönlichesLyrik
Passiv leben

Was lässt euch eigentlich glauben, dass ihr wisst, was es heißt, am Leben zu sein, wenn ihr die Welt um euch herum ein­fach geschehen lasst?

Schaut den Men­schen ins Gesicht, die euch jeden Tag begeg­nen. Sie sind grau. Sie sind leer. Sie sind ihre eige­nen Schat­ten.

Liebt ihr oder werdet ihr geliebt?

Lebt ihr oder werdet ihr gelebt?

Sonstiges
“Hilfe, die Medien verblöden uns!”

Na, klebtet ihr heute auch alle vor dem Fernse­her, um zu wis­sen, ob das Kind der einen Englän­derin da alle Glied­maßen an der richti­gen Stelle trägt? Ich ver­folge das jet­zt nicht aktiv, aber ich bin mir ziem­lich sich­er, es ist ein Men­sch.

Dafür zahlt man doch gern Gebühren, nicht? Natür­lich ist diese Art der Berichter­stat­tung jet­zt kein leuch­t­en­des Beispiel für Qual­ität­sjour­nal­is­mus, denn zu den Pflicht­en eines Jour­nal­is­ten, dessen hehre Auf­gabe die Recherche zum Schutz der Bürg­er vor Lügen sein sollte, gehört das Schüren von Emo­tio­nen wahrlich nicht. Eine kleine Gruppe von Men­schen, die ver­sucht, mit­tels rhetorisch­er Kniffe die Emo­tio­nen der Bürg­er eines Lan­des in die gewün­schte Rich­tung zu lenken (“OH-MEIN-GOTT-ES-IST-EIN-KIND-DAS-IST-SO-EIN-FREUDIGES-EREIGNIS”), unter­schei­det näm­lich genau was von ein­er kleinen Gruppe Pop­ulis­ten (wie damals den ollen Goebbels, nur ohne das mit dem Krieg)? Tja nun, nicht viel.

Dies sollte ein Bürg­er aber eigentlich wis­sen, so lange er noch mündig und im Vollbe­sitz sein­er geisti­gen Kräfte ist. Zwar kann nie­mand dazu gezwun­gen wer­den, sich ein Bild darüber zu ver­schaf­fen, was in der Welt um ihn herum geschieht, aber einem jeden Men­schen sollte diese Möglichkeit unbenom­men bleiben. Boule­vardme­di­en soll­ten niemals die haupt­säch­liche Infor­ma­tion­squelle für einen Men­schen sein (wohl aber meinethal­ben Unter­hal­tungsquelle).

In einem Forum fand ich dieser Tage diese fol­glich erschreck­ende Hal­tung:

Wenn die Medi­en­land­schaft aber keine intelek­tuellen (sic) Meßlat­ten mehr anbi­etet bzw. auf nachts um 2 ver­legt, weil die Wer­be­huren nach Quote bezahlen und die Men­schen im Fernse­hen nur noch gegen­seit­ige Mis­sach­tung, “Kastisierung” und Demü­ti­gung erleben und auch in ihrem Umfeld keine anderen Maßstäbe mehr find­en bzw. jeglich­er Ver­such dann auch noch zunichte gemacht wird (Bil­dung ist uncool, Mob­bing), dann kann es für den Einzel­nen extrem schw­er sein, sein möglich­es Poten­tial auszuschöpfen.

Kurz gesagt: “Ich würde mich ja bilden, aber im Fernse­hen kommt ger­ade nur Hirn­brei”.

Die Medi­en informieren über das, was die meis­ten Men­schen inter­essiert. Nach­wuchs von irgendwelchen Briten, hin­ter einem Ball her­laufende oder im Kreis fahrende Deutsche, gele­gentlich auch mal “zu Hülf’, wir wer­den alle überwacht”, dann aber ohne Lösungsvorschläge, son­dern als Stim­mungsan­reiz. Hier, die Welt um euch herum ist kaputt, aber guckt euch doch mal das süße Kind an.

Ger­ade in einem Wahl­jahr zeigt sich die hässliche Fratze des Jour­nal­is­mus’: Kle­in­ste ver­meintliche Prob­leme der Parteien — nicht natür­lich der Partei, die im Auf­sicht­srat des jew­eili­gen Senders einen gewis­sen Ein­fluss zu nehmen ver­mag, denn so vorauss­chauend ist Mit­men­sch Jour­nal­ist dann doch noch — wer­den aufge­bauscht, Tenor: Guckt mal, die kann man doch niemals wählen! Wahlempfehlun­gen auszus­prechen ist aber nicht die Auf­gabe eines Jour­nal­is­ten, und ein Jour­nal­ist, der solch­es ver­sucht, sollte unehren­haft ent­lassen wer­den und kün­ftig zu ehrlich­er Arbeit ver­don­nert wer­den. Jour­nal­is­ten, die Edward Snow­den für seinen Mut preisen (was eben­falls nichts ist, was ein Jour­nal­ist tun sollte), soll­ten diesen Mut zumeist erst ein­mal selb­st besitzen.

Ach, wenn es doch nur unab­hängige Medi­en gäbe! Wenn doch nur jemand eine tech­nis­che Vor­rich­tung ersänne, mith­il­fe der­er jed­er Men­sch auf poli­tis­che und gesellschaftliche Missstände hin­weisen kann, ohne Jour­nal­ist zu sein! — Oh, die gibt es schon? Hm. Hier, guckt euch doch mal das süße Kind an.

“Auf RTL kommt nur Mist, darum kann ich mich nicht informieren.”

Lasst euch ein­pökeln.

MusikKaufbefehle
Electric Moon — Lunatics

Electric Moon - LunaticsDerzeit rotiert in meinem Musik­spiel­er das Album “Lunatics” des deutschen Kraut-/Space­rock­trios Elec­tric Moon, deren Gitar­rist und Organ­ist Sula Bas­sana sich auch als Solokün­stler inzwis­chen einen recht bekan­nten Namen gemacht hat. Ich möchte es wärm­stens empfehlen.

Es begin­nt mit “Gefährliche Plan­eten­girls”, einem long­track (vier der fünf Stücke auf dem Album über­schre­it­en die Elf-Minuten-Marke), der trotz des Namens instru­men­tal ist. Gesun­gen wird auf dem Album nur spär­lich, aber darauf kommt es nicht an — Pink Floyds “Set the Con­trols for the Heart of the Sun” lebt ja auch vor allem vom Instru­men­tal­spiel. Über­haupt ist dieses Stück ein her­vor­ra­gen­der Ver­gle­ich, “Lunatics” klingt wie ein würdi­ger Nach­fol­ger des Stücks in Alben­länge.

Elec­tric Moon — Gefährliche Plan­eten­girls

Gesang kommt zuerst in “Hotel Hell” — im Orig­i­nal, so weit mir bekan­nt, von den Ani­mals — zum Ein­satz. Primär singt Bassistin “Komet Lulu”, hier links im Bild, und das nicht mal schlecht. (Allerd­ings finde ich auch, dass der Orig­i­nal­in­ter­pret Eric Bur­don nicht son­der­lich gut singt. Ich finde ihn eher lang­weilig.)

Elec­tric Moon — Hotel Hell

Mit dem Dreiundzwanzig­minüter “Moon Love” gibt es dann noch mal einen würdi­gen Abschluss im Stil von Pink Floyds “Care­ful With That Axe, Eugene” (zu Deutsch etwa: “Sei vor­sichtig mit dem Deodor­ant, Eugen!”), der aber auch Ken­nern (und Mögern) von Gong und den alten Hawk­wind gefall­en sollte. Im Vorder­grund ste­ht wuchtiger Bass, “Komet Lulu” flüstert dazu bedrohlich vor sich hin. Es gibt sog­ar einen Refrain:

Moon Love.
Moon Love.
Moon Love.
(…)

“Sog­ar” trifft’s übri­gens ganz gut. Elec­tric Moon machen primär Space­rock. Das Stro­phe-Refrain-Stro­phe-Refrain-Refrain-Ende-Schema wird von ihnen erfreulicher­weise ignori­ert. Radio­hör­er, denen alles über drei Minuten schon unnatür­lich lange vorkommt, wer­den her­zlich dazu ein­ge­laden, lieber was anderes zu hören. Ihnen wird einiges ent­ge­hen. Auch die Wieder­hol­ung wird hier zele­bri­ert: Das Grund­muster der Stücke bilden wiederkehrende Rhyth­mus­muster, über die dann gele­gentlich eine erup­tive Gitarre gelegt wird. Das liest sich monot­o­n­er als es eigentlich ist, es passiert eigentlich ständig etwas.

Ger­ade das abschließende “Moon Love” ist ein musikalis­ch­er Orgas­mus, sich allmäh­lich auf­bäu­mend und dann gle­ich­sam explodierend. Die richtige Musik ist, ich wieder­hole mich sich­er noch des Öfteren, Sex für den Kopf, nur bess­er.

“Lunatics” ist ein gutes Album. Ich bitte es zur Ken­nt­nis zu nehmen.
Gern geschehen.