PersönlichesLyrik
Sie. (Fragment 10, The show must go on)

“I can’t stand it any­more more / but if Shelly would just come back, it would be alright.”
– The Vel­vet Under­ground: I Can’t Stand It


… Es war weit nach Mit­ter­nacht, als er aus sein­er Trance erwachte. “Wie schnell”, dachte er, “man doch fällt, wenn man sich in Sicher­heit wäh­nt.” Er sah, spürte sie noch in seinen Armen, als sei ihr let­ztes Zusam­men­sein noch jung und mehr als eine Erin­nerung, die sich ihm, wie er hoffte, niemals entziehen möge.

Ihretwe­gen hat­te er endlich ver­standen, was der Volksmund meint, wenn er Leben und Lieben als gle­ich­berechtigte Errun­gen­schaften ansieht. So ver­liebt war er schon manch­mal gewe­sen, aber daraus so viel Leben zu ziehen sog er in sich auf und genoss jeden einzel­nen Moment. Das Leben, das sie mit ihrer Liebe gebracht hat­te, ließ das seine endlich voll­ständig sein. Ihm fehlte es an nichts und das war ein Risiko.

So weniges hätte jemals geschehen dür­fen. Er hat­te länger um sie gekämpft als um vieles, das eigentlich wichtiger gewe­sen wäre, aber das Nomaden­leben blieb . Der Weg ist nur ein Etap­pen­ziel, der Hür­den­lauf stand erst noch bevor. Vielle­icht wollte sie ihm beweisen, dass er sich geir­rt hat­te, aber sie wusste nicht, dass es mehr die Hoff­nung als eine Überzeu­gung war, die aus ihm sprach, weil ihm kaum mehr geblieben war. Sollte es so enden?

Wenn es doch nur endete! Den Gefall­en tat sie ihm nicht: Sie ging nicht, sie blieb ihm als Echo erhal­ten, als Stimme der Ver­nun­ft auch. Hätte er diese Stimme damals schon gehört, so hätte vieles ein anderes Ende genom­men. Die Ironie ließ ihn schmun­zeln. Dass all das jet­zt Monate zurück­lag und er es zumin­d­est geschafft hat­te, die Erin­nerung an das Streben nach ein­er Zukun­ft mit ein­er Fata Mor­gana zu betäuben, war diese doch nur ein unsteter Rausch ohne Halt geblieben und hat­te sich schon ver­flüchtigt, kaum hat­te er sich an es gewöh­nt. Die selb­st gegrabene Grube, an deren Rand er längst bal­ancierte, war mit Nägeln gefüllt wor­den. Der Schalk in seinem Nack­en zog am Tep­pich. Wem kon­nte er etwas vor­ma­chen, wenn nicht ein­mal sich selb­st?

Das Schlimm­ste war die Gewis­sheit, dass er sich selb­st nicht mehr ver­trauen kon­nte. Nein, sein Ver­trauen hat­te er selb­st dies­mal miss­braucht und das kon­nte er sich zum ersten Mal in seinem Leben nicht mehr verzei­hen.

Er öffnete seine Hand. Etwas fiel zu Boden. Er hat­te ver­loren. …


“I’m still stand­ing after all this time / pick­ing up the pieces of my life with­out you on my mind.”
– Elton John: I’m Still Stand­ing