Apropos “ärgerlicher Drang zum Umstieg”: Der RSS-Leser feedly, dessen Android-app ich an anderer Stelle schon mal gelobt hatte, ist vor einer Weile auf ein “Freemium”-Modell umgestiegen. Die grundlegende Funktionalität ist zwar weiterhin kostenlos, einige “erweiterte” Funktionen sind aber nun mit dem Abschluss eines Abonnements verbunden, und vermutlich werden das noch mehr.
Die bisherigen “Pro”-Funktionen sind Integration von Evernote und Pocket zum “Vormerken” einzelner Artikel sowie die Suchfunktion innerhalb der Feeds. Während ich Evernote- und Pocketanbindung allerdings sowieso in der Regel per Browsererweiterung vornehme, ist das mit der Suchfunktion schon weniger freundlich, zumal die Suchen-Leiste im feedly-Fenster auch für “Standard”-Nutzer sichtbar, aber eben nicht benutzbar, ist. Somit folgt auf den Umstieg — mit feedly beschäftige ich mich erst, seit es im Verlauf der Google-Reader-Flucht als überaus grandios angepriesen wurde — ein weiterer Umstieg. Allmählich bekomme ich Übung darin.
Ich nehme einfach mal an, dass es nicht nur mir so geht. Wer weiß schon, was die nächsten Funktionen sein werden, die es nur noch gegen Aufpreis gibt? Zwar bin ich bereit, für Qualität Geld zu zahlen, aber da es ebenfalls qualitativ akzeptable RSS-Leser gibt, die alles können, was ich brauche (was in diesem Fall Kategorien und Onlinesynchronisation nebst einer Nutzeroberfläche, die nicht von einem BWL-Erstsemester entworfen wurdem sind), bin ich in diesem Fall einfach mal geizig. (Ich frage mich ja, wie viele Nachrichtenredaktionen, die feedly als idealen Ersatz für den Google Reader angepriesen hatten, jetzt klammheimlich die Formulierung ändern.) Ich habe mir mal einige davon angeguckt.
Der Hive-Reader ist seit Monaten nur auf Einladung zugänglich — die Screenshots sehen schon vielversprechend aus, aber offenbar wird im Hintergrund noch fleißig gearbeitet. Ich empfehle, dem Entwickler auf Twitter zu folgen — wenn es irgendwann fertig ist, sollte es problemlos die meisten Konkurrenten in die Schranken verweisen können. Von diesen Konkurrenten gibt es freilich einige, auch große Namen sind dabei: Digg versucht ebenso wie AOL im Gespräch zu bleiben, das Ergebnis ist jedoch jeweils noch etwas schlicht und nur sehr begrenzt anpassbar:

Ein weiterer Publikumsliebling ist The Old Reader (“Ye Olde Reader”), eine Art Google-Reader-Nachbau mit hässlichem, dafür omnipräsentem Logo. Kürzlich wurden Neuanmeldungen eingestellt, inzwischen gehen sie wieder. Dieser “Old Reader” ist optisch arg gewöhnungsbedürftig und momentan eher gemächlich (angeblich gibt es technische Probleme), allerdings zumindest funktional:

Die “sozialen” Kategorien oben links bekommt man mit Browsererweiterungen weg, eine kompaktere Ansicht für den kompletten reader gibt es leider nicht. Die verschiedenen Userstyles für The Old Reader sind zwar eine nette Idee, verursachen jedoch oft Darstellungsfehler in der Navigationsleiste. (Die bekommt man übrigens mit einem Bookmarklet per Klick aus- und wieder eingeblendet, das in den Einstellungen des “Old Readers” zu finden ist.) Besonders unhübsch: The Old Reader lässt kaum Platz am rechten Browserrand — je breiter der Bildschirm, desto störender das Lesen. Löblich aber, dass es mit apps wie gReader sogar recht ansehnliche Android-Anbindung gibt; Desktopanwendungen sucht man jedoch (noch?) vergebens.
So gut der Old Reader auch durchdacht scheint: Mein Ästhetikempfinden scheitert am Versuch, sich mit ihm anzufreunden. Immerhin ist der RSS-Leser momentan (mangels tauglicher Windowsanwendungen) die von mir meistbesuchte Website, da isst das Auge eben mit. (Eklige Vorstellung, oder?) Also geht die Suche wohl weiter.
Der Entwickler von NewsBlur will Geld (sofern man keine Lust hat, eine auf ein Minimum reduzierte Fassung seiner Anwendung zu nutzen, die für mich schlicht untauglich ist). Für dieses Geld — momentan zwei US-Dollar pro Monat und damit weit günstiger als feedly pro — bekommt man einen RSS-Leser, der uns Nerds hellauf begeistern sollte, da er unter einer aufgeräumten Oberfläche das höchste Maß an Funktionalität besitzt, das ich mir von einem RSS-Leser wünschen könnte:

Lobenswert ist bei NewsBlur insbesondere die “Trainingsfunktion”: NewsBlur “lernt” bei andauernder Benutzung, welche Artikel den Leser mehr interessieren könnten als andere, und kann entsprechende Änderungen vornehmen; quasi hat es ein “eingebautes” Yones. Ich wäre durchaus willens, den Autor für diese Leistung finanziell zu entlohnen — leider akzeptiert er momentan nur eine Zahlung per Kreditkarte, und die kann oder will sich hierzulande nicht jeder leisten. (Diese USA sind schon ein dekadenter Haufen manchmal.) NewsBlur ist allerdings Open Source. Mich hält von einer Installation auf meinem Server eigentlich nicht viel ab, es scheitert vermutlich weniger am Technischen (obwohl FreeBSD als Plattform momentan nicht vorgesehen ist) als daran, dass die benötigten Bibliotheken meinen bisher mit Bedacht nicht vollgemüllten Server in einem reichlich unaufgeräumten Zustand hinterlassen würden. (Falls jemand von euch sich aber mal an die Installation wagen möchte: Ihr werdet nur schwerlich einen besseren “freien” RSS-Leser finden. Tut dies somit zahlreich!)
Mit News+ ist momentan auch eine Android-app in Entwicklung, die auf dem gReader basiert und Unterstützung für NewsBlur (vermutlich leider nur die Bezahlvariante) und einige andere Plattformen in Form von Erweiterungen mitbringt. Das ist schon recht hübsch.
Zu diesen anderen Plattformen gehört im Übrigen auch das von mir auch schon mal erwähnte Tiny Tiny RSS, wiederum ein quelloffener RSS-Leser, der allerdings lediglich ein Minimum an Abhängigkeiten verlangt, was mir sehr entgegenkommt. Die beiden offiziellen Android-apps sind im Übrigen eher rudimentär, insofern bin ich für News+ besonders dankbar:

Was mich ursprünglich dazu bewogen hatte, mich für feedly statt Tiny Tiny RSS zu entscheiden, war, dass Tiny Tiny RSS standardmäßig eine sehr rustikale Bedienoberfläche mit sich bringt. Faulpelz, der ich bin, hatte ich die Möglichkeit, themes zu verwenden, gar nicht beachtet. Das feedly-theme sieht aber gar nicht mal schlecht aus, da ist der vorübergehende Mangel an Desktopclients schon zu verschmerzen:

Eine Tiny-Tiny-RSS-Instanz habe ich ohnehin vor ein paar Monaten installiert, aber (wegen feedly) nie als eine solche benutzt. Immerhin habe ich jetzt die Gewissheit, dass mein Server zuverlässig arbeitet und nicht zwischendurch Daten frisst, wenn ihm mal langweilig ist.
Momentan ist also Tiny Tiny RSS der RSS-Leser meiner Wahl, und ich bin davon überzeugt, dass ich niemals einen besseren Feedleser finden werde; jedenfalls so lange, bis NewsBlur sich neue Bezahlformen einfallen lässt und/oder der Hive-Reader endlich öffentlich ist. Meine Definition von “niemals” ist also eine eher ironische. Ich wäre eine tolle Bundeskanzlerin.
Nachtrag von Januar 2015: Der Entwickler verschenkt Premiumzugänge, wenn ihr gern zahlen würdet, aber nicht könnt.
Da wir gerade beim Umsteigen und bei Anglizismen sind, hier noch ein update für diejenigen von euch, die kürzlich meinen Umstieg von Sublime Text mitbekommen haben: Ich bin nun bei Emacs gelandet. Ganz nett, doch.