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Gesell­schafts­pro­gno­sen anhand von Sprach­ana­ly­se und war­um sie Blöd­sinn sind

Unter dem Titel „Das Ego in der Spra­che“ reflek­tier­te Susan­ne Flach (die trotz des sprach­kri­ti­schen Umfelds, in dem sie publi­ziert, dem Binnen‑I ver­fal­len ist) gestern eine Stu­die, aus der her­vor­geht, dass seit dem 19. Jahr­hun­dert Ver­ben für indi­vi­du­el­len Besitz zuse­hends mehr Ver­ben für gemein­schaft­li­ches Tei­len ver­drängt haben.

Aus die­ser Stu­die geht unter ande­rem ein Anstieg des Wor­tes „choo­se“ („wäh­len“) und ein Abfall des Wor­tes „obli­ged“ („ver­pflich­tend“) in auf Goog­le Books ver­füg­ba­ren Büchern her­vor. Hm, tja, nun – dass Par­ti­zi­pi­en weni­ger ver­brei­tet sind als For­men, die zugleich Infi­ni­tiv, Impe­ra­tiv und sonst­wie flek­tier­tes Verb sein kön­nen, ist nun nichts, für des­sen Ver­ständ­nis ich eine Stu­die bräuch­te. Dass eine von Frau Flach dahin­ge­hend ange­pass­te Ver­gleichs­su­che (die unter ande­rem auch „cho­sen“ und „obli­ge“ mit­ein­an­der ver­gleicht) zu einem immer­hin ähn­li­chen Ergeb­nis kommt, ist zumin­dest eine Anmer­kung wert. (Ob auf Goog­le Books nur eng­lisch­spra­chi­ge Bücher zu fin­den sind, weiß ich nicht. Das Wort „obli­ge“ ist nicht nur im Eng­li­schen hei­misch, jeder Ver­gleich wäre anson­sten also verzerrt.)

Dass man aus einer so beleg­ten Stu­die kei­ne Schlüs­se zie­hen soll­te, ist immer­hin wahr, Frau Flach belegt dies anhand von „share“ (deut­li­cher Anstieg) und „sel­fi­sh“ (nicht). „Moment, share?“ Genau: Im Zeit­al­ter der tota­len Ver­net­zung erhält das sharing natür­lich auch in Büchern mehr Aner­ken­nung, seit Mit­te der 1970er Jah­re (die Geschich­te von TCP/​IP und die von UNIX bit­te ich aus­nahms­wei­se selbst nach­zu­schla­gen, obwohl’s das OSBN viel­leicht freu­en wür­de) steigt sei­ne Ver­wen­dung auf­fal­lend schnell an. Viel­leicht wäre ein Ver­gleich von „share“ und „lock“/„hide“ hier der klü­ge­re gewesen.

Susan­ne Flach zieht zwar die rich­ti­gen Schlüs­se (dass Häu­fig­keits­ver­glei­che von unge­fäh­ren Wort­paa­ren eben Kee­se Käse sind), ver­säumt aber lei­der eine Gegen­ana­ly­se auf gesell­schaft­li­cher Basis anzu­fer­ti­gen. Nun, das ist viel­leicht auch kein für ein Sprach­blog geeig­ne­ter Inhalt. Ich ver­su­che es mal selbst:

Der Mensch ist ein Ego­ist. Das ist aus­nahms­wei­se kein Vor­wurf, son­dern evo­lu­tio­när bedingt: Der gern geben­de Mensch hät­te sich – sur­vi­val of the fit­test – nicht gegen die ande­ren Arten durch­set­zen kön­nen, statt­des­sen war er stets dar­auf bedacht, die eige­ne Art zu eta­blie­ren. Das hat sich bis heu­te kaum geän­dert, obwohl’s die Höf­lich­keit gebie­ten mag, dies vor­der­grün­dig in den Hin­ter­grund (ha!) zu stel­len. Zwar weiß wohl jeder den­ken­de Mensch, dass der lächeln­de Gegen­über eben­so Ver­ach­tung zu emp­fin­den ver­mag wie er selbst, jedoch ist gesell­schaft­lich erwünsch­tes Lügen (im Gegen­satz zum uner­wünsch­ten Lügen – das über­nimmt die Bun­des­re­gie­rung) unver­min­dert en vogue.

Die­se Lügen begin­nen im Klei­nen: Wünscht ihr Frem­den auf der Stra­ße einen guten Mor­gen, weil man das eben so macht? Wünscht ihr euren Nach­barn ein fro­hes Fest, obwohl ihr wisst, dass er wie wohl die mei­sten Men­schen christ­li­che Fei­er­ta­ge nur kon­su­mie­rend, nicht aber fei­ernd ver­bringt? Dann meint ihr eure Wün­sche nicht ehr­lich und auf­rich­tig – ihr lügt mit dem blo­ßen Ziel, eure gesell­schaft­li­che Stel­lung hoch­zu­hal­ten. Sur­vi­val of the fit­test. Dass das Indi­vi­du­um sich also gesell­schaft­li­chen Nor­men unter­wirft, geschieht nur zu dem Zweck, sei­ne eige­nen Pfrün­de zu wah­ren. Anders gesagt: Das gesell­schaft­li­che Mit­ein­an­der wird allein aus ego­isti­schen Moti­ven geför­dert, hier han­delt es sich also nicht um Gegen­sät­ze, son­dern um zwei Tei­le eines Gesamt­kon­zepts. Genau so funk­tio­niert übri­gens das mit dem sharing in „sozia­len Netz­wer­ken“: Ich tei­le Inhal­te mit ande­ren, um wie­der­um ande­re dafür zu inter­es­sie­ren, was ich schreibe.

Das Kon­zept ist ein­leuch­tend: Per­son x teilt lesens­wer­te Inhal­te, das macht Per­son x zwecks Ver­net­zung beacht­lich, nicht aber die­je­ni­gen, die Urhe­ber der geteil­ten Inhal­te sind. Ein Ret­weet auf Twit­ter hat ähn­li­che Aus­wir­kun­gen: Es wer­den immer auch der ursprüng­li­che Schrei­ber sowie des­sen Ver­fol­ger auf den eige­nen Twit­ter­ac­count auf­merk­sam gemacht. „Per­son x hat mei­nen Tweet wei­ter­ge­sagt – hm, Per­son x ken­ne ich noch nicht, schaue ich mir mal an“. Der Mensch ist ein ego­isti­sches Her­den­tier. Das Kon­zept funk­tio­niert oben­drein nicht nur im Inter­net, son­dern lässt sich auf eigent­lich jedes sozia­le Kon­strukt aus­wei­ten. Inso­fern hat der Anstieg des Wor­tes share einen amü­san­ten Bei­geschmack: Sharing als gesell­schaft­lich erwünsch­te Form des Ego­is­mus ist Mode geworden.

Und wäh­rend „ihr“ selbst­ver­ständ­lich klein bleibt, wird das „Ich“ in der eng­li­schen Spra­che bis heu­te groß geschrie­ben. Was sagt das eigent­lich über die angloglot­te Gesell­schaft aus?