Politik
Die Revolution schei­tert am Kabarett.

Politisches Kabarett, wenn es gut gemacht ist (also nicht auf RTL oder Das Erste gesen­det wird), hat zwei Funktionen: Es soll einer­seits unter­hal­ten, ande­rer­seits aber auch und vor allem Leute mit­tels die­ser Unterhaltung dazu bewe­gen zu erken­nen, was in der Politik gera­de falsch läuft. Politisches Kabarett, wenn es gut gemacht ist (im Folgenden kurz PK-Weggi genannt, Lesefluss und lusti­ger Klang sind Kriterien), ist so ein mah­nen­des Instrument und eine Ausdrucksform des Protests.

Natürlich regt PK-Weggi zum Lachen an, aber kei­nes­falls, weil es sich um einen guten Witz han­delt. Die Leute lachen ja auch über Mario Barth und Paul Panzer, die nun wirk­lich alles ande­re als gute Witze machen.

Ich brin­ge mal ein kon­kre­tes Beispiel: Im Jahr 2007 sprach der groß­ar­ti­ge Kabarettist Volker Pispers vor Publikum über Hintergründe der Lohnbesteuerung. Lasst das Video ein­mal auf euch wirken:

Nutto vom Bretto Volker Pispers

Die Situation stellt sich fol­gen­der­ma­ßen dar: Da gehen Leute ins PK-Weggi, wo man ihnen erzählt, wie ihre gewähl­te Regierung ihnen das Geld qua­si aus der Tasche zieht. In ande­ren Ländern wür­de der zor­ni­ge Mob das Richtige tun, in Deutschland wird gewie­hert. Ja, schlimm, das mit dem Geld, aber, hihihi, er hat „Nutto“ gesagt! Denn man hat in all den Jahren vor dem Fernseher gelernt, wie das Spiel läuft: Auf der Bühne macht einer Faxen, vor Beginn der Sendung wird das Publikum dazu trai­niert, wie es rich­tig applau­diert (in der Sendung „Zimmer frei!“ etwa besteht „Applaus“ stets aus einer Kombination aus Klatschen, Trampeln und Johlen, was merk­wür­di­ger­wei­se in offen­bar nie­man­dem den Eindruck weckt, dadurch wür­de rich­ti­ger Applaus abge­wer­tet), das Gelernte wird ange­wen­det. Als Belohnung für’s Mitspielen darf man noch eine Weile zugucken. Dümmliche Männer-Frauen-Witze, Asozialenwitzchen („Cindy aus Marzahn“) und anspre­chend ver­pack­te Kritik am Staat sind ja irgend­wie das Gleiche.

You're doing it wrong

Und natür­lich sind die staats­tra­gen­den Medien, die öffent­lich-recht­li­chen Regierungssender (die Beteiligung eini­ger Parteien an eini­gen Sendern ist ja kein Geheimnis), dar­auf erpicht, dass das auch so bleibt. Soll der Typ da vorn doch reden, was er will, so lan­ge die Kasse stimmt. Da setzt sich schon mal eine Julia Klöckner von der CDU ins Publikum und freut sich ganz dol­le, wenn ein PK-Weggi-Aktivist wie Georg Schramm (hier vor etwa fünf Jahren) ihre Partei und den poli­tisch erwünsch­ten gei­sti­gen Verfall eines Teils der Gesellschaft tadelt. Ist eben Kabarett, da wird gejohlt und geklatscht.

GeorgSchramm - Systematische Volksverdummung durch die Medien

Wenn der­sel­be Georg Schramm dies fern­ab von Fernsehkameras tut, ist die Stimmung eine ande­re, denn wenn kei­ne Kamera im Saal ist, ist PK-Weggi plötz­lich über­haupt nicht mehr lustig, wie die­ser Mitschnitt der Verleihung des baden-würt­tem­ber­gi­schen Kleinkunstpreises 2011 (maß­geb­lich mit­fi­nan­ziert im Auftrag der CDU) belegt:

Aber im Fernsehsaal, da sit­zen sie auch wei­ter­hin und lachen und klat­schen und gehen nach Hause mit dem guten Gefühl, sich wenig­stens gut amü­siert zu haben. „Endlich sagt’s mal einer!“, und damit zurück zur Tagesordnung.

So wird das nichts mit der Revolution.

Senfecke:

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