LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 6.2, Klimax)

„You can get addic­ted to a cer­tain kind of sadness,
like resi­gna­ti­on to the end, always the end.“
– Gotye: Somebody I used to know


… Als er aus sei­nem Traum erwach­te, war sie fort.

Es schien alles so aus­sichts­reich. Er hat­te es nicht geschafft, sie davon zu über­zeu­gen, dass er trotz sei­nes äuße­ren Erscheinungsbildes jemand war, von dem sie sich fern­hal­ten soll­te. Sie glaub­te ihm nicht. Sie sah ihn für eine gefühl­te Ewigkeit aus ihren gro­ßen, jeden noch so star­ken Widerstand augen­blick­lich zer­schla­gen­den Augen an und sag­te, sie wür­de ihm eines Tages Schmerzen bereiten.

Er hat­te kei­ne Ahnung, wor­auf er sich ein­las­sen würde.

Einen Großteil sei­nes Lebens seit Ende sei­ner Jugend, die auch alles ande­re als glor­reich ver­lau­fen war, hat­te er damit ver­bracht, sich selbst zu ent­decken. Immer wie­der war er geschei­tert und letz­ten Endes wie­der und wie­der zer­bro­chen an dem, was er für Halt hielt. Die fal­schen Frauen, die fal­schen Freunde, die fal­schen Gelegenheiten lie­ßen ihn kurz auf­flam­men und blie­ben doch nicht mehr als ein Funke. Eine Begleiterin frü­he­rer Jahre hat­te ein­mal zu ihm gesagt, es sei erschreckend, wie ver­bit­tert er sei, und tat­säch­lich fühl­te er sich einer Existenz als gran­teln­der Greis näher als der Jugend, die für ihn nur mehr wie eine ver­blas­sen­de Erinnerung schien.

Für sie, das wuss­te er, muss­te er mehr sein als das; nein, er woll­te es. In den weni­gen Wochen, die seit ihrem ersten Aufeinandertreffen ver­gan­gen waren, hat­te sie fast jeden sei­ner Fehler erkannt, auf­ge­zeigt und zu sei­ner Behebung bei­getra­gen. Sie konn­te ihm etwas geben, was ihm seit einem Jahrzehnt gefehlt hat­te; sie konn­te ihn auf­bau­en und ihm den Weg zei­gen, den er so lan­ge gesucht hat­te. Dass auch sie nicht frei von Makeln war, war ihm egal. Wer, dach­te er, wol­le schon per­fekt und ohne Kanten sein?

Die ange­kün­dig­ten Schmerzen lie­ßen auf sich war­ten. Ihr Lächeln beglei­te­te ihn bis in sei­ne Träume, die Tage, die zwi­schen ihnen lagen, fühl­ten sich zäh an wie ein gekau­ter Kaugummi. Längst waren es mehr als nur die gemein­sa­men Interessen, die sie ver­ban­den, obwohl er nur schwer leug­nen konn­te, dass die­se plötz­lich einen spür­bar grö­ße­ren Raum in sei­nem Leben ein­nah­men als es bis dahin der Fall war.

Als er sie zum ersten Mal ver­ab­schie­det hat­te und frag­te, wann er sie wie­der­se­hen wür­de, ant­wor­te­te sie aus­wei­chend. Dessen unge­ach­tet muss­te er nicht auf die näch­ste Versammlung der Interessensgemeinschaft war­ten, die sie bei­de letzt­lich zusam­men­fin­den ließ. Sie tausch­ten noch am glei­chen Wochenende Kontaktdaten aus, und es ergab sich, dass er einer pri­va­ten Feier bei­woh­nen soll­te, an der auch sie teil­nahm. Der Abend ver­lief über­ra­schend, und obwohl kei­ner von ihnen das, was mit ihnen geschah, mit Worten in Gänze zu erfas­sen ver­moch­te, genoss er es, sich fal­len las­sen zu kön­nen. So wenig sie bei­de auch zu Liebe bereit waren, so sehr ver­such­ten sie doch, ein­an­der zu halten.

Aber obwohl sie sich in den Wochen danach immer wie­der sahen, sei es auf grö­ße­ren Versammlungen, sei es im klei­nen Kreis, ging ihm doch ihre Warnung vor ihr nicht aus dem Kopf.

Dass der gro­ße Knall irgend­wann kom­men wür­de, erschien ihm immer unwahr­schein­li­cher, je län­ger sein Weg ihn an ihrem Haus vor­bei führ­te. Sie hät­te es längst tun kön­nen. Sie hät­te ihn in den Graben sto­ßen und dort ver­ges­sen kön­nen, wie es all die Frauen vor ihr irgend­wann getan hat­ten. Aber sie war anders. Sie war bes­ser in allem, was sie tat und wie sie war. Sie gab ihm zu ver­ste­hen, dass das, was er war, dem, was sie woll­te, recht nahe kam; und obwohl es immer wie­der Momente gab, in denen er den Weg ver­ließ und sich in den Brennnesseln am Wegesrand ver­fing, stör­te sie sich nicht an den Quaddeln, die er davontrug.

Er hät­te ihre Warnung nicht ver­drän­gen sollen. …


„But you did­n’t have to cut me off,
make out like it never happened
and that we were nothing.“
– Gotye: Somebody I used to know

Senfecke:

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