PolitikNetzfundstückeIn den NachrichtenNerdkrams
Kurz verlinkt VII: Grotesk, grandios und irgendwas ohne “g”.

Grotesk: Die schwarz-gelbe Koali­tion über­legt sich nun ein “Löschge­setz” statt der “Inter­netsper­ren”.

“Die gegen­wär­tige Bun­desregierung beab­sichtigt eine Geset­zesini­tia­tive zur Löschung kinder­pornografis­ch­er Inhalte im Inter­net”, heißt es in dem fün­f­seit­i­gen Schreiben, das dem SPIEGEL vor­liegt. Die Regierung will also ein Gesetz, aber ein anderes.

Man werde sich bis dahin “auf der Grund­lage des Zugangser­schwerungs­ge­set­zes auss­chließlich und inten­siv für die Löschung der­ar­tiger Seit­en ein­set­zen, Zugangssper­ren aber nicht vornehmen” (…).

Das gefällt mir natür­lich erstens inhaltlich, weil es das The­ma Inter­net­zen­sur weit­ge­hend vom Tisch (von welchem auch immer) fegen dürfte, und zweit­ens pro­pa­gan­dis­tisch, weil der Ein­fluss und der Zulauf der Piraten­partei eben offen­bar doch bere­its groß genug sind; ich frage mich jedoch, wie ich mir diese Geset­zesini­tia­tive vorstellen soll, die “auf der Grund­lage des Zugangser­schwerungs­ge­set­zes” fußen soll. Es ist nicht legal, Kinder­pornografie ins Inter­net zu stellen, und daran, dass Provider hierzu­lande nicht erst seit kurzem verpflichtet sind, gegebe­nen­falls ille­gale Inhalte umge­hend zu ent­fer­nen, meine ich mich eben­falls zu erin­nern. Ohne Jux: Das geplante Gesetz würde mich tat­säch­lich mal inter­essieren. (Nach­trag vom 10. Feb­ru­ar: Wird wohl nichts mit Ent­war­nung, schade.)

Grandios nach all dem ein­töni­gen Poli­tikgeschwafel (war dann erst mal wieder mein let­zter Beitrag zur Poli­tik, isch schwör): Auf Feynsinn.org gibt es eine fik­tive Kurzgeschichte zu lesen, in der die durch stun­den­langes Warten auf Ereignisse ver­schwen­dete Leben­szeit einen neuen Wert bekommt. Man stelle sich vor, sie sei wie eine Parkuhr. Lesenswert!

Apro­pos: Außer mir scheinen sich noch zahlre­iche weit­ere Per­so­n­en über den Entschluss der Betreiber von sf.net echauffiert zu haben, “Schurken­staat­en” auszus­per­ren, und so hat man als Pro­jek­tver­wal­ter dort nun­mehr selb­st die Wahl, ob man seine Pro­jek­te auch für Nord­ko­re­an­er oder ähn­liche Schurken öff­nen möchte; rein rechtlich natür­lich nur, wenn man kein US-Amerikan­er ist — das ist, immer­hin resp. lei­der, schon ein Fortschritt.


Und wer übri­gens schon immer mal sehen wollte, wie ein­fach sich so ein Panz­er­schrank öff­nen lässt, der möge hier hin­klick­en und sich an dem Anblick ergötzen.

PolitikIn den Nachrichten
Von dem Mistwetter kriegen die Leute schlechte Laune.

Und wenn die Leute schlechte Laune bekom­men, sind sie für die fortschrit­tliche, lib­erale, volk­sna­he Poli­tik der Regierung nicht mehr empfänglich:

Bun­desverkehrsmin­is­ter Peter Ram­sauer (CSU) erk­lärt das Stim­mungstief der Bun­desregierung mit dem derzeit­i­gen extremen Win­ter­wet­ter. „Klar schlägt dieses Wet­ter vie­len auf das Gemüt“, sagte Ram­sauer der „Bild am Son­ntag“. „Das kön­nte auch erk­lären, warum die Regierung nach Umfra­gen bei den Bürg­ern im Moment schlechter daste­ht als sie tat­säch­lich ist.“

Nur die Liebe und das Wet­ter hören nim­mer, nim­mer auf.
— Ein­stürzende Neubaut­en: “Was ist Ist”


Grin­send rollte ich eben beina­he auf dem Tep­pich herum, als ich verse­hentlich die Pro-Sieben-Nachricht­en kon­sum­ierte:

Frhr. v. u. z. Gut­ten­berg find­et es mal so gar nicht gut, dass der Iran sich eben­falls gern Uran anre­ich­ernd betäti­gen würde, weil angere­ichertes Uran in den Hän­den der Falschen eine Gefahr darstellen kön­nte. Und so kri­tisierte er lt. den Pro-Sieben-Nachricht­en (7.2.), dass “die her­aus­gestreck­te Hand der inter­na­tionalen Gemein­schaft nicht nur nicht ergrif­f­en, son­dern weggeschla­gen wird”; weil Inter­na­tionales offen­bar eben auch Gren­zen hat und ihm bei dem Bild von der “her­aus­gestreck­ten Hand” nicht aufge­fall­en ist, wie über­aus passend es doch gle­ich mehrfach erscheinen mag.

Mein­ja­nur.

Kaufbefehle
Humorkritik: Kai Magnus Sting

Kür­zlich schaute ich verse­hentlich bei der anfangs über­durch­schnit­tlichen, inzwis­chen lei­der nur noch zum Brechen schlecht­en so genan­nten Unter­hal­tungssendung TV Total hinein; nun, nicht ganz verse­hentlich, da an diesem Abend die Sän­gerin von Jen­nifer Ros­tock zu Gast sein sollte (deren Dia­log dann, forciert durch die gegenüber seinen Stu­dio­gästen lei­der längst üblich verkrampft wirk­ende Albern­heit des Gast­ge­bers, doch eher unspan­nend und infan­til blieb) und ich ger­ade aus­re­ichend gute Laune hat­te. Zuvor allerd­ings trat ein Kabaret­tist auf, dessen Hek­tik, Stimme und Witz mich an Hennes Ben­der (“Scheiße, ich muss pis­sen!”) erin­nerten und mir über­aus zusagten. Darge­boten wurde ein Teil seines “dial­o­gis­chen Epi­loges”, des let­zten Titels seines anschließend von Gast­ge­ber Ste­fan Raab ange­priese­nen und auch käu­flich zu erwer­ben­den Pro­gramms “Weil Sie es sind” von immer­hin auch schon 2004.

Nach dem nun­mehr aus Inter­essens­grün­den erfol­gten Kon­sum des voll­ständi­gen Werkes habe ich das Bedürf­nis nach ein­er selb­st ver­fassten Rezen­sion neb­st Empfehlung des­sel­ben. Bei­des fol­gt:

Kai Mag­nus Sting ist wahrlich kein Fre­und der leisen Töne, er ist im Gegen­teil laut und pro­vokant. Witze über Johannes Heesters (“Schön­er run­der Geburt­stag”, was selb­st schon viel aus­sagt), die Zeu­gen Jeho­vas und natür­lich die unver­mei­dlichen Frauen mit ihrem oft gedanken­losen Geschwätz ziehen sich, einem roten Faden nicht unähn­lich, durch sein Pro­gramm. Dabei wirkt er niemals wie ein unar­tiger klein­er Junge (cf. Ingo Appelt) und ver­mei­det es trotz des roten Fadens, ständig die gle­ichen Witze zu erzählen (cf. Mario Barth). Brachial wird es nie, nur bisweilen ein wenig zotig, was dur­chaus willkom­men ist; von völ­lig unspaßi­gen Zeitgenossen wie Oliv­er Pocher oder eben Ste­fan Raab (vom Wirken der Dame “Cindy aus Marzahn” habe ich bis­lang noch keinen Ein­druck gewin­nen müssen, kann sie mir aber dur­chaus eben­falls in dieser Aufzäh­lung vorstellen) ein­mal abge­se­hen sind Komik­er ja heutzu­tage eher auf den hin­ter­gründi­gen Witz bedacht.

Damit ist eigentlich schon alles Notwendi­ge gesagt bzw. geschrieben. Noch ein Auss­chnitt gefäl­lig?
Auf YouTube (Achtung: Cook­ies abschal­ten, Google usw.) gibt es einen Auftritt im WDR (“Night­Wash”) zu sehen, in dem Kai Mag­nus Sting auch aus diesem Pro­gramm zitiert und — falls ein dies lesender Schreiber­ling des Feuil­letons ger­ade auf der Suche nach ein­er passenden Umschrei­bung ist — die Aufre­gung zum Stilmit­tel erhebt.

Lauft und kauft!

PolitikIn den Nachrichten
Kurz verlinkt VI: Wer Extrem-Wind sät, wird Sturm ernten.

Es scheint tat­säch­lich nicht viel zu passieren auf der Welt, und so beschloss man bei SPIEGEL Online gestern, über Wind zu bericht­en, der vor 14 Jahren beson­ders stark blies. Und weil man immer­hin erkan­nt hat, dass das nun keine die Welt bewe­gende Mel­dung ist, griff man auf Boule­vard­meth­o­d­en zurück und gab dem Artikel fol­gende Über­schrift:

Extrem-Wind

Ist das nicht hüb­sch? :)

‘Kurz ver­linkt VI: Wer Extrem-Wind sät, wird Sturm ern­ten.’ weit­er­lesen »

NetzfundstückeIn den NachrichtenPiratenpartei
Die digitale Offenheit spießiger Behörden

Auf all­ge­meinen Wun­sch trage ich, statt ständig nur einem Greise würdi­ges Gezeter auf die Leser­schaft dieser anson­sten doch recht amüsan­ten Net­zpräsenz loszu­lassen, dann auch mal wieder etwas zur Erheiterung bei:

Die GEZ hat jet­zt nicht nur ein total neues und viel mod­erneres Logo, son­dern, aufge­merkt!, zudem einen neuen Inter­ne­tauftritt, irgend­was mit Bürg­ernähe oder so etwas, richtig mit “Blog” und mod­eriertem “Forum”, wie es SPIEGEL Online zum Beispiel auch hat. Und damit nicht während der Abwe­sen­heit der Mod­er­a­toren das Chaos aus­bricht, haben sie sich etwas tolles aus­gedacht: Statt die Beiträge nur in die Mod­er­a­tionswarteschlange einzurei­hen, wie es eben bei SPIEGEL Online zum Beispiel der Fall ist, machen sie nach Dien­stschluss das ganze Ding zu. Nicht nur zum Schreiben, son­dern richtig kon­se­quent.

Anony­mus frischE fol­gerte im heise-Forum:

Lol, Öff­nungszeit­en für ein Forum… was kommt als näch­stes?
Ein­trittskarten für deren Web­seite?

Bis­lang hat­te ich noch keine Gele­gen­heit, in der neuen dig­i­tal­en Demokratie mal auf Zitat­suche zu gehen, aber offen­bar wird dort eh fast nur gepö­belt.

Immer­hin: Da macht sich die GEZ jahre­lang mit frag­würdi­gen Meth­o­d­en unbe­liebt und errichtet dann eine Diskus­sion­splat­tform, in der sie die Zahlpflichti­gen ern­sthaft nach ihrer Mei­n­ung fragt. Mutig sind sie ja, die Ver­ant­wortlichen. Die Teil­nehmer des Web of Trust hon­ori­eren es entsprechend:

(Ursprünglich gefun­den hier; Quelle: heise-Foren­nutzer Akurei.)

Es ist nett von der GEZ, den Bürg­ern endlich eine Möglichkeit zu geben, sich Luft zu ver­schaf­fen, und wenig­stens den Anschein zu erweck­en, sich über­haupt dafür zu inter­essieren, was es an ihr zu kri­tisieren gibt. Ich bezwei­fle aber, dass sie trotz all der neuen Moder­nität bere­it ist, sich tat­säch­lich zu öff­nen. Das Forum dürfte in dieser Form nicht mehr lange existieren.

Und so wer­den wohl noch viele Plüschtiere an die Gebührenpflicht erin­nert wer­den, bevor sich etwas ändert.

In den Nachrichten
Medienkritik XXI½: Schreckliche Tragödien und das alles.

Und weil ich ger­ade so schön in Fahrt bin und die Schreiber­linge auf SPIEGEL Online offen­sichtlich auch ger­ade wieder ihren The­saurus ver­legt haben:

Schreck­liche Tragödie im Saar­land: Ein 16 Jahre altes Mäd­chen soll sein Baby nach der Geburt im Schnee aus­ge­set­zt und dessen Tod in Kauf genom­men haben.

Merke: Wenn ein Kind (oder eine Frau) eines nicht natür­lichen Todes stirbt, ist das immer eine Tragödie — also, man beachte die Def­i­n­i­tion, ein unauswe­ich­lich­es Schick­sal -; eine schreck­liche zumal, sofern das Kind aus­re­ichend jung ist, und son­st eben nur eine ganz nor­male. All diese Adjek­tivisierung, weil Totschlag eben noch nicht genügt, um die durch Krim­i­nal­filme, “Psy­chothriller”, KriegsFrieden­sein­satzberichter­stat­tun­gen et al. längst emo­tion­al abge­flacht­en Leser zu Gemüt­sre­gun­gen zu bewe­gen. Man will ja auch noch was ver­di­enen als Jour­nal­ist.

Wider­lich ist das.

(Schönes Zitat von Roger Willem­sen zur poli­tis­chen Berichter­stat­tung ohne­hin: Die Berichter­stat­tung simuliert, es sei wichtig zu wis­sen, wie die Wahl eines stel­lvertre­tenden DGB-Vor­sitzen­den aus­fällt oder wie sich bes­timmte Koali­tionäre untere­inan­der ver­ste­hen. Das ist Soap-Opera mit verän­derten Mit­teln. Wie wahr.)

PolitikIn den Nachrichten
Spenden für Haitianerinnen. Muss reichen.

Wer sich nach all den tief­trau­ri­gen Spende­naufrufen — weil es uns Deutschen ja bekan­ntlich noch viel zu gut geht und wir ruhig die halbe Welt an unserem schi­er uner­messlichen Wohl­stand teil­haben lassen sollen, wir Ego­is­t­en! — noch nicht dazu durchrin­gen kon­nte, ein paar Währung­sein­heit­en auf obskure Spendenkon­ten zu über­weisen, dem geben die Zuständi­gen nun gern einen Grund, es sein zu lassen:

Nach Drän­geleien bei der Verteilung von Hil­f­s­gütern will die Uno Lebens­mit­tel in erster Lin­ie nur noch an Frauen abgeben.

Weil Frauen eben viel ärg­er als Män­ner darunter lei­den, dass ihr Haus nicht mehr ste­ht und es kaum Lebens­mit­tel gibt; Män­ner sind stark und kön­nen auch mal ein paar Tage länger ohne Nahrung über­leben. Sollen sich nicht so anstellen. Vielle­icht wird so das Chaos eingedämmt, wenn man einem Teil des Volkes zu ver­ste­hen gibt, dass es nun­mehr auf sich allein gestellt ist.

Laut CNN sichert das immer­hin die Exis­tenz von voll­ständi­gen Fam­i­lien, und die anderen haben eben Pech gehabt:

“What about me? I did­n’t get any­thing. I need food,” said John­ny Sanon Steven­son. “Many peo­ple could not par­tic­i­pate.”

Spenden? So nicht.

In den NachrichtenPolitik
Unser Hartz soll schöner werden.

Woha­ha­ha­ha:

Arbeitsmin­is­terin von der Leyen hält nichts von “Hartz IV”.

So weit schon mal gut.
Aber wie wir Frau von der Leyen ken­nen, kann sie immer noch einen drauf­set­zen; das Gegen­teil von “gut gemacht” ist, bekan­ntlich, gut gemeint:

Sie meint aber nur den Aus­druck[.]

Seht ihr? Und die Begrün­dung ist noch wun­der­lich­er:

Das Wort sei so neg­a­tiv beset­zt, dass es eine dif­feren­zierte Debat­te über Langzeitar­beit­slosigkeit behin­dere.

“Hartz IV” ist ein neg­a­tiv beset­zter Ter­mi­nus, das ist richtig. Und das liegt keines­falls an der Wort­wahl.

Nehmen wir an, das ALG II hieße stattdessen “Leyen­geld”. Würde das etwas daran ändern, dass dann eben statt Hartz IV das Leyen­geld dafür ver­ant­wortlich zu machen ist, dass seit Jahren sämtliche Arbeit­slosen- und Ver­ar­mungssta­tis­tiken für dieses Land kom­plet­ter Käse sind?

Und dann aber immer­hin:

Neue Begriffe könne man nicht von oben verord­nen. “Das geht nur, indem sich das Bild in der Bevölkerung zum Pos­i­tiv­en verän­dert.” (…) Am Beginn der Diskus­sion müsse nicht die Drohkulisse ste­hen, son­dern die Per­spek­tive. Arbeit­sange­bote müssten eine echte Brücke aus der Arbeit­slosigkeit bieten, sagte die CDU-Poli­tik­erin.

Ich kor­rigiere: Nicht der Begriff ist “neg­a­tiv beset­zt”, son­dern das, wofür er ste­ht. Per­spek­tiv­en will das ver­armte Volk, ja, und die bekommt es nicht, indem man mit Phrasen jongliert. Ich kann einen Krieg alter­na­tiv auch als “Frieden­sein­satz” oder “kriegsähn­lichen Zus­tand” beze­ich­nen, bei­des ver­ringert nicht die Zahl der Getöteten. Will ich etwas etablieren und ver­mei­den, dass man es ver­flucht, gebe ich ihm keinen lusti­gen Namen, son­dern ändere es dem Willen mein­er poten­ziellen Kun­den (lies: Wäh­ler) gemäß.

Kon­struk­tive Vorschläge hat Frau von der Leyen nicht anzu­bi­eten. Der Regel­satz sei angemessen, und über­haupt, kann denn nicht endlich ein­mal ein­er an die Kinder denken? (Helen Love­joy, “Die Simp­sons”):

“Allein­erziehende brauchen keine Arbeit­spflicht, sie brauchen Kinder­be­treu­ung.”

Gut, aber zurück zum The­ma Hartz IV, das ja nicht nur Allein­erziehende bet­rifft. Was macht man mit denen, abge­se­hen davon, dass sie zukün­ftig einen anderen Begriff ver­acht­en sollen?

Arbeit­sange­bote müssten eine echte Brücke aus der Arbeit­slosigkeit bieten, sagte die CDU-Poli­tik­erin.

Ah, da kom­men wir dann dem Kern der Sache doch schon näher. Statt die Leute mit irgendwelchem Arbeit­slosen­geld bei Laune zu hal­ten, sollte man (sollte! und man!, so sprach die gut situ­ierte Arbeitsmin­is­terin in der Hoff­nung, dass irgen­dein man sich zum sollen bere­it erk­lären möge) ihnen Arbeit­splätze geben. Den Vorschlag ihres Parteikol­le­gen Roland Koch, Arbeit­sun­willige zum Arbeit­en zu zwin­gen, lehnte sie immer­hin ab (‘tür­lich: Wo keine Arbeit­splätze frei sind, da kann auch kein­er arbeit­en), aber einen Punkt hat sie, so scheint mir, vergessen:

Wer als Arbeit­slos­er Hartz IV beziehen kann, der wird sich in ein­er Zeit der Glob­al­isierung (lies: Ver­lagerung von Arbeit­splätzen in ein Land, in dem man mit weniger Lohn zufrieden ist) meist hüten, sich nach ein­er wom­öglich schlecht bezahlten und unsicheren Arbeitsstelle umzuse­hen; die Vor­bere­itung auf das spätere Leben in der ange­blich zivil­isierten Gesellschaft begin­nt nicht erst mit dem Schu­la­b­schluss. Uta Meier-Gräwe, unter anderem Pro­fes­sorin für Wirtschaft­slehre des Pri­vathaushalts und Fam­i­lien­wis­senschaften der Jus­tus-Liebig-Uni­ver­sität Gießen, schrieb bere­its 2008:

Wenn (…) Hoff­nungs- und Per­spek­tivlosigkeit bei den Jugendlichen dominieren, ist (…) Lern­ver­weigerung mit der Begrün­dung „Ich werd eh Hartz IV“ eben auch nicht ver­wun­der­lich.

Das Volk hat längst erkan­nt, dass das ALG II, unab­hängig von sein­er Beze­ich­nung, ein tak­tis­ch­er Fehler und eine wirtschaftliche Katas­tro­phe war. Vielle­icht sollte man die Kriegskasse stattdessen nutzen, um Arbeit­splätze, die im Inland verbleiben, zu sub­ven­tion­ieren. Enorme Aus­gaben trotz ein­er geschätzten Staatsver­schul­dung von fast zwei Bil­lio­nen Euro sind ja spätestens seit der let­zten Unternehmens- und Banken­ret­tungsphase (Haupt­sache, die Boni stim­men) kein Prob­lem mehr, der Steuerzahler zahlt’s. Sind dann erst ein­mal genü­gend Stellen frei, bleibt den zuständi­gen Entschei­dern genug Freiraum, um dieses unsägliche “Hartz IV” feier­lich seines Amtes zu entheben und sich etwas besseres auszu­denken; dann hat die näch­ste Regierung wenig­stens was zu tun.

Klingt undurch­dacht? Wartet’s ab.

In den NachrichtenMusikkritikNerdkrams
Tocotronic — Schall und Wahn

Tocotron­ic ist eine dieser Musik­grup­pen, von denen man schon mal irgend­wo irgend­was gehört hat und mit denen man irgend­was assozi­ieren kann, selb­st ohne bewusst ein Lied von ihnen zu ken­nen. Was mir spon­tan bei Tocotron­ic ein­fällt: Pop­kul­tur. Spex, musik­ex­press und wie sie alle heißen. Und was mir wiederum bei Pop­kul­tur ein­fällt: Allein das Wort schon!

Vor drei Jahren kam ich erst­mals bewusst mit der Musik von Tocotron­ic in Berührung, begann mich mit deren frühen Alben anzufre­un­den. “Ich möchte Teil ein­er Jugend­be­we­gung sein”, zitierte auch ich schon und emp­fand es schon Jahre, bevor ich das Lied kan­nte, wie wohl die meis­ten Jugendlichen bisweilen einem Her­den­trieb und dem Wun­sch fol­gend, irgend­wo Anschluss zu find­en. Was das für ein Genre war, war mir damals einiger­maßen egal; irgend­wie auf­fäl­lig eigen­ständi­ges Indiegeschram­mel mit deutschen Tex­ten, die nicht immer einen Sinn ergaben, manch­mal aber auch einen, der nach der Hinein­in­ter­pre­ta­tion ein­er möglichst Zeigefin­ger schwin­gen­den Bedeu­tung ger­adezu zu schreien schien; “Geschram­mel” möchte ich hier übri­gens keines­falls als Wer­tung, lediglich als Beschrei­bung ver­standen wis­sen.

Dann kam “Kapit­u­la­tion”, und es stellte einen Rich­tungswech­sel dar: Die Lieder wur­den nicht länger, aber ruhiger. Nach dem Abtritt von Blum­feld schienen Tocotron­ic, wen­ngle­ich noch immer kaum poli­tisch tex­tend, ihr musikalis­ches Erbe antreten zu wollen, und sie macht­en ihre Sache gut. Stücke wie Har­monie ist eine Strate­gie oder das Titel­lied zeigten eine verän­derte Band, die län­gere Texte und mehr Melodie auf auch weit­er­hin nur kurz­er Laufzeit unter­brachte, und selb­st ihre juve­nil-aggres­siv­en, an frühe Ton Steine Scher­ben erin­nern­den Momente (Sag alles ab) klan­gen irgend­wie reifer und, let­ztlich, bess­er. Es blieb Geschram­mel, aber auf hohem Niveau.

Und jet­zt also “Schall und Wahn”. Tocotron­ic haben sich mit “Kapit­u­la­tion” offen­bar bei den üblichen Rezensen­ten beliebt gemacht, und so über­schla­gen sich die ins Inter­net schreiben­den Hör­er qua­si vor blind­er Begeis­terung, und die wenig­sten von ihnen ver­suchen dabei nicht, irgendwelchen Sinn hin­ter offenkundig alber­nen Liedern wie “Bitte oszil­lieren Sie” zu find­en, wirk­liche Ver­risse gibt es nicht ein­mal auf Amazon.de zu lesen, wo sich son­st die Schrei­hälse der Rezensen­ten­szene zu tum­meln pfle­gen. “Schall und Wahn” ist ein Phänomen. Peter nen­nt die Press­eschau hierzu sin­ngemäß eine blinde Helden­verehrung von schwafel­nden Ange­bern, und damit hat er ver­mut­lich eben­so Recht wie Sänger und Gitar­rist Dirk von Lowt­zow, der, nach der Bedeu­tung der Texte befragt, eine zu naive Herange­hensweise kri­tisiert. (Eine der besten Antworten, die ich von einem Musik­er je auf eine dumme Frage lesen durfte: “Ich finde [die Frage], ehrlich gesagt, doof.”)

Das Album ist keine Offen­barung voller kryp­tis­ch­er Botschaften, die entschlüs­selt wer­den müssten. Es ist allerd­ings tat­säch­lich das am aus­gereiftesten klin­gende Album, das Tocotron­ic bis­lang veröf­fentlicht haben. Der auf “Kapit­u­la­tion” eingeschla­gene Weg wird weit­er ver­fol­gt und geschlif­f­en, in den Tex­ten ist die Weltverbesserung Non­sens (“Bitte oszil­lieren Sie”, “Macht es nicht selb­st”) und Reflex­ion (“Im Zweifel für den Zweifel”) gewichen. Mit “Stürmt das Schloss”, ein Lied in der Tra­di­tion von “Sag alles ab”, ist auch ein krachen­der Ohrwurm auf dem Album zu find­en. (Ist “SdS” eine Abkürzung für “Stürmt das Schloss”, oder hat es eine tief­ere Bedeu­tung? Ein nicht zu unter­schätzen­der Vorteil von Liedern, deren Text man ver­ste­ht, ist es ja, dass die Inter­pre­ta­tion allein einem selb­st über­lassen bleibt — so kann man einem Lied gle­ich mehrfach etwas abgewin­nen und muss dafür nicht ein­mal kryp­tis­che Musik­magazine kaufen.)

Tocotron­ic sind erwach­sen gewor­den, und sie unter­lassen es zum Glück, das auch zu zeigen. Ich nehme an, “Schall und Wahn” wird in diesem Jahr eins der weni­gen guten Indie­rock­alben bleiben, und ich freue mich über jeden Ver­such, den Gegen­be­weis anzutreten. Das Album gibt es derzeit auf Deezer.com zum Probe­hören. Nicht übel. Gar nicht übel.

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NetzfundstückeIn den NachrichtenNerdkrams
Medienkritik XXI: Sprachschuld

Eins der inter­es­san­testen Sprach­bilder, die Jus­tizberichter­stat­tun­gen zieren, ist das Schuldigsprechen, das mir soeben wieder ein­mal auf SPIEGEL Online auffiel:

Mord an Abtrei­bungsarzt: Todess­chütze schuldig gesprochen lautet die Über­schrift. Die Vorgeschichte wird kurz erwäh­nt:

Acht Monate nach der Ermor­dung des promi­nen­ten amerikanis­chen Abtrei­bungsarztes George Tiller ist der Todess­chütze von einem Gericht im US-Bun­desstaat Kansas schuldig gesprochen wor­den.

(…) Tiller war im Mai ver­gan­genen Jahres im Foy­er sein­er Kirche in Wichi­ta erschossen wor­den. Der 67-Jährige hat­te eine von drei Kliniken in den USA geleit­et, die auf Schwanger­schaftsab­brüche im fort­geschrit­te­nen Sta­di­um spezial­isiert sind.

Die von mir her­vorge­hobe­nen Satzteile sind hier beson­ders inter­es­sant, denn wir ler­nen:

1. Ein “Todess­chütze” ist noch nicht per se schuldig.
2. US-amerikanis­che Ärzte besitzen eigene Kirchen.

Und so ein Mord­prozess ist in den Hand­feuer­waf­fen nicht unbe­d­ingt kri­tisch gegenüber ste­hen­den Vere­inigten Staat­en auch son­st recht selt­sam:

Er ges­tand in seinem Prozess, den Arzt im Ein­gangs­bere­ich der Kirche erschossen zu haben, bekan­nte sich aber nicht schuldig, weil der Mord an dem Abtrei­bungsarzt in seinen Augen gerecht­fer­tigt war. Er habe Tiller davon abhal­ten wollen, “weit­ere Babys zu töten”. Er bereue die Tat nicht.

Daraus ergeben sich wiederum zwei Fol­gerun­gen:

1. Auch ein beken­nen­der “Todess­chütze” ist noch nicht per se schuldig.
2. Reue scheint ein nötiger Aspekt zu sein, um unschuldig zu mor­den.

Bei SPIEGEL Online stimmt man diesem Aspekt zu, immer­hin ist in Fettschrift bere­its in der Ein­leitung zu lesen:

Der Angeklagte zeigte keine Reue vor Gericht: (…)

Hätte er es getan, was hätte sich geän­dert? Wäre er wom­öglich also nur schuld, nicht jedoch schuldig gewe­sen? Ich bin kein Juras­tu­dent oder gar darüber hin­aus in juris­tis­chen Fra­gen bewan­dert, jedoch hoffe ich, dass die deutsche Recht­sprechung da ein wenig undif­feren­ziert­er vorge­ht. (Nach­trag: Aufk­lärung vom Fach­mann gibt’s in den Kom­mentaren.)

(Apro­pos undif­feren­ziert: Dieses unsägliche iPad-Dings ist nicht nur min­destens über­flüs­sig, son­dern zudem vor neun­zehn Jahren schon bess­er da gewe­sen. Nur, damit sich kein­er beschw­ert, dass ich mich zu wenig mit diesem Hype befasse. Das soll’s dann jet­zt aber auch gewe­sen sein.)

PersönlichesSonstiges
Wieder Spaß im ÖPNV

Man forderte kürzere Ein­träge von mir. Ich ver­suche es mal:

Ich fuhr heute zwecks pro­fes­sioneller Unter­suchung mein­er Äußer­lichkeit­en und trotz der zu allzu viel Bequem­lichkeit ein­laden­den Semes­ter­fe­rien mit dem Bus, und dies gle­ich mehrfach (eben hin und zurück). Die Rück­fahrt war weit­ge­hend unspek­takulär, ich lernte nur unfrei­willig einige weit­ere Sprech­stücke irgen­deines mir nicht namentlich bekan­nten Aggro-Berlin-arti­gen Rap­pers ken­nen und stellte fest, dass rein­er Schlu­drigkeit zuschulden kom­mende Sprach­störun­gen (“sch” statt “ch”, “isch” statt “ig” usw.) offen­bar eine zwin­gende Voraus­set­zung darstellen, um es in diesem Genre wenig­stens zu aus­re­ichen­der Bekan­ntheit zu brin­gen; aber die Hin­fahrt, um wieder ein­mal ein Max-Goldt-Zitat anzubrin­gen, war super:

Die ini­tiale Hal­testelle des von mir gewählten Verkehrsmit­tels befind­et sich vor ein­er Grund­schule, und so hat­te ich nicht das Glück, einige schöne Sätze für die Nach­welt fes­thal­ten zu kön­nen. Es ging offen­bar um einen Mitschüler namens Nico, und die kleinen Strolche, die sich später noch gegen­seit­ig die Namen divers­er Poké­mon an den Kopf war­fen, sprachen, teils bewaffnet mit Schnee­haufen, also wie fol­gt:

“Wo is’ Nico?” — “In seim Arsch!” — “Ich muss ihn abw­er­fen, damit er nicht abhaut!”

Die Sprache ein­mal bei­seite gelassen — für zu wenig Sprachübung kön­nen sie noch nichts -, hat mir beson­ders die Selb­stver­ständlichkeit gefall­en, mit der die Logik der­maßen ver­dreht wurde. Ich habe gel­ernt:

1) Ist ein Men­sch nicht aufzufind­en, sollte man in dessen Gesäß suchen.
2) Um einen Mit­men­schen am Gehen zu hin­dern, ist es hil­fre­ich, ihn mit Schnee zu bew­er­fen.

Ich komme mir so furcht­bar alt vor.

(Ganz tolle Ankündi­gung für eine Fernsehre­portage übri­gens: “Fes­che Jungs in Uni­for­men und ihre lan­gen Rohre”. Ieks.)

PolitikIn den NachrichtenNerdkrams
Freiheit für den Schurkenstaat!

“Ja, spinne ich denn?”, so sollte eigentlich der erste Satz dieses Artikels laut­en, aber allzu leicht wollte ich es meinen Kri­tik­ern auch nicht machen, also hole ich lieber etwas weit­er aus:

Wie einige mein­er treuen Leser wom­öglich bere­its bemerkt haben, bin ich Entwick­ler divers­er Pro­jek­te, von denen einige auf dem bis­lang als zuver­läs­sig und der Entwick­lung freier Soft­ware förder­lich bekan­nten Por­tal SourceForge.net (sf.net, bewusst nicht ver­linkt) lagen, was ins­beson­dere für Tea­mar­beit einige unschätzbare Vorteile mit sich brachte. Eine der wichtig­sten Eigen­schaften freier Soft­ware ist eben ihre Frei­heit, die nicht durch lokale Geset­ze wie zum Beispiel ein allzu enges Urhe­ber­recht eingeschränkt wer­den kann. Laut dem GNU-Pro­jekt, Weg­bere­it­er der freien Soft­ware, ist an “frei” wie in “freier Rede” und nicht wie in “Frei­bier” zu denken, was freie Soft­ware von bloßer Free­ware (also Gratispro­gramme mit Lizenzbeschränkun­gen) unter­schei­det.

Dies war eigentlich eine unum­stößliche Wahrheit, die nicht zulet­zt dank mil­liar­den­schw­er­er Förder­er wie eben sf.net aufrecht erhal­ten wer­den kon­nte.

Nun aber haben sich die Ver­ant­wortlichen in den Vere­inigten Staat­en zu Wort gemeldet, die von Frei­heit (Stich­wort: Guan­tá­namo) unge­fähr so viel ver­ste­hen wie unsere zuständi­gen Min­is­ter vom Inter­net, und fan­den es natür­lich gar nicht gut, dass im eige­nen Land so viel von dieser Frei­heit herrscht, von der auch andere prof­i­tieren, selb­st so genan­nte “Schurken­staat­en”, die vor eini­gen Jahren jemand so beze­ich­nete, der den USA selb­st einen nicht allzu guten Leu­mund ein­fuhr; und sie schwan­gen also ihren län­geren Hebel (was ich mir wahrlich nicht vorstellen möchte) und beschlossen unge­fähr fol­gen­des:

sf.net solle for­t­an den fünf Staat­en Kuba, dem Iran, Nord­ko­rea, dem Sudan und Syrien jeglichen Zugang zu den eige­nen Ange­boten ver­wehren, da dies als “Export in Schurken­staat­en” gew­ertet würde, und sf.net gehorchte; nicht aus Überzeu­gung, ver­ste­ht sich, son­dern weil die GPL und ver­gle­ich­bare Lizen­zen eben weniger Wert besäßen als US-amerikanis­che Imper­ti­nenz Geset­zge­bung.

Eine am Mon­tag erfol­gte Stel­lung­nahme endete im Wort­laut so:

We regret deeply that these sanc­tions may impact indi­vid­u­als who have no mali­cious intent along with those whom the rules are designed to pun­ish. How­ev­er, until either the des­ig­nat­ed gov­ern­ments alter the prac­tices that got them on the sanc­tions list, or the US government’s poli­cies change, the sit­u­a­tion must remain as it is.

Frei über­set­zt und zusam­menge­fasst: Tja, schade, kann man aber nichts machen; sollen halt die bösen Schurken­staat­en sich koop­er­a­tiv ver­hal­ten, dann ist alles wieder in Ord­nung. Es muss dann doch sein: Ja, spinne ich denn?

Von weltweit ansäs­si­gen Pro­gram­mier­ern erstellte Web­seit­en, Pro­gramme und Daten­banken unter­liegen seit neuestem US-amerikanis­chen Exportbes­tim­mungen (“[t]he spe­cif­ic list of sanc­tions that affect our users con­cern the trans­fer and export of cer­tain tech­nol­o­gy to for­eign per­sons and gov­ern­ments on the sanc­tions list”, Her­vorhe­bung von mir) und dür­fen nicht aus fiesen Staat­en wie Nord­ko­rea herun­terge­laden wer­den, weil die US-amerikanis­che Regierung das nicht so mag?

Wer irgen­det­was auf eine US-amerikanis­che Web­seite hochlädt (Google Code, heißt es, habe ähn­liche Beschränkun­gen einge­führt), betreibt also nicht nur Export (komisch; ich war bis­lang der Ansicht, “Exportieren” hieße “hin­ter­her iss­es in einem anderen Land”), son­dern überträgt auch noch die Voll­macht zur Lizen­zän­derung auf die zuständi­ge Regierung. Michael Manske stellt richtig fest:

Man muss sich lei­der fra­gen inwieweit man sich bei in den USA betriebe­nen Plat­tfor­men noch des “Open” in Open Source sich­er sein kann.

Da bleibt es einem nur noch übrig, sich an den Kopf zu fassen, langsam bis 10 zu zählen und den geord­neten Rück­zug anzutreten. Mehrere Entwick­ler haben bere­its Kon­se­quen­zen gezo­gen, ich mein­er­seits schaue mich auch bere­its nach ein­er neuen, adäquat­en Heimat für die let­zten mein­er dort verbliebe­nen Pro­jek­te um.

Ich rate allen Lesern, die eben­falls unter ein­er freien Lizenz entwick­eln, dazu, es mir gle­ichzu­tun. Freie Soft­ware ist kein Poli­tikum, und sie darf es niemals wer­den. Und das Wichtig­ste ist: Frei­heit gilt auch für “Schurken­staat­en”.

Um das zu erken­nen, muss man wahrlich kein Schurke sein.

NetzfundstückeIn den NachrichtenNerdkrams
Kurz verlinkt V: Von weltlichen Werten, Weltkonzernen und Weltsprachen

Weltliche Werte hal­ten Einzug in das “Web 2.0”, das Netz, in dem man intim­ste Details mit “Fre­un­den” teilt oder zumin­d­est mit irgendwelchen Leuten, die in ein­er “Fre­un­desliste” ste­hen; im Zweifel also mit der ganzen Welt. Und weil man ja nichts zu ver­ber­gen hat und man die “neue” Tech­nik gern dazu nutzt, Men­schen gle­ich­er Inter­essen ken­nen zu ler­nen, hat man in den USA einen neuen Trend der dor­ti­gen Net­zbe­wohn­er aufge­spürt:

Dank Blip­py kön­nen Nach­barn und Fre­unde im Inter­net sehen, was der Einzelne per Kred­itkarte bezahlt: Musik, Schuhe, Hotel mit der Geliebten. Das soll Spaß machen (…). Seit weni­gen Tagen ist der Zugang für alle offen.

Spaß! Feiern! Gute Laune! Diese alber­nen bun­ten Hütchen auf­set­zen, der Welt seine Rech­nun­gen präsen­tieren und pausen­los dümm­lich grin­sen. (Hat irgen­dein ver­rück­ter Wis­senschaftler eigentlich irgend­wann mal Ner­ven­gas in US-amerikanis­che Belüf­tungsan­la­gen gekippt? Anders kann ich mir das nicht erk­lären.)

Der eben­falls US-amerikanis­che Weltkonz­ern Apple wirft mal wieder ein neues, nut­zlos­es Pro­dukt auf den Markt, und die berich­t­en­den Pres­sev­ertreter über­schla­gen sich mal wieder ger­adezu in Lob­hudeleien. Eine Analyse des SPIEGEL-Online-Bericht­es hat Nico­las Neubauer vorgenom­men, die zeigt, warum man Berichter­stat­tun­gen über Apple-Pro­duk­te grund­sät­zlich kri­tisch gegenüber ste­hen sollte. Lesenswert und amüsant.

Apro­pos amüsant: Ein Leser wies mich mit den Worten “sel­ten so fremdgeschämt wie in diesem vid, und zeit­gle­ich krieg­ste übelst wut” (in Orig­i­nalschreib­weise) auf dieses Video hin, in dem der zur End­lagerung in Brüs­sel vorge­se­hene baden-würt­tem­ber­gis­che Min­is­ter­präsi­dent Gün­ther Oet­tinger die so genan­nte Welt­sprache Englisch als Amtssprache der Europäis­chen Union (deren Mit­gliedsstaat­en eben immer noch mehrheitlich deutschsprachig sind, was gern vergessen wird) anpreist und seine eige­nen Ken­nt­nisse dieser Sprache demon­stri­ert. Um Him­mels Willen, möchte ich da beina­he aus­rufen, nein, bitte nicht!

PersönlichesMusik
Sein oder ich sein?

(Und da wäre dann noch die zwick­ende Erin­nerung an die immer weit­er tick­ende Leben­suhr, und bei jedem Tick­en freut man sich, dass es noch nicht zu spät ist, vor lauter Per­spek­tiv­en sieht man sich selb­st schon nicht mehr im Spiegel und will das auch eigentlich gar nicht, man set­zt sich dann also lieber hin auf den gemütlichen Stuhl, der sich “Lebensweg” nen­nt, und schaut fröh­lich in alle Rich­tun­gen. Ich sollte mal, ich kön­nte eigentlich, aber was soll’s, ist ja noch Zeit. Man ist noch lange keine 30, jed­er Tag kommt einem ohne­hin ewig vor. Nur keine Hek­tik. Der Her­rgott hat die Zeit gemacht, von Eile hat er nichts gesacht. Bish­er hat alles gut funk­tion­iert, und man kön­nte, wenn man wollte, also warum beeilen, die anderen ver­sumpfen ja auch. Leben ist jet­zt, und wenn’s mor­gen auch noch ist, denken wir mor­gen noch mal drüber nach und begin­nen wieder bei “Und da wäre dann noch”. Man kön­nte Musik­er wer­den, Texte kann man und eine Gitarre hat man auch schon mal gese­hen, ach ja, eine Band oder wenig­stens ein Auf­nah­megerät wäre mal toll; suche ich dann nach­her oder kaufe ich dann später. Vielle­icht. Bis dahin: Lyrik­er. Gedichte und Prosa ver­fassen und sich unge­heuer wichtig dabei vorkom­men, irgendw­er wird’s schon lesen wollen. Und wenn nicht? Dann ver­di­ent man sich eben was dazu. Pro­gram­mieren, klar, macht man ja eh den ganzen Tag und ver­di­ent manch­mal, wenn man Glück hat, sog­ar ein paar Währung­sein­heit­en damit, dies ist eine freie Welt, wenn du es nicht machst, macht es wer anders, also lassen wir das mit dem Risiko mal, und die unfer­ti­gen Lebensen­twürfe liegen beschriftet und säu­ber­lich einge­heftet bere­it, man ist ja noch jung und muss sich noch nicht fes­tle­gen, aber man hat dann schon mal was, wom­it man was anfan­gen kann, wenn man mal ange­fan­gen hat. Und in ruhi­gen Momenten, in denen man denkt, so, jet­zt kön­ntest du dann mal anfan­gen, fragt man sich dann lieber, warum man denn über­haupt noch nicht ange­fan­gen hat, und schreibt Texte wie diese. Suche Moti­va­tion, gern auch gebraucht.)

Du hast wieder alles gegeben, hast alles genom­men,
warst nicht nur daneben, hast dich auch so benom­men,
bist wenig­stens deinem Leben ’ne Nacht lang entkom­men;
das Prob­lem ist nur, eben hat es zu däm­mern begonnen…

(Die Fan­tastis­chen Vier: Hey!)

Piratenpartei
Hilfe, Unterwanderung!

Und das Neueste aus der Welt der wirren Blogs (bewusst nicht ver­linkt): Ich werde unter­wan­dert. Und mit mir eine ganze Partei.

Was ist passiert? Nun, unter dem reißerischen Titel Dres­den naz­ifrei! rufen einige Promi­nente und weniger Promi­nente, darunter auch Bun­destagsab­ge­ord­nete der Partei “Die Linke.”, derzeit dazu auf, eine am 13. Feb­ru­ar geplante Demon­stra­tion im Gedenken an die Opfer der Bom­bardierung deutsch­er Städte zu block­ieren. (Ja, es geht wörtlich um Block­aden, nicht um bloße Gegen­demon­stra­tio­nen.) Und weil das “irgend­was mit Hitler” zu tun hat, pappte man das Siegel “Antifaschis­mus” oben­drauf, ließ es von aus­gerech­net der bekan­ntlich Demokratie und Rechtsstaat lieben­den Antifaschis­tis­chen Aktion organ­isieren und suchte sich Mit­stre­it­er für diese anti­demokratis­che Straftat Aktion zur Wahrung der Demokratie.

Nun hat sich auch ein Lan­desver­band der Piraten­partei bere­it erk­lärt, diese Aktion zu unter­stützen. Da das aktive Block­ieren ein­er legit­i­men Demon­stra­tion jedoch wed­er mit den Grund­sätzen der Piraten­partei (“wir sind nicht links und nicht rechts, wir sind vorne!”) noch mit gel­ten­dem Gesetz in Ein­klang zu brin­gen ist, wurde nach ein­er heißen Diskus­sion im Piraten­fo­rum (die gern ver­linkt, aber wohl nie so ganz gele­sen wird) diese Unter­stützung vor­erst wieder zurück­gerufen.

Und schon haben wir den Salat und die neg­a­tive Presse von den gewohn­ten Schrei­hälsen und Burgtrompetern:

Die Piraten­partei sym­pa­thisiere nicht mehr nur mit der NPD, weil sie nicht bere­it ist, linksmo­tivierte Straftat­en zu unter­stützen; nein, sie werde gar von ihr, so schreibt der übliche (absichtlich nicht ver­link­te) Quatschblog­ger, unter­wan­dert. Die gute, alte George‑W.-Bush-Mentalität (either you are with or you are against us, weil’s halt zwis­chen Linksau­tonomen und Recht­sradikalen nichts geben darf) schlägt wieder zu. Außer Frédéric vom Spree­blick kommt auch nie­mand auf die Idee, die entsprechende Stel­lung­nahme der Piraten­partei auch nur zu erwäh­nen. Recherchen? Pustekuchen.

Da kann man eigentlich nur noch die Nase rümpfen.