Piratenpartei
Pira­ten: Vor­sicht vor dem Mit­ein­an­der!

Ende 2013 wird in Bre­men ein wei­te­rer Bun­des­par­tei­tag der Pira­ten­par­tei statt­fin­den. Da die Orga­ni­sa­to­ren von Pira­ten­zu­sam­men­künf­ten offen­sicht­lich davon aus­ge­hen, dass man sich als Pirat nicht mit ande­ren Pira­ten unter­hal­ten kann, ohne min­de­stens ihre Wür­de kon­ti­nu­ier­lich ein­schnei­dend zu ver­let­zen, wird gele­gent­lich ein „Awa­re­ness-Team“ ein­ge­rich­tet.

Das „Awa­re­ness-Team“ ist viel­leicht eini­gen von euch bereits von der #Pira­tin­nen­Kon bekannt. „Awa­re­ness-Team“ bedeu­tet auf Deutsch unge­fähr „Obacht-Mann­schaft“, trotz­dem sind’s meist eher Frau­en, die die­se Funk­ti­on aus­üben. Dabei haben sie sich sol­che Mühe gege­ben und sogar aus­drück­lich dar­um gebe­ten, dass nicht nur hun­dert­pro­zen­ti­ge Frau­en sich bewer­ben, son­dern auch, äh, ande­re Men­schen:

Das Awa­re­ness­team für den #bpt132 sucht noch Men­schen, die mit­hel­fen (gern männ­lich sozia­li­siert).

Man gren­ze die­se Grup­pe von Men­schen von denen ab, die nicht­männ­lich sozia­li­siert wur­den. Ich wur­de übri­gens musi­ka­lisch sozia­li­siert. Was nun?

Die Auf­ga­be die­ses „Awa­re­ness-Teams“ war es auf der #Pira­tin­nen­Kon, denen, die mensch­li­ches Mit­ein­an­der – wie auch immer dies defi­niert wird – mut­wil­lig destruk­tiv aus­üb­ten, je nach Art und Schwe­re­grad des Ver­ge­hens eine Rüge oder Sank­tio­nen zu ertei­len. Dabei lag es im Wesent­li­chen in ihrem Ermes­sen, wel­che Art von Ver­hal­ten der­lei Maß­nah­men recht­fer­tig­te; sowohl Exe­ku­ti­ve als auch Judi­ka­ti­ve lag in ihrer Hand. Nun ist so ein Bun­des­par­tei­tag natür­lich eine ganz ande­re Ver­an­stal­tung als eine Kon­fe­renz über Femi­nis­mus (obwohl die Gren­zen mit­un­ter ver­schwim­men), inso­fern hat auch das „Awa­re­ness-Team“ ande­re Vor­aus­set­zun­gen, da nicht mehr davon aus­zu­ge­hen ist, dass das Gros der Anwe­sen­den des­sen Welt­an­schau­un­gen unkri­tisch teilt.

Auf­se­hen erreg­te – hihihi – gestern die Kür von Bir­git Ryd­lew­ski (das war die hier) als Mit­glied Teil des „Teams“ auf dem Bun­des­par­tei­tag. Zuletzt fiel sie in den Medi­en dadurch auf, dass sie ver­meint­lich Men­schen pau­schal „suspekt“ nann­te, die aus frei­en Stücken Anzü­ge tra­gen. Ihren erklä­ren­den Blog­ar­ti­kel (Twit­ters Län­gen­be­schrän­kung eig­net sich eben nur beschränkt für die Dis­kus­si­on kon­tro­ver­ser The­sen) haben offen­bar die wenig­sten Leu­te, die sich über den Tweet auf­ge­regt haben, gele­sen, und so blieb für die mei­sten Mitt­wit­te­rer, die aus Grün­den nicht wei­ter nach­frag­ten, vor allem dies im Raum ste­hen: Eine akti­ve Femi­ni­stin, die Män­ner in typisch männ­li­cher Klei­dung für Reprä­sen­tan­ten des kapi­ta­li­sti­schen Patri­ar­chats hält, wird auf einem Par­tei­tag mit­ver­ant­wort­lich für die Ein­hal­tung sozia­ler Nor­men sein.

Das ist etwas kurz gegrif­fen (und sach­lich falsch), aber so ist Twit­ter nun mal: Laut und schrill. Wie so’n Män­ner­mi­kro­fon. Da bleibt für eine sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung kaum aus­rei­chend Gele­gen­heit. (Weil ich gera­de erst per Mail gezielt dar­auf ange­spro­chen wur­de, wei­se ich an die­ser Stel­le im Übri­gen dar­auf hin, dass Leu­te, die ich per­sön­lich anzu­grei­fen geden­ke, dies meist durch­aus bemer­ken – wenn es jeman­dem unklar ist, ob ich ihn angrei­fen möch­te, ist er ent­we­der zu däm­lich oder ich möch­te es wahr­schein­lich tat­säch­lich nicht. Für die simp­le Nach­fra­ge, wie ein Mit­mensch etwas, was er geäu­ßert hat, denn gemeint habe, habe jeden­falls ich jedoch noch nie ein „Awa­re­ness-Team“ benö­tigt.) Trotz die­ser über­flüs­si­gen, weil nicht ziel­füh­ren­den Per­so­nal­dis­kus­si­on taucht hier eine bedeut­sa­me Fra­ge auf: Was tut ein Par­tei­tags­be­su­cher eigent­lich, wenn er sich vom „Awa­re­ness-Team“ bedrängt sieht? Gibt es eine über­ge­ord­ne­te Instanz, qua­si ein „Awa­re­ness-Team-Awa­re­ness-Team“, oder ist man sozu­sa­gen dem Wohl­wol­len der Men­schen, die mit­hel­fen, aus­ge­lie­fert?

Ich wand­te mich mit die­sen Fra­gen per E‑Mail an die Orga­ni­sa­to­ren – bezie­hungs­wei­se einen der Orga­ni­sa­to­ren – des Bun­des­par­tei­tags. Mei­ne Beden­ken wur­den von vorn­her­ein zer­streut:

Falls du davon aus­gehst, dass das Awa­re­ness Team eine Art Sicher­heits­team ist, wie bei­spiels­wei­se bei der Pira­tin­nen­Con, dann ist das falsch. Das Awa­re­ness-Team hat kei­ner­lei Befug­nis­se.

Wir haben es hier also mit einem zahn­lo­sen Tiger zu tun, des­sen Macht nicht beschränkt, son­dern gar nicht erst vor­han­den ist; soll hei­ßen: Selbst, wenn das „Awa­re­ness-Team“ samt und son­ders aus tat­säch­lich Män­ner has­sen­den, das Hacke­beil schwin­gen­den Radi­kal­fe­mi­ni­stin­nen bestün­de, könn­ten sich die männ­li­chen Par­tei­tags­be­su­cher ihres Lebens wei­ter­hin sicher sein. Leu­te tot­zu­bei­len ver­stößt mei­nes Wis­sens näm­lich zumin­dest gegen die Haus­ord­nung am Ver­an­stal­tungs­ort.

Aber wofür, wenn nicht als Exe­ku­ti­ve zwecks Klä­rung sozia­ler Unru­hen, ist das „Awa­re­ness-Team“ denn dann da? Hm, tja, das sei eine gute Fra­ge, und da kön­ne man jetzt auch nur spe­ku­lie­ren:

Wohl wenn jemand mal reden muss oder so

Soll hei­ßen: Wer auf dem Bun­des­par­tei­tag Lust zu pöbeln hat, der möge dies zunächst am Shits­torm­ka­na­li­sa­ti­ons­punkt – beim „Awa­re­ness-Team“ eben – bean­tra­gen. Es geht hier also nicht um die Wah­rung von Inter­es­sen einer klei­nen Grup­pe, son­dern um Dees­ka­la­ti­on auf aus­drück­li­chen Wunsch. Das fin­de ich gut.

Was sagt das nun über die Pira­ten und ihre Kom­mu­ni­ka­ti­on unter­ein­an­der aus? Min­de­stens zwei­er­lei:

  1. Pira­ten kön­nen – ich erwähn­te es ein­gangs – der gän­gi­gen Mei­nung ent­spre­chend nur sel­ten mit­ein­an­der reden, ohne sich stän­dig gegen­sei­tig Belei­di­gun­gen an den Kopf zu wer­fen, so dass stän­dig jemand auf­pas­sen und allen Betei­lig­ten ihr Schäu­fel­chen zurück­ge­ben muss. Das ist aller­dings auch etwas, wofür man awa­re­ness bewah­ren soll­te. Und wisst ihr auch, wie man das nennt, wenn Men­schen auf emo­tio­na­le Wei­se über The­men dis­ku­tie­ren, die ihnen am Her­zen lie­gen? Rich­tig: Mensch­lich­keit.
  2. Twit­ter eig­net sich nicht für tief­grün­di­ge phi­lo­so­phi­sche Exkur­se.

Auf der Web­site der „Süd­deut­schen Zei­tung“, die am frei­en Inter­net nicht teil­neh­men möch­te (LSR), schrieb Alex Rüh­le gestern, die etwa zwei Pro­zent Stim­men für die Pira­ten­par­tei – „die­se digi­ta­len Klaps­kal­lis“ (ebd.) – sei­en auch eine Fol­ge der Kon­zen­tra­ti­on auf digi­ta­le Kanä­le. Dabei ist eine häu­fi­ge Nut­zung des Inter­nets durch­aus nicht zu bean­stan­den. Nur das mit der Medi­en­kom­pe­tenz, das mit dem Nach­fra­gen, das müs­sen die Pira­ten – Wahl­kampf­mot­to: „wir stel­len das mal in Fra­ge“ – noch ler­nen.

Aber das braucht so ein „Jour­na­list“ bei der „Süd­deut­schen Zei­tung“ ja auch nicht und wird trotz­dem nicht gefeu­ert.

Senfecke:

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