… Es war dunkel und es regnete, als er wieder auf die Straße trat. Kein Mensch war mehr zu sehen, fast kein Geräusch mehr zu hören; nur in der Ferne unterhielt sich eine Eule mit der Nacht. „Wie passend“, dachte er.
Was hatte er erwartet, als er noch kurz zuvor mit Herzklopfen vor ihrer Tür stand? Er hätte sich ohrfeigen können. Wie ein Narr hatte er sich benommen. Alles war an seiner Angst zerbrochen, auch damals im Frühling, als er noch nicht alles ruiniert hatte. Angst war sein Begleiter, seit er denken konnte, und hatte ihn schon oft in Gefahr gebracht. Eine Angst jedoch war neu: Die Angst, die ihn nun seit Monaten quälte und die ihm heute auch diese eine, letzte Chance versagt hatte. Die Angst, sie endgültig zu verlieren.
Sie war fort, daran zweifelte er nicht, und es war seine eigene Schuld. Sie war die Frau seines Lebens, und eigentlich hätte er jetzt ebenso gut einfach tot umfallen können. Dabei hatte alles so gut begonnen. Seiner Bitte um die längst fällige Aussprache wollten sie beide endlich – und nach langem endlich wieder gemeinsam – nachkommen. Vielleicht schwangen Übermut und Leichtsinn mit, als er es sich ausmalte, wie es wohl ausgehen würde, vielleicht war es auch nur seine Verzweiflung; er wusste jedenfalls, dass es für ihn, nein: für sie beide an diesem Abend um alles ging, um eine gemeinsame Zukunft oder um ein Leben ohne ein „Wir“, an das er in diesen Tagen ständig dachte. Wochenlang hatte er sich vorbereitet, Fragen, Antworten und Erinnerungen sorgfältig sortiert. Er hatte schon zu viel Glück gehabt, diesmal durfte er sich nicht auf es verlassen.
Er hatte es mal wieder übertrieben. Je näher der Tag rückte, auf den er all seine Hoffnungen, Wünsche und Träume projiziert hatte, desto ungeduldiger wurde er. Als er es schließlich nicht mehr aushielt, begann er wieder zu schreiben. Er schrieb Gedichte und zitierte Lieder, er offenbarte dem Papier in Prosa sein Gefühlsleben. Der Stapel an Aufzeichnungen wuchs zusehends. „Warum warten?“, dachte er sich, als er dies bemerkte. Er wollte ihr zeigen, was sie ihm bedeutete. Der Aussicht darauf, all dies noch unausgesprochen lassen zu müssen, behagte ihm nicht. Hin und wieder also, wenn ihm ein Text besonders gut gefiel, verpackte er ihn und sandte ihn ihr zu. Er hoffte, dass sie ihn verstehen würde.
Endlich war sein Tag gekommen. Geschlafen hatte er seit mehreren Nächten nur noch wenig, er lag stundenlang wach und dachte an sie. Was würde passieren, wenn sie sich in die Augen sähen – er in ihre dunklen, tiefen, sie in seine hellen, klaren?
Zögernd trat er vor ihre Tür und betätigte die Klingel. Erst nach, so kam es ihm vor, mehreren Minuten bemerkte er, dass an ihr ein Brief befestigt war, auf dem sein Name stand. Er zitterte, während er ihn öffnete. Er war von ihr.
Mit jedem Satz, den er las, zitterten die Buchstaben ein wenig mehr. Sie habe, schrieb sie, sich entschieden. Sie fühle sich von ihm noch immer – oder schon wieder? – eingeengt und unter Druck gesetzt; genau wie damals, als sie ihn verließ. „Die Briefe!“, dachte er und riss die Augen auf. Diese verdammten Briefe, die er ihr immer wieder zukommen ließ, hatten ihn um den letzten Grashalm gebracht. Den letzten hatte er erst am Vortag geschrieben, die Tinte war noch nicht lange getrocknet. „Gestern“, dachte er, und die alte, ungeliebte Schallplatte in seinem Kopf begann sich wieder zu drehen. „Why she had to go I don’t know, she wouldn’t say; I said something wrong, now I long for yesterday.“
Nur mit Mühe konnte er durch die Schleier, die seine Augen und seinen Verstand zu umhüllen begannen, ihre letzten Worte entziffern:
Sie wolle ihn nie mehr wiedersehen.
Er atmete tief durch. Das Geschrei der Eule, die noch immer unaufhörlich mit der Nacht sprach, klang jetzt, als lachte sie ihn aus. Das Wasser, das ihm über das Gesicht lief, schmeckte salzig. …


hachja.…