“You can get addicted to a certain kind of sadness,
like resignation to the end, always the end.”
– Gotye: Somebody I used to know
… Als er aus seinem Traum erwachte, war sie fort.
Es schien alles so aussichtsreich. Er hatte es nicht geschafft, sie davon zu überzeugen, dass er trotz seines äußeren Erscheinungsbildes jemand war, von dem sie sich fernhalten sollte. Sie glaubte ihm nicht. Sie sah ihn für eine gefühlte Ewigkeit aus ihren großen, jeden noch so starken Widerstand augenblicklich zerschlagenden Augen an und sagte, sie würde ihm eines Tages Schmerzen bereiten.
Er hatte keine Ahnung, worauf er sich einlassen würde.
Einen Großteil seines Lebens seit Ende seiner Jugend, die auch alles andere als glorreich verlaufen war, hatte er damit verbracht, sich selbst zu entdecken. Immer wieder war er gescheitert und letzten Endes wieder und wieder zerbrochen an dem, was er für Halt hielt. Die falschen Frauen, die falschen Freunde, die falschen Gelegenheiten ließen ihn kurz aufflammen und blieben doch nicht mehr als ein Funke. Eine Begleiterin früherer Jahre hatte einmal zu ihm gesagt, es sei erschreckend, wie verbittert er sei, und tatsächlich fühlte er sich einer Existenz als grantelnder Greis näher als der Jugend, die für ihn nur mehr wie eine verblassende Erinnerung schien.
Für sie, das wusste er, musste er mehr sein als das; nein, er wollte es. In den wenigen Wochen, die seit ihrem ersten Aufeinandertreffen vergangen waren, hatte sie fast jeden seiner Fehler erkannt, aufgezeigt und zu seiner Behebung beigetragen. Sie konnte ihm etwas geben, was ihm seit einem Jahrzehnt gefehlt hatte; sie konnte ihn aufbauen und ihm den Weg zeigen, den er so lange gesucht hatte. Dass auch sie nicht frei von Makeln war, war ihm egal. Wer, dachte er, wolle schon perfekt und ohne Kanten sein?
Die angekündigten Schmerzen ließen auf sich warten. Ihr Lächeln begleitete ihn bis in seine Träume, die Tage, die zwischen ihnen lagen, fühlten sich zäh an wie ein gekauter Kaugummi. Längst waren es mehr als nur die gemeinsamen Interessen, die sie verbanden, obwohl er nur schwer leugnen konnte, dass diese plötzlich einen spürbar größeren Raum in seinem Leben einnahmen als es bis dahin der Fall war.
Als er sie zum ersten Mal verabschiedet hatte und fragte, wann er sie wiedersehen würde, antwortete sie ausweichend. Dessen ungeachtet musste er nicht auf die nächste Versammlung der Interessensgemeinschaft warten, die sie beide letztlich zusammenfinden ließ. Sie tauschten noch am gleichen Wochenende Kontaktdaten aus, und es ergab sich, dass er einer privaten Feier beiwohnen sollte, an der auch sie teilnahm. Der Abend verlief überraschend, und obwohl keiner von ihnen das, was mit ihnen geschah, mit Worten in Gänze zu erfassen vermochte, genoss er es, sich fallen lassen zu können. So wenig sie beide auch zu Liebe bereit waren, so sehr versuchten sie doch, einander zu halten.
Aber obwohl sie sich in den Wochen danach immer wieder sahen, sei es auf größeren Versammlungen, sei es im kleinen Kreis, ging ihm doch ihre Warnung vor ihr nicht aus dem Kopf.
Dass der große Knall irgendwann kommen würde, erschien ihm immer unwahrscheinlicher, je länger sein Weg ihn an ihrem Haus vorbei führte. Sie hätte es längst tun können. Sie hätte ihn in den Graben stoßen und dort vergessen können, wie es all die Frauen vor ihr irgendwann getan hatten. Aber sie war anders. Sie war besser in allem, was sie tat und wie sie war. Sie gab ihm zu verstehen, dass das, was er war, dem, was sie wollte, recht nahe kam; und obwohl es immer wieder Momente gab, in denen er den Weg verließ und sich in den Brennnesseln am Wegesrand verfing, störte sie sich nicht an den Quaddeln, die er davontrug.
Er hätte ihre Warnung nicht verdrängen sollen. …
“But you didn’t have to cut me off,
make out like it never happened
and that we were nothing.”
– Gotye: Somebody I used to know


Senfecke:
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