Der Zufall wollte es, dass mir beim Stöbern die (inzwischen trotz Septembers bereits veraltete) diesjährige Septemberausgabe der Zeitschrift “Jolie” in die Hände fiel. Die “Jolie” ist eine Frauenzeitschrift, die irgendwie mit den grauenvollen Teenagermagazinen “Popcorn” und “Mädchen” — das ist das hier — zusammenhängt. Ihre Titelseite ist überdies dermaßen bescheuert, dass ich mich genötigt sah, sie — die Zeitschrift — zu erwerben.
Das Motto der “Jolie” lautet “THE BEAUTIFUL LIFE GUIDE”, “der schöne Lebensführer” also, und dafür, dass der Führer (also die “Jolie”) schön ist, sind die enthaltenen Modetipps ziemlich scheußlich. (Im Übrigen sei angemerkt: Jemand, der ohne Anleitung nicht lebensfähig ist, sollte keine Zeitschriften lesen.) Immerhin sind die stärksten Augenkrebserreger auf ein beiliegendes mehrseitiges Faltblatt namens “Jolie STYLING BIBEL” konzentriert, die erklärt, wie man “DIE NEUESTEN TRENDS TRÄGT”, leider aber nicht, wie man sie erträgt. Auf diesem Faltblatt sind überwiegend unförmige, ungesund aussehende Frauen in scheußlicher Kleidung zu sehen, die offenbar bei der kleinsten Regung der Gesichtsmuskulatur erschossen werden oder jedenfalls so gucken. “Traumhaft schön” stelle ich mir weniger beängstigend vor.
In der “Jolie STYLING BIBEL” — geheiligt werde ihr Name, und wer daran glaubt, ist selbst schuld — stehen dann aufregende junge Dinge wie “Berlin intim: Die wichtigsten NEWS und der heißeste GOSSIP aus der Frontrow”, und mir wird auch schon ganz heiß in meiner Frontrow. Dabei ist es gut zu wissen, dass Kleider Leute machen: “Krise? Welche Krise? Mit üppigen Prints und opulenten STICKEREIEN gehören wir alle zur High Society”. Statt Geldes könnten wir also einfach ein paar Stickereien nach Griechenland schicken — Problem gelöst.
Aber genug der biblischen Pracht, wenden wir uns stattdessen wieder der “Jolie” zu. Eines ihrer Titelthemen heißt “glow for it!”, also “leuchte dafür!”, und es geht angeblich um strahlende Tängs. Was genau “it” ist, geht für mich nicht aus dem Text hervor, vielleicht liegt das auch an den quälenden Kopfschmerzen, die sich einstellen, wenn ich versuche, in dem Sprachquark der “Jolie” seine etwaige inhaltliche Bedeutung zu erkennen finden.
Wirklich reizvoll waren aber zwei andere Themen. Zunächst ist von einem Interview mit Mila Kunis die Rede, in dessen Verlauf sie gesagt haben soll: “Ich stehe total auf Kindsköpfe”. Ob Mila Kunis Deutsch spricht, weiß ich nicht, aber auch, wenn man von einem englischsprachigen Interview ausgeht, ist die Übersetzung mit “schludrig” noch nett umschrieben. Dort steht eigentlich dies:
Könnten Sie sich in einen Kindskopf verlieben?
Wenn es einen Ausgleich dafür gibt, durchaus.
Das mit dem Textverständnis sollten die Autoren Antonia Steffens und Dierk Sindermann noch mal üben. Das Wort “Ausgleich” finde ich an dieser Stelle allerdings auch diskussionswürdig. Wer möchte anfangen?
Wenig, aber immerhin interessanter ist das zweite der beiden anderen Themen: “Alles Loser? — Warum Frauen schuld sind, wenn Männer zu Weicheiern mutieren”. Der Artikel fängt gut an:
Wie können wir Männern vorwerfen, dass sie alles falsch machen — wenn wir ganz offensichtlich selbst nicht so genau wissen, was wir wollen?
Die Artikelautorin Johanna Schuhmann spielt hier darauf an, dass die Männer heutzutage, unterdrückt beeindruckt von der als “Emanzipation der Frau” getarnten Sexismuswelle, die seit den 1970er Jahren das Land nervt, Weicheier seien, Heulsusen und viel zu sensibel. Es sei salonfähig geworden, über sie herzuziehen, und irgendwo in Deutschland macht sich eine (selbstverständlich weibliche) Gleichstellungsbeauftragte beim Lesen dieser Zeilen vielleicht ein zweites Alster auf.
Aber wer will schon den perfekten Mann?
Typisch weiblich: Der Hang zur Verbesserung
(…) Frauen definieren ihren Selbstwert viel mehr aus männlicher Bestätigung als umgekehrt.
Das heißt: Eine Frau findet sich vor allem dann wertvoll, wenn ein Mann ihr applaudiert, während ein Mann keinen sonderlich großen Wert darauf legt, ob seine gegenwärtige Partnerin ihn nun für bradpittig hält oder nicht. Konsequenterweise sind damit alle Schönheits- und Modetipps für Frauen, die nicht von einem Mann verfasst wurden, eigentlich irrelevanter Quatsch. Doof, dass es bei der Erkenntnis blieb und die “Jolie” trotzdem wohl weiterhin erscheinen wird.
Männer haben sich in diese Welt, so behaupte der Kölner Soziologe Rainer Neutzling, behauptet Johanna Schuhmann, notgedrungen eingefügt: “Die männliche Rolle hat sich verändert, aber die meisten arrangieren sich gut mit ihren neuen Aufgaben.”; die da vermutlich lauten: Ab und zu mal die Schönheit des Weibchens beklatschen. Und weil das bereits alles ist, was ein Mann über seine neue Rolle als bemitleidenswertes Weichei wissen muss, gibt es zum Abschluss nur noch einen Ratschlag an die Frauen:
Bemühen Sie sich! Dabei kann tatsächlich auch die Lästerrunde im Café helfen. Denn: “So kann man seine Beziehung mit denen der anderen vergleichen”, sagt der Soziologe. Und feststellen: So schlimm ist der Typ zu Hause gar nicht.
Wenn der Soziologe das sagt, gibt es natürlich keinen rationalen Grund, nachzufragen. Sehenswerte Szenen sind vorstellbar: “Mein Kerl ist weniger doof als eurer! Ätsch!”.
Frauen definieren ihren Selbstwert somit auch aus der Bestätigung, dass ihr Mann weniger einen an der Klatsche hat als die Männer ihrer Freundinnen, sagt der Soziologe.
Ich sollte die “Jolie” häufiger lesen. Ich erfahre Dinge, die ich sonst niemals auch nur in Betracht gezogen hätte.
Die “BRAVO” kann einpacken. Das mit der Aufklärung machen jetzt die anderen Verlage.
Und was zu lachen gibt es auch.


Senfecke:
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