Dass wir täglich von dem um sich greifenden Anglisierungswahn umgeben sind, ist ja schon beinahe keiner Erwähnung mehr wert.
Manchmal allerdings fasst man sich dann doch an den Kopf.
Kürzlich wurde ich mit dem kaputten Sender RTL konfrontiert, der derzeit nicht mal ein brauchbares Programm vorzuweisen hat, das irgendjemanden zum Einschalten bewegen sollte, und es lief ausgerechnet ein Eigenwerbeblock. In diesem wurde wiederum dies angekündigt:
Die erfolgreichsten Rock-/Pop-Christmassongs aller Zeiten sollten in Bälde aufgeführt werden.
Ist das nicht grausig?
Gehen wir’s mal durch:
“Die erfolgreichsten”
Woran wird der Erfolg genau gemessen? An der Beliebtheit in der Zuhörerschaft sicher nicht; “Last Christmas” (aus Rücksicht auf die Nerven meiner Leser nicht mit einem Hyperlink versehen) mag bekannt sein, aber niemand, der bereits eine vollständige Weihnachtszeit mit Musikuntermalung hinter sich gebracht hat, legt Wert darauf, diese Gruselmusik mit dem Attribut “erfolgreich” zu versehen. Hoffe ich jedenfalls.
“Rock-/Pop”
… und dazwischen gibt es nichts? “Rock/Pop” ist die wenigstens halbwegs informiert klingende Ausdrucksweise für “halt so Musik”. Alles, was nicht Rock ist, ist Pop; dies scheint die gesellschaftlich akzeptierte Lesart musikalischer Genres zu sein.
Bedeutet das, dass Rock keine popular music ist? Schön wäre es ja, dann könnten sich einige Rockbands endlich von dem Versuch abwenden, sich anzubiedern, und wieder gute Musik fabrizieren. In dem Phrasenungetüm, das wir hier vor uns haben, ist “Rock/Pop” jedenfalls bestenfalls überflüssig.
“Christmas”
Man mag ja von englischen Lehnwörtern halten, was man will; “Christmas” ist keines. (Jedenfalls nicht nach der mir bekannten Definition von Lehnwörtern, die da besagt: Wenn ein fremdsprachiges Wort die deutsche Grammatik bekommt, ist es ein Lehnwort. Wie dekliniert man “Christmas”?)
Nein: Hier wurde ein englisches Wort mitten in den Term geklebt. Weil es eben “cooler” klingt als “Weihnachts-”, nehme ich an. “Eek!”, wie der US-Amerikaner zu sagen pflegt.
“-songs”
Hier gilt eigentlich noch immer der vorige Absatz, aber auch inhaltlich möchte ich noch eine Ergänzung anbringen: Dass in Weihnachtsliedern leider meist Gesang im Spiel ist, ist eigentlich nichts, was man separat durch die Wortwahl betonen müsste. Und “Ich singe einen Song” ist doch nun wahrlich ein höchst alberner Satz.
“aller Zeiten”
Zum Abschluss dann doch noch mal eine vermeintlich deutsche Phrase, entlehnt aus dem englischen “of all times” und dort genau so falsch.
Wären es tatsächlich “die erfolgreichsten … aller Zeiten”, so könnte man also guten Gewissens davon ausgehen, dass kein zukünftiges Musikstück mehr einen größeren Erfolg zu verbuchen vermag. (Aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Rangliste tatsächlich recht unveränderlich ist. Ich halte mich vor allem zur Weihnachtszeit grundsätzlich bestmöglich von allen Veranstaltungen fern, die Radiomusik spielen könnten, aber ich nehme an, wenn ich in diesem Jahr anders vorgehe, werde ich wieder mit “Last Christmas”, “White Christmas” und “Jingle Bells” gequält. Die deutschsprachige Musikwelt hat dergleichen nur wenig vorzuweisen, und ich kann es gar nicht groß genug schreiben, um meinem erleichterten Schrei ausreichend schriftlichen Ausdruck zu verleihen: Zum Glück!)
I’m dreaming of a wild business.
— EAV: Ihr Kinderlein kommet (verdammt noch einmal)
Lesetipp, bis mir wieder was besseres einfällt:
Der Supermarkt als Spiegelbild der Ich-Gesellschaft.