Sonstiges
Erste Hil­fe für die Lachmuskeln

Aus Ver­se­hen hat­te ich heu­te früh die Gele­gen­heit, eine von Dr. Doris Wolf und Dr. Rolf Merk­le ver­fass­te Bro­schü­re zum The­ma „see­li­sches Unwohl­sein“ zu lesen. Sie war sehr wirksam.

Schon das Titel­blatt ist sehr, nun, sprechend:

Erste Hilfe für die Seele

Auf dem Bild zu sehen ist eine Tul­pe. Tul­pen kennt man von Grä­bern und Todes­an­zei­gen. Sym­bol für Schön­heit und Lie­be (je dunk­ler, um so tie­fer) sowie für Ver­gäng­lich­keit. Eine nicht son­der­lich dunk­le Tul­pe eig­net sich also her­vor­ra­gend, um Hoff­nung zu sym­bo­li­sie­ren, wenn man unge­fähr mei­nen Humor hat.

Die Bro­schü­re macht kei­nen gro­ßen Hehl dar­aus, mehr Wer­be­ka­ta­log als Rat­ge­ber zu sein. Unter jedem der Abschnit­te ist eine Buch­emp­feh­lung (manch­mal auch derer zwei) zu fin­den, die bei­den Autoren schei­nen eine Men­ge geschrie­ben zu haben. Frau Wolf zum Bei­spiel hat unter ande­rem das Buch „Einen gelieb­ten Men­schen ver­lie­ren“ geschrie­ben, das aller­dings nicht als Anlei­tung zu sol­chem Tun, son­dern als Unter­stüt­zung bei der Trau­er­be­wäl­ti­gung gedacht ist. Scha­de. Immer­hin ste­hen die Preis­an­ga­ben immer dabei:

Buchtipp für die Seele

Der Inhalt der Bro­schü­re nimmt, wenn er nicht gera­de Bücher bewirbt, auf jedes der The­men vom Titel­blatt Bezug. Dass Depres­sio­nen, Krän­kun­gen und Über­ge­wicht kei­ne sepa­ra­ten Lei­dens­ar­ten sind, son­dern oft­mals ein­an­der direkt bedin­gen, sei hier mal bei­sei­te gelas­sen; die bei­den Dok­to­ren wer­den schon wis­sen, war­um sie an den Sym­pto­men rum­dok­tern wol­len, statt sich auf die Ursa­che zu kon­zen­trie­ren. Sie tra­gen ihren Dok­tor­ti­tel sicher­lich nicht umsonst.

Dabei rich­ten sich die Autoren aus­drück­lich an ein recht nai­ves Publi­kum. Im Kapi­tel „Wenn der Part­ner geht …“, das Tren­nun­gen the­ma­ti­siert, heißt es etwa:

Traum­hoch­zeit und danach immer wäh­ren­de Lie­be, Ver­ständ­nis und Glück­lich­sein, so stel­len sich die mei­sten von uns ihre Part­ner­schaft vor.

Wenn „die mei­sten von uns“ BRAVO lesen­de Teens sind, mag das zutref­fen. Inter­es­sant ist aber auch die Rei­hen­fol­ge: Traum­hoch­zeit, dann Ver­ständ­nis und Glück­lich­sein. Ich dach­te bis­lang, die Rei­hen­fol­ge sei umge­kehrt. Das also war immer mein Fehler!

Die Nai­vi­tät, von der die Autoren offen­bar aus­ge­hen, zieht sich wie ein roter Faden durch sämt­li­che Kapi­tel. Im Kapi­tel zur Bekämp­fung von Über­ge­wicht, in dem Men­schen mit Über­ge­wicht als Ant­ago­ni­sten der „Natür­lich-Schlan­ken“ (sic!) dar­ge­stellt wer­den, schrei­ben sie dies:

Natür­lich-Schlan­ke essen nur, wenn sie wirk­lich hung­rig sind; sie essen nicht, wenn sie trau­rig, wütend, ein­sam oder ängst­lich sind.

Das klingt einer­seits nach Klas­sen­re­geln („wir spre­chen nur, wenn der Leh­rer uns etwas fragt“), ande­rer­seits nach Unsinn (wie auch vie­le Klas­sen­re­geln). Natür­lich-Schlan­ke essen, wann immer ihnen danach ist, und schlank blei­ben sie trotz­dem. Inwie­fern das Über­ge­wich­ti­gen hel­fen soll, weiß ich nicht – die sind ja nor­ma­ler­wei­se nicht natür­lich schlank.

Auch:

Natür­lich-Schlan­ke been­den das Essen, wenn sie nicht mehr hung­rig sind; sie essen nicht wei­ter, nur weil noch etwas auf dem Tel­ler liegt, nur weil es so gut schmeckt, weil sie ab mor­gen Diät machen oder weil sie in net­ter Gesell­schaft sind.

Natür­lich-Schlan­ke haben kein Beneh­men. Nun gut, das ist eine umstrit­te­ne Tisch­re­gel; anders: Natür­lich-Schlan­ke been­den das Essen, wenn ihnen danach ist, weil sie eben kein Maß hal­ten müs­sen. Das ist der Unter­schied zwi­schen Natür­lich-Schlan­ken und ande­ren Schlan­ken. Bit­te, gern gesche­hen. – Aber geht es nach den Autoren, sind Natür­lich-Schlan­ke kom­plett ande­re Men­schen, und man kann sich bei Bedarf dazu ent­schei­den, [deren] Leben zu leben“. Amü­san­te Gesprä­che bei Klas­sen­tref­fen bie­ten sich an: „Und wie lebst du heu­te so?“ – „Och, wie ein Natürlich-Schlanker!“

Wei­ter im Text bezie­hungs­wei­se in der Bro­schü­re, denn Depres­sio­nen gibt’s dort auch:

Haben Sie Geduld mit sich. Der Tag wird kom­men, an dem Sie wie­der Freu­de emp­fin­den können.

Mor­gen wird’s dir bes­ser gehen, jetzt hör‘ auf zu jam­mern. Supi! Tat­säch­lich gibt es dazu immer­hin eine Erläu­te­rung (und einen Buch­tipp). Damit das auf­grund der Depres­sio­nen gesun­ke­ne Selbst­wert­ge­fühl wie­der ver­bes­sert wird, geben die Autoren immer­hin nütz­li­che Tipps:

Füh­ren Sie ein Plus­punk­te-Buch, in dem Sie notie­ren, was ande­re Ihnen Schö­nes und Net­tes sagen. Fin­den Sie außer­dem jeden Tag etwas, das Sie an sich lobens­wert und posi­tiv fin­den, und schrei­ben Sie es auf.

Wenn man zum Bei­spiel auf einem Par­tei­tag ist, also durch­aus auch mal einen knap­pen Tag lang in einem Saal mit vie­len ande­ren Men­schen sitzt und kaum Gele­gen­heit hat, zwi­schen­drin nach Hau­se zu fah­ren, muss man die­ses Plus­punk­te-Buch wahr­schein­lich in der teil­wei­sen Öffent­lich­keit befül­len. „Oh, hal­lo, ich freue mich, dich zu sehen!“ – „Einen Moment bit­te… wo habe ich nur mei­nen Stift gelassen?“

Eins der bei­den eige­nen Bücher, die Rolf Merk­le zu die­sem The­ma emp­fiehlt, heißt „Lass Dir nicht alles gefal­len“. Viel­leicht steht in die­sem Buch auch drin, wie man mit Leu­ten ver­fährt, die so eine bescheu­er­te Bro­schü­re Hil­fe suchen­den Men­schen als Rat­ge­ber andre­hen wollen.

„Alles wird gut.“
– Nina Ruge