PersönlichesPiratenpartei
Beauf­tra­gungs­pi­ra­ten my ass.

(Vor­be­mer­kung: Lei­der ist die­ser Text zu lang für Twit­ter. Er ist eine Ant­wort auf die mir dort gestell­te Fra­ge, wie­so ich mich dem all­ge­mei­nen Jubel nicht anschlie­ßen möch­te.)

Was mir in der media­len Bericht­erstat­tung über die Pira­ten­par­tei übri­gens außer der nur mäßig gut getarn­ten Aver­si­on sei­tens der übli­chen SPIE­GEL-ONLINE-Schrei­ber­lin­ge, die sich auf jedem ver­schis­se­nen Par­tei­tag blicken las­sen, um Skan­däl­chen zu suchen und klein­ste Unstim­mig­kei­ten zu meter­lan­gen Klick­strecken auf­zu­bau­schen, denen aber trotz­dem kein Haus­ver­bot erteilt wird (wir brau­chen sie ja, denn wie sol­len sie sonst nega­tiv über die Par­tei berich­ten?), ziem­lich miss­fällt, ist die­ses Gewe­se um irgend­wel­che Beauf­trag­ten.

Die Pira­ten­par­tei ist als basis­de­mo­kra­ti­sche Mit­mach­par­tei kon­zi­piert, in der jede Stim­me grund­sätz­lich gleich viel Gewicht hat. Der Gedan­ke dahin­ter ist die Schwarm­in­tel­li­genz, also die vage Hoff­nung dar­auf, dass vie­le Köche den Brei nicht ver­der­ben, son­dern bis nahe der Per­fek­ti­on ver­fei­nern. Nichts­de­sto­trotz ist irgend­je­mand auf die strunz­däm­li­che Idee gekom­men, Arbeits­ab­läu­fe (etwa beim Umgang mit der hofier­ten Pres­se) erleich­tern zu kön­nen, indem man Beauf­tra­gun­gen erteilt. „Beauf­trag­te“, dies sei kurz erläu­tert, sind im Wesent­li­chen das, was frü­her „The­men­pi­ra­ten“ hieß: Der Vor­stand der jewei­li­gen Glie­de­rung, die gern „Beauf­trag­te“ für irgend­was hät­te, ernennt in Eigen­re­gie ein­zel­ne Mit­glie­der zu sol­chen. Posi­tiv wirkt es sich aus, wenn die­se Mit­glie­der bereits irgend­was zum jewei­li­gen The­ma bei­getra­gen haben.

Und so ist – nur ein Bei­spiel – die ehe­ma­li­ge nie­der­säch­si­sche Spit­zen­kan­di­da­tin Katha­ri­na „kat­ta­scha“ Nocun als Daten­schutz­be­auf­trag­te nun­mehr die ein­zi­ge Per­son, die in der Öffent­lich­keit zum The­ma Daten­schutz befragt wird. Dass es eine akti­ve AG Daten­schutz gibt, inter­es­siert nie­man­den mehr. Auf Twit­ter wur­de heu­te auf ein Radio­in­ter­view hin­ge­wie­sen, in dem es um die Bestands­da­ten­aus­kunft (ein sicher­lich daten­schutz­re­le­van­tes The­ma) gehen soll­te – ein­ge­la­den war natür­lich die Beauf­trag­te. Auch sonst ist eine gewis­se Mono­kul­tur zu sehen: Die The­men­be­auf­trag­te, die The­men­be­auf­trag­te, die The­men­be­auf­trag­te.

Auf mei­ne Fra­ge, wel­chen nach­weis­ba­ren Mehr­wert geziel­te Beauf­tra­gun­gen mit sich brin­gen, erhielt ich von kei­nem der Befrag­ten bis­her eine zufrie­den stel­len­de Ant­wort. Das ist ein biss­chen scha­de.

Man ver­ste­he mich nicht falsch: Es ist gut und unter­stüt­zens­wert, dass es in der Pira­ten­par­tei Men­schen mit Hirn gibt, die auch mal zu Wort kom­men. Das hebt sie wohl­tu­end von den mei­sten ande­ren Par­tei­en ab. Bedau­er­lich ist jedoch, dass dadurch in der Öffent­lich­keit der Ein­druck ent­steht, das Kon­zept Schwarm­in­tel­li­genz („The­men statt Köp­fe“) sei auf­ge­weicht. Ich erwar­te ja gar nicht, dass – nur ein Bei­spiel – Frau Nocun sich etwas zurück­hält, denn den mei­sten ihrer Aus­füh­run­gen kann ich zustim­men, wenn­gleich ich ihre Art zu reden sehr anstren­gend fin­de. Ich wür­de mir jedoch wün­schen, dass die­se Beauf­tra­gun­gen den Sta­tus der impli­zi­ten Exklu­si­vi­tät wie­der able­gen.

Was spricht dage­gen, auf Inter­view­an­fra­gen zum The­ma Daten­schutz ein­fach mal die AG Daten­schutz zu fra­gen, ob es eine Kon­sens­mei­nung gibt, statt die Daten­schutz­be­auf­trag­te los­schnat­tern zu las­sen? Was spricht dage­gen, die Pres­se mit dem Arbeits­stand der Arbeits­grup­pen statt mit der Ein­zel­mei­nung der Beauf­trag­ten zu kon­fron­tie­ren? Die Moti­va­ti­on, sich aktiv ein­zu­brin­gen, schwin­det mit sin­ken­der Aus­sicht auf Rele­vanz des Gelei­ste­ten. Wenn abseh­bar ist, dass man doch nur den Sprach­roh­ren für „sein“ The­ma zuar­bei­ten wird, dann lässt man es viel­fach ganz sein. Zucker­brot und Peit­sche.

Ich als Ein­zel­per­son distan­zie­re mich davon, dass Beauf­trag­te „in mei­nem Namen“ spre­chen, denn Basis­de­mo­kra­tie funk­tio­niert so nicht. Ich wür­de mir mehr Basis- und weni­ger Pres­se­ar­beit wün­schen.

Lei­der weiß ich aber nicht, ob es bereits einen Wunsch­be­auf­trag­ten gibt.