PersönlichesLyrik
Sie. (Frag­ment 2)

… Es war dun­kel und es reg­ne­te, als er wie­der auf die Stra­ße trat. Kein Mensch war mehr zu sehen, fast kein Geräusch mehr zu hören; nur in der Fer­ne unter­hielt sich eine Eule mit der Nacht. „Wie pas­send“, dach­te er.

Was hat­te er erwar­tet, als er noch kurz zuvor mit Herz­klop­fen vor ihrer Tür stand? Er hät­te sich ohr­fei­gen kön­nen. Wie ein Narr hat­te er sich benom­men. Alles war an sei­ner Angst zer­bro­chen, auch damals im Früh­ling, als er noch nicht alles rui­niert hat­te. Angst war sein Beglei­ter, seit er den­ken konn­te, und hat­te ihn schon oft in Gefahr gebracht. Eine Angst jedoch war neu: Die Angst, die ihn nun seit Mona­ten quäl­te und die ihm heu­te auch die­se eine, letz­te Chan­ce ver­sagt hat­te. Die Angst, sie end­gül­tig zu ver­lie­ren.

Sie war fort, dar­an zwei­fel­te er nicht, und es war sei­ne eige­ne Schuld. Sie war die Frau sei­nes Lebens, und eigent­lich hät­te er jetzt eben­so gut ein­fach tot umfal­len kön­nen. Dabei hat­te alles so gut begon­nen. Sei­ner Bit­te um die längst fäl­li­ge Aus­spra­che woll­ten sie bei­de end­lich – und nach lan­gem end­lich wie­der gemein­sam – nach­kom­men. Viel­leicht schwan­gen Über­mut und Leicht­sinn mit, als er es sich aus­mal­te, wie es wohl aus­ge­hen wür­de, viel­leicht war es auch nur sei­ne Ver­zweif­lung; er wuss­te jeden­falls, dass es für ihn, nein: für sie bei­de an die­sem Abend um alles ging, um eine gemein­sa­me Zukunft oder um ein Leben ohne ein „Wir“, an das er in die­sen Tagen stän­dig dach­te. Wochen­lang hat­te er sich vor­be­rei­tet, Fra­gen, Ant­wor­ten und Erin­ne­run­gen sorg­fäl­tig sor­tiert. Er hat­te schon zu viel Glück gehabt, dies­mal durf­te er sich nicht auf es ver­las­sen.

Er hat­te es mal wie­der über­trie­ben. Je näher der Tag rück­te, auf den er all sei­ne Hoff­nun­gen, Wün­sche und Träu­me pro­ji­ziert hat­te, desto unge­dul­di­ger wur­de er. Als er es schließ­lich nicht mehr aus­hielt, begann er wie­der zu schrei­ben. Er schrieb Gedich­te und zitier­te Lie­der, er offen­bar­te dem Papier in Pro­sa sein Gefühls­le­ben. Der Sta­pel an Auf­zeich­nun­gen wuchs zuse­hends. „War­um war­ten?“, dach­te er sich, als er dies bemerk­te. Er woll­te ihr zei­gen, was sie ihm bedeu­te­te. Der Aus­sicht dar­auf, all dies noch unaus­ge­spro­chen las­sen zu müs­sen, behag­te ihm nicht. Hin und wie­der also, wenn ihm ein Text beson­ders gut gefiel, ver­pack­te er ihn und sand­te ihn ihr zu. Er hoff­te, dass sie ihn ver­ste­hen wür­de.

End­lich war sein Tag gekom­men. Geschla­fen hat­te er seit meh­re­ren Näch­ten nur noch wenig, er lag stun­den­lang wach und dach­te an sie. Was wür­de pas­sie­ren, wenn sie sich in die Augen sähen – er in ihre dunk­len, tie­fen, sie in sei­ne hel­len, kla­ren?

Zögernd trat er vor ihre Tür und betä­tig­te die Klin­gel. Erst nach, so kam es ihm vor, meh­re­ren Minu­ten bemerk­te er, dass an ihr ein Brief befe­stigt war, auf dem sein Name stand. Er zit­ter­te, wäh­rend er ihn öff­ne­te. Er war von ihr.

Mit jedem Satz, den er las, zit­ter­ten die Buch­sta­ben ein wenig mehr. Sie habe, schrieb sie, sich ent­schie­den. Sie füh­le sich von ihm noch immer – oder schon wie­der? – ein­ge­engt und unter Druck gesetzt; genau wie damals, als sie ihn ver­ließ. „Die Brie­fe!“, dach­te er und riss die Augen auf. Die­se ver­damm­ten Brie­fe, die er ihr immer wie­der zukom­men ließ, hat­ten ihn um den letz­ten Gras­halm gebracht. Den letz­ten hat­te er erst am Vor­tag geschrie­ben, die Tin­te war noch nicht lan­ge getrock­net. „Gestern“, dach­te er, und die alte, unge­lieb­te Schall­plat­te in sei­nem Kopf begann sich wie­der zu dre­hen. „Why she had to go I don’t know, she would­n’t say; I said some­thing wrong, now I long for yester­day.“

Nur mit Mühe konn­te er durch die Schlei­er, die sei­ne Augen und sei­nen Ver­stand zu umhül­len began­nen, ihre letz­ten Wor­te ent­zif­fern:
Sie wol­le ihn nie mehr wie­der­se­hen.

Er atme­te tief durch. Das Geschrei der Eule, die noch immer unauf­hör­lich mit der Nacht sprach, klang jetzt, als lach­te sie ihn aus. Das Was­ser, das ihm über das Gesicht lief, schmeck­te sal­zig. …

Senfecke:

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