PersönlichesLyrik
Sie. (Frag­ment 6.3, que sera)

„Ever­y­bo­dy needs someone to live by.“
– Talk Talk: Desi­re


… Eigent­lich hät­te es ganz anders kom­men sol­len.

Hat­te er den Frem­den nicht stets benei­det um den Platz in ihrem Her­zen, den er selbst, das wuss­te er, nie­mals wür­de errin­gen kön­nen? Nein, sag­te sie, dazu bestün­de kein Anlass, zwi­schen dem Frem­den und ihr wür­de nie­mals das Band bestehen, das sie bei­de ver­band. Er glaub­te ihr. Und doch schlich der Frem­de sich immer wie­der in ihr Leben und nahm sich die Zuwen­dung, die er brauch­te; und sie lieb­te die­ses Spiel.

Der blo­ße Gedan­ke, er wür­de das, was er errun­gen hat­te, eines Tages an den Frem­den ver­lie­ren, ließ ihn oft ver­zwei­feln. Sie ver­such­te ihm die Gewiss­heit zu geben, dass er mehr war als das, und den­noch – er hät­te alles dafür gege­ben, er zu sein; sie mit sei­ner blo­ßen Anwe­sen­heit betö­ren zu kön­nen. Aber er hat­te, das wuss­te er, etwas erreicht, was nur schwer zu über­bie­ten war. Ihr Herz konn­te er nicht gewin­nen, aber er hat­te mehr; mehr, als er sich jemals erhofft hät­te, als er ihr unge­lenk und ver­schämt sei­ne Zunei­gung gestand.

Aber was bedeu­te­te die­se Zunei­gung? Er hat­te nicht dar­über nach­ge­dacht. Er lieb­te sie nicht; er woll­te sie. Er woll­te sie um sich und bei sich spü­ren. Er brauch­te kei­ne Bezie­hung, er wuss­te nicht ein­mal so genau, was eine Bezie­hung eigent­lich war. Er war süch­tig nach ihr, ihrem Kör­per, ihren Küs­sen, ihren meter­tie­fen Augen. Nie­mals hät­te er ris­kie­ren wol­len, sie nicht wie­der in die Arme schlie­ßen zu dür­fen.

Er wirk­te oft kalt, und das mach­te ihm Angst, weil er nicht wuss­te, was das bedeu­tet. Men­schen wie er sei­en so, sag­te sie manch­mal, und damit war es gut. Was er aber nun emp­fand, war weit von jeder Käl­te, jeder Distan­ziert­heit ent­fernt. Er wür­de die­se Käl­te nun wahr­lich genie­ßen, wenn er sie nur umfas­sen könn­te. „Puh“, dach­te er, „doch nicht ver­rückt.“

Nun lag er wach in sei­nem Bett. War wirk­lich erst eine Woche ver­gan­gen, seit es ihr genügt hat­te? Für ihn fühl­te es sich wie Mona­te an.

Er hät­te genüg­sam blei­ben sol­len, viel­leicht wäre all das dann nicht pas­siert. In sei­ner Ver­gan­gen­heit aber war zu viel gesche­hen, das ihn hat­te vor­sich­tig wer­den las­sen. Sein Ver­stand wuss­te, dass nichts und nie­mand außer ihm selbst einen Keil zwi­schen sie trei­ben könn­te, aber genüg­te das? Wann immer er sich der Gegen­wart des Frem­den bewusst wur­de, kam ihm ihr Bekennt­nis in den Sinn, dass in ihrem Her­zen noch für lan­ge Zeit nur Platz für den Frem­den sein wür­de; zwar auf einer Ebe­ne, die kei­ne Gefahr für das dar­stell­te, was sie hat­ten, aber doch genug, um ihn zu ver­un­si­chern.

Sie hat­te ihn, viel­leicht nur zum Scherz, Schatz genannt; ein Wort, das sei­ne Welt aus den Fugen warf. Nun hat­te sie ihm mehr als nur den Kopf ver­dreht. Er wür­de sie bald wie­der­se­hen, hat­te sie gesagt. Es fiel ihm jeden Tag schwe­rer, sie zu mei­den, obwohl er ihr viel zu viel Zeit geraubt hat­te. Aber er wuss­te, dass er das schaf­fen wür­de, nein, muss­te. Alles, was ihm von all den Küs­sen, den Umar­mun­gen, der Wär­me geblie­ben war, war die Hoff­nung, dass er sie nicht auf­ge­ben müss­te. (Was sie wohl gera­de mach­te?)

Und er hat­te nicht die lei­se­ste Ahnung, was er ihr sagen wür­de, wenn er sie jemals wie­der­se­hen wür­de. Was er aber nicht sagen wür­de, das wuss­te er genau.

Seit sie fort war, schien es, als wäre ihr Name ein­ge­brannt in jedes Detail sei­nes Lebens. Was aber soll­te er denen sagen, die ihn täg­lich frag­ten, wie es ihr ging? Er hät­te es selbst gern gewusst.

„Wir sehen uns“ hat­te sie gesagt. Dabei sah er sie fast jede Nacht im Traum; und er griff nach ihr und erwach­te allein. Eine Stern­schnup­pe erleuch­te­te sei­nen Heim­weg. In der Nacht der Stern­schnup­pen hat­te er nur einen ein­zi­gen Wunsch; so auch dies­mal. Die­ser Wunsch aber soll­te nicht ver­geu­det sein. Er schloss die Augen und spür­te, wie eine Trä­ne sie ver­ließ. Er hat­te nur die­sen einen Ver­such. …


„Oh my dear, every sal­ted tear, it wrings bit­ter-sweet applau­se.“
– Roxy Music: Bit­ter-Sweet