Archiv für die Kategorie ‘Lyrik’.

Wann immer mich die Muse küsst, werde ich zum Pöten. Wenn das Ergebnis nicht übermäßig schlecht ist, lege ich es in dieser Kategorie ab und hoffe, dass es niemand findet.

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 9 dreiföddel)

„Kisses for me, save all your kisses for me.“
— Brotherhood of Man: Save Your Kisses For Me


… Er wusste nicht, was all das zu bedeuten hatte. Sicher, er hatte vieles falsch gemacht. Sie hatte ihm beigestanden, er hatte es ihr nie gedankt; schlimmer noch: er hatte nie verstanden, selbst beizustehen. Aber war sie nicht schon so oft fort gewesen, hatte er nicht trotzdem nie lange auf sie verzichten müssen?

Diesmal schien es anders, so lange waren sie selten getrennt. Etwas schien zu glühen, als er einen kurzen Blick auf sie erhaschen konnte. War sie in der kurzen Zeit noch schöner geworden? Dennoch mied sie ihn. Es war ein sauberer Abgang, natürlich, etwas anderes konnte man ihr kaum nachsagen, aber es war trotz allem ein Abgang. Der Tag der toten Ente. Er wurde nicht schlau aus ihr.

Sie würde ihn niemals seinem Schicksal überlassen, dessen war er sich sicher. Trotz allem war da immer mehr gewesen als ein Nebeneinanderleben, jedenfalls hatte er das immer gehofft. Nun aber war es zum ersten Mal sie, die ihn brauchte; und er hatte wieder einmal versagt.

Sie hatte die vermeintlich letzte offene Tür zugeschlagen. Er fühlte sich allein. Aber gerade, als er den Faden für gerissen hielt, tauchte sie wieder auf. Wenige Zeilen genügten, die ihn zum Strahlen brachten, weil sie von ihr kamen, bevor sie wieder verschwand und ihn mit all den Monden allein ließ.

Sein Harren blieb ziellos. Was sollte er tun? …


„Es ist mir absolut egal, ob du nur noch mit mir spielst; tu, was du willst.“
— Die Ärzte: Mach die Augen zu

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 9 einhalb, lose)

„Für mich ist die Welt nicht mehr in Ordnung,
nicht früh um 7 und auch nicht nach der Tagesschau.“
— Ton Steine Scherben: Wir müssen hier raus


… Es war ihr Stolz, der sie scheitern ließ.

Er hatte sich das alles so viel leichter vorgestellt. Aber es gab so viel, was sie auseinanderdrückte, und obwohl er jedes Mal glaubte stärker zu sein, fühlte er sich doch schuldig an seiner eigenen Unzulänglichkeit.

Wohl hatte er geahnt, dass das nicht gutgehen würde. Was konnte er ihr schon bieten außer seinem Herzen, das sich danach sehnte, die ruhelose Phase zu beenden, und vielleicht seinem Leben, das er noch führen wollte. Mit ihr? Das klang verlockend. Er fühlte sich zum ersten Mal im Leben gereift, als er bei ihr war, zum ersten Mal wie jemand, der sein Spiegelbild noch ertrug.

Und doch: Je mehr er sich nach ihr sehnte, nach ihr griff, nach ihr rief, desto schwieriger schien es ihm, Schritt halten zu können. Sie war ihm immer überlegen, sie lebte. Sie schien unerreichbar, das faszinierte ihn. Er fühlte sich ihr nicht gewachsen, doch er hatte sich schon viel zu oft unterschätzt. Was konnte er verlieren, wenn er es wagte? Dieses Mal, nahm er sich vor, würde es für immer sein. Die richtige Zeit, der richtige Ort, das richtige Gefühl. Und doch, bei allem, was sie ihm in lauen Sommernächten gestanden hatte, war er immer zu feige gewesen, erfüllt von der Furcht sich aufzugeben, sich auf sie einzulassen.

Das alles war nun viele Wochen her, sie war längst weitergezogen und hatte, wer weiß?, ihn längst vergessen. Er aber blieb zurück, allein und voller Erinnerungen an ihr Lächeln, ihre Wärme.

Und er wusste, was das bedeutete. …


„Liebe, Liebe, Liebelei,
morgen ist sie vielleicht vorbei.“
— Tony Holiday: Tanze Samba mit mir.

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 9)

„We can’t afford the time to sit and cry or to wonder why.
We’ve got so many things started to say, we have to get through.“
— Tindersticks: Rented Rooms


… Sie waren zu weit gegangen.

Es spielte keine Rolle mehr, wer sie waren oder was sie einander bedeuteten. Es hatte sich viel getan, seit sie damals in den Wirren der neuen Zeit aufeinandertrafen, fest verwurzelt in ihrem eigenen Geflecht, das sie niemals aufgegeben hätten.

Die Zeit aber blieb nicht stehen. Während ihr Wurzelwerk sich immer feiner verflocht, löste er sich aus seinen Ketten und schwebte davon, ob er wollte oder nicht; und manchmal blieb er auf seinem Flug hängen an den aufsteigenden Ballons, verfing sich in den Lianen seiner Unzulänglichkeit. Sie hatte ihn durch die Wirren begleitet, nie als sein Schatten, jedoch, wenn er wie so oft strauchelte, als jemand, der ihm das Messer lieh, das ihn befreite. Trotz allem, was sie trennte: Nie hätte er das missen wollen.

Eine unachtsame Berührung war es, die ihn aus seinen Tagträumen hochschrecken ließ, versunken im Gedanken an eine Zeit ohne Sorgen, an den letzten Tag, an dem er glücklich gewesen war, an dem Ort, an dem er sich lebendig fühlte. Ob es der seltsam vertraute Ort war, der Alkohol oder die Melancholie, die ihn vom Horizont aus umwehte? Er wusste es nicht und er weigerte sich, darüber nachzudenken.

Er musste fliehen.

Als sie darüber sprachen, schien es ihm noch unwirklicher als je zuvor. War sie immer noch die, die er zu kennen glaubte? Je mehr er über sie erfuhr, desto unsicherer wurde er. Bis dahin war es wie selbstverständlich erschienen, ihr zu begegnen. Je öfter sie sich fortan begegneten, desto verrückter wurde es für sie, die gebotene Distanz zu wahren, da ein Schritt zurück täglich schwerer erschien und ein Schritt nach vorn immer auch ein Schritt näher zur Zerstörung gewesen wäre. Sie wollten einander nicht verletzen und scheiterten an sich selbst.

Nun, da sie einander atemlos gegenüber saßen, berauscht voneinander und doch betrübt von der Gewissheit, dass sie einander zum Greifen nah, aber letztlich unerreichbar waren, sann er sich zurück an den Ort, an dem er sich geborgen fühlte. „Was“, dachte er, „ist Liebe eigentlich?“, während er in ihren Armen lag und wusste, dass nichts mehr von dem, was er jetzt sagen oder tun würde, von Bedeutung sein würde.

Der Mond schwieg, als die Erinnerung seinen Sinn trübte. Wie schön sie doch war; wie schön es doch gewesen war. Er fühlte sich frei und war sich gewiss, dass diese Freiheit ihren Tribut fordern würde. Er ahnte nicht, wie hoch der Preis sein würde. …


„We’re alone and I’m listening;
I’m listening so hard that it hurts.“
— Leonard Cohen: Amen

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 8)

„I woar z’jung, du woarst z’scheen,
sunst hätt i des ois kumman g’sehn.“
— EAV: I hob des G’fühl


Wie eine Katze mit der Beute spielen, bis sie keinen Ausweg mehr sieht. Dann das Genick durchbeißen. In der Tierwelt funktioniert das ziemlich einfach. Er aber war ein Mensch, ein Jäger und Sammler. Diese Jagd sollte ihm den Verstand rauben.

Nach nichts als Stetigkeit stand ihm weniger der Sinn, als er auf sie traf. Er wollte nicht mehr verlieren und wusste, dass jeder Versuch zwangsläufig zum Irrtum führen würde. Auch sie war froh über den Ausweg aus ihrem Alltagstrott. Dass in den Jahren ihres Kontakts jeder außer ihnen selbst zu erkennen imstande war, dass sie sich liebten, wurde ihnen nur langsam bewusst.

Wie eine Katze mit der Beute spielen. Die Beute küsst die Katze nicht, die Katze küsst nicht zurück. Rennen, immer weiter rennen. Wer ist Tom, wer Jerry?

Er wusste, dass er sie ergründen musste, aber immer, wenn er es versuchte, scheiterte er an seinen eigenen Grenzen. Sie kreisten umeinander wie Trabanten um Planeten, ohne sich jemals zu berühren. Nur manchmal spien sie in einer immer viel zu kurzen Eruption das Feuer in ihnen so hoch, dass sie einander entflammten. Keiner von ihnen aber wagte es, es auszusprechen. Sie versprachen einander die Ewigkeit und hatten doch Angst vor ihr. Rennen, rennen.

Jedes Mal, wenn es zu viel wurde, zog einer von ihnen einen Strich unter das Kapitel, nur um das nächste anzufangen. Sie wussten, dass jedes Buch einmal endet. „Die unendliche Geschichte“ hat über 400 Seiten, aber eben auch eine letzte Seite. Er hatte sie nie bis zum Ende gelesen. Rekapitulation setzte Kapitulation voraus.

Sie hatte den ersten Schritt gemacht und sie schloss die Tür hinter sich zu. Im Spiel des Lebens war er wieder einmal Zweiter gegen sich selbst. Das letzte Kapitel blieb ungeschrieben. …


„You only know you love her when you let her go
and you let her go.“
— Passenger: Let Her Go

LyrikPersönliches
Passiv leben

Was lässt euch eigentlich glauben, dass ihr wisst, was es heißt, am Leben zu sein, wenn ihr die Welt um euch herum einfach geschehen lasst?

Schaut den Menschen ins Gesicht, die euch jeden Tag begegnen. Sie sind grau. Sie sind leer. Sie sind ihre eigenen Schatten.

Liebt ihr oder werdet ihr geliebt?

Lebt ihr oder werdet ihr gelebt?

LyrikMontagsmusik
ira – Long Live The Parts I

Montag und
ein Brummen, warm, feucht
im Kopf, im Herzen
schwer, Glas, Wolken.
— ich

Ira – Long Live The Parts I

— ira

Guten Morgen?

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 7)

„Sag, warum bist du verschlossen, wenn du weißt, was du vermisst?“
— EAV: Es tut weh und es tut gut (Bäng, Bäng)


… Er hatte nie an Wunder geglaubt, seit er sich zurückerinnern konnte.

Warum gerade jetzt? Immerhin hatte er sich schon oft genug den Kopf gestoßen beim Versuch, ihre Gunst zu gewinnen, und jedes Mal wartete er, bis die Wunde verheilt war, und nahm erneut Anlauf. Immer wieder jedoch hatte er selbst das Tor in ihr Herz verschlossen und konnte es doch nicht verhindern, dass Widersacher den Moment nutzten. Ihm blieb nichts übrig als tatenlos zuzusehen, wie andere das bekamen, was er sich am meisten wünschte.

Und doch kamen sie immer wieder zusammen, und das Spiel begann von neuem. Wie Katzen schlichen sie umeinander, stets wissend, dass die Krallen nur versteckt sind; und er brachte sie oft dazu, ihre Krallen an ihm zu wetzen. Und doch konnte und wollte er das niemals aufgeben. Er hatte niemals für jemanden so viel empfunden, und obwohl er jedes Mal versuchte, seine Wunden von anderen Katzen lecken zu lassen, blieb sie die Konstante, der Ruhepol in seinem Leben.

Warum ausgerechnet sie ihm so viel bedeute, wollte sie nicht nur einmal wissen. Er wusste es nicht. War es möglich, Gefühle zu erklären? – Er hatte in seinem ganzen bisherigen Leben erst zweimal jemandem seine Liebe gestanden. Eine dieser Jemande war längst fort, sie jedoch war auch Jahre später noch da. Sie hatte ihn verzaubert, seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Zwar hatte er sich lange geweigert, es sich einzugestehen, aber letztlich schien doch, gemessen an ihr, jede andere Frau in seinem Leben wie ein jämmerlicher und von Anfang an zum Scheitern verurteilter Versuch, sie zu ersetzen. Das war ihm nie gelungen.

Sie hatte ihm gewährt, worum er seit Jahren gefleht hatte. Das Tor stand offen, vielleicht zum letzten Mal. Diesmal schlug er es nicht zu, er schritt hindurch; und wenngleich er sich jahrelang immer wieder in Gedanken ausgemalt hatte, dass ihm schon das Bewusstsein, dass er wahrhaftig bei ihr sein konnte, den Atem nehmen würde, durchlebte er die folgenden Tage wie durch Nebel. Trotzdem warf alles, was geschehen war, mehr Fragen auf als es beantwortete. Wie in Trance hörte er sich selbst „ich liebe dich“ sagen, als sie Abschied voneinander nahmen. Sollte es nochmals Jahre dauern?

Mühsam richtete er sich auf, tastete neben sich und spürte, dass er allein in seinem eigenen Bett aufgewacht war. Der Traum, der seit Jahren wie ein Echo immer wieder in seinem Kopf widerhallte, war vorüber. Oder fing er gerade erst an? Er wusste noch nicht, wohin dieser Weg führen würde, aber er war sich sicher, er würde ihn niemals wieder verlassen. …


„Liebe, Liebe, Liebelei; morgen ist sie vielleicht vorbei.“
— Tony Holiday: Tanze Samba mit mir

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 6.3, que sera)

„Everybody needs someone to live by.“
— Talk Talk: Desire


… Eigentlich hätte es ganz anders kommen sollen.

Hatte er den Fremden nicht stets beneidet um den Platz in ihrem Herzen, den er selbst, das wusste er, niemals würde erringen können? Nein, sagte sie, dazu bestünde kein Anlass, zwischen dem Fremden und ihr würde niemals das Band bestehen, das sie beide verband. Er glaubte ihr. Und doch schlich der Fremde sich immer wieder in ihr Leben und nahm sich die Zuwendung, die er brauchte; und sie liebte dieses Spiel.

Der bloße Gedanke, er würde das, was er errungen hatte, eines Tages an den Fremden verlieren, ließ ihn oft verzweifeln. Sie versuchte ihm die Gewissheit zu geben, dass er mehr war als das, und dennoch – er hätte alles dafür gegeben, er zu sein; sie mit seiner bloßen Anwesenheit betören zu können. Aber er hatte, das wusste er, etwas erreicht, was nur schwer zu überbieten war. Ihr Herz konnte er nicht gewinnen, aber er hatte mehr; mehr, als er sich jemals erhofft hätte, als er ihr ungelenk und verschämt seine Zuneigung gestand.

Aber was bedeutete diese Zuneigung? Er hatte nicht darüber nachgedacht. Er liebte sie nicht; er wollte sie. Er wollte sie um sich und bei sich spüren. Er brauchte keine Beziehung, er wusste nicht einmal so genau, was eine Beziehung eigentlich war. Er war süchtig nach ihr, ihrem Körper, ihren Küssen, ihren metertiefen Augen. Niemals hätte er riskieren wollen, sie nicht wieder in die Arme schließen zu dürfen.

Er wirkte oft kalt, und das machte ihm Angst, weil er nicht wusste, was das bedeutet. Menschen wie er seien so, sagte sie manchmal, und damit war es gut. Was er aber nun empfand, war weit von jeder Kälte, jeder Distanziertheit entfernt. Er würde diese Kälte nun wahrlich genießen, wenn er sie nur umfassen könnte. „Puh“, dachte er, „doch nicht verrückt.“

Nun lag er wach in seinem Bett. War wirklich erst eine Woche vergangen, seit es ihr genügt hatte? Für ihn fühlte es sich wie Monate an.

Er hätte genügsam bleiben sollen, vielleicht wäre all das dann nicht passiert. In seiner Vergangenheit aber war zu viel geschehen, das ihn hatte vorsichtig werden lassen. Sein Verstand wusste, dass nichts und niemand außer ihm selbst einen Keil zwischen sie treiben könnte, aber genügte das? Wann immer er sich der Gegenwart des Fremden bewusst wurde, kam ihm ihr Bekenntnis in den Sinn, dass in ihrem Herzen noch für lange Zeit nur Platz für den Fremden sein würde; zwar auf einer Ebene, die keine Gefahr für das darstellte, was sie hatten, aber doch genug, um ihn zu verunsichern.

Sie hatte ihn, vielleicht nur zum Scherz, Schatz genannt; ein Wort, das seine Welt aus den Fugen warf. Nun hatte sie ihm mehr als nur den Kopf verdreht. Er würde sie bald wiedersehen, hatte sie gesagt. Es fiel ihm jeden Tag schwerer, sie zu meiden, obwohl er ihr viel zu viel Zeit geraubt hatte. Aber er wusste, dass er das schaffen würde, nein, musste. Alles, was ihm von all den Küssen, den Umarmungen, der Wärme geblieben war, war die Hoffnung, dass er sie nicht aufgeben müsste. (Was sie wohl gerade machte?)

Und er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er ihr sagen würde, wenn er sie jemals wiedersehen würde. Was er aber nicht sagen würde, das wusste er genau.

Seit sie fort war, schien es, als wäre ihr Name eingebrannt in jedes Detail seines Lebens. Was aber sollte er denen sagen, die ihn täglich fragten, wie es ihr ging? Er hätte es selbst gern gewusst.

„Wir sehen uns“ hatte sie gesagt. Dabei sah er sie fast jede Nacht im Traum; und er griff nach ihr und erwachte allein. Eine Sternschnuppe erleuchtete seinen Heimweg. In der Nacht der Sternschnuppen hatte er nur einen einzigen Wunsch; so auch diesmal. Dieser Wunsch aber sollte nicht vergeudet sein. Er schloss die Augen und spürte, wie eine Träne sie verließ. Er hatte nur diesen einen Versuch. …


„Oh my dear, every salted tear, it wrings bitter-sweet applause.“
— Roxy Music: Bitter-Sweet

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 6.2, Klimax)

„You can get addicted to a certain kind of sadness,
like resignation to the end, always the end.“
— Gotye: Somebody I used to know


… Als er aus seinem Traum erwachte, war sie fort.

Es schien alles so aussichtsreich. Er hatte es nicht geschafft, sie davon zu überzeugen, dass er trotz seines äußeren Erscheinungsbildes jemand war, von dem sie sich fernhalten sollte. Sie glaubte ihm nicht. Sie sah ihn für eine gefühlte Ewigkeit aus ihren großen, jeden noch so starken Widerstand augenblicklich zerschlagenden Augen an und sagte, sie würde ihm eines Tages Schmerzen bereiten.

Er hatte keine Ahnung, worauf er sich einlassen würde.

Einen Großteil seines Lebens seit Ende seiner Jugend, die auch alles andere als glorreich verlaufen war, hatte er damit verbracht, sich selbst zu entdecken. Immer wieder war er gescheitert und letzten Endes wieder und wieder zerbrochen an dem, was er für Halt hielt. Die falschen Frauen, die falschen Freunde, die falschen Gelegenheiten ließen ihn kurz aufflammen und blieben doch nicht mehr als ein Funke. Eine Begleiterin früherer Jahre hatte einmal zu ihm gesagt, es sei erschreckend, wie verbittert er sei, und tatsächlich fühlte er sich einer Existenz als grantelnder Greis näher als der Jugend, die für ihn nur mehr wie eine verblassende Erinnerung schien.

Für sie, das wusste er, musste er mehr sein als das; nein, er wollte es. In den wenigen Wochen, die seit ihrem ersten Aufeinandertreffen vergangen waren, hatte sie fast jeden seiner Fehler erkannt, aufgezeigt und zu seiner Behebung beigetragen. Sie konnte ihm etwas geben, was ihm seit einem Jahrzehnt gefehlt hatte; sie konnte ihn aufbauen und ihm den Weg zeigen, den er so lange gesucht hatte. Dass auch sie nicht frei von Makeln war, war ihm egal. Wer, dachte er, wolle schon perfekt und ohne Kanten sein?

Die angekündigten Schmerzen ließen auf sich warten. Ihr Lächeln begleitete ihn bis in seine Träume, die Tage, die zwischen ihnen lagen, fühlten sich zäh an wie ein gekauter Kaugummi. Längst waren es mehr als nur die gemeinsamen Interessen, die sie verbanden, obwohl er nur schwer leugnen konnte, dass diese plötzlich einen spürbar größeren Raum in seinem Leben einnahmen als es bis dahin der Fall war.

Als er sie zum ersten Mal verabschiedet hatte und fragte, wann er sie wiedersehen würde, antwortete sie ausweichend. Dessen ungeachtet musste er nicht auf die nächste Versammlung der Interessensgemeinschaft warten, die sie beide letztlich zusammenfinden ließ. Sie tauschten noch am gleichen Wochenende Kontaktdaten aus, und es ergab sich, dass er einer privaten Feier beiwohnen sollte, an der auch sie teilnahm. Der Abend verlief überraschend, und obwohl keiner von ihnen das, was mit ihnen geschah, mit Worten in Gänze zu erfassen vermochte, genoss er es, sich fallen lassen zu können. So wenig sie beide auch zu Liebe bereit waren, so sehr versuchten sie doch, einander zu halten.

Aber obwohl sie sich in den Wochen danach immer wieder sahen, sei es auf größeren Versammlungen, sei es im kleinen Kreis, ging ihm doch ihre Warnung vor ihr nicht aus dem Kopf.

Dass der große Knall irgendwann kommen würde, erschien ihm immer unwahrscheinlicher, je länger sein Weg ihn an ihrem Haus vorbei führte. Sie hätte es längst tun können. Sie hätte ihn in den Graben stoßen und dort vergessen können, wie es all die Frauen vor ihr irgendwann getan hatten. Aber sie war anders. Sie war besser in allem, was sie tat und wie sie war. Sie gab ihm zu verstehen, dass das, was er war, dem, was sie wollte, recht nahe kam; und obwohl es immer wieder Momente gab, in denen er den Weg verließ und sich in den Brennnesseln am Wegesrand verfing, störte sie sich nicht an den Quaddeln, die er davontrug.

Er hätte ihre Warnung nicht verdrängen sollen. …


„But you didn’t have to cut me off,
make out like it never happened
and that we were nothing.“
— Gotye: Somebody I used to know

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 6.1, unvollendet)

… Er hatte nicht mit ihr gerechnet.

Unzählige Male schon war er in dieser kleinen Stadt gewesen, hatte einen Teil der, wie die Anderen sagten, besten Jahre seines Lebens dort zugebracht und letztlich verschwendet. Er sah Freunde wie Feinde kommen und gehen, ließ seine Leidenschaften aufblühen und verwelken, wie sie ihm gerade geschahen. Es war bequem, aber es füllte ihn nicht aus. Die Leere hatte ihn begleitet, seit er seine Jugend hinter sich gelassen hatte, und so oft er sich auch der Feier und der Lust hingab, so oft kehrte sie zurück. Er dachte an Sisyphos, den griechischen Sagenhelden, und an dessen Los, eine schwere Last vergebens einen Hang hinaufzustemmen.

Als in ihm die neue Leidenschaft aufflammte, war er noch immer ruhelos. Er wollte Antworten, doch jede Antwort warf neue Fragen auf, und jede Frage war ein weiterer Schnitt. Er wähnte sich verloren in dem Dickicht, das er selbst immer wieder aufforstete, um der Leere zu entgehen. Auch deshalb nahm er die Gelegenheit wahr. Er brach die Brücken ab, die ihn bis dahin über die Leere geleitet hatten, und gab sich dem hin, was, wie er einmal gelesen hatte, manche Menschen als „neues Leben“ bezeichnen. Er mochte diese Worte nicht.

Tatsächlich aber fühlte es sich für ihn wie ein Neuanfang an. Er schätzte es, in den Kreisen derer zu verkehren, die seine Begeisterung teilten, und sich mit ihnen auszutauschen. Bis zu diesem Tag hatte sich hierbei nie etwas Einschneidendes ereignet.

Dieses Mal war etwas anders.

Es hatte harmlos begonnen. Als er den Treffpunkt erreichte, traf er auf viele alte und neue Bekannte. Er scherzte mit ihnen und ging auf in den Gesprächen, die er führte, und vergaß hierüber endlich, weshalb er so weit gekommen war und warum er überhaupt hier war; er vergaß, wovor er geflohen war, und es interessierte ihn auch nicht mehr. Vergessen waren die Jahre, die sich für ihn anfühlten wie eine endlos scheinende Visualisierung des Stückes „Domed“ von And Also The Trees.

Dann sah er sie.

Sie stand am anderen Ende der Schlange, in der er sich gerade befand, und strahlte ihn an. Ihr Blick war von einer Tiefe, die er bis dahin nicht kannte, und so wenig er dieses Wort auch schätzte, so kam er doch nicht umhin, ihre Erscheinung („wie eine Marienerscheinung“ dachte er) insgesamt als süß zu empfinden, und schämte sich für dieses Wort. Er kannte ihren Namen, immerhin (stand er auf ihrer Brust und) hatten sie sich in der Vergangenheit schon ausgetauscht. Nicht einmal im Traum allerdings hätte er vermutet, dass sich hinter diesem ein Lächeln wie ihres verbergen würde.

Je länger er sich widersetzte, je mehr er versuchte, das Unausweichliche zurückzudrängen, desto lauter spielte der längst vergessene Plattenspieler in seinem Kopf Lieder aus vergangenen Zeiten. In another land I try to find somebody. Längst stand er nicht mehr in der Schlange, er fiel. Die Menschen, die vor und hinter ihm sprachen und lachten, bemerkten es nicht.

Nein, er hatte nicht mit ihr gerechnet. …

LyrikSonstigesWie die Anderen
Wie die Anderen (extra): Amazon roman-tisch?

(Vorbemerkung: Dies ist ein Sonderteil meiner losen Reihe „Wie die Anderen“, diesmal inspiriert von Günter Grass; „Sonderteil“ deshalb, weil Herr Grass nicht bloggt.)

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Kunden
wir allenfalls ratlos sind.

Es ist die behauptete Intelligenz,
die künstliche, von Menschen gemacht,
die uns allerlei Weisheit beschert
oder es versucht.

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Klugscheißerei“ ist geläufig.

Doch staune ich nicht schlecht
über des Amazons wundersame Algorithmen,
die da einen Roman nicht einmal erkennen würden,
wenn er die Verantwortlichen daselbst
in den Hintern träte.

(Nachbemerkung: Sollte ich eine der Marotten der in dieser Reihe parodierten Autoren versehentlich nicht eingebaut haben, so seid ihr natürlich herzlich eingeladen, es besser zu machen – gern mit Trackback und/oder Kommentar hier unten drunter.)

Lyrik
… weil er lacht, weil er lebt …

Eines Tages kam der Mensch an einen Fluss, der seinen Weg kreuzte. „Ei“, sprach der Mensch, „vielleicht hilft mir der Fluss, meine Sorgen zu vergessen.“ Und so setzte sich der Mensch an den Fluss und nahm die gleichförmigen Bewegungen des Wassers in sich auf.

Als er eine Weile so gesessen hatte, kam eine Ente des Weges geschwommen. Sie fragte den Menschen: „Ach, Mensch, warum schaust du so betrübt drein?“ Der Mensch erschrak, von der unerwarteten Anrede überrascht. „Ente, warum kannst du sprechen?“ fragte er.

Die Ente erwiderte: „Sind wir nicht allesamt Lebewesen? Wäre es nicht absurd, sprächen wir keine gemeinsame Sprache, wir Enten und ihr Menschen? Wir Enten können schon immer mit euch Menschen reden. Außerdem bist du betrunken.“

„Ach so“, sagte der Mensch. „Betrübt bin ich, weil ich mit dem Leben unzufrieden bin und dich nun hier sehe, wie du sorglos -“

„Halt!“, unterbrach ihn die Ente. „Wieso sollte ich sorglos sein, nur weil ich nicht jedem mein Leid klage?“

„Entschuldige, Ente; wie du hier also entlangschwimmst, als könne dich nichts erschüttern, während mich die Sorgen plagen.“

„Sorgen sind kein Grund, sich der Trübsal hinzugeben. Wichtig ist, dass man sein Leben lebt. Jeder ist seines Glückes Schmied, und wenn das Leben dir Melonen gibt, mach Marmelade daraus. Lass die Sonne rein!“

Nach kurzem Zögern erhellte sich das Gesicht des Menschen. „So habe ich das noch gar nicht gesehen!“ rief er. „Ich danke dir vielmals, Ente! Kommst du noch mit auf einen Kaffee?“

„Nein, ich muss noch fahren“, sprach die Ente, „aber ich danke dir für die Einladung!“

„Schade!“ bedauerte der Mensch die Ente. „Dennoch danke ich dir für alles, mein Freund!“

Und frohen Mutes schritt er davon. Die Ente aber sah ihm noch lange nach und seufzte.

(Nimm das, Antoine de Saint-Exupéry!)

Lyrik
Romantik im Januar

Der Morgen erwacht,
und über der Nacht
liegt Schweigen.

Den Wölfen ihr Heulen
lud sie mit den Eulen
zum Reigen.

Sie g’nossen den Abend,
nach einander darbend,
am Meer.

Sie liebten den Hafen,
wo sie sich einst trafen,
d’rum sehr.

Er hörte das Tosen
und schenkte ihr Rosen
und Wicken.

Die Nacht brach herein,
sie blieben allein,
um zu bumsen.

(Abt.: Ist das nicht süß?)

LyrikPolitik
Leere Gesichter

Wie ausdruckslos, wie lebensmüd‘,
wie todesnah, wie leer
sind, wie man dort oben sieht,
eure Gesichter!

Denn überschwänglich, siegestrun-
ken hab’n eure Genossen
zur Ansehensverbesserung
das Aufhängen beschlossen.

Dabei haben sie allerdings die schwarzen Markierungen ebenso „übersehen“ wie die Schriftzüge, die darauf hindeuteten, dass dort, wo ihr, „Linke“, statt eure naturgemäß eher aus den unteren Gesellschaftsschichten stammende Klientel mit so was wie Politik zu überfordern, lieber die immergleichen Visagen („Oskar kommt“ einself) platziert habt, eigentlich andere Parteien, namentlich Grüne und Piraten hätten plakatieren sollen; in anderen Worten: Ihr, „Linke“, habt ohne Rücksicht auf Verluste – teilweise wurden auch Plakate der Piratenpartei überklebt – versucht, eurem Personenkult Gehör zu verschaffen, und befindet euch dabei in bester Gesellschaft mit der F.D.P. und der SPD, die, statt auf den nun wirklich nicht gerade knapp bemessenen Plakatflächen auch nur ansatzweise etwas darüber zu erläutern, wofür sie sich eigentlich politisch einsetzen, ein paar bekannte Gesichter und blöde Einzeiler hingepappt haben. Eigentlich, ihr Parteien, die ihr gar nicht erst versucht, den Eindruck zu erwecken, ihr hättet auch so etwas wie Inhalt, könntet ihr statt der üblichen hohlen Phrasen genau so gut „Ein ganzer Kerl dank Chappi“ hinschreiben. Das würde auf diesen Plakatwänden vielleicht sogar ein wenig Platz sparen: Ein Plakat pro Partei genügt dann vollends.

„Vertrau keinem Plakat – informier dich!“

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 5)

… Es war schon seltsam, dachte er; es waren erst wenige Tage vergangen, seit er sie zuletzt gesehen hatte, und doch kam es ihm vor, als lägen Jahre dazwischen.

Je mehr Zeit aber verstrich, um so deutlicher sah er sie vor sich, sah das Café, in dem sie sich kennen gelernt hatten, blickte tief in ihre Augen; und wachte doch immer wieder auf und sah sich ins Leere starren.

Sie hatte eine eigenartige Faszination an sich. Ihr Lächeln hatte ihn von Anfang an verzaubert. Und sie war so nah und doch für ihn kaum greifbar. Wie so oft wollte er alles besser machen, sie nicht verschrecken aus bloßem Missgeschick. Nur keinen Stress, nie wieder, das hatten sie sich versprochen. Den Moment genießen, ohne an den nächsten denken zu müssen. Und doch begann er zu zweifeln. Hatte er den richtigen Weg eingeschlagen?

Vielleicht sollte er endlich handeln. Es schien so einfach, ein Griff zum Telefonhörer, eine Nummer wählen und endlich wieder ihre Stimme hören.

Aber war es nicht gerade diese Ungeduld, die ihn schon Jahre zuvor um sein Glück gebracht hatte? Er würde sie jetzt gerade, in diesem Augenblick, so vieles fragen oder ihr schweigend beim Lächeln zusehen, das war ihm jetzt gerade, in diesem Augenblick, vollkommen gleichgültig, wenn sie nur bei ihm wäre. Er wusste, die Antwort würde er ohnehin nicht hören wollen; doch worauf sollte er noch hoffen? Nur ein Wort von ihr, und es würde vorbei sein. All die ungewissen Stunden, Tage würden der Vergangenheit angehören. Und vielleicht würde das auch bedeuten, dass ihm bewusst wurde, dass sie ihn längst abgewiesen hatte.

War es das wert?

Ihm wurde plötzlich klar, wie wenig er eigentlich über sie wusste. Wo sie jetzt wohl war? (War sie allein?) Er kam sich so klein vor wie seit Jahren nicht mehr.

Aus dem Internetradio knödelte Mike Patton:
„That’s why I’m easy; I’m easy like Sunday morning …“

Nie zuvor war ihm ein Sonntag so schwer gefallen. …