LyrikPersönliches
Sie. (Frag­ment 9)

„We can’t afford the time to sit and cry or to won­der why.
We’­ve got so many things star­ted to say, we have to get through.“
– Tin­der­sticks: Ren­ted Rooms


… Sie waren zu weit gegan­gen.

Es spiel­te kei­ne Rol­le mehr, wer sie waren oder was sie ein­an­der bedeu­te­ten. Es hat­te sich viel getan, seit sie damals in den Wir­ren der neu­en Zeit auf­ein­an­der­tra­fen, fest ver­wur­zelt in ihrem eige­nen Geflecht, das sie nie­mals auf­ge­ge­ben hät­ten.

Die Zeit aber blieb nicht ste­hen. Wäh­rend ihr Wur­zel­werk sich immer fei­ner ver­flocht, löste er sich aus sei­nen Ket­ten und schweb­te davon, ob er woll­te oder nicht; und manch­mal blieb er auf sei­nem Flug hän­gen an den auf­stei­gen­den Bal­lons, ver­fing sich in den Lia­nen sei­ner Unzu­läng­lich­keit. Sie hat­te ihn durch die Wir­ren beglei­tet, nie als sein Schat­ten, jedoch, wenn er wie so oft strau­chel­te, als jemand, der ihm das Mes­ser lieh, das ihn befrei­te. Trotz allem, was sie trenn­te: Nie hät­te er das mis­sen wol­len.

Eine unacht­sa­me Berüh­rung war es, die ihn aus sei­nen Tag­träu­men hoch­schrecken ließ, ver­sun­ken im Gedan­ken an eine Zeit ohne Sor­gen, an den letz­ten Tag, an dem er glück­lich gewe­sen war, an dem Ort, an dem er sich leben­dig fühl­te. Ob es der selt­sam ver­trau­te Ort war, der Alko­hol oder die Melan­cho­lie, die ihn vom Hori­zont aus umweh­te? Er wuss­te es nicht und er wei­ger­te sich, dar­über nach­zu­den­ken.

Er muss­te flie­hen.

Als sie dar­über spra­chen, schien es ihm noch unwirk­li­cher als je zuvor. War sie immer noch die, die er zu ken­nen glaub­te? Je mehr er über sie erfuhr, desto unsi­che­rer wur­de er. Bis dahin war es wie selbst­ver­ständ­lich erschie­nen, ihr zu begeg­nen. Je öfter sie sich fort­an begeg­ne­ten, desto ver­rück­ter wur­de es für sie, die gebo­te­ne Distanz zu wah­ren, da ein Schritt zurück täg­lich schwe­rer erschien und ein Schritt nach vorn immer auch ein Schritt näher zur Zer­stö­rung gewe­sen wäre. Sie woll­ten ein­an­der nicht ver­let­zen und schei­ter­ten an sich selbst.

Nun, da sie ein­an­der atem­los gegen­über saßen, berauscht von­ein­an­der und doch betrübt von der Gewiss­heit, dass sie ein­an­der zum Grei­fen nah, aber letzt­lich uner­reich­bar waren, sann er sich zurück an den Ort, an dem er sich gebor­gen fühl­te. „Was“, dach­te er, „ist Lie­be eigent­lich?“, wäh­rend er in ihren Armen lag und wuss­te, dass nichts mehr von dem, was er jetzt sagen oder tun wür­de, von Bedeu­tung sein wür­de.

Der Mond schwieg, als die Erin­ne­rung sei­nen Sinn trüb­te. Wie schön sie doch war; wie schön es doch gewe­sen war. Er fühl­te sich frei und war sich gewiss, dass die­se Frei­heit ihren Tri­but for­dern wür­de. Er ahn­te nicht, wie hoch der Preis sein wür­de. …


„We’­re alo­ne and I’m listening;
I’m listening so hard that it hurts.“
– Leo­nard Cohen: Amen

Senfecke:

  1. Gab es denn je „eine Zeit ohne Sor­gen“ oder einen „Tag, an dem er glück­lich gewe­sen war“? Die ande­ren Frag­men­te spre­chen nicht unbe­dingt dafür – aber es sind ja auch nur Frag­men­te. :?

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