Da traut sich der Sommer doch noch raus. Und das keinen Tag zu früh!
Also beginnen wir die Woche mal fröhlicher als üblich.
Guten Morgen!
Da traut sich der Sommer doch noch raus. Und das keinen Tag zu früh!
Also beginnen wir die Woche mal fröhlicher als üblich.
Guten Morgen!
Die öffentliche Meinung neigt nicht zur Besonnenheit. Als bekannt wurde, dass in Istanbul — die Hintergründe setze ich einfach mal als bekannt voraus — Demonstranten nicht mehr nur abgewehrt, sondern aktiv angegriffen wurden, formierten sich im Internet sofort virtuelle Sprechchöre: Die Türkei darf nicht in die EU rein, weil man so was nämlich als EU-Land nicht macht, also auf Demonstranten schießen und dergleichen. Na gut, in Stuttgart ist das vielleicht erlaubt, aber doch nicht in der EU! (Ich nehme an, ihr merkt selbst, wo das Problem liegt.)
Szenenwechsel. Vor fünf Jahren gab Claudia Roth in einem Interview bekannt: “Türkei ist für mich zweite Heimat. Ich mache seit zwanzig Jahren Türkeipolitik (…).” Und so ist es auch nur wenig erstaunlich, dass sich die Grüne auch in eher unruhigen Zeiten in der Türkei aufhält (“[i]hr Gesicht ist Roth rot und geschwollen” — im Bundestag kommentiert das auch niemand) und hinterher lamentiert:
“Das fühlt sich an, als würde man vergiftet”, berichtet Roth. “In einem großen Festsaal in dem Hotel war eine Art Lazarett, da waren viele Ärzte und viele Verletzte.” Es sei klar gewesen, dass es sich um eine Ambulanz handele. Dennoch habe die Polizei weiter Tränengas versprüht. “In einer Kriegssituation wäre das ein Kriegsverbrechen”, sagte Roth N24.
Ach, in der Türkei herrscht kein Krieg. Stimmt ja! Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Krieg so:
Krieg bezeichnet einen organisierten, mit Waffen gewaltsam ausgetragenen Konflikt zwischen Staaten bzw. zwischen sozialen Gruppen der Bevölkerung eines Staates (…).
Stimmt; ist kein Krieg, die Demonstranten haben ja keine Waffen.
Und jetzt stellt euch vor, Claudia Roth wäre Bundesministerin. Beängstigend, nicht?
Man sollte meinen, in Griechenland (das war das Land mit den Finanzproblemen aus den Nachrichten, habt ihr vielleicht mitbekommen) gäbe es ernsthafte Probleme und Aufstände. Und tatsächlich schwelt dort der Zorn der Wutbürger und eskaliert gelegentlich:
Die Wut war groß, jetzt gibt Griechenlands Regierungschef Samaras ein bisschen nach. Der geschlossene Staatssender ERT soll zumindest wieder Nachrichtenprogramme senden.
Der Staat ist pleite, die Jugendarbeitslosigkeit erreicht unangenehme Werte; aber Hauptsache, die Glotze läuft. So muss das sein.
Und das eigentlich Erschreckende ist: Auch in Deutschland würde es nicht komplett anders verlaufen. Gebt dem Pöbel billige Unterhaltung und er wird schweigen. Die Welt ist reif, sie will gepflückt werden.
Ihr habt euch diese Woche noch nicht für das Tun anderer Leute geschämt? Dann wird es Zeit.
Ein heißer Anwärter auf den Fremdschämgrund der Woche ist dieses possierliche Ampelmännchen, das mir heute in einem großen Elektronikfachmarkt auffiel:
Der Text unten auf der Verpackung lautet “Inklusive Ampelmann Song! Inklusive Ampelmann Video!” — beides selbstverständlich ohne Bindestrich.
Ampelmann-Lied und ‑Video. Natürlich. ![]()
Vielleicht hätte man es ja wissen können. Schon 2011 erkannten auch eher langsame Medien wie SPIEGEL ONLINE, dass Richard Stallman Recht hat, wenn er schreibt, dass die cloud vor allem Enteignung bedeutet.
Wer seine Daten, wie öffentlich und belanglos sie auch sein mögen, auf einen fremden Server hochlädt, der gibt damit die Herrschaft über diese Daten ab. Wie kann ein Nutzer der cloud prüfen, was der Serverbetreiber mit den Daten anstellt? Aber es ist doch so praktisch, sein digitales Leben auf Google und Facebook — nicht nur bei fremden Anbietern, sondern auch in einem fremden Land — zu verteilen, man hat ja nichts zu verbergen.
Und trotzdem muss erst PRISM, ein Überwachungsszenario, das von Geheimdiensten schon seit Jahren — von der Öffentlichkeit nicht weiter zur Kenntnis genommen und für Hirngespinste von Aluhüten, also Datenschützern, gehalten — auch im Inland praktiziert wird, daherkommen, bis deutsche Blogger aus allen Wolken (eben aus der cloud) fallen:
Lange war sich die Netzwirtschaft einig: Daten und Rechenprozesse sind in der Cloud am besten aufgehoben. Doch im Lichte der US-Internetüberwachung erscheint das Konzept plötzlich wie eine ziemlich dumme Idee.
Was die Wirtschaft sagt, wird schon stimmen. Natürlich kann man es auch überleben, wenn man russisches Roulette spielt. Dass erst jemand auf die eine Kugel im Lauf hinweisen muss, bevor die Mitspieler merken, dass da irgendetwas gefährlich sein könnte, ist allerdings ein bisschen bedenklich. Wie unfassbar naiv seid ihr eigentlich, ihr Martin Weigerts und ihr Netzwirtschaftler dieses Landes, dass ihr glaubt, der lächelnde Mann im Anzug mit dem Geldkoffer, dem ihr zufällig an der Bushaltestelle begegnet, sei vertrauenswürdig genug, dass ihr ihm eure Passwörter und euer Leben anvertrauen könnt, falls ihr beides mal verloren haben solltet?
Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären paranoid gewesen.
Supi-Fragestellung übrigens, “Deutschlandstiftung Integration”, die ihr da habt, wenn sich jemand bei euch für euer Stipendienprogramm “Geh’ deinen Weg” bewerben möchte:
Erzählen Sie uns bitte kurz (150 Wörter), warum Sie einen Migrationshintergrund haben.
“Na ja, ich wurde im Ausland geboren und meine Familie auch” scheint als Anforderung nicht zu genügen. Vielleicht wird eine Antwort wie diese, diese, diese oder diese erwartet.
Ich habe einen Migrationshintergrund, weil ich mir das so ausgesucht habe. Er macht mich exotisch und somit interessant für Arbeitgeber.
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(via @KatiKuersch)
Die Theaterschauspieler in der niedersächsischen Quasimetropole Wolfenbüttel haben ihren Wilhelm Tell genau studiert: Selbstverständlich versucht die Titelfigur in der Schlüsselszene seinem Sohn einen Apfel in den Kopf zu schießen.
Klassische Schulbildung braucht eben auch niemand mehr.
Natürlich könnte das Leben auch einfach mal so funktionieren, wie man sich das vorgestellt hat. Ein Haus mit Garten und Frau und einskommanochwas Kindern wäre vielleicht zu viel des Guten, so weit wollen wir ja dann auch nicht gehen, aber dieses große Stoppschild da gefällt schon ästhetisch nicht.
Das Wort “Weltschmerz” ist ein deutscher Exportschlager, und es nähme mich nicht Wunder, würde man uns darum auch noch beneiden. Ziegenmist.
Old Charlie stole the handle,
and the train, it won’t stop going,
no way to slow down
Morgen.
Offensichtlich genügt es der F.D.P. nicht mehr, im Kampf gegen Steuererhöhungen auf bloße Worte zu setzen. Jetzt müssen Taten her:
In wenigen Tagen läuft in den Kinos der deutschen Landeshauptstädte ein Spot der FDP-Fraktion an. Die Liberalen wollen darin ihre politischen Errungenschaften loben. Das Geld für den Spot stammt nach Informationen des SPIEGEL aus öffentlichen Kassen.
Seht ihr, ohne Steuererhöhungen wird es so etwas bald nicht mehr geben!
Die meiste Jahrhundertflut aller Zeiten rollt durch das deutschsprachige Internet (ich berichtete). Und weil der Umstand, dass Großstädte seit Tagen meterhoch unter Wasser stehen, offenbar ohne irgendwelche ‑lative nicht gut genug verkauft wird, müssen eben Übertreibungen herhalten.
Insofern kann man Denise Peikert von der FAZ zu ihrem Jahrhunderttext nur beglückwunschen, bedarfsweise begleitet von sarkastischem Jahrhundertapplaus:
Als 2002 schon einmal eine Jahrhundertflut durch Dresden rollte, stieg Sebastian Kretschmar in seine Watthosen und zog los.
(Hervorhebung von mir.)
Möge das Gelächter noch jahrhundertelang nicht verklingen!
Zu den unangenehmen Gewaltexzessen anlässlich der “Blockupy”-Proteste in — unter anderem — Frankfurt merkt die Junge Union Hessen — wer sonst? — an:
Besonders erschüttert sei man von der Welle der Solidarisierung mit gewalttätigen Linksextremen, die vermummt und bewaffnet zu einer vermeintlich friedlichen Demonstration gekommen seien. „Niemand darf der Illusion verfallen, dass es sich dabei um friedliche Aktivisten gehandelt hat. Wer mit Farbe gefüllte Glasflaschen auf Polizisten wirft, nimmt schwerste Verletzungen in Kauf“, so der stellvertretende Landesvorsitzende Ulf Homeyer.
Waren es nicht die hessischen Polizisten, die vermummt und bewaffnet zu einer vermeintlich friedlichen Demonstration gekommen sind? Das sind also alles gewaltbereite Linksextreme! Von denen sollte man sich distanzieren!
Die Forderung der Grünen Jugend Hessen nach einer Kennzeichnung der Polizisten sei blanker Hohn. Man dürfe nicht vergessen, dass bei dem Einsatz am Wochenende Polizisten zum Teil schwer verletzt worden seien – unter anderem wurde ein Beamter mit einem Schraubenzieher angegriffen und verletzt.
Die Veranstalter sprechen von mehreren Hundert Verletzten, davon einige bewusstlos. Die Polizei gibt an, dass 21 Polizisten verletzt wurden. Klarer Fall: Hier haben sich einige Hundert dieser radikalen Linksextremisten selbst Verletzungen zugefügt, um das Ansehen der ehrbaren Polizei zu schmälern. Wo soll das nur hinführen?
„Wer gewalttätige Linksextreme in einer solchen Art und Weise in Schutz nimmt disqualifiziert sich von jeglicher politischen Diskussion“, so die JU Hessen, die sich seit jeher gegen jeglichen Extremismus ausspricht.
Die gewalttätigen Linksextremen waren, wenn ich mich recht entsinne (siehe oben), die hessischen Polizisten, richtig? In Schutz nimmt diese Gewalttäter der stellvertretende Landesvorsitzende Ulf Homeyer. Ich empfehle die Warnung der Jungen Union Hessen ernst zu nehmen und jede politische Diskussion mit Ulf Homeyer künftig zu meiden. Ein Idiot ist bekanntlich in der Lage, eine Diskussion auf sein Niveau herabzuziehen und dort aufgrund seiner Erfahrung zu brillieren.
“Gewalt erzeugt Gegengewalt, hat man dir das nicht erzählt?”
– Die Ärzte — Schunder-Song
Zu den Dingen, die den durchschnittlichen Benutzer mehrerer Computer (etwa Laptop und Smartphone und Spiel-PC) trotz (oder wegen) all des Webzweinullquatsches immer noch zu überfordern scheinen, gehört es offenbar, eine Liste zu erledigender Dinge anzufertigen, die auf allen benutzten Systemen gleichermaßen zur Verfügung steht. Wie sonst ist es zu erklären, dass immer wieder neue Varianten des Konzepts “Liste von Dingen mit Datumsangabe” als neues kommendes Ding angepriesen werden?
All die Wunderlists, Toodledos und Astrids haben jedenfalls eines gemeinsam: Sie machen es zu kompliziert.
Früher, bevor der Computer Dinge verkomplizierte, bestanden solche Listen noch aus reinem Text, wichtige deadlines wurden gelegentlich auch in papiernen Kalendern notiert. Besondere Speicherformate waren nicht notwendig, auch keine Dechiffriermethoden: Benötigt wurden lediglich Lese- und Schreibkenntnisse.
Im Jahr 2003 entstand mit dem orgmode ein erstaunlich später Versuch, dieses einfache Konzept in digitaler Form nachzubilden. Die entstehenden Dateien enthalten Prioritäten, Datumsangaben und auch sonst allerlei Informationen, die man für ein todo benötigen könnte. Der essenzielle Vorteil gegenüber oben genannten Alternativen: Die .org-Dateien sind reine Textdateien ohne besondere Formatanweisungen — sie lassen sich in jedem Texteditor fehlerlos und einfach bearbeiten. Mit MobileOrg gibt es auch eine Android-app inklusive einer Möglichkeit, die .org-Dateien per Internet freizugeben, was für uns Mehrgerätenutzer ein deutliches Plus ist. (Ob diese app ein widget zur schnellen Übersicht noch zu erledigender Aufgaben besitzt, weiß ich leider nicht.)
Doof am orgmode ist es, dass man mehr oder weniger an Emacs gebunden ist. Einige weitere Texteditoren neben Emacs, der die Referenzimplementierung des orgmodes bis heute beherbergt, haben inzwischen auch Syntaxhighlighting und weitere Unterstützung für das orgmode-Format als Plugin erhalten; stets aktuell ist jedoch nur die Originalversion, Inkompatibilitäten nicht ausgeschlossen. Außerdem hat die Aufteilung in mehrere Dateien zwar strukturelle Vorteile, aber den Nachteil, dass es komplizierter wird, alle Aufgaben im Blick zu behalten.
Die von mir zurzeit bevorzugte Alternative ist Todo.txt. Dieses Format folgt ähnlichen Zielsetzungen wie der orgmode, ist jedoch frei von den erwähnten Nachteilen: Zum Einen gibt es keinen Standardeditor für das Format (es ist nicht einmal ein offizielles Plugin vorhanden), zum Anderen beschränkt sich das Format auf eine einzige Datei (eben die Datei Todo.txt), was nicht nur die Übersicht, sondern auch das Synchronisieren erleichtert. (Offiziell wird zurzeit nur Dropbox unterstützt, natürlich funktioniert aber auch jeder andere ähnliche cloud-Dienst.) Dafür ist es möglich, für jeden Eintrag eine Priorität, Anfangs- und Enddatum, einen “Kontext” und ein “Projekt” festzulegen. Es gilt: Jede Aufgabe entspricht einer Zeile.
Ein Beispiel:
(A) 2013-06-04 Schreibe Artikel über Todo.txt +nichtblog @online
Diese Zeile besagt: Die höchstpriorisierte (“(A)”) Aufgabe — Teil des Projekts “nichtblog” im Kontext “online” — wurde am 4. Juni 2013 geplant. Hierbei sind fast alle Angaben optional — valide wäre also auch einfach:
Schreibe Artikel über todo.txt
Eine ausführliche Formatbeschreibung (englischsprachig) ist im Projektwiki zu finden.
Es gibt diverse Desktopeditoren für Todo.txt, unter anderem für Windows und Linux. Einige von ihnen sind auf der Projektwebsite verlinkt. Ich meinerseits benutze in der Regel den von mir bereits 2011 gepriesenen Editor Sublime Text für diese Aufgabe — immerhin handelt es sich bekanntlich um “normale” Textdateien. Um mir das trotzdem ein bisschen zu vereinfachen, entwickle ich gelegentlich ein Syntax-Highlighting-Plugin für Sublime Text, das Farbkodierungen für die einzelnen Elemente hinzufügt.
Außer dem recht mächtigen Kommandozeilenskript “Todo.txt CLI” gibt es von der Entwicklerin auch eine mobile app für iOS und Android, die ein Dropboxkonto zwar zwingend voraussetzt, aber alles Nötige mitbringt. Auch ein widget ist verfügbar:
Natürlich ist das alles weniger cool als die umfangreich gestaltete Hype-app der Wahl zu benutzen. Andersherum betrachtet aber: Todo.txt und .org-Dateien werden noch verfüg- und benutzbar sein, wenn die kleinen Unternehmen, die für die Alternativen verantwortlich sind, längst nicht mehr existieren.
Man kann es auch übertreiben mit dem vermeintlichen Komfort.
Was macht eigentlich Angela Merkel gerade? Da Wahljahr ist, macht sie das mit der Volksnähe:
Bei ihrer Reise in die Hochwassergebiete hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den geschädigten Menschen Gelder des Bundes zugesagt.
Das Wort “Reise” finde ich hier wie auch den “Besuch” in der Überschrift “Kanzlerin besucht überflutete Gebiete” sehr gelungen — Angela Merkel als Katastrophentouristin? Dann fühlt sie sich in der “ehemaligen” DDR ja gleich doppelt zu Hause. (Im Folgesatz ist von einer “Tour” die Rede. Sportlich!)
Merkel trug Wanderschuhe statt Gummistiefel und versprach den Menschen schnelle Hilfe.
Natürlich trug sie keine Gummistiefel, denn sie war ja auch nicht dort, um anzupacken. Während etwa Mitglieder der Piratenpartei Sandsäcke schleppten, schwadronierte die Kanzlerin vom Geld:
Der Bund werde 100 Millionen Euro als Soforthilfe für die betroffenen Regionen bereitstellen, sagte Merkel am Mittwoch in Passau. (…) “Wenn die Mittel sehr schnell abfließen, werden wir sicher noch mal beraten”, fügte Merkel hinzu.
Hehe, “abfließen”. Hehehe.
Pardon.
Passaus Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD) dankte der Kanzlerin für das “klare Signal” (…).
Die Bürger arbeiten schwer und versuchen irgendwie ihr Hab und Gut vor dem Totalverlust zu bewahren; die Kanzlerin trägt Wanderschuhe und schaut mal vorbei. Auch ich als Wähler danke für das “klare Signal”.
Gern wieder!
Was macht eigentlich David Jackson? Nun, seit seinem Ausstieg bei Van der Graaf Generator vor einigen Jahren blieb der Stil prägende Saxophonist nicht musikalisch untätig und tat sich mit verschiedenen anderen Künstlern zusammen. Einer dieser Künstler ist René van Commenée, ein niederländischer Künstler, der gelegentlich auch was mit Musik macht. Sein neuestes Projekt, eher liedorientiert, heißt Mr Averell (offenbar ohne den Punkt). Ich hab’s mir mal angehört.
Dass das Album mit der Geräuschcollage “Lock” beginnt, ist zwar ein viel versprechender Anfang, leider fällt das Niveau schnell. Der Gesang Herrn van Commenées erinnert an Joe Cocker, Tom Waits und den späten Bob Dylan, jedoch deutlich jünger. So klingt “Break the mirror” auch eher nach einem Seemannslied als nach einer Avantgardekomposition. Gelegentlich dürfen aber auch andere Personen ans Mikrofon, im folgenden “Kiss the girl!” zum Beispiel die mir bislang unbekannte Lene Lovich. David Jackson steuert Doppelhornspiel dazu bei, neben ihm sind auf dem Album auch Hugh Banton (Orgel), Stuart Gordon (Geige, Elektronik), John Ellis (diverse Saiteninstrumente) und Judge Smith (Euphonium) zu hören, allesamt aus verschiedenen Inkarnationen von Van der Graaf Generator bekannt. “Kiss the girl!” klingt entsprechend wie eine sehr fröhliche, beinahe dem Pop zugehörige Tanzversion von Van der Graaf Generator. (Warum wird so etwas eigentlich nie als Single veröffentlicht?)
Weite Strecken von “Gridlock” werden von René van Commenées Akkordeon (Seemannslieder — da sind sie wieder) dominiert. Das klingt nur oberflächlich langweilig. Immer wieder wird der Hörer davor bewahrt, einzuschlafen, etwa mit dem belustigenden, plötzlichen Refrain von “Boxes”. René van Commenée kann aber auch den Hammill: Der schon vom Titel her hammillesque “The fear of dreaming (For Marijke)” könnte ebenso wie das dreizehnsekündige “100 presents” von dessen Solowerken stammen. Fröhlicher wird’s dann wieder im Titelstück (“Gridlock”), in dem wiederum Lene Lovich Herrn van Commenées Duettpartnerin ist, und auch das abschließende “Rideehoo!!” ist wohl fröhlich gemeint, klingt aber eher nach einer Mischung aus Kirmes- und Countrymusik.
Wer sich von der illustren Gästeliste hat täuschen lassen, der sei vor “Gridlock” gewarnt. Für ein RIO-Album ist es zu liedorientiert, einem VdGG-Anhänger dürfte es deutlich an Spannung fehlen. Lichtblicke sind die seltenen starken Momente von David Jackson ebenso wie die Duette mit Lene Lovich, eine Frau, zu der ich wahrscheinlich auch mal Genaueres erlesen sollte; leider gibt es zu wenige von diesen.
Die Musikpresse findet “Gridlock” ziemlich klasse. Aber was kann man von denen auch erwarten?
Montag. Ernüchternd? Nur ungern.
Guten Morgen.