Ihr kennt das: Ihr streunt nichts ahnend durch die Straßen, da taucht vor euch plötzlich ein Harmonium auf und ihr habt partout keine Idee, was ihr darauf spielen könntet.
Wie wär’s damit?
Gern geschehen.
Guten Morgen!
Ihr kennt das: Ihr streunt nichts ahnend durch die Straßen, da taucht vor euch plötzlich ein Harmonium auf und ihr habt partout keine Idee, was ihr darauf spielen könntet.
Wie wär’s damit?
Gern geschehen.
Guten Morgen!
(Aus aktuellem Anlass mal wieder ein wenig Laienwirtschaft. Ergänzungen sind willkommen — tatsächlich ist dies nicht mein Fachgebiet.)
Den Nachrichten — Verlinkung leider unerwünscht — ist gegenwärtig zu entnehmen, dass wie jedes Jahr darüber nachgedacht wird, die höchstverschuldeten deutschen Bundesländer, darunter das Saarland, einfach wegzufusionieren. Was aus den Schulden des jeweiligen Landes werden soll, ist dabei leider nicht klar geregelt; wahrscheinlich gehen diese dann in das Portfolio des übernehmenden Landes über. Vielleicht möchte Frankreich uns das Saarland ja immer noch abnehmen.
Dabei ist das mit den Schulden doch eigentlich seit 2009 so gut wie erledigt:: Berlin, Bremen, das Saarland, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein dürfen nur noch bis Ende 2019 Schulden machen, danach ist Schluss; in anderen Worten: Dem immensen Schuldenberg darf danach nichts mehr hinzugefügt werden. Zum Vergleich: Wenn ich ein paar hundert Millionen Euro Schulden hätte und sechseinhalb Jahre Aufschub für die Rückzahlung erbäte, meine Bank wäre nicht mehr allzu freundlich zu mir — aber ich bin ja kein Land.
Interessant ist das Konsolidierungshilfengesetz (Konsul, hi, ähm, KonsHilfG) aber auch für diejenigen zu lesen, die bisher noch nicht verstanden haben, wieso es im Volksmund heißt, der Staat ziehe seinen Bürgern das Geld aus der Tasche, denn der geplante Schuldenabbau (es heißt, wohlgemerkt, Schuldenbremse, nicht Schuldenprellbock — es wird also nichts abrupt angehalten, es dauert künftig nur etwas länger) geht natürlich nicht einfach so. Die Länder bekommen jedes Jahr insgesamt 800 Millionen Euro für die Portokasse spendiert, die sie dann bis 2020 sparen sollen. Woher diese 800 Millionen kommen, ist natürlich ebenfalls gesetzlich geregelt (§ 3 KonsHilfG):
Die sich aus der Gewährung der Konsolidierungshilfen ergebende Finanzierungslast wird hälftig von Bund und Ländern getragen. Der Anteil des Bundes an den Zahlungen nach § 1 Absatz 2 beträgt jährlich 400 Millionen Euro.
Legende: Der Bund, das sind die Steuerzahler, und die Länder, das sind ebenfalls die Steuerzahler; nur eben diejenigen, die blöderweise in den Ländern wohnen, die mit ihrem Geld besser umgehen können. Wer vor 2020 innerhalb Deutschlands umziehen möchte, sollte sich also eines der Bundesländer aussuchen, die nicht im KonsHilfG aufgeführt sind. Man weiß ja nie.
Die 800 Millionen Euro sind übrigens offenbar nicht dafür gedacht, damit Schulden abzubauen; § 2 Abs. 1 KonsHilfG stellt diese Finanzspritze vielmehr als nettes Geschenk dar:
Gewährte Konsolidierungshilfen bleiben bei der Ermittlung des Finanzierungssaldos unberücksichtigt.
Selbst, wenn also bis 2020 besagte Länder ein ausgeglichenes Saldo vorweisen können, werden die insgesamt 800 Millionen Euro sozusagen schlicht aus den Büchern gestrichen. Man möchte ja kein Bundesland unnötig bestrafen. Und wenn sie das nicht schaffen? Tja, dann gibt’s halt im entsprechenden Jahr kein Extrabonbon aus dem Topf und einen mahnenden Blick (§ 2 Abs. 3 KonsHilfG):
Wird die Einhaltung der Obergrenzen des Finanzierungssaldos nach Absatz 2 nicht festgestellt, verwarnt der Stabilitätsrat das betroffene Land. Der Anspruch des betroffenen Landes auf Konsolidierungshilfe für dieses Jahr entfällt.
Zum Vergleich: Die Bundesländer haben 2012 insgesamt einen Schuldenberg von fast 649 Milliarden Euro aufgehäuft, Tendenz steigend. Dass der Euro Deutschland von den lästigen Pflichten aus dem Vertrag von Maastricht befreit hat (für den es 2003 immerhin noch eine Jubiläumsbriefmarke gab), ist da vielleicht zumindest ein interessiertes “Oho!” wert.
Nochmals zum Vergleich: Die Schweiz, größter Einzelgläubiger Deutschlands und außerhalb der Eurozone liegend, hat zurzeit (mit Stand von jetzt gerade) eine tägliche Neuverschuldung von minus 3,463 Millionen Euro.
Peter Bofinger — das war der “Wirtschaftsweise”, der stabile Währungen für Teufelszeug hält — hat gesagt, es sei falsch, Schulden mit Methoden zu bekämpfen, die Verluste für Gläubiger bedeuten könnten. Vielleicht sollten wir Deutschland einfach an die Schweiz angliedern.
Mit Ausnahme des Saarlands, versteht sich.
(Mit Dank an L.!)
Es mag in all dem Pressetaumel um PRISM, Tempora und die PlayStation 4 untergegangen sein: Seit gestern ist das Leistungsschmutzrecht geltendes Recht in Deutschland.
Dass ausgerechnet der eklige Axel-Springer-Verlag, einer der Vorkämpfer für einen “Schutz” der eigenen “Leistung” im Internet, dann doch nix dagegen hat, wenn Google vorerst weiterhin sein “geistiges Eigentum” raubmordkopiert, lässt mich, zugegeben, nicht einmal mehr müde lächeln.
Seit gestern also haben die großen und viele kleinere Verlage kein allzu großes Interesse mehr daran, am Internet teilzunehmen, was insbesondere uns, die wir gelegentlich Dinge ins Internet reinschreiben, gegebenenfalls in unangenehme Situationen bringen könnte. Eine versehentliche kostenlose Werbung in Form eines Hyperlinks kann teuer werden. Nun, der Erfüllung des verlagsseitigen Wunsches nach Erleuchtung durch Kasteiung mag ich als Mitglied des großen sozialen Netzes doch nur allzu gern Vorschub leisten.
Der Nachtwächter hat dafür letztes Jahr eine ziemlich vollständige Liste aller leistungsschmutzrechtsleidenden Verlage in eine HOSTS-Erweiterung zusammenkopiert. Diese Liste gilt es in die Textdatei /etc/hosts (UNIX, Linux) oder C:\Windows\system32\drivers\etc\hosts zu kopieren, hernach sind alle Angebote, die ausdrücklich darum bitten, nicht im deutschen Internet (gegründet von Michaela Merz) gefunden zu werden, aus dem eigenen Internet verschwunden.
Wir sind ja nicht so.
Weil’s so schön war — einen noch:
Die katholische Kirche müsse sich damit auseinandersetzen, dass Menschen sie verließen, da sie “unter der Illusion alternativer religiöser Ideen glauben”, dass die Kirche ihnen nichts Bedeutendes und Wichtiges mehr bieten könne, sagte der Papst am Samstag in Rio de Janeiro.
Doesn’t matter, had sex beziehungsweise, Papst Franzerl (herrje, ihr Medien, den Johannes Paul II. habt ihr doch auch nicht “Ioannes Paulus” genannt), nein, dass Menschen mit euch nichts mehr zu tun haben wollen, hat nichts damit zu tun, dass sie alternativen religiösen Ideen verfallen sind — ab einem gewissen Alter hätte man halt nur gern mal Sex mit Frauen und nicht mehr mit dem Pfarrer, und euer geistliches Rahmenprogramm, dieses ganze heilige Brimborium, erzeugt in mir so einen unangenehmen Brechreiz, je älter ich werde, desto stärker.
Götter wurden irgendwann mal erdacht, um den Menschen eine Erklärung für Dinge zu geben, die sie nicht verstehen. So weit ich weiß, helfen eure Elohim aber nicht bei der Steuererklärung und sind auch nicht besonders gut darin, der Menschheit zu erläutern, wie Krieg und Elend mit dem Bild von einem gütigen Gott zusammenpassen sollen, und woher Blitz und Donner kommen, weiß inzwischen sicherlich sogar Aiman Abdallah.
Geistige Aufklärung als alternative religiöse Idee zu bezeichnen ist aber schon sehr erhellend. Die Tempel von Ba’al und Aschera haben eure Elohim damals wohlweislich zu zerstören befohlen, den Tempel des menschlichen Geistes aber kriegt nicht einmal ihr kaputt. (Randnotiz: Glaube kann Gehirnschwund verursachen.)
Das Problem hattet ihr im Mittelalter nicht, das war herrlich, stimmt’s?
Verteidigungsminister und Doktor, inzwischen beides a.D., von und zu Guttenberg (CSU), Februar 2011:
Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt.
Bildungsministerin und Doktorin, inzwischen beides a.D., Schavan (CDU), Dezember 2012 in fast gleichem Wortlaut und konsequent ohne Quellenangabe:
Ich habe meine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erstellt.
Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (CDU), Juli 2013:
Ich habe meine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt.
Aktueller Beschluss der CDU zum Thema Bildung:
Unser Ziel ist die Bildungsrepublik Deutschland:
(…)
- Ein Land, in dem der Aufstieg durch Bildung jedem Menschen offensteht.
- Eine Bildungspolitik in einer föderalen Ordnung, in der jede politische Ebene zur Leistungsfähigkeit des Bildungssystems ihren Beitrag leistet und ihre Verantwortung wahrnimmt.
“Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD.”
– Die Ärzte: Lasse redn
Der Feminismus hat neben einigen akzeptablen Ansätzen zur Weltverbesserung (etwa der Abschaffung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern) auch einige spinnerte Ideen hervorgebracht, etwa die Frauenquote (denn eine moderne Frau möchte offensichtlich die Vaginaquote von Mannes Gnaden — von wegen selbstbestimmt — erfüllen und nicht mit so etwas Lästigem wie Kompetenz überzeugen müssen) und die kaum noch auszumerzende Überzeugung, dass alles, was ein Mann nicht gebückt tut, automatisch ein Zeichen von Macht sei.
Sexismus sei ein rein männliches Phänomen, denn ein Mann, so ließ mich ein überzeugter Feminist (männlich) unlängst wissen, habe Macht, die eine Frau nicht habe, und daher könne eine Frau nicht sexistisch sein. Nun, dieser Feminist sollte einmal mit offenen Augen durch die Welt gehen. Männerfeindlicher Sexismus in der Werbung? Aber natürlich! Oder darf’s etwas subtiler sein? Dann stellt euch mal diese Satzanfänge vor: “Männer sind …” und “Jungen sollen nicht …”. Euch fällt sofort mindestens eine Ergänzung ein? Glückwunsch: Ihr seid Sexisten.
Ach, die männliche Macht spiegelt sich auch in der Gewalt gegen Frauen?
[E]twa 30% der Frauen und der Männer sind gewaltaktiv -, jedoch in jeweils unterschiedlichen Formen: Männer tendieren stärker zu (sichtbarer) physischer Gewalt, Frauen stärker zu (unsichtbarer) Kontrollgewalt und verbaler Gewalt. (…) Dabei erleiden Männer stärker als Frauen physische Gewalt, aber in etwa zu gleichen Anteilen wie Frauen sexualisierte Gewalt.
Beziehungsweise eben: Drei Viertel aller Opfer sind Männer. Solche Prozentangaben stützen sich wohlgemerkt meist auf die Zahlen, die öffentlich verfügbar sind. Ein Mann, dem von einer Frau Gewalt angetan wird, geht damit jedoch nicht allzu gern an die Öffentlichkeit, er würde vermutlich meist ausgelacht oder zum Einzelfall gemacht. In der Gesellschaft ist das Bild des starken Mannes fest verwurzelt. Das wird schon im Kindesalter gelehrt: “Jungen weinen nicht.” Ob das die Jungen auch so sehen?
Ich persönlich, friedfertig, wie ich bin, habe in meinem Leben jedenfalls schon mehr (unter anderem verbale) Gewalt durch Frauen erfahren als ich jemals ausüben würde. Es wäre einfach nicht zielführend, mein Gegenüber wüst zu beschimpfen — einen Disput löse ich bevorzugt mit den besseren Argumenten. Als Mann aber habe ich Macht, da muss ich mir so etwas natürlich gefallen lassen. Als ich mich kürzlich (blöderweise) in eine Feminismusdiskussion einschaltete und mein Leid beschrieb, hieß es jedenfalls, es sei sicherlich blöd, dass mir das passiert ist, aber ich sei immer noch die Minderheit und habe gefälligst zu akzeptieren, dass ich ein strukturell mächtiger Mann sei.
Zugegeben, Mädchen müssen im Sportunterricht für die gleiche Bewertung weniger gute Leistungen vollbringen, werden (dank Frauenquoten) oft bevorzugt eingestellt, sind damit seltener arbeitslos, bekommen später mehr Rente und in einem Sorgerechtsstreit in der Regel auch die gemeinsamen Kinder zugesprochen. Viel Macht bleibt mir da nicht mehr übrig. Ich habe nicht mal mehr die Macht, vor Wut zum Hulk zu werden, denn dabei würde meine Kleidung platzen, und gemäß § 183,1 StGB ist öffentliche Nacktheit strafbar — sofern man ein Mann ist.
Ja: Ich bin ein Mann! Naturgegeben ist mein Machoverhalten, und jedes Zucken meiner Gliedmaßen signalisiert meine Gewaltbereitschaft. Oi, bin ich böse! — Das sehen vermutlich auch Frauen in der U‑Bahn so:
Ich saß in der U‑Bahn und dachte an nichts Böses, als ich die Frau fluchen hörte. Sie war um die 50 und hatte ihre Einkaufstüten auf einen Sitz ein paar Reihen weiter vorne gewuchtet. Jetzt zischte sie den Mann auf dem gegenüberliegenden Platz an: “Müssen Sie so breitbeinig dasitzen? Es gibt auch noch andere Menschen hier!” Allerdings hatte sie noch einen Sitzplatz für sich selbst und ihre Tüten gefunden. Der Mann, um die 40 und augenscheinlich mit Migrationshintergrund, schaute verwirrt von seinem Handy auf. Die Frau beruhigte sich gar nicht. “Sie sitzen da, als seien Sie alleine auf der Welt….” Der Mann sah entgeistert aus, vielleicht verstand er die Frau noch nicht einmal. Er stand auf und setze (sic!) sich woanders hin.
Breitbeiniges Sitzen — für Frauen ebenso untypisch wie im Stehen zu pinkeln — ist offenbar ein Zeichen von männlicher Macht. Ich wüsste ja schon gern, welchen Vorschlag die Frau um die 50 zur Platzierung des kleinen Unterschieds zwischen den Beinen gemacht hätte und ob die anderen Menschen hier nicht vielleicht bequemer sitzen sollten als Einkaufstüten, aber leider wurde sie nicht gefragt.
Darauf erst mal ein schönes blutiges Fruststeak.
Vor 40 Jahren stieg Dave Sinclair, talentierter Keyboarder, der zwischenzeitlich bei Delivery und Hatfield and the North gespielt hatte, zum zweiten Mal bei Caravan ein, jene Musikgruppe, die wie Soft Machine aus den vor 50 Jahren gegründeten Wilde Flowers hervorging. Caravan sind bis heute nicht offiziell aufgelöst, Dave Sinclair war zumindest im Jahr 2002 noch an Bord.
Diese Musikgruppe hat wie ihre britischen Landsmänner Camel einige der schönsten Melodien der Canterbury-Szene zu verantworten. Das ist zu verschmerzen.
Heute mal entspannt in den Montag.
Guten Morgen.
Auf Twitter werden momentan in Vielzahl Fotos von Demonstrationen gegen staatliche Überwachung veröffentlicht.
Vielleicht bemerkt ihr die Diskrepanz zwischen “vielen Fotos” (aus vielen Kameras) und “Demonstrationen gegen Überwachung”.
Ein Twitternutzer fragte mich angesichts dieser Bedenken anscheinend fassungslos, ob ich denn auch keine Fotos vom Publikum von Fußballspielen und Konzerten dulden würde. Nun: Nein. Wenn ich Berichterstattungen über Konzerte oder Fußballspiele lese, dann bin ich nicht am Publikum interessiert, sondern ich möchte Fußballspieler oder Musiker spielen sehen. Beliebige Menschen sehe ich quasi jeden Tag um mich herum, dafür benötige ich keine Presse.
Es gibt exakt keinen für mich akzeptablen Grund, eine Demonstration gegen Überwachung im Bild festzuhalten. Auch die Berichterstattung über diese Demonstration funktioniert in Textform hervorragend, das Radio schafft das doch ebenfalls.
Aber das ist ja im Zeitalter der Smartphones und Fotobrillen alles so praktisch.
Momentan kann man im ganzen Land auf so genannten “Kryptopartys” erfahren, wie man Mails und Sofortnachrichten (ich setze dafür unter Windows auf The Bat! mit GnuPG sowie Miranda NG mit MirOTR-Plugin, unter anderen Systemen gibt es andere Methoden) einigermaßen abhörsicher austauschen kann, auch wenn man nichts zu verbergen hat.
Abgesehen davon, dass diese Verschlüsselungen nur die Symptome, nicht aber die Ursachen bekämpfen, bleibt das hauptsächliche Problem ungelöst, nämlich die Datensammelwut der Staaten. Auch die SPD mit ihrem Ruf nach Vorratsdatenspeicherung will eigentlich nichts anderes als die anlasslose Überwachung aller Vorgänge, die ihr im Internet durchführt, mit anschließender Aufbewahrung der Aufzeichnungen. Es könnte ja sein, dass ihr mal Amok lauft oder so. (Viel mehr bleibt einem verzweifelten Bürger dieser Tage auch kaum mehr übrig.)
Eine doofe Eigenschaft von TCP/IP, die ihr auch mit Verschlüsselung nicht wegbekommt, ist, dass ihr identifizierbar seid, der Dank gebührt eurer IP-Adresse. Zwar gibt es eine Vielzahl an freien Proxyservern überall auf der Welt, mittels derer ihr “anonym” sein könnt, aber wer garantiert euch, dass diese Proxyserver nicht alles, was ihr tut, protokollieren? Auch das Tor-Netzwerk, also die Umleitung “eures Internets” über drei unabhängige Router, wird gelegentlich empfohlen, ist aber prinzipiell kompromittierbar (ein Angreifer muss nur mindestens auf zwei der drei Router zugreifen können, was einem Geheimdienst vermutlich nicht schwer fällt) und obendrein aus verständlichen Gründen wirklich sehr, sehr langsam.
Und dann gibt es da noch VPNs.
VPNs (Virtual Private Networks, “virtuelle private Netze”) funktionieren ähnlich wie Proxyserver, sind aber etwas komplexer (die Wikipedia weiß mehr). Auch die Hackergruppe LulzSec verwendete ein VPN, um ihre Angriffe durchzuführen und online zu kommunizieren, was die Identifizierung der Mitglieder schwer machte (diese gelang, wie man weiß, nur dank eines plaudernden Mitglieds der Gruppe). Zwar kosten VPN-Zugänge meist Geld (und zwar einiges), dafür sind die bereitgestellten Funktionen vielfältig. Ich mache das mal am Beispiel von Perfect Privacy, da ich diesen Dienst seit Jahren selbst benutze. Es gibt neben Perfect Privacy auch weitere Anbieter, jedoch sind die Alternativen gelegentlich gefährlich: Der Dienst “Hide My Ass” etwa zeichnet Verbindungsdaten auf. Im Zweifel gilt: Informiert euch vorher über den Dienst, der euch interessiert, damit ihr keine böse Überraschung erlebt.
Perfect Privacy funktioniert so: Im Zentrum steht natürlich der VPN-Zugang. Das geht mit der VPN-Software OpenVPN, die für alle nennenswerten Betriebssysteme verfügbar ist. Dieser Zugang funktioniert folgendermaßen: Der Benutzer startet das Programm, gibt seine Zugangsdaten ein (das kann übrigens auch automatisiert werden), und schon ist er im Netz. Zur Auswahl stehen diverse Server (beinahe) überall auf der Welt, von Erfurt bis Tel Aviv. Alles, was ihr von nun an im Internet treibt, wird über den ausgewählten Server geleitet; alles, was euer Internetanbieter (sowie jemand, der dort mitliest) sieht, ist es, dass zwischen euch und diesem Server irgendwelcher Datenverkehr stattfindet. Blöd: Das funktioniert nicht mit E‑Mail (außer — momentan — auf dem “Cyberjaya”- sowie dem “Cairo”-Server); das ist aber einleuchtend: Ein anonymer E‑Mail-Versand würde die Spamquote deutlich erhöhen. Auch möglich ist der Aufbau eines lokalen SSH-Tunnels (das ist so was hier) mittels “Perfect Privacy SSH”.
Die flexibelste angebotene Methode ist jedoch die Nutzung als Proxy (SOCKS5 und HTTP werden unterstützt). Das ermöglicht es, nur einzelne Programme über Perfect Privacy zu routen. Empfehlenswert ist es etwa, den Proxy in der Tauschbörse eurer Wahl einzutragen:
Mit Firefox und der Erweiterung FoxyProxy Standard ist es sogar möglich, nur einzelne Websites über Perfect Privacy zu routen. Ihr wollt, dass YouTube euch für einen US-Amerikaner oder für einen Luxemburger hält? Kein Problem! — Euren Mailclient könnt ihr dann über “Cyberjaya” oder “Cairo” routen, dann klappt auch das mit der Verschlüsselung wieder.
Und die Sicherheit? Nun ja, gerade der Server in Erfurt wird natürlich des Öfteren beschlagnahmt. Da Perfect Privacy aber keinerlei Kundendaten speichert, weder also wissen möchte, wer ihr seid (auch die Bezahlung ist anonym möglich), noch eure Verbindungsdaten irgendwie aufzeichnet, ist dies stets ergebnislos geblieben.
Ihr habt die Wahl. Versäumt sie nicht.
Guter Anfang: Anträge der NPD werden aus Prinzip abgelehnt, unabhängig von deren Inhalt. Warum klappt das mit der CDU nicht auch?
Ach, CDU, die anderen sind auch nicht besser, sagt ihr? Stimmt: Sigmar Gabriel von der Vorratsdaten-SPD zeigt mal wieder mit dem Finger auf andere, nur nicht auf die Schuldigen. Klar, es ist Wahlkampf, da sind Worthülsen zum Thema Totalüberwachung unvermeidbar, nicht?
Aber die Deutschen wollen es ja auch nicht anders. SwiftKey (Android-Tastatur) synchronisiert das Getippe jetzt mit der cloud. Praktisch, jetzt muss man nicht mehr Facebook, Google, Apple und Microsoft um Kooperation bitten, sondern kann die getippten Texte noch während der Eingabe auswerten. Außerdem toll: SwiftKey kann nun “Trending Phrases” herunterladen, das heißt, relevante Ereignisse des Tages (etwa das mit dem königlichen Nachwuchs) sind automatisch “bekannte Begriffe”. Hui.
Königlicher Nachwuchs? Ach so, der neue Thronfolger ist wieder nur ein Junge. Frechheit, finden Feministinnen. Muss William wohl noch mal ran.
“Wir alle werden verrückt geboren. Manche bleiben es.”
– Samuel Beckett, Warten auf Godot
Was lässt euch eigentlich glauben, dass ihr wisst, was es heißt, am Leben zu sein, wenn ihr die Welt um euch herum einfach geschehen lasst?
Schaut den Menschen ins Gesicht, die euch jeden Tag begegnen. Sie sind grau. Sie sind leer. Sie sind ihre eigenen Schatten.
Liebt ihr oder werdet ihr geliebt?
Lebt ihr oder werdet ihr gelebt?
Na, klebtet ihr heute auch alle vor dem Fernseher, um zu wissen, ob das Kind der einen Engländerin da alle Gliedmaßen an der richtigen Stelle trägt? Ich verfolge das jetzt nicht aktiv, aber ich bin mir ziemlich sicher, es ist ein Mensch.
Dafür zahlt man doch gern Gebühren, nicht? Natürlich ist diese Art der Berichterstattung jetzt kein leuchtendes Beispiel für Qualitätsjournalismus, denn zu den Pflichten eines Journalisten, dessen hehre Aufgabe die Recherche zum Schutz der Bürger vor Lügen sein sollte, gehört das Schüren von Emotionen wahrlich nicht. Eine kleine Gruppe von Menschen, die versucht, mittels rhetorischer Kniffe die Emotionen der Bürger eines Landes in die gewünschte Richtung zu lenken (“OH-MEIN-GOTT-ES-IST-EIN-KIND-DAS-IST-SO-EIN-FREUDIGES-EREIGNIS”), unterscheidet nämlich genau was von einer kleinen Gruppe Populisten (wie damals den ollen Goebbels, nur ohne das mit dem Krieg)? Tja nun, nicht viel.
Dies sollte ein Bürger aber eigentlich wissen, so lange er noch mündig und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist. Zwar kann niemand dazu gezwungen werden, sich ein Bild darüber zu verschaffen, was in der Welt um ihn herum geschieht, aber einem jeden Menschen sollte diese Möglichkeit unbenommen bleiben. Boulevardmedien sollten niemals die hauptsächliche Informationsquelle für einen Menschen sein (wohl aber meinethalben Unterhaltungsquelle).
In einem Forum fand ich dieser Tage diese folglich erschreckende Haltung:
Wenn die Medienlandschaft aber keine intelektuellen (sic) Meßlatten mehr anbietet bzw. auf nachts um 2 verlegt, weil die Werbehuren nach Quote bezahlen und die Menschen im Fernsehen nur noch gegenseitige Missachtung, “Kastisierung” und Demütigung erleben und auch in ihrem Umfeld keine anderen Maßstäbe mehr finden bzw. jeglicher Versuch dann auch noch zunichte gemacht wird (Bildung ist uncool, Mobbing), dann kann es für den Einzelnen extrem schwer sein, sein mögliches Potential auszuschöpfen.
Kurz gesagt: “Ich würde mich ja bilden, aber im Fernsehen kommt gerade nur Hirnbrei”.
Die Medien informieren über das, was die meisten Menschen interessiert. Nachwuchs von irgendwelchen Briten, hinter einem Ball herlaufende oder im Kreis fahrende Deutsche, gelegentlich auch mal “zu Hülf’, wir werden alle überwacht”, dann aber ohne Lösungsvorschläge, sondern als Stimmungsanreiz. Hier, die Welt um euch herum ist kaputt, aber guckt euch doch mal das süße Kind an.
Gerade in einem Wahljahr zeigt sich die hässliche Fratze des Journalismus’: Kleinste vermeintliche Probleme der Parteien — nicht natürlich der Partei, die im Aufsichtsrat des jeweiligen Senders einen gewissen Einfluss zu nehmen vermag, denn so vorausschauend ist Mitmensch Journalist dann doch noch — werden aufgebauscht, Tenor: Guckt mal, die kann man doch niemals wählen! Wahlempfehlungen auszusprechen ist aber nicht die Aufgabe eines Journalisten, und ein Journalist, der solches versucht, sollte unehrenhaft entlassen werden und künftig zu ehrlicher Arbeit verdonnert werden. Journalisten, die Edward Snowden für seinen Mut preisen (was ebenfalls nichts ist, was ein Journalist tun sollte), sollten diesen Mut zumeist erst einmal selbst besitzen.
Ach, wenn es doch nur unabhängige Medien gäbe! Wenn doch nur jemand eine technische Vorrichtung ersänne, mithilfe derer jeder Mensch auf politische und gesellschaftliche Missstände hinweisen kann, ohne Journalist zu sein! — Oh, die gibt es schon? Hm. Hier, guckt euch doch mal das süße Kind an.
“Auf RTL kommt nur Mist, darum kann ich mich nicht informieren.”
Lasst euch einpökeln.
Montag, ein weiteres Wochenende ist vorbei. Und dann immer diese Routine!
Aber warum nicht mal ausbrechen? Warum nicht mal tanzen statt schleichen? Warum nicht mal Dub statt Rock?
Kopfhörer auf und guten Morgen!
Derzeit rotiert in meinem Musikspieler das Album “Lunatics” des deutschen Kraut-/Spacerocktrios Electric Moon, deren Gitarrist und Organist Sula Bassana sich auch als Solokünstler inzwischen einen recht bekannten Namen gemacht hat. Ich möchte es wärmstens empfehlen.
Es beginnt mit “Gefährliche Planetengirls”, einem longtrack (vier der fünf Stücke auf dem Album überschreiten die Elf-Minuten-Marke), der trotz des Namens instrumental ist. Gesungen wird auf dem Album nur spärlich, aber darauf kommt es nicht an — Pink Floyds “Set the Controls for the Heart of the Sun” lebt ja auch vor allem vom Instrumentalspiel. Überhaupt ist dieses Stück ein hervorragender Vergleich, “Lunatics” klingt wie ein würdiger Nachfolger des Stücks in Albenlänge.
Gesang kommt zuerst in “Hotel Hell” — im Original, so weit mir bekannt, von den Animals — zum Einsatz. Primär singt Bassistin “Komet Lulu”, hier links im Bild, und das nicht mal schlecht. (Allerdings finde ich auch, dass der Originalinterpret Eric Burdon nicht sonderlich gut singt. Ich finde ihn eher langweilig.)
Mit dem Dreiundzwanzigminüter “Moon Love” gibt es dann noch mal einen würdigen Abschluss im Stil von Pink Floyds “Careful With That Axe, Eugene” (zu Deutsch etwa: “Sei vorsichtig mit dem Deodorant, Eugen!”), der aber auch Kennern (und Mögern) von Gong und den alten Hawkwind gefallen sollte. Im Vordergrund steht wuchtiger Bass, “Komet Lulu” flüstert dazu bedrohlich vor sich hin. Es gibt sogar einen Refrain:
Moon Love.
Moon Love.
Moon Love.
(…)
“Sogar” trifft’s übrigens ganz gut. Electric Moon machen primär Spacerock. Das Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Refrain-Ende-Schema wird von ihnen erfreulicherweise ignoriert. Radiohörer, denen alles über drei Minuten schon unnatürlich lange vorkommt, werden herzlich dazu eingeladen, lieber was anderes zu hören. Ihnen wird einiges entgehen. Auch die Wiederholung wird hier zelebriert: Das Grundmuster der Stücke bilden wiederkehrende Rhythmusmuster, über die dann gelegentlich eine eruptive Gitarre gelegt wird. Das liest sich monotoner als es eigentlich ist, es passiert eigentlich ständig etwas.
Gerade das abschließende “Moon Love” ist ein musikalischer Orgasmus, sich allmählich aufbäumend und dann gleichsam explodierend. Die richtige Musik ist, ich wiederhole mich sicher noch des Öfteren, Sex für den Kopf, nur besser.
“Lunatics” ist ein gutes Album. Ich bitte es zur Kenntnis zu nehmen.
Gern geschehen.