Sonstiges
Medienkritik LXXV: Jolie: Nichts für Weicheier.

Der Zufall wollte es, dass mir beim Stöbern die (inzwis­chen trotz Sep­tem­bers bere­its ver­al­tete) diesjährige Sep­tem­ber­aus­gabe der Zeitschrift “Jolie” in die Hände fiel. Die “Jolie” ist eine Frauen­zeitschrift, die irgend­wie mit den grauen­vollen Teenager­magazi­nen “Pop­corn” und “Mäd­chen” — das ist das hier — zusam­men­hängt. Ihre Titel­seite ist überdies der­maßen bescheuert, dass ich mich genötigt sah, sie — die Zeitschrift — zu erwer­ben.

Das Mot­to der “Jolie” lautet “THE BEAUTIFUL LIFE GUIDE”, “der schöne Lebens­führer” also, und dafür, dass der Führer (also die “Jolie”) schön ist, sind die enthal­te­nen Mod­e­tipps ziem­lich scheußlich. (Im Übri­gen sei ange­merkt: Jemand, der ohne Anleitung nicht lebens­fähig ist, sollte keine Zeitschriften lesen.) Immer­hin sind die stärk­sten Augenkreb­ser­reger auf ein beiliegen­des mehr­seit­iges Falt­blatt namens “Jolie STYLING BIBEL” konzen­tri­ert, die erk­lärt, wie man “DIE NEUESTEN TRENDS TRÄGT”, lei­der aber nicht, wie man sie erträgt. Auf diesem Falt­blatt sind über­wiegend unför­mige, unge­sund ausse­hende Frauen in scheußlich­er Klei­dung zu sehen, die offen­bar bei der kle­in­sten Regung der Gesichtsmusku­latur erschossen wer­den oder jeden­falls so guck­en. “Traumhaft schön” stelle ich mir weniger beängsti­gend vor.

In der “Jolie STYLING BIBEL” — geheiligt werde ihr Name, und wer daran glaubt, ist selb­st schuld — ste­hen dann aufre­gende junge Dinge wie “Berlin intim: Die wichtig­sten NEWS und der heißeste GOSSIP aus der Fron­trow”, und mir wird auch schon ganz heiß in mein­er Fron­trow. Dabei ist es gut zu wis­sen, dass Klei­der Leute machen: “Krise? Welche Krise? Mit üppi­gen Prints und opu­len­ten STICKEREIEN gehören wir alle zur High Soci­ety”. Statt Geldes kön­nten wir also ein­fach ein paar Stick­ereien nach Griechen­land schick­en — Prob­lem gelöst.

Aber genug der bib­lis­chen Pracht, wen­den wir uns stattdessen wieder der “Jolie” zu. Eines ihrer Titelthe­men heißt “glow for it!”, also “leuchte dafür!”, und es geht ange­blich um strahlende Tängs. Was genau “it” ist, geht für mich nicht aus dem Text her­vor, vielle­icht liegt das auch an den quälen­den Kopf­schmerzen, die sich ein­stellen, wenn ich ver­suche, in dem Sprachquark der “Jolie” seine etwaige inhaltliche Bedeu­tung zu erken­nen find­en.

Wirk­lich reizvoll waren aber zwei andere The­men. Zunächst ist von einem Inter­view mit Mila Kunis die Rede, in dessen Ver­lauf sie gesagt haben soll: “Ich ste­he total auf Kind­sköpfe”. Ob Mila Kunis Deutsch spricht, weiß ich nicht, aber auch, wenn man von einem englis­chsprachi­gen Inter­view aus­ge­ht, ist die Über­set­zung mit “schlu­drig” noch nett umschrieben. Dort ste­ht eigentlich dies:

Kön­nten Sie sich in einen Kind­skopf ver­lieben?
Wenn es einen Aus­gle­ich dafür gibt, dur­chaus.

Das mit dem Textver­ständ­nis soll­ten die Autoren Anto­nia Stef­fens und Dierk Sin­der­mann noch mal üben. Das Wort “Aus­gle­ich” finde ich an dieser Stelle allerd­ings auch diskus­sion­swürdig. Wer möchte anfan­gen?

Wenig, aber immer­hin inter­es­san­ter ist das zweite der bei­den anderen The­men: “Alles Los­er? — Warum Frauen schuld sind, wenn Män­ner zu Weicheiern mutieren”. Der Artikel fängt gut an:

Wie kön­nen wir Män­nern vor­w­er­fen, dass sie alles falsch machen — wenn wir ganz offen­sichtlich selb­st nicht so genau wis­sen, was wir wollen?

Die Artike­lau­torin Johan­na Schuh­mann spielt hier darauf an, dass die Män­ner heutzu­tage, unter­drückt beein­druckt von der als “Emanzi­pa­tion der Frau” getarn­ten Sex­is­muswelle, die seit den 1970er Jahren das Land nervt, Weicheier seien, Heul­susen und viel zu sen­si­bel. Es sei salon­fähig gewor­den, über sie herzuziehen, und irgend­wo in Deutsch­land macht sich eine (selb­stver­ständlich weib­liche) Gle­ich­stel­lungs­beauf­tragte beim Lesen dieser Zeilen vielle­icht ein zweites Alster auf.

Aber wer will schon den per­fek­ten Mann?

Typ­isch weib­lich: Der Hang zur Verbesserung

(…) Frauen definieren ihren Selb­st­wert viel mehr aus männlich­er Bestä­ti­gung als umgekehrt.

Das heißt: Eine Frau find­et sich vor allem dann wertvoll, wenn ein Mann ihr applaudiert, während ein Mann keinen son­der­lich großen Wert darauf legt, ob seine gegen­wär­tige Part­ner­in ihn nun für brad­pit­tig hält oder nicht. Kon­se­quenter­weise sind damit alle Schön­heits- und Mod­e­tipps für Frauen, die nicht von einem Mann ver­fasst wur­den, eigentlich irrel­e­van­ter Quatsch. Doof, dass es bei der Erken­nt­nis blieb und die “Jolie” trotz­dem wohl weit­er­hin erscheinen wird.

Män­ner haben sich in diese Welt, so behaupte der Köl­ner Sozi­ologe Rain­er Neut­zling, behauptet Johan­na Schuh­mann, notge­drun­gen einge­fügt: “Die männliche Rolle hat sich verän­dert, aber die meis­ten arrang­ieren sich gut mit ihren neuen Auf­gaben.”; die da ver­mut­lich laut­en: Ab und zu mal die Schön­heit des Weibchens beklatschen. Und weil das bere­its alles ist, was ein Mann über seine neue Rolle als bemitlei­denswertes Weichei wis­sen muss, gibt es zum Abschluss nur noch einen Ratschlag an die Frauen:

Bemühen Sie sich! Dabei kann tat­säch­lich auch die Läster­runde im Café helfen. Denn: “So kann man seine Beziehung mit denen der anderen ver­gle­ichen”, sagt der Sozi­ologe. Und fest­stellen: So schlimm ist der Typ zu Hause gar nicht.

Wenn der Sozi­ologe das sagt, gibt es natür­lich keinen ratio­nalen Grund, nachzufra­gen. Sehenswerte Szenen sind vorstell­bar: “Mein Kerl ist weniger doof als eur­er! Ätsch!”.

Frauen definieren ihren Selb­st­wert somit auch aus der Bestä­ti­gung, dass ihr Mann weniger einen an der Klatsche hat als die Män­ner ihrer Fre­undin­nen, sagt der Sozi­ologe.

Ich sollte die “Jolie” häu­figer lesen. Ich erfahre Dinge, die ich son­st niemals auch nur in Betra­cht gezo­gen hätte.
Die “BRAVO” kann ein­pack­en. Das mit der Aufk­lärung machen jet­zt die anderen Ver­lage.

Und was zu lachen gibt es auch.

Senfecke:

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