PiratenparteiMir wird geschlecht
Feministischer Einzelfail

Da wir ger­ade bei den Pirat­en waren, möchte ich auf die aktuelle Sau, die durch die Piraten­partei getrieben wird, auch nur wegen des Pop­corn­fak­tors noch kurz näher einge­hen, bevor es hier wieder um inter­es­san­tere The­men geht:

Auf der “Open­Mind 2013”, ein­er Kon­ferenz, die irgend­was mit Gesellschafts­bildern zu tun hat (und auf der es eine Frauen­quote für die Red­nerliste gibt, was über diese Kon­ferenz wahrschein­lich schon alles Nötige aus­sagt) und die von Mit­gliedern der Piraten­partei organ­isiert wurde, kam es während des Vor­trags “Hate­speech und Vic­tim Blam­ing nach dem #Auf­schrei”, der den Diskus­sion­sstil einiger Teil­nehmer der Debat­te um den All­t­ags­sex­is­mus, selb­st sex­is­tisch geführt, the­ma­tisierte, zum Eklat, als unter anderem einige Tweets der fem­i­nis­muskri­tis­chen Twit­ter­nutzerin @ochdomino als schlechte Beispiele ange­führt wur­den.

Die fem­i­nis­tis­che Meute, die während dieses Vor­trags erst­mals besagte Tweets zur Ken­nt­nis nahm, war natür­lich milde pikiert darüber, dass man ihr unter­stellt, aus Mod­e­grün­den radikalen Gesellschafts­bildern anzuhän­gen, und tat ihr Bestes, dem Radikalis­musvor­wurf zu entsprechen@ochdomino sah sich in der Folge der­art schw­er­wiegen­den Dro­hun­gen aus­ge­set­zt, dass auch ihr Blog offline genom­men und durch einen offe­nen Brief ihres Vaters erset­zt wurde, der unter anderem dies schrieb:

Ich werde jeden, der meine Tochter weit­er­hin bedro­ht oder behel­ligt mit fairen und unfairen (den­noch rechtlichen) Mit­teln bekämpfen! Für die Piraten­partei und diese Damen, die sich ange­blich für die Rechte von Frauen ein­set­zen, empfinde ich nichts als tiefe Ver­ach­tung.

Wir ler­nen:

  1. Wenn Fem­i­nistin­nen, die blöder­weise zum Großteil Pirat­en sind, einem Mann Gewalt andro­hen, wie es etwa @Faserpiratin (das ist die mit dem “Hatespeech”-Vortrag) bere­its getan hat, dann ist das ein ein­ma­liger Aus­rutsch­er, wenn nicht gar ein “Einzelfall”. (“Einzelfall” ist auch so ein Wort, das wohl nur von Frauen definiert wer­den darf.)
  2. Wenn genau diese gewalt­bere­it­en Fem­i­nistin­nen, die blöder­weise zum Großteil Pirat­en sind, sich von der Beze­ich­nung als “faschis­toide Hip­ster-Fem­i­nistin­nen” ange­grif­f­en fühlen und eine Kri­tik­erin (offen­bar) an Leib und Leben bedro­hen, dann sind die Pirat­en alle­samt Ver­brech­er, Mörder und SA-taugliche Schläger, denen man nichts als tiefe Ver­ach­tung ent­ge­gen­brin­gen sollte. (Nach­trag: Die ver­link­ten Tweets wur­den mit­tler­weile lei­der gelöscht.)

Ja, wie denn nun? Und vor allem: Was bedeutet das für mich als Mit­glied der Piraten­partei? Ich ste­he inhaltlich voll hin­ter @ochdomino (obwohl ich ihren Ton­fall zwar angemessen, aber doch etwas unsach­lich finde), muss mich aber den­noch ständig vor Repres­salien seit­ens ihres (mir unbekan­nten) Vaters fürcht­en, weil ich als Pirat schuld daran bin, dass sie von Leuten, die sich von ihr belei­digt fühlen, bedro­ht wird — habe ich das jet­zt richtig ver­standen?

Kann man Pirat und trotz­dem kein Mörder sein? Ich habe ein biss­chen den Überblick ver­loren. Ich war nicht mal auf dieser bescheuerten Kon­ferenz.

Wer kann helfen?

NerdkramsPiratenpartei
Gnus und das Usenet: NNTP mal anders

Das Usenet ist ein Teil des Inter­nets, der viel zu wenig Beach­tung find­et. Tat­säch­lich gibt es dort mehr zu sehen als nur irgendwelche Raubkopi­en, wie die Ver­füg­barkeit von aller­lei Pro­gram­men zum Herun­ter­laden von Raubkopi­en aus dem Usenet (darunter auch kom­merzielle Ange­bote wie UseNeXT) sug­geriert; zum Beispiel das “Sync-Forum” der Piraten­partei, also die meis­ten ihrer Mail­inglis­ten, ist wie auch manche Mail­ingliste für freie Soft­ware per Usenet ver­füg­bar. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das eigene Mail­post­fach bleibt sauber, die Fil­ter­funk­tio­nen sind effizien­ter, oben­drein ist’s auch deut­lich cool­er.

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MusikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXXIV: Apple patentiert asynchrone Tanzveranstaltungen

Mildes Amuse­ment verur­sacht übri­gens auch diese Mel­dung:

Apple hat ein US-Patent für “koor­diniertes, musikalis­ches Grup­pen­er­leb­nisse” erhal­ten (…). Nach der nun paten­tierte Idee wählt ein Grup­pen­mit­glied (der DJ der Zukun­ft?) einen Song sein­er Wahl, woraufhin auf den Geräten aller weit­eren Grup­pen­mit­glieder das dazu am besten passende Stück gespielt wird (…).

Beim DJ der Zukun­ft hört jed­er Teil­nehmer zur gle­ichen Zeit ein anderes Stück. Na, die Tänze möchte ich sehen!


In weit­eren Nachricht­en: Justin Bieber ist eine “Granate im Bett”.

Granate im Bett

Explodiert also schon bei Berührung. Offen­bar wün­schen sich viele Frauen heutzu­tage einen solchen Mann.

Das ist meine Chance!

Piratenpartei
Piratenleaks, 27. August 2013

Nach­dem im Wahl­jahr 2013 von eini­gen Parteien schon unschöne Details aus der Ver­gan­gen­heit (bei der F.D.P. das mit der Abstim­mung gegen dop­pelte Staats­bürg­er­schaft und Gle­ich­berech­ti­gung bei Eheschließun­gen, bei den Grü­nen das mit dem Kinder­fick­en) an die Ober­fläche gespült wur­den, kön­nen natür­lich auch die Pirat­en nicht hin­ten anste­hen.

Klar ist ger­ade in ein­er dig­i­tal ver­net­zten Partei die Gefahr groß, dass sich Klün­gel bildet. Nur sel­ten wird das öffentlich gemacht.

Aktuell wird auf der inter­nen Mail­ingliste des nieder­säch­sis­chen Lan­desvor­stands ein pikan­ter Sachver­halt disku­tiert: Offen­bar existierte (Vor­sicht: Ver­weis auf NSA-Google!) bis vor kurzem eine Mail­ingliste namens “Presseko­or­di­na­tion der Lan­desver­bände”, in die nicht alle Press­esprech­er und nicht alle Lan­desvorstände, wohl aber aller­lei ehe­ma­lige Vorstände Ein­sicht erhal­ten. Die Diskus­sion auf der Mail­ingliste ist recht erhel­lend:

Spiegelung in Textform (Quelle)

Nun wur­den, wohl um Spuren zu ver­wis­chen, fol­gende drei “Tick­ets”, also Anträge, gestellt, die wahlweise die Veröf­fentlichung oder die Löschung des vorhan­de­nen Archivs besagter Mail­ingliste zum Inhalt haben. (Lei­der ist mir das Archiv selb­st nicht zugänglich.)

Lesenswert ist hier­bei vor allem der Kon­trast zwis­chen Befür­wortern und Geg­n­ern der Freiga­be. Für Rechenkün­stler übri­gens noch fol­gen­des Gedanken­spiel: Der nieder­säch­sis­che Lan­desvor­stand hat zurzeit 11 Mit­glieder, um eine Freiga­be des Archivs zu erre­ichen, müsste es also min­destens 6 Dafür-Stim­men geben. Dass es keine sech­ste gibt (und nicht ein­mal der erste Vor­sitzende bis­lang abges­timmt hat), ist ver­mut­lich kein Zufall, wenn man den Chatauss­chnitt von der Mail­ingliste berück­sichtigt.

Ich fasse zusam­men: Ein ehe­ma­liges Mit­glied des Lan­desvor­stands (Thomas Gaul), der momen­tan als Koor­di­na­tor für die Pirate Par­ty Inter­na­tion­al tätig ist, hat also mith­il­fe ein­er geheimen Mail­ingliste, in die nicht jed­er reinkommt (wir erin­nern uns), und eines als Beisitzer erneut gewählten Mit­glieds des Lan­desvor­stands (Mario Espen­schied) sel­bi­gen Vor­stand offen­bar voll im Griff und schreckt beim Ver­such, diesen Griff hal­ten zu kön­nen, auch vor Erpres­sungsver­suchen nicht zurück. Und wie er sich darüber freut! Natür­lich kön­nte man diesen Her­rn ein­fach unsan­ft vor die Tür set­zen, aber so kurz vor der Wahl ist schlechte pub­lic­i­ty wom­öglich nicht erstrebenswert. Die basis­demokratis­che Mitbes­tim­mung (OpenAntrag hat­te ich ja bere­its als pos­i­tive Neuerung her­aus­gestellt) nimmt gele­gentlich imposante Aus­maße an.

Der nieder­säch­sis­che Lan­desvor­stand wird zurzeit von Kevin Price geleit­et, der in seinen E‑Mails an den Lan­desver­band Nieder­sach­sen nicht sel­ten das Trans­paren­zge­bot erwäh­nt, dem er sich selb­st unter­wor­fen sieht. Ich übernehme das jet­zt mal für ihn.

(Quelle: Inter­net.)


Nach­trag 1: Soeben wur­den zwei der drei Tick­ets geöffnet, Kevin hat jet­zt auch abges­timmt.

Nach­trag 2: Um 3:56 Uhr hat Kevin Price sich — laut eigen­er Aus­sage zwei Wochen nach erst­ma­liger Ken­nt­nis­nahme vom Sachver­halt — öffentlich zu dem Vor­fall geäußert (Spiegel hier).

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: In the Silence — A Fair Dream Gone Mad

In The Silence - A Fair Dream Gone MadFür die Jahres­liste 2012 lei­der etwas zu spät erre­ichte mich das Album “A Fair Dream Gone Mad” des kali­for­nischen Quar­tetts In the Silence.

Silent, also still, sind sie jedoch nicht. Als tags haben sich In The Silence die Gen­res Hard Rock, Met­al, Prog, Pro­gres­sive Rock, Rock, Goth­ic Met­al, Met­al, Post-Met­al und Pro­gres­sive Met­al ange­heftet. Gen­res sind was für alte Leute und Musikjour­nal­is­ten. (Na gut, “Postrock” lasse ich gel­ten.) Goth­ic und Prog(-ressive Rock) erkenne ich als Hör­er hier aber auch nicht, trotz­dem weiß ich wohl zu schätzen, was ich höre. In the Silence — wenn’s denn unbe­d­ingt ein­er dieser klis­chee­haften Ver­gle­iche sein muss, klingt wie Toc.Sin ohne Layn und mit noch mehr Eiern. Von Anfang an dominiert eine treibende Rhyth­mus­abteilung, die sich über weite Teile des Albums mit schnei­den­den Gitar­ren ver­mengt.

Zu viel Text? Nun, das vor­let­zte Stück “All the Pieces” fasst all die Stücke auf “A Fair Dream Gone Mad” gut zusam­men:

Auf Band­camp sind zumin­d­est vier der acht Stücke frei hör­bar, mit­tler­weile haben In the Silence jedoch die Plat­ten­fir­ma gewech­selt und ste­hen nun bei Sen­so­ry Records unter Ver­trag, die immer­hin auch per Amazon.de vertreiben — Hör­proben für die vier anderen Stücke sind also auch im Inter­net zu find­en.

“A Fair Dream Gone Mad” ist für diejeni­gen, die für Gitar­ren­musik mit angenehm unauf­fäl­ligem Gesang empfänglich sind, höchst empfehlenswert. Fol­gt dieser Empfehlung zahlre­ich!

PiratenparteiMontagsmusik
Hannes Wader und Die Toten Hosen — Heute hier, morgen dort

Gele­gentlich werde ich gefragt, wieso ich immer noch in dieser Piraten­partei bin. Nun, ein­er der Gründe ist der, dass sie als einzige größere Partei ihre Wahlver­sprechen hält, auch, wenn es manch­mal etwas länger dauert. Das Ver­sprechen, dass im Fall ein­er Wahl die Stimme der Bürg­er mehr Gewicht erhal­ten wird, wurde nun etwa mit­tels ein­er neuen soft­ware mit dem herz­er­we­ichend däm­lichen Namen OpenAntrag (nur echt mit Bin­nen­Ma­juskel) umge­set­zt, über das jed­er Bürg­er “sein­er” Frak­tion einen Antrag über­mit­teln kann, der dann, wenn er nicht allzu kon­trär den Grundpfeil­ern der Piraten­partei zuwider­läuft, im jew­eili­gen Par­la­ment einge­bracht wird. Am bescheuerten Namen soll’s ja dann auch nicht mehr scheit­ern. (Wenn’s wenig­stens Open­Source wäre!) — Gele­gentlich (ganz, ganz sel­ten) glaubt man ja dann doch noch in das Gute in dieser Partei, wenn’s halt weniger Spin­ner in ihr gäbe.

Gele­gentlich (ganz, ganz sel­ten) glaubt man ja dann auch noch an das Gute in der Musikin­dus­trie. Den diesjähri­gen “Echo” (so ein medi­al zele­bri­ert­er Musikpreis, mith­il­fe dessen die Popin­dus­trie die Popin­dus­trie dafür belohnt, eine Popin­dus­trie zu sein) gewan­nen neben aller­lei Musik­ern, die man ver­mut­lich nicht ein­mal ken­nen sollte, auch Led Zep­pelin und Hannes Wad­er. Hannes Wad­er, der jun­gen Gen­er­a­tion wom­öglich bis dato unbekan­nt, ist ein Volkssänger (nicht zu ver­wech­seln mit Schlager­sängern), der in den 1970er Jahren mit aller­lei Gesellschaft­spoli­tis­chem Bekan­ntheit erlangt hat­te.

Man möge aber nur nicht glauben, die Musikin­dus­trie sei bere­it, einem nicht mit ihrer Fix­ierung auf die musikalis­chen Vor­lieben junger Leute kom­pat­i­blen Musik­er, gle­ich­wie leg­endär er auch sein mag, eine eigene Bühne zu bieten. Da fehlt’s am Punk, und Campino kann den Text nicht. Irgend­was ist ja immer.

Und wie passend!

So verge­ht Jahr um Jahr,
und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war.

Guten Mor­gen.

PolitikNetzfundstücke
“She was very pleased.”

Warum sind die Amerikan­er eigentlich so unsag­bar naiv? Nun, vielle­icht auch deshalb, weil sie von Kindes­beinen an mit der Mär von Sicher­heit aufwach­sen, die sie beschützt und ihr Fre­und, nicht jedoch ihr Feind ist.

Eine beliebte Kinder­buchrei­he ist etwa “Olivia” von Ian Fal­con­er, in der ein Schwein namens Olivia durch die Welt reist und blöde Dinge tut. Da bietet es sich doch an, gele­gentlich Hin­weise auf die Welt zu hin­ter­lassen, in der man als Kind heutzu­tage so aufwächst, denn auch ein ver­men­schlicht­es Schwein bekommt keine Son­der­be­hand­lung; wenn es etwa nach Venedig fliegen will, muss es erst mal an der Flughafen­sicher­heit vor­bei:

She was very pleased

Als sie durch den Flughafen gin­gen, wurde Olivia nach Waf­fen durch­sucht. Sie war äußerst zufrieden.

(Frei über­set­zt — die deutsche Fas­sung habe ich lei­der momen­tan nicht vor­liegen.)

Seht ihr, Kinder, der Staat passt auf euch auf — er guckt jedes Mal nach, ob ihr nicht vielle­icht doch Ter­ror­is­ten seid. Wenn das kein Grund zum Lächeln ist…?

“Und Piggeldy ging mit Fred­er­ick nach Hause.”
– Got­tfried Kramer

(via Elias Schw­erd­feger)

NerdkramsIn den Nachrichten
Lotse Ballmer geht von Bord, die Ratten sind amüsiert.

Und da wir ger­ade bei so Com­put­erkram waren: Steve Ballmer, seit 37 Jahren bei Microsoft und ein­er der let­zten charis­ma­tis­chen Vorstände in den klas­sis­chen EDV-Unternehmen, hat angekündigt, bin­nen eines Jahres seinen Hut zu nehmen. Dass so genan­nte Nachricht­en­por­tale wie SPIEGEL ONLINE, die einst dem weit weniger agilen Steve Jobs wie Groupies eines Pop­stars zit­ternd an den Lip­pen hin­gen, den Per­son­al­wech­sel frenetisch — endlich ist “der Irre” (ebd.) weg — bejubeln, war eigentlich abse­hbar. Pos­i­tive Worte über Apples größten Konkur­renten ver­liert man nicht gern, wenn man selb­st jahre­lang Apples Fahne geschwenkt hat.

Da müssen sich auch die Kom­men­ta­toren nicht mehr zurück­hal­ten. Im SPIEGEL-ONLINE-Forum etwa redet der pseu­do­nyme anscheinende Applean­hänger “bluemet­al” fol­gen­den Unsinn daher:

Sie brin­gen es auf den Punkt, eine Finanzver­wal­ter, kein Visionär, unter dessen Ägide man alles ver­schlief und nur hin­ter­her­lief: Inter­net, mobile Com­put­ing, Tablets, Smart­phones, Social Net­works.

Das stimmt so nur teil­weise. Tat­säch­lich war Microsoft unter Steve Ballmer nicht son­der­lich visionär — Inter­net (in Win­dows 98 voll­ständig vorge­se­hen) sowie mobile com­put­ing und Tablets waren bere­its vor Her­rn Ballmers Amt­santritt keine Unbekan­nten mehr im Hause Microsoft. Was “social net­works” bet­rifft, so ist Microsoft mit der Kol­lab­o­ra­tion mit Face­book ver­mut­lich erfol­gre­ich­er als Apples “Ping” (ken­nt ihr nicht? — Eben!) es wohl jemals sein wird. Zugegeben: Das mit den Tele­fo­nen hat etwas länger gedauert.

Mit unglaublich­er Arro­ganz und ver­meintlichem Monopol wurde z. B. ver­sucht MP3 durch das eigene WMA For­mat zu erset­zen. Völ­lig vom iPod Erfolg über­rascht wurde der Flop ZUNE erfun­den.

Ja, da hat Apple Microsoft etwas voraus: Bei Apple hat man nicht ver­sucht, MP3 durch WMA zu erset­zen. Apple bevorzugt näm­lich das For­mat AAC. Die Verbesserun­gen sind mar­gin­al, auch AAC ist kein freies For­mat. Warum kein großer Her­steller auf das freie Ogg Vor­bis set­zt, weiß ich nicht. Ich ver­mute, weil man damit weniger Geld ver­di­enen kann.

(…) Microsoft hat­te noch nie Visio­nen, seit den 70er liefen sie immer dem Erfind­er des PCs, Apple, hin­ter­her, schon Win­dows mit sein­er Maus hat Gates Anfang der 80er von Apples PC Lisa gestohlen.

Der “Erfind­er” des PCs in sein­er heuti­gen Form war der Home­brew Com­put­er Club, Apple gab es damals noch gar nicht. Die ersten Com­put­er­sys­teme mit ein­er Maus gab es indes spätestens 1973, den Apple Lisa erst zehn Jahre später.

Die einzige strate­gisch richtige Entschei­dung traf Gates damals indem er eben keine Hard­ware baute, von der Microsoft eh nichts ver­stand, son­dern das geklaute Betrieb­ssys­tem frei verkäu­flich machte, und somit zum Mark­t­führer auf­stieg. Danach kam 20 Jahre lang nur Dunkel­heit und Tristesse…

Apple baut ja eben­falls keine Hard­ware. Das übernehmen Niedriglohnchi­ne­sen. Anson­sten ist das mit dem Klauen immer so eine Sache.

“We have always been shame­less about steal­ing great ideas.”
– Steve Jobs, 1996

Ohne Xerox keine Apple-Maus und, was dem Ganzen noch einen inter­es­san­ten Aspekt hinzufügt, ohne FreeB­SD kein Mac OS X, das auf dessen User­land auf­baut und in jed­er neuen Ver­sion weit­ere “Inno­va­tio­nen” bekommt, die für uns Win­dows­nutzer ein alter Hut sind.

Das geht aber nicht nur Apple so — ohne “Ideen­klau” gäbe es wohl weitaus weniger Betrieb­ssys­teme als es heute der Fall ist. Ger­ade in der Welt der freien Soft­ware, die ja expliz­it daraus aus­gerichtet ist, dass möglichst viele Leute möglichst viele Dinge mit dem vor­liegen­den Quell­code tun, herrscht da ein munteres copy & paste: Ohne Unix kein Minix, ohne Minix kein Lin­ux, somit auch kein Android; ohne Unix eben­falls kein BSD (und damit kein Mac OS X, kein FreeB­SD, kein NetB­SD, keines der anderen ungezählten BSDs). Selb­st das neue kom­mende Ding in der Lin­uxwelt, das Dateisys­tem btrfs, ist ein konzep­tioneller Nach­bau des von Sun entwick­el­ten Dateisys­tems ZFS (unter anderem in FreeB­SD zu find­en), und von den diversen UNIX- und Lin­uxdesk­tops, die sich fleißig an Bedi­enkonzepten aus der Apple- oder Microsoft­welt bedi­enen, reden wir wom­öglich bess­er gar nicht erst.

Mit unbefugt kopierten Ideen Mil­liar­den zu “ver­di­enen” ist sicher­lich nicht son­der­lich angenehm für den ursprünglichen Erfind­er, weshalb so manche dieser Ideen paten­tiert wurde. Anders aber sieht es mit Inspi­ra­tion aus. Es ist nicht verkehrt, sich bei der Entwick­lung neuer Pro­duk­te von Beste­hen­dem leit­en zu lassen. Inspi­ra­tion ist oft Ursprung von Vielfalt. Vor welchem Sys­tem ihr ger­ade auch immer sitzt: Ohne Inspi­ra­tion durch andere, oft bere­its seit Jahrzehn­ten nicht mehr weit­er­en­twick­elte Sys­teme wäre es höchst­wahrschein­lich niemals in der vor­liegen­den Form entwick­elt wor­den.

Microsoft ist, gemessen daran, erstaunlich inno­v­a­tiv: Nach­dem es sich aus dem UNIX-Markt (schon in frühen Jahren war Microsoft mit Xenix kurzzeit­ig Mark­t­führer) zurück­ge­zo­gen hat­te, war MS-DOS (ein gekauftes, nicht etwa “geklautes”, und dann weit­er­en­twick­eltes Pro­dukt) eben­so eigen­ständig wie die lei­der nur kur­zlebige IBM-Kol­lab­o­ra­tion OS/2. Dass das alles vor der Zeit von Steve Ballmer als CEO stat­tfand, soll die Ver­di­en­ste der Fir­ma Microsoft keines­falls schmälern.

Aber was weiß ein SPIEGEL-ONLINE-Kom­men­ta­tor schon von solchen Zusam­men­hän­gen?

NetzfundstückeNerdkrams
Medienkritik LXXIX: Gespalt3ne Zunge

Ein­er der Vorteile des freien Webs ist ja das mit den Wer­be­block­ern; nie­mand kann einem Benutzer vorschreiben, welche Teile sein­er Web­site er gefäl­ligst anzuzeigen hat. Jahre­lang beliebt war etwa Adblock Plus, eine Browser­erweiterung für Gecko- und Webkit-basierte Brows­er, mith­il­fe der­er die mitunter allzu nervige Wer­bung auf eini­gen Web­seit­en qua­si automa­tisch ver­schwand. (Wer nicht unbe­d­ingt quellof­fene Soft­ware benötigt und Win­dows ein­set­zt, der sollte sich ein­mal Adguard und Ad Munch­er anse­hen, die unab­hängig vom einge­set­zten Brows­er funk­tion­ieren.) Mit­tler­weile wird Adblock Edge emp­fohlen, denn die Mach­er von Adblock Plus haben augen­schein­lich unter dem Vor­wand der Fair­ness einige unsaubere Geschäft­sprak­tiken durchge­set­zt. Auch in der Open-Source-Szene scheint das mit dem Gemein­schafts­denken und dem freien Füreinan­der gele­gentlich nicht mehr als ein Feigen­blatt zu sein. — Aber ich schweife ab.

Nach­dem vor einiger Zeit seit­ens manch­er deutschsprachi­gen Nachricht­en­seite (das waren die mit dem Leis­tungss­chmutzrecht) eine ziem­lich umfan­gre­iche “Bitte stellt euren Wer­be­block­er ab!”-Kampagne gelaufen war, begin­nen die Medi­en, deren nervtö­ten­dem Geflenne dies­bezüglich wahrschein­lich so manch­er Inter­net­nutzer nachgekom­men ist, sich wieder den Ursachen, nicht mehr nur den Symp­tomen der Wer­be­block­erei zuzuwen­den: Wer­bung nervt meist. Es gibt unauf­dringliche Wer­bung, gegen die nie­mand was hat; aber grell­bunte, ani­mierte, wom­öglich trö­tende oder sonst­wie klin­gende Wer­bung ist über­flüs­sig wie son­st nur SPIEGEL ONLINE.

Das hat auch t3n erkan­nt. t3n (wohl “ten”, nicht “tdrein”, ist gemeint; na ja, mit drei oder vier Jahren hab’ ich so manchen Buch­staben auch noch nicht richtigherum geschrieben) ist ein vorge­blich­es Tech­nikmagazin, das es in ein­er Druck- und ein­er Web­fas­sung gibt. Die Webpräsenz ist mit dem Mot­to des Mag­a­zins, “we love tech­nol­o­gy”, über­schrieben; laut Twit­ter ist man gar ein Mag­a­zin für (…) Weben­twick­lung. Der bloße Aufruf der Web­site überzeugt mich allerd­ings — Fire­fox’ wortre­ich­er Fehlerkon­sole sei’s gedankt — bere­its von einem etwas merk­würdi­gen Ver­ständ­nis von Liebe und Webzeug:

t3n CSS-FAIL

In einem aktuellen Artikel (“So deak­tivierst du alle Wer­bung auf YouTube”) erk­lärt t3n-Autor Sébastien Bon­set, wie man zum Beispiel die grässlich blinkbunte Wer­bung vor YouTube-Videos loswird:

Es gibt unter­schiedliche Möglichkeit­en, sich der Wer­bung auch auf YouTube zu entledi­gen. Wer­be­block­er sind dabei wohl das bekan­nteste Mit­tel.

Der Artikel geht im Fol­gen­den etwas näher auf einen aktuellen und wom­öglich nur befris­teten Test seit­ens Googles ein, der es ermöglicht, auf YouTube die Wer­bung per Cook­ie zu ent­fer­nen. t3n scheint also dur­chaus eben­falls der Ansicht zu sein, dass ani­mierte Wer­bung eher störend ist und vom Besuch­er ein­er Web­site nicht geduldet wer­den muss.

Nun, wenn ich t3n.de ohne Werbe- und son­stige Block­ier­w­erkzeuge besuche, blinkt mir zunächst mal ein großer Flash­ban­ner ent­ge­gen. (Flash ist dieses ständig kaputte Browser­plu­g­in, das dafür sorgt, dass Wer­be­ban­ner auch Töne abspie­len kön­nen. Nüt­zlich, nicht?) Jedoch gibt es unter­schiedliche Möglichkeit­en, sich der Wer­bung auch auf t3n.de zu entledi­gen. Das mag t3n.de aber nicht:

t3n Werbeblockergejammer

Wer­bung auf diesen Seit­en wird über­wiegend pro Ein­blendung bezahlt und diese Ein­nah­men ermöglichen uns, dir die Inhalte von t3n.de kosten­los anzu­bi­eten. Wenn dir t3n.de gefällt und Du unsere Arbeit gern unter­stützen möcht­est, deak­tiviere doch bitte den AdBlock­er auf unseren Seit­en.

Das kön­nte natür­lich erk­lären, warum man beim Mag­a­zin für Weben­twick­lung nicht darauf eingestellt ist, dass nicht jed­er Besuch­er den Blinkquatsch ertra­gen möchte:

t3n JavaScript-FAIL

Inter­es­san­ter­weise läuft t3n.de übri­gens unter GNU/Linux, einem Betrieb­ssys­tem, das über­wiegend (mit Aus­nahme Dumm­bun­tus) kosten­los und wer­be­frei ange­boten wird, obwohl viele Frei­willige eine Menge Zeit (und Geld) hinein­in­vestieren, ohne dafür regelmäßiges Gehalt abgreifen zu kön­nen:

# nmap ‑v ‑A t3n.de
(…)
OS details: Lin­ux 2.6.32 — 2.6.33

Dass auf eur­er mobilen Seite, auf der mich kein­er­lei Wer­bung anbrüllt, besagter Artikel im Gegen­satz zur Desk­topver­sion nicht in den “Top-Artikeln” zu find­en ist, ver­wun­dert mich nur bed­ingt. Ich danke jedoch für die For­mulierung in eurem Wer­be­block­er­an­prangerung­s­text, denn so gese­hen habe ich gar kein Inter­esse daran, dass eure “Arbeit” finanzier­bar bleibt. Ich nehme an, ihr ver­ste­ht das.

“Her­rje!”
– Win­nie Puuh

(teil­weise via Alarm­knopf)

MusikNetzfundstücke
Materialismus Deluxe

Apro­pos Musik:

Manch­mal ist die Musikin­dus­trie doch komö­di­antis­ch­er als sie es sich selb­st einzugeste­hen traut.

Wenn man zum Beispiel Plat­ten­fir­ma ist und ein Album wie George Har­risons “Liv­ing in the Mate­r­i­al World” (“Leben in ein­er materiellen Welt”) neu aufle­gen möchte, dann schmeißt man nicht ein­fach für’nen Fün­fer (meinetwe­gen für’nen Zehn­er, wenn’s ein anständi­ges digi­pack dazu gibt) eine Neu­fas­sung der alten Scheibe auf den Markt, nee-hee, dann gibt es eine Super Deluxe Edi­tion mit DVDs und CDs und Fotos und Murmeln (ach nein, das waren ja Pink Floyd; Man­no, George-Har­ri­son-Murmeln hab’ ich noch nicht).

Eine Super Deluxe Edi­tion. Von “Liv­ing in the Mate­r­i­al World”.

Darauf muss man erst mal kom­men.

“Some boys kiss me, some boys hug me / I think they’re O.K. / if they don’t give me prop­er cred­it / I just walk away”
– Madon­na: Mate­r­i­al Girl

KaufbefehleMusikkritik
douBt — Mercy, Pity, Peace & Love

douBt - Mercy, Pity, Peace & LoveJa, das Con­ti­nen­tal-Album wartet immer noch darauf, dass ich es mal höre. Eins nach dem anderen! Weit­er oben auf meinem Stapel näm­lich liegt douBts Zweitling “Mer­cy, Pity, Peace & Love” von Ende 2012 (lei­der also etwas zu früh für die Jahres­liste 2013) und ist wirk­lich nicht schlecht.

“Mer­cy, Pity, Peace & Love” (zu Deutsch etwa “Barmherzigkeit, Mitleid, Fried­fer­tigkeit und Liebe”) beze­ich­net laut William Blake vier der sieben christlichen Kar­dinal­tugen­den. Was mit den anderen drei Kar­dinal­tugen­den ist, weiß ich nicht. Vielle­icht kom­men die auf dem näch­sten Album. douBt jeden­falls ist ein Jaz­zrock-Trio, das auf seinem Debü­tal­bum “Nev­er Pet A Burn­ing Dog” die Can­ter­bury-Leg­ende Richard Sin­clair als Gast­musik­er engagieren kon­nte und so die Mess­lat­te natür­lich von vorn­here­in recht hoch gehängt hat. “Mer­cy, Pity, Peace & Love” sollte also daran gemessen wer­den.

Aber keines­falls führt eine solche Mes­sung automa­tisch zu einem Rangver­lust, eher ist das Gegen­teil der Fall. Dabei sollte man sich nicht vom Anfang des Albums täuschen lassen: “There Is a War Going On” ist eine von 70-er-Jahre-Orgelk­län­gen unter­legte auszugsweise Rede des US-amerikanis­chen Sen­a­tors Bernie Sanders, in der dieser über die Unter­schiede in den gesellschaftlichen Klassen referierte. Na gut, eigentlich sollte man sich schon täuschen lassen, denn abge­drehte Ideen sind auf “Mer­cy, Pity, Peace & Love” reich­lich zu hören. Mit Gesang sollte man zwar nicht rech­nen, aber wer erwartet solchen schon auf einem Jaz­zal­bum?

“Jazz” ist dabei vielle­icht etwas zu kurz gegrif­f­en. Hier wer­den Psy­che­del­ic (“There Is A War Going On”), Jazz und Funk (wenn auch weniger als noch auf dem Vorgänger­al­bum) sowie Exper­i­mentell-Elek­tro­n­is­ches (“Mer­cy, Pity, Peace and Love”) eng miteinan­der verzah­nt. Schon das zweite Stück, “Jalal”, ist groove­lastiger Jaz­zrock mit merk­würdig schrägem Rhyth­mus, der trotz­dem im Ohr hän­gen bleibt, will sagen: mitreißt. Eher an die jün­geren King Crim­son — wen­ngle­ich das Schlagzeugspiel auch Bill-Bru­ford-Fans gefall­en dürfte — erin­nert das gitar­ren­lastige “No More Quar­rel with the Dev­il”, das gegen Ende unver­mit­telt in Kirmes­musik überge­ht. Skur­ril, aber inter­es­sant. Nach einem irgend­wie bedrohlichen Lounge-Jazz-Inter­mez­zo (“Ris­ing Upon Clouds”) fol­gt dann ein fast fünfminütiges Gitar­renge­flim­mer namens “Pur­ple Haze”. Pur­ple Haze? Nein, nicht Hen­drix, aber ein ver­dammt ein­drucksvolles Cov­er des­sel­ben. Gitar­rist Michel Delville und Key­board­er Alex Maguire liefern sich hier ein rasend schnelles Duett (wenn nicht gar Duell), das aufhorchen lässt. Ist das noch Jazz? Nö! Na und?

Keine Sorge jedoch, denn der Jazz hat sich nur eine kurze Pause gegön­nt. Bere­its im coltranesquen “The Invi­ta­tion” und deut­lich­er noch im vor­let­zten Stück “Mer­cury” kehrt er zurück und spielt ein weit­eres Mal seine Stärken aus. Kon­ser­v­a­tiv­en Jaz­zfre­un­den fehlen wom­öglich Bläs­er anstelle des (oder zusät­zlich zum) Pianoklimpern(s), aber als kon­ser­v­a­tiv­er Jaz­zfre­und hört man wahrschein­lich sowieso nichts, was nicht von Coltrane oder Davis selb­st ist. Schade drum. Aber zurück zum gewohn­ten Pro­gram­ma­blauf: Das “The Invi­ta­tion” fol­gende Titel­stück (“Mer­cy, Pity, Peace and Love”) — ich erwäh­nte es ja schon — hat mit Jazz wiederum eher wenig zu tun, tat­säch­lich ist nur die Lust an der freien Form von diesem geblieben. Auf knapp über zwölf Minuten wirft die Band hier Krautig-Spaciges, Doom-Jazz (also doch!) und Avant­garde-Ein­sprengsel wie Kon­fet­ti in die Luft und fängt das Durcheinan­der wieder ein, nicht ohne ihm einen Sinn zu ver­lei­hen. Das Stück schwellt an und wieder ab wie Meeres­rauschen, aber in dem Meer ist eine Menge los. Wem das gefällt, der hat wenig später noch eine Möglichkeit, diesem Stil zu huldigen: “The Human Abstract” ist eine wirr scheinende Instru­men­tal­col­lage, die ich nur schw­er­lich zu beschreiben weiß. Vielle­icht so: Spielt drei Jaz­zrock­plat­ten und ein Space­rock­album mit unter­schiedlichen Geschwindigkeit­en, aber zur gle­ichen Zeit ab. So unge­fähr müsst ihr euch “The Human Abstract” vorstellen; und das Erstaunliche ist, dass es trotz­dem funk­tion­iert. So ungern ich mich hier auch wieder­hole: Merk­würdig.

Das Album schließt mit dem Neunein­sech­stelminüter “Good­bye My Fel­low Sol­dier”, das den etwas aufge­dreht­en Stil von douBt mit dem Can­ter­bury-Jazz von Soft Machine paart. Ganz vom Can­ter­bury lösen will man sich also nicht, und das ist gut. Ich mag den Can­ter­bury-Sound. Von “There Is a War Going On” (wie auch von “No More Quar­rel with the Dev­il”) gibt es auf dem Album übri­gens auch ein reprise, das ohne Poli­tik­er­stim­men auskommt. Auch mal ganz schön.

Für Hör­proben soll­tet ihr MySpace kon­sul­tieren und her­nach umge­hend das Album kaufen. Es lohnt sich. Aber das soll­tet ihr ja nun schon wis­sen.

PolitikIn den Nachrichten
Die Kanzlerin steht ihren Mann

Nun, da die Kan­z­lerin die Sache mit der NSA gewohnt sou­verän erledigt hat, hat sie sich ein wenig Urlaub redlich ver­di­ent. Zunächst machte sie aber gestern Halt im KZ Dachau, von wo aus sie zu einem Wahlkamp­fauftritt in einem Bierzelt weit­er­reiste. Für den Wahlkampf nimmt man doch so ein biss­chen Betrof­fen­heit gern in Kauf, wenn man bei der CDU ist. Die CSU Puch­heim find­et das gut, von Renate Künast (das war die mit der Heuchelei) ver­nahm man das gewohnte Tamm­tamm, sie sei darob, ich zitiere, “empört”. Empört!!1

Etwas schade ist es nur, dass das Agen­tur­bild offen­bar nachträglich retuschiert wurde:

Kanzlerin in Dachau (unecht)

Da fehlt doch was!

Kanzlerin in Dachau (echt)

Na also — jet­zt stimmt es. Alles muss man sel­ber machen!

Sonstiges
Gegen Gewalt! (Also gegen die falsche jedenfalls.)

(Vorbe­merkung: Im Fol­gen­den ver­linke ich in Erman­gelung wirk­lich zuver­läs­siger Quellen mehrfach auf die Google-Suche. Ich empfehle vor einem Klick auf diese Ver­weise vorüberge­hend JavaScript und Cook­ies zu deak­tivieren.)

Wie fried­fer­tig die Men­schen in diesem Land doch sind, obwohl ihr Land weltweit Sol­dat­en sta­tion­iert hat, ist doch immer wieder erfreulich. Glaubt man Google, so sind die gewalt­freien Engage­ments hierzu­lande viel­seit­ig: Die Bürg­er set­zen sich zum Beispiel mit Sprache und Mil­lio­nen gegen rechte Gewalt (etwa 1,3 Mil­lio­nen Ergeb­nisse), männliche Gewalt gegenüber Frauen (etwa 1,14 Mil­lio­nen Ergeb­nisse) und nicht zulet­zt Gewalt an Kindern (immer­hin noch etwa 461.000 Ergeb­nisse) ein.

Was haben all diese Gewaltver­hin­derun­gen gemein­sam? Richtig: Sie dif­feren­zieren. Es scheint eine allzu wel­tentrück­te Vorstel­lung zu sein, die Überzeu­gung, man lehne Gewalt immer und grund­sät­zlich und unter allen Umstän­den ab, ohne Ein­schränkun­gen nach außen hin zu vertreten; offen­bar gibt es Qual­itätsab­stu­fun­gen in der Beurteilung von Gewalt. Eine gedankliche Tren­nung von schlim­mer Gewalt (etwa “von rechts”) und weniger schlim­mer Gewalt (zum Beispiel Män­ner, die Män­ner schla­gen) ist en vogue, denn, so lautet eine gängige Argu­men­ta­tion, wenn ein deutsch­er Mann einen anderen deutschen Mann schlägt, sei das ja nicht so schlimm wie Gewalt von deutschen Män­nern gegen männliche Asy­lanten, weil isso. Es fehlt die Fähigkeit zu erken­nen, dass es keine qual­i­ta­tiv­en Unter­schiede in gewalt­samen Über­grif­f­en gibt, denn wo zieht der Men­sch die Gren­ze zwis­chen akzept­abler und inakzept­abler Gewalt? Wo liegt momen­tan der Kon­sens? Sofern er erstaunlich­er- wie erfreulicher­weise lautet, dass Gewalt immer und unter allen Umstän­den keine vertret­bare Lösung ist, warum fällt es euch dann so schw­er, die Phrase “gegen Gewalt” ohne jedes Adjek­tiv und ohne jede son­stige Ein­schränkung zu ver­wen­den?

Gewalt, das lasst euch gesagt sein, ist niemals angemessen, auch nicht, um größeres Leid zu ver­mei­den. (Wäre sie das, dann wären die deutschen Kampfein­sätze im Aus­land nichts, wofür wir uns schä­men soll­ten, son­dern ein Akt der Notwehr gegen Tal­iban und ähn­liche Bösewichte, die uns ja qua­si jeden Tag direkt bedro­hen und so.) Wenn ihr das näch­ste Mal gefragt werdet, ob ihr Inter­esse daran habt, euch gegen irgen­deine Unterkat­e­gorie von Gewalt zu engagieren, empfehle ich euch daher milde Ablehnung und (option­al) Vogelzeigen. Wer Gewalt qual­i­ta­tiv abstuft, der hat das Prinzip der Gewalt­spi­rale noch nicht ver­standen und ist poten­ziell selb­st Gewalt­täter, denn in seinen Augen gibt es offen­bar nicht so schlimme Gewalt. Es ist also auch in eurem Inter­esse, die Gesellschaft solch­er Zeitgenossen best­möglich zu mei­den.

Es gibt übri­gens einen Vere­in namens Men­schen­rechte für die Frau. Die Pointe über­lasse ich ganz eur­er Fan­tasie.

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt CLXXXIII: Der Guardian, die Kanzlerin, das Brot und die Spiele

Die Staat­en, die heute noch eine Monar­chie (und sei’s nur sym­bol­isch) erlauben, sind für pro­gres­sives Denken nicht unbe­d­ingt prädes­tiniert. Das Gegen­teil eines pro­gres­siv­en Staates indes ist eine Dik­tatur, wenn nicht gar der Rück­fall in den Faschis­mus. Eine Dik­tatur zeich­net unter anderem aus, dass sie die Presse­frei­heit not­falls auch gewalt­sam den eige­nen Anweisun­gen unterord­net.

So ist’s etwa gestern im Hause Guardian geschehen, als der britis­che Geheim­di­enst dem Lebenspart­ner von Glenn Green­wald (das war der, der auf den Snow­den-Enthül­lun­gen sitzt und diesel­ben zwecks Aufla­gen­mehrung nur scheibchen­weise raus­rückt) mal eben die Fest­plat­ten zer­stört hat. (Nicht, dass ich die Zer­störung von Mac­books nicht prinzip­iell ver­ständlich fände!) Der Sinn dahin­ter dürfte es gewe­sen sein, die rel­e­van­ten Aufze­ich­nun­gen zu ver­nicht­en.

Dass es heutzu­tage zur Ver­nich­tung wichtiger Dat­en nor­maler­weise nicht genügt, ein paar Fest­plat­ten zu zertrüm­mern, kommt einem solchen Regime natür­lich nicht in den Sinn, aber das soll nun auch nicht weit­er ver­wun­dern. Es ist sog­ar beruhi­gend, dass die tech­nis­che Fachkom­pe­tenz des britis­chen Geheim­di­en­stes nicht aus­re­icht, um zu erken­nen, dass ein Jour­nal­ist, der auf brisan­ten Dat­en sitzt, rechtzeit­ig entsprechende Vorkehrun­gen getrof­fen hat, zumal er das selb­st gesagt hat­te. (Zu beurteilen, was für eine Regierung die Bestra­fung von Men­schen anord­net, nur weil sie blöder­weise Fam­i­lien­mit­glieder eines anderen Men­schen, an den man nicht so leicht unbeschadet rankommt, sind, über­lasse ich übri­gens dem Leser.)

Wo sind nun eigentlich diejeni­gen, die son­st bei jedem ernst zu nehmenden dik­ta­torischen Bestreben irgend­was von Wehren und Anfän­gen brüllen? — Ach so, Großbri­tan­nien ist weit weg. Würde das in Deutsch­land passieren, wäre hier der Teufel los. Vielle­icht würde sog­ar jemand eine Peti­tion unterze­ich­nen! Zum Glück sind alle Fra­gen in der NSA-Affäre gek­lärt, sagt die Kan­z­lerin. Son­st wäre noch jemand ern­sthaft empört.

“Vor allem durch zweier­lei ist das römis­che Volk im Bann zu hal­ten, durch Speisung und durch Spiele.”
– M. Cor­nelius Fron­to, prin­cip­ia his­to­ri­ae

(via Fefe)

Spaß mit Spam
Lieber geliebter eine,

0016@btbz.biz (kann man sich merken) schrieb mir unter obigem Betr­e­ff (zu mein­er Zeit war ein Betr­e­ff noch eine kurze Zusam­men­fas­sung des Anliegens des Anschreibens und nicht die Anrede; o Zeit­en, o Sit­ten!) an eine E‑Mail-Adresse, die nicht zu meinen gewöhn­lichen gehört, dies:

Lieber geliebter eine,

Diese Anrede (hat­ten wir schon!) enthält diverse Wun­der­lichkeit­en. Wer alle find­et, bekommt eine Eins.

Was genau möchte jemand, der mich unbekan­nter­weise als “geliebter eine” anspricht, wohl von mir? Flirten? Weit gefehlt:

Ich bin Frau sus­sana suss­man, aus Sier­ra Leone. Ich habe die Summe 9,5 Mil­lio­nen Euro von meinem ver­stor­be­nen Mann geerbt. Wegen der schlecht­en poli­tis­chen Sit­u­a­tion dieses Land Sier­ra Leone, Ich demütige Bitte um Ihre Hil­fe, um mich zu investieren die Fonds in Ihrem Land.

Frau sus­sana suss­man möchte eine Bitte demüti­gen und sich in Fonds investieren, und das auch noch in meinem Land! Wo kämen wir denn dahin, wenn das jed­er täte?

Um welche schlechte poli­tis­che Sit­u­a­tion geht es eigentlich? Der Bürg­erkrieg ist doch meines Wis­sens seit dreizehn Jahren been­det? Ach so:

Das Geld ist momen­tan in der Finanz-Unternehmen hier in Sier­ra Leone.

Es gibt nur noch eine einzige Bank in Sier­ra Leone? Das ist fatal! Hat da die EU schon inter­ve­niert?

Da bietet es sich natür­lich an, das Geld lieber nach Deutsch­land zu ver­schif­f­en. Dafür gibt’s auch einen Anteil an dem Geld:

Ich werde Ihnen mehr Infor­ma­tio­nen über die Liefer­ung. Ihre eige­nen Anteil an dem Geld ich sage dir, wenn wir von Ihnen hören.

Dann hoffe ich, dass es nicht per Her­mes ver­schickt wird, son­st wird das dieses Jahr nichts mehr.

Bitte, antworten Sie mir auf meine pri­vate E‑Mail: mrs.sussana@yahoo.com

Sier­ra Leone ist so arm, die kön­nen sich nicht mal ’nen Reply-To-Head­er in ihren E‑Mails leis­ten. Nun würde ich der Bitte ja gern nachkom­men, aber ich weiß nicht mal, was gewün­scht ist. Auf nicht gestellte Fra­gen zu antworten fällt mir oft etwas schw­er.

Wenn’se ihr Geld unbe­d­ingt loswer­den wollen, Frau sus­sana suss­man, sollte es Ihnen doch nicht schw­er­fall­en, meinen Namen und meine Adresse zu ermit­teln, nach­dem Sie sog­ar eine obskure Mailadresse beziehen kon­nten. Ich nehm’s gern bar.

Mit fre­undlichen Grüßen,
Frau sus­sana suss­man.

Rat­los,
eine geliebte.