In den NachrichtenNerdkrams
Apropos Monokulturen

Die Entwick­ler des Zwer­gen­browsers Opera hat­ten vor ein­er Weile angekündigt, die eigene Browserengine Presto durch WebKit zu erset­zen. WebKit, eine Abspal­tung des aus KDE stam­menden KHTML, das als Grund­lage für Kon­queror diente, ist zwar auch alles andere als fehler­frei, jedoch auf­grund der Ver­wen­dung in Safari sowie Chromi­um (und Google Chrome) recht ver­bre­it­et. Oben­drein könne man sich, so Opera, mit dem Wech­sel auf die Entwick­lung des Browsers selb­st konzen­tri­eren und müsse nicht mehr so viel Energie in die Unter­stützung immer neuer Web­stan­dards steck­en. (Dass man die kurz­er­hand ent­lasse­nen Mitar­beit­er eigens für die Entwick­lung der Engine eingestellt hat­te, sei hier mal nicht weit­er ver­fol­gt, ist halt die Krise und so.)

Ein Rück­blick: In den 1990er Jahren tobte der so genan­nte Browserkrieg. Das im Web­seg­ment noch ver­gle­ich­sweise neue Unternehmen Microsoft hat­te mit der Inte­gra­tion eines Web­browsers in sein Betrieb­ssys­tem Win­dows das Qua­si­monopol von Netscape, dessen Brows­er “Nav­i­ga­tor” beziehungsweise Inter­net­suite “Com­mu­ni­ca­tor” all­ge­gen­wär­tig schien, ange­grif­f­en. Netscape fand das natür­lich weniger gut. Ein Ergeb­nis der fol­gen­den Rechtsstre­it­igkeit­en war es, dass Microsoft in Europa alter­na­tiv browser­freie Ver­sio­nen seines Betrieb­ssys­tems anbi­eten musste. (Und gegen die Bün­delung von Chrome mit Chrome OS, gegen die Bün­delung von Safari mit Apple-Sys­te­men sagt natür­lich kein­er was. Google und Apple sind eben “die Guten”.) Netscape ver­sank trotz­dem in der Bedeu­tungslosigkeit und stellte seinen Code unter eine freie Lizenz. Nach eini­gen Umstruk­turierun­gen sind daraus inzwis­chen Sea­Mon­key und Mozil­la Fire­fox erwach­sen. Die dom­i­nan­ten Engines waren lange Zeit Gecko (Mozilla/SeaMonkey), Tri­dent (Microsoft) und WebKit (Google/Apple).

Nun hat Google beschlossen, sich aus der Tea­mar­beit mit Apple zurück­zuziehen und seine eigene Engine zu entwick­eln. Mit Black­jack und Nut­ten. Das neue Pro­dukt soll “Blink” heißen (alle guten Namen waren wohl schon weg), und Opera kündigte an, dass sie sich anschließen wür­den. Auf den einen Wech­sel kommt es nun tat­säch­lich auch nicht mehr an. Mozil­la entwick­elt der­weil gemein­schaftlich mit Sam­sung unter dem Pro­jek­t­na­men Ser­vo (ich möchte meine Anmerkung zum The­ma “gute Namen” — weit­er oben zu find­en — hier nochmals gedanklich einge­fügt wis­sen) eben­falls eine neue Engine, die kün­ftig in Fire­fox einge­set­zt wer­den (und somit Gecko wohl erset­zen) soll.

Mit diesen Änderun­gen wird der Sta­tus Quo aber nicht verbessert, son­dern ver­schoben. Wo Weben­twick­ler früher den Nis­chen­brows­er Opera berück­sichti­gen mussten, der sich oft ganz anders ver­hielt, ist es kün­ftig der Nis­chen­brows­er Safari, der unter Mac OS X (und — mod­i­fiziert — iOS) nach wie vor den Stan­dard darstellt. Der kün­ftige Sta­tus von Gecko verbleibt der­weil ungek­lärt, was in diesem frühen Entwick­lungssta­di­um noch nicht weit­er erstaunt. Weben­twick­ler ste­hen kün­ftig vor einem ähn­lichen Prob­lem wie bis­lang, nur die Pri­or­itäten ver­schieben sich zwis­chen den Browsern.

Es ist natür­lich nicht ver­w­er­flich, wenn über Jahre gereifte Soft­ware gele­gentlich neu aufge­baut wird, um Alt­las­ten rück­stands­frei entsor­gen zu kön­nen. Das ist bei Betrieb­ssys­te­men nicht anders als bei Browserengines. Die Lob­hudeleien gegenüber Opera, dass man nun endlich keine Rück­sicht mehr nehmen müsse, erscheinen mir jedoch etwas ver­früht, ger­ade auch wegen der unklaren Zukun­ft von WebKit — von dem es oben­drein eine unüber­schaubare Anzahl an Ver­sio­nen gibt, beina­he jedes Betrieb­ssys­tem und jed­er unter­stützte Brows­er hat sein “eigenes” WebKit — und Gecko. Auch weit­er­hin wird es wenige dom­i­nante Brows­er und viele kleine Wet­tbe­wer­ber mit ein­er unter Umstän­den zu berück­sichti­gen­den Anzahl an Benutzern geben. Leichter wird das Leben jeden­falls nicht.

Den Benutzer muss es zumin­d­est nicht scheren: Ein Brows­er sollte stets danach aus­gewählt wer­den, ob er den per­sön­lichen Ansprüchen genügt. Mit welch­er Tech­nik die Web­seit­en angezeigt wer­den, ist aus Benutzer­per­spek­tive zweitrangig, so lange die Anzahl an Darstel­lungs­fehlern über­schaubar bleibt. (Die Acid-Tests geben zwar bunte Bilder und große Zahlen aus, spiegeln jedoch nicht die Real­ität im Web wider.)

Damals, in den 1990er Jahren, war das alles irgend­wie leichter.