MusikkritikNetzfundstückeKaufbefehle
The National — Alligator

Eigentlich hätte jet­zt hier ein geschlif­f­en for­muliert­er Text voll zynis­ch­er Wort­spiele ste­hen sollen, der die derzeit durch die Blogs geis­ternde Geschichte von der bis­lang blödesten Abmah­nung des Jahrzehnts zum The­ma hätte und in dem ich mich über die eigentlich über­aus unan­genehme Verbindung aus fehlen­der tech­nis­ch­er Sachken­nt­nis und Geld für Anwälte bekla­gen wollte, aber bevor ich ihn schließlich fix­ierte, beschloss ich, noch ein­mal einen Blick in den immer noch stetig wach­senden Sam­melord­ner noch zu hören­der Musikalben zu wer­fen, schob also das erst­beste Werk in mein Abspiel­gerät, set­zte die Kopfhör­er auf und war aus­re­ichend fasziniert, um stattdessen einen Text über die gehörte Musik zu ver­fassen.

Das Album “Alli­ga­tor” der US-amerikanis­chen Band The Nation­al ist inzwis­chen fünf Jahre alt, aber es hat sich bis­lang erfol­gre­ich meinen Ohren ent­zo­gen; wohl auch, weil mir das Nach­fol­gew­erk “Box­er” eher ab- als zusagen wollte und weil ich deshalb erst mal ver­drängt habe, je etwas von dieser Musik­gruppe kon­sum­iert zu haben. Ich hoffe nicht, dass es ein Zeichen fortschre­i­t­en­den Alters ist, aber “Alli­ga­tor” trifft derzeit genau neben meinen musikalis­chen Nerv. (Würde es meinen Nerv tre­f­fen, würde es schmerzen, daher ist daneben ger­ade gut. Ach, Wort­spiele, die man erk­lären muss, sind keine guten solchen.)

Peter ver­gle­icht The Nation­al mit den Edi­tors (die ich nicht mag) und Inter­pol (die ich nicht kenne), auf Amazon.de zieht man mit Joy Divi­sion und den Tin­der­sticks dann immer­hin Ver­gle­iche, die ich einiger­maßen ver­ste­he und für richtig halte. Mis­cht man alles zusam­men, was man so über dieses Album liest, so enthält es min­destens melan­cholis­chen Indie-Amer­i­cana-Post-Punk-Rock, und weil sich das ver­mut­lich dann doch lieber kein­er merken will, nenne ich es ein­fach mal eine Melange aus let­zteren bei­den Bands und freue mich tierisch darüber, so eine schöne kurze Beschrei­bung for­muliert zu haben. Die ist wenig­stens schön grif­fig.

Dieses Album also, das (schrieb ich das schon?) mir sehr gefällt, drückt in Text, Gesang und Instru­men­tierung eine verzweifelte Melan­cholie aus, wie sie mir in all mein­er Melo­dra­matik ger­ade recht kommt. Musik für ein­same See­len, die für feige Depres­sio­nen dann doch wieder nicht ein­sam genug sind.

I got two sets of head­phones, I miss you like hell
Won’t you come here and stay with me
Why don’t you come here and stay with me

Ungekün­stelte Lyrik ist gute Lyrik, und ver­tont klingt sie so oder auch so. Kaufen, hören und auf die Texte acht­en. Ersteres und zweit­eres in dieser Rei­hen­folge, drit­teres gle­ichzeit­ig mit zweit­erem. (Davor oder danach geht natür­lich auch.)

PersönlichesNetzfundstücke
De futura.

Ger­ade in der Wer­bung aufge­fall­en: “Bun­deswehr — Kar­riere mit Zukun­ft”. Eine solche Zukun­ft wün­sche ich tat­säch­lich nie­man­dem.

Wie das mit den Wün­schen doch ohne­hin nicht immer ganz ein­fach ist. Man steigert sich in sie hinein und plant unbe­wusst oder auch bewusst, und man ver­spricht sich selb­st, dass das näch­ste Mal bess­er ver­laufen mag, weil man ja nun wisse, wo die Fehler lagen, und dann scheit­ert es doch nur an der eige­nen Unzulänglichkeit.

Ludite, si sapi­tis, solas impune puel­las:
Hac minus est una fraude tuen­da fides.

(Ovid: Ars ama­to­ria I)


Noch ein kurz­er Nach­trag zum The­ma Google: Mir scheint, dem The­ma Google widme man sich derzeit in deutschen Medi­en mit erhöhter Aufmerk­samkeit, mit weni­gen Aus­nah­men hat sich da inzwis­chen auch ein gewiss­er Kon­sens her­aus­ge­bildet.

Selb­st Susanne Gaschke, Redak­teurin des anson­sten eher min­derqual­i­ta­tiv­en Nachricht­en­magazins Die Zeit, ruft zum Protest gegen Google auf.

Was heißt »Pri­vatheit« noch, wenn keine Bewe­gung mehr inkog­ni­to ist?

Für lesenswert befun­den und aus­drück­lich zu solchem emp­fohlen.


(Und dann noch mal das übliche Apro­pos, dies­mal Roman­tik: Wie man das, was eine Frau als “roman­tis­chen Moment” und ein Mann als “kitschiges Klis­chee” betra­chtet, erfol­gre­ich zu einem ger­adezu kindis­chen Spaß für alle Beteiligten umwan­delt, erläutert Kirsten Fuchs. Hihi.)

‘De futu­ra.’ weit­er­lesen »

MusikIn den Nachrichten
Deine Mudda wählt CSU, Alter.

Was müssen meine trüben Augen da wieder zur Ken­nt­nis nehmen?:

Rap­per Bushi­do (31) und Bay­erns Min­is­ter­präsi­dent Horst See­hofer (60, CSU) hat­ten sich beim Film­ball in München so einiges zu erzählen. Anschließend ver­ri­et der Bay­erische Lan­des­vater in “Bild”: “Ich würde mir wün­schen, dass Bushi­do einen Wahlkampf­song für uns macht”.

Der boule­vardeske Stil, Per­so­nen­nen­nun­gen grund­sät­zlich mit eingeklam­merten Alter­sangaben zu verse­hen, weil sie für den Trans­port der eigentlichen Inhalte bekan­ntlich essen­ziell sind, ist mir (24) dur­chaus nicht ent­gan­gen und beina­he Stoff für eine weit­ere Medi­enkri­tik, aber ich bin heute ein wenig schreib­faul. Sollte sich allerd­ings der Inhalt der Nachricht als authen­tisch erweisen, so möchte ich hier­mit meine Erheiterung ob dieses Umstandes zum Aus­druck brin­gen.

So eine Wahlkampfhymne stelle ich mir von aus­gerech­net Bushi­do ja auch nicht allzu unhu­morig vor; die CSU ist zum Beispiel voll Ghet­to, ey.

Offen­bar bere­it­et das dem Poli­tik­er keine großen Sor­gen: “Ich kenne seine Musik von meinen Kindern. Er ist ein sehr höflich­er junger Mann.”

Dass Bushi­do trotz all sein­er ver­ton­ten Gewalt­fan­tasien nicht unbe­d­ingt allzu falsch tickt, hat­te ich ja vor ein­er Weile schon zugegeben; aber aus welchem sein­er bis­lang auf Ton­träger gepressten Werke das her­vorge­ht oder ob Horst See­hofer eventuell von etwas völ­lig anderem sprach, als er aus­gerech­net seine Musik ins Spiel brachte, hätte ich dann doch schon gern mal erfahren. Wer kann mir da weit­er­helfen?

(Apro­pos komis­che Artiku­la­tion; SPIEGEL Online liefert mir heute das Rapz­i­tat der Woche: “Dies ist eine Geschichte aus alter Zeit, über mein kos­mis­ches Idol, das in meinen Träu­men weilt, über wen rede ich, Kumpel? Yeah, ich rede über Bud­dha, yo.” Danke, keine weit­eren Fra­gen.)

MusikPolitikNetzfundstücke
Kurz verlinkt IV: Kathrin Passig und, “hurra!”, das neue Ding

Derzeit auf tagesschau.de zu lesen:
Die “Web-Exper­tin” (was wieder ein­mal sehr schön zeigt, dass man, um heutzu­tage als “Experte” dummes Zeug in irgen­dein Mikro­fon schwafeln zu dür­fen, nur unge­fähr wis­sen muss, wie der abstrak­te Gegen­stand, mit dem man sich ange­blich ausken­nt, unge­fähr buch­sta­biert wird; gemäß Urban Pri­ol: “ein­mal in der Eis­diele vom Zitro­nen­sor­bet naschen, schon ist man Experte für Polar­forschung”) Kathrin Pas­sig erk­lärt, wieso sämtliche “sozialen Net­zw­erke” dazu beitra­gen, dass sie nicht sozial verküm­mert, und dass jedem dieser Por­tale, das aus der Mode kommt, min­destens ein neues “kom­mendes Ding” fol­gt.

In Deutsch­land zum Beispiel entwick­elte sich die all­ge­meine Aufmerk­samkeit von MySpace über *VZ zu Face­book, und was danach kom­men wird, möchte ich mir gar nicht so recht vorstellen müssen:

Die schlechte Nachricht für Anhänger des “Nur-eine-Phase”-Glaubens: An die Stelle von Face­book wird nicht der Prä-Face­book-Zus­tand treten, son­dern Ange­bote, die noch viel stärkere Ver­w­er­fun­gen in unseren sozialen Gepflo­gen­heit­en mit sich brin­gen.

Ich hat­te es neulich schon angedeutet:
So schlecht lebt es sich in der dig­i­tal­en Ein­samkeit ohne Face­book nicht. :)

(Und, apro­pos Ein­samkeit, dem Lied Worte fehlen des Farin Urlaub Rac­ing Teams wird viel zu wenig Aufmerk­samkeit geschenkt. Ich hoffe, mit diesem Ver­weis zur Änderung dieses Umstandes beitra­gen zu kön­nen.)


Ein poli­tis­ch­er Witz als Nach­trag:
“Die SPD hat den großen Fehler gemacht, die Diskus­sion um Inter­netsper­ren zu ver­schlafen”, und das tut ihr jet­zt, in der Oppo­si­tion, so richtig Leid; weil es keines­falls abzuse­hen war, dass die zahlre­ichen Bürg­er­proteste inklu­sive des Erfolges der Piraten­partei irgen­det­was mit den Inter­netsper­ren zu tun gehabt haben kön­nten, aber jet­zt hätte man eben doch gern wieder ein paar Wäh­ler­stim­men, wenn es schon nicht für Inhalte reicht, ach, her­rje.

PolitikIn den Nachrichten
Google und das leidige Thema Datenschutz

Lange schon habe ich hier nichts mehr über den gefährlichen Großkonz­ern Google geschrieben (ihr wisst schon, das ist die kleine Gara­gen­fir­ma, die sich zu unge­fähr 97 Prozent aus den Ein­nah­men jen­er Wer­bung finanziert, die es anhand der Mail­in­halte und so ziem­lich jed­er weit­eren gle­ich­wie per­sön­lichen Eigen­schaft sein­er Nutzer gener­iert), und da der anson­sten ent­täuschend unrev­o­lu­tionäre SPIEGEL in sein­er dieswöchi­gen Aus­gabe (2/2010) umfassend darüber informiert, warum es keine gute Idee ist, einem Unternehmen, das kom­merzielle Inter­essen ver­tritt, etwas anderes als einen Ein­trag auf sein­er Sper­rliste zu gewähren, nehme ich das mal zum Anlass, um ein wenig über die Nachricht­en­si­t­u­a­tion zu reflek­tieren.

Google ist ja dieser Tage auch in den eher poli­tisch ori­en­tierten Nachricht­ensendun­gen ein The­ma, da die chi­ne­sis­chen Googlemi­tar­beit­er als Reak­tion auf die umfassende staatliche Zen­sur erst mal beurlaubt wur­den und es gar im Gespräch ist, die chi­ne­sis­che Googlever­sion ganz einzustellen; sicher­lich nicht die schlecht­este Entschei­dung (und eigentlich ein klar­er Plus­punkt für Chi­na), aber das Prob­lem hier ist, dass mit dieser Nachricht wieder ein­mal der Zeigefin­ger in Rich­tung Aus­land geschwun­gen wird, wodurch man geschickt ein ganz anderes Prob­lem überge­ht.

Dass man tun­lichst davon abse­hen sollte, einem Unternehmen, das nicht an EU-Geset­ze gebun­den ist, allzu viele Infor­ma­tio­nen über sich preiszugeben, ste­ht auf einem ganz anderen Blatt (ger­ade auch im Hin­blick darauf, dass das Google-“Adsense”-Werbesystem eben auch Google-Mail-Inhalte und unter Umstän­den ver­trauliche Geschäfts­doku­mente bei diesem unsäglichen Lotus-Notes-Klon Google Wave durch­forsten darf; “wer nicht will, dass wir alles über ihn erfahren kön­nen, wenn wir woll­ten, sollte bess­er auf seine Dat­en auf­passen”, albern die Konz­ern­sprech­er sin­ngemäß in der Presse herum), aber Google ist nun nicht unbe­d­ingt ein Konz­ern, der “böse Zen­surchi­ne­sen” fluchen sollte.

Es fol­gt ein Bild­schir­mauss­chnitt:

“Rechtliche Gründe” halte ich zwar für einen selt­samen (das Inter­net ken­nt keine Staats­gren­zen), aber immer­hin für einen nicht völ­lig aus der Luft gegrif­f­e­nen Grund. Nur sind es in Chi­na eben­falls “rechtliche Gründe”, die dazu führen, dass manche Web­seit­en schlicht nicht in ein­er Such­mas­chine aufge­führt wer­den dür­fen. Was also denken sich deutsche Medi­en dabei, wenn sie sich über Chi­na echauffieren, nur weil die Such­maschi­nen dort staatlich­er Kon­trolle unter­liegen?

Ver­mut­lich gar nichts.

PersönlichesMusikNetzfundstückeIn den Nachrichten
Heute keine Milch. (Und, womöglich, nie mehr.)

Aus aktuellem Anlass ein Lied:

How could they know just what this mes­sage means
The end of my hopes, the end of all my dreams
How could they know a palace there had been
Behind the door where my love reigned as queen

Hach.

Einat­men, ausat­men und daran denken, dass man ja eigentlich etwas völ­lig anderes schreiben wollte.
Gedanken­pause sym­bol­isieren, Strich ein­fü­gen, noch mal atmen und weit­er­tip­pen. Und zwar jet­zt:


Der Grün­der von Face­book hält Pri­vat­sphäre und Daten­schutz für nicht mehr zeit­gemäß; kein Wun­der, leben doch Dien­ste wie der seine primär davon, dass seine Benutzer sich öffentlich ent­blößen. Dass Face­book hierzu­lande die etablierten *VZ-Net­ze zu ver­drän­gen begin­nt, seit immer mal wieder Nachricht­en über die Daten­schutzprob­leme sel­biger auf­tauchen, zeugt von dem Unver­ständ­nis ihrer Nutzer; weil diese Net­ze ja auch alle­samt völ­lig unter­schiedlich funk­tion­ieren, ein­er anderen Philoso­phie fol­gen und weil Nachricht­en­beiträge immer repräsen­ta­tiv sind, das wird’s sein.

(Apro­pos “sein”: “Man braucht es nicht” schrieb 1984 eine deutschen Zeitschrift, die für ihre Pro­duk­tver­gle­iche bekan­nt gewor­den ist, über diese Pro­duk­t­gat­tung. Was mag das gewe­sen sein? Die Auflö­sung für Ungeduldige gibt es hier.)

LyrikPersönliches
Sie. (Fragment 2)

… Es war dunkel und es reg­nete, als er wieder auf die Straße trat. Kein Men­sch war mehr zu sehen, fast kein Geräusch mehr zu hören; nur in der Ferne unter­hielt sich eine Eule mit der Nacht. “Wie passend”, dachte er.

Was hat­te er erwartet, als er noch kurz zuvor mit Herzk­lopfen vor ihrer Tür stand? Er hätte sich ohrfeigen kön­nen. Wie ein Narr hat­te er sich benom­men. Alles war an sein­er Angst zer­brochen, auch damals im Früh­ling, als er noch nicht alles ruiniert hat­te. Angst war sein Begleit­er, seit er denken kon­nte, und hat­te ihn schon oft in Gefahr gebracht. Eine Angst jedoch war neu: Die Angst, die ihn nun seit Monat­en quälte und die ihm heute auch diese eine, let­zte Chance ver­sagt hat­te. Die Angst, sie endgültig zu ver­lieren.

Sie war fort, daran zweifelte er nicht, und es war seine eigene Schuld. Sie war die Frau seines Lebens, und eigentlich hätte er jet­zt eben­so gut ein­fach tot umfall­en kön­nen. Dabei hat­te alles so gut begonnen. Sein­er Bitte um die längst fäl­lige Aussprache woll­ten sie bei­de endlich — und nach langem endlich wieder gemein­sam — nachkom­men. Vielle­icht schwan­gen Über­mut und Leichtsinn mit, als er es sich aus­malte, wie es wohl aus­ge­hen würde, vielle­icht war es auch nur seine Verzwei­flung; er wusste jeden­falls, dass es für ihn, nein: für sie bei­de an diesem Abend um alles ging, um eine gemein­same Zukun­ft oder um ein Leben ohne ein “Wir”, an das er in diesen Tagen ständig dachte. Wochen­lang hat­te er sich vor­bere­it­et, Fra­gen, Antworten und Erin­nerun­gen sorgfältig sortiert. Er hat­te schon zu viel Glück gehabt, dies­mal durfte er sich nicht auf es ver­lassen.

Er hat­te es mal wieder über­trieben. Je näher der Tag rück­te, auf den er all seine Hoff­nun­gen, Wün­sche und Träume pro­jiziert hat­te, desto ungeduldiger wurde er. Als er es schließlich nicht mehr aushielt, begann er wieder zu schreiben. Er schrieb Gedichte und zitierte Lieder, er offen­barte dem Papi­er in Prosa sein Gefühlsleben. Der Stapel an Aufze­ich­nun­gen wuchs zuse­hends. “Warum warten?”, dachte er sich, als er dies bemerk­te. Er wollte ihr zeigen, was sie ihm bedeutete. Der Aus­sicht darauf, all dies noch unaus­ge­sprochen lassen zu müssen, behagte ihm nicht. Hin und wieder also, wenn ihm ein Text beson­ders gut gefiel, ver­pack­te er ihn und sandte ihn ihr zu. Er hoffte, dass sie ihn ver­ste­hen würde.

Endlich war sein Tag gekom­men. Geschlafen hat­te er seit mehreren Nächt­en nur noch wenig, er lag stun­den­lang wach und dachte an sie. Was würde passieren, wenn sie sich in die Augen sähen — er in ihre dun­klen, tiefen, sie in seine hellen, klaren?

Zögernd trat er vor ihre Tür und betätigte die Klin­gel. Erst nach, so kam es ihm vor, mehreren Minuten bemerk­te er, dass an ihr ein Brief befes­tigt war, auf dem sein Name stand. Er zit­terte, während er ihn öffnete. Er war von ihr.

Mit jedem Satz, den er las, zit­terten die Buch­staben ein wenig mehr. Sie habe, schrieb sie, sich entsch­ieden. Sie füh­le sich von ihm noch immer — oder schon wieder? — eingeengt und unter Druck geset­zt; genau wie damals, als sie ihn ver­ließ. “Die Briefe!”, dachte er und riss die Augen auf. Diese ver­dammten Briefe, die er ihr immer wieder zukom­men ließ, hat­ten ihn um den let­zten Grashalm gebracht. Den let­zten hat­te er erst am Vortag geschrieben, die Tinte war noch nicht lange getrock­net. “Gestern”, dachte er, und die alte, ungeliebte Schallplat­te in seinem Kopf begann sich wieder zu drehen. “Why she had to go I don’t know, she would­n’t say; I said some­thing wrong, now I long for yes­ter­day.”

Nur mit Mühe kon­nte er durch die Schleier, die seine Augen und seinen Ver­stand zu umhüllen began­nen, ihre let­zten Worte entz­if­fern:
Sie wolle ihn nie mehr wieder­se­hen.

Er atmete tief durch. Das Geschrei der Eule, die noch immer unaufhör­lich mit der Nacht sprach, klang jet­zt, als lachte sie ihn aus. Das Wass­er, das ihm über das Gesicht lief, schmeck­te salzig. …

MusikNetzfundstückeIn den Nachrichten
Das Wetter: Es könnte zu Schnee kommen.

Und ich hat­te schon befürchtet, die Welt sei zwis­chen­durch wieder nor­mal gewor­den:

Gle­ichzeit­ig emp­fiehlt das BBK grund­sät­zlich, die pri­vat­en Lebens­mit­telvor­räte und notwendi­gen Medika­mente zu Hause zu über­prüfen und ggf. so aufzufüllen, dass eine autarke Ver­sorgung für die Fam­i­lie für drei bis vier Tage auch ohne größere Einkäufe und die Erwär­mung von Speisen, Getränken und Wass­er auch durch eine stro­munab­hängige Wärme­quelle (z.B. Camp­ing-Gaskocher) möglich ist. Um bei einem Stro­maus­fall auch von wichti­gen öffentlichen Infor­ma­tio­nen, wie Warn­durch­sagen etc. nicht ganz abgeschnit­ten zu sein, emp­fiehlt das BBK, ein bat­teriebe­triebenes Radio in den Haushal­ten vorzuhal­ten oder in ein­er extremen Sit­u­a­tion zumin­d­est regelmäßig Nachricht­en über das eben­falls net­zun­ab­hängige Autora­dio zu hören.

Das Bun­de­samt für Bevölkerungss­chutz und Katas­tro­phen­hil­fe emp­fiehlt mit diesen Worten, die Aus­sicht auf Schnee im Jan­u­ar entsprechend zur Ken­nt­nis zu nehmen. Vere­inzelt kön­nte es zu Kälte und Glat­teis kom­men, wir wün­schen Ihnen viel Glück. Es muss ernst sein, selb­st auf SPIEGEL Online wird gewarnt: “Auch in der kom­menden Woche soll es kalt bleiben.”

Die Super­märk­te, die ich außer­halb des Stu­di­en­be­triebes aufzusuchen pflege, sind entsprechend leer, die Leute kaufen Ham­ster ham­stern Lebens­mit­tel, als stünde ein Krieg bevor. (Na, ja, is’ ja auch immer irgend­wo Krieg.) Der Deutsche Wet­ter­di­enst warnt vor “Schneefall bis über 15 cm” “im Mit­tel­ge­birgsraum und in den nördlich angren­zen­den Gebi­eten sowie im Nor­dosten Deutsch­lands”, will sagen: Im Harz liegt mehr Schnee als in den südlich von ihm gele­ge­nen Tälern. Das klingt ja ger­adezu nach ein­er neuen Eiszeit.

Ich hoffe, ich habe mich aus­re­ichend gerüstet. Liedtipp für den Ern­st­fall: Brand New — Daisy.
Viel Glück uns allen!

PersönlichesFotografie
Impressionen: Romantische Betrachtung eines Nachmittags zwischen Traumwelt und Wirklichkeit (Versuch 3)

Was der Welt gefehlt hat: ein Blick in mein Entwurfsbuch.Man fährt, auf dem Weg zur näch­sten Klausur, mit dem Zug durch eine ver­schneite Land­schaft, umgeben von Fußspuren von Tier­arten, die das geistige Auge, durch sie forciert, gle­ich­sam erscheinen lässt. Die Sehn­sucht erweckt Bilder von Schnee­hasen, Schneere­hen und Schneespatzen, und obwohl man eigentlich noch im War­men sitzt, versinkt man in ihnen und lässt die Gedanken zurück, die das Jet­zt trübten.

Während die Augen, die auf der Szene haften, den Ver­stand in den Stromspar­modus ver­set­zt, summt es in den Ohren. Die Melodie ken­nt man, aber würde man sie zuord­nen wollen, so führte dies zu einem unver­mei­dlichen Zurück in das Ratio­nale, das Greif­bare, und deshalb lässt man es lieber sein.

(is' kalt.)

Sich dessen wohl bewusst hält die Natur die Türen ver­schlossen, und fast, noch immer gefan­gen von der Macht der Bilder, bemerkt man es zu spät. Beein­druckt schwebt man hin­aus in die Kälte der Stadt und begin­nt zu frieren. Der Ver­stand meldet sich zu Wort, geweckt von der Diskrepanz der Tem­per­a­turen, und forciert das Ende des Schwebens, nicht unbe­merkt von der Natur, die nur zöger­lich ihren Griff lock­ert. Die Schnee­land­schaft weicht braunen Pfützen und ihren lieblosen Ver­wandten. Näch­ster Halt: Hal­testelle.

“Wasch mich”, klagt die Fen­ster­scheibe, von Witzbold­en beschmiert, gle­ich­sam zum Test, ob der verbliebene Humor genügt. Vergebens. Den Wun­sch, zu träu­men, gewährt die Natur kein zweites Mal. Willkom­men in der Real­ität, du altes Arschloch.

Netzfundstücke
Kurz verlinkt III: Die Popmaschinerie und die Mädchen

Heute Abend läuft eine weit­ere Runde dieser unsäglichen Per­so­n­en­bloßstel­lungssendung Deutsch­land sucht den Super­star, und weil wir ja noch nicht genug dieser Sendun­gen haben, wird im Som­mer des ger­ade begonnenen Jahres eine weit­ere ins Ren­nen geschickt wer­den, die, nur wenig über­raschend, von RTL und Vox finanziert wird und “X Fac­tor” heißen soll (nicht zu ver­wech­seln mit der, haha, Mys­teryserie fast gle­ichen Namens).

Und ich — keine Ahnung, ob es an meinem Geschlecht, meinem Alter oder meinem kul­turellen Sozial­i­sa­tion liegt — befürchte, dass sich wieder aus­re­ichend viele junge Men­schen von der Aus­sicht auf Ruhm und Erfolg blenden lassen, ohne mal darüber nachzu­denken, ob nicht die Pro­duzen­ten viel eher davon prof­i­tieren und woran es liegen mag, dass man von all den ver­gan­genen “Super­stars” nur mehr wenig hört. Peer analysiert den zu unter­schreiben­den Ver­trag und kom­men­tiert:

Zusam­menge­fasst gibt man für die Teil­nahme an “X Fac­tor” also das Recht auf selb­st­bes­timmtes Han­deln, das Recht auf freie Mei­n­ungsäußerung gegenüber Jour­nal­is­ten und das Recht am eige­nen Bild für alle nur erden­klichen Ver­w­er­tungswege (inklu­siv­er der­er, die noch erfun­den wer­den) an der Garder­obe ab und erhält dafür: gar nichts.

Dann wün­sche ich allen Teil­nehmern doch schon mal viel Erfolg im Voraus. Oh weia.


Für Twit­ter zu schade ist mein aktuelles Blog­fund­stück:
Anony­ma Silent Tiffy hat Ende August einige typ­is­che Mäd­chen­sätze zusam­menge­tra­gen. So wenig ich auch von Urteilen wie “typ­isch männlich/weiblich” halte, so bekan­nt kom­men mir viele von ihnen vor.

Drei Auszüge aus dieser wohl niemals kom­plet­ten, aber schon recht anschaulichen Liste:

  1. “Ich will ja nix sagen, aber…”
  2. “[Vorwurf]Du tust mir ein­fach nur leid.”
  3. “Tu was du nicht lassen kannst.……” (und dabei Gesicht­saus­druck der Stolz auf die eigene Gewitztheit ver­rät)

Dur­chaus nicht verkehrt.

MusikPolitikNetzfundstückeIn den Nachrichten
Medienkritik XX: Sex and violence, melody and silence.

Die min­destens scheußliche Ange­wohn­heit, jeden noch so bek­loppten Ein­spielfilm in so genan­nten “Nachricht­en­magazi­nen” mit Musik zu unter­malen, wer­den sich die Sendungs­mach­er wohl so bald auch nicht mehr abgewöh­nen. Manch­mal, immer­hin, entste­hen so Zusam­men­stel­lun­gen, die den­jeni­gen, der eher der Musik als der Erzäh­lung fol­gt, ein Lächeln abrin­gen. Als die Wahlkampf­s­trate­gen der CDU für die Wahlwer­bung Angela Merkels das Lied “Ang­ie” der Rolling Stones erwählten, wurde der Text von den Medi­en gern zitiert und kom­men­tiert, was sicher­lich all­ge­mein lobenswert ist, schon wegen der kul­turellen Bil­dung der Kon­sumenten (und so). Und nun kam mir vorhin doch tat­säch­lich — in der guten, alten ARD, will sagen: dem “Ersten” — ein filmis­ch­er Bericht über Her­rn und Frau Oba­ma unter, der, natür­lich, unbe­d­ingt musikalis­che Unter­malung brauchte. Zu einem solchen Anlass nimmt man dann auch natür­lich nicht ein­fach irgen­dein Lied, son­dern das gute alte Instru­men­tal­stück “The Last Time” (1966) von Andrew Loog Old­ham, das eine Adap­tion des gle­ich­nami­gen Musik­stück­es der Rolling Stones (schon wieder die!) von 1965 ist und das die Grund­lage für ein anderes, heute eher mit dieser Melodie assozi­iertes Musik­stück bildet, näm­lich “Bit­ter­sweet Sym­pho­ny” von The Verve: I need to hear some sounds that rec­og­nize the pain in me, yeah.

Der Bericht über die Oba­mas wurde also von einem Lied begleit­et, dessen Text, wen­ngle­ich in der Adap­tion nicht vorhan­den, unter anderem so lautet:

You don’t try very hard to please me,
with what you know it should be easy.

Wenn wir annehmen, dass mit “You”, ähn­lich wie in “Ang­ie”, Herr Oba­ma gemeint ist, ergibt diese Textstelle Sinn (hat Herr Oba­ma in der Phase sein­er Inau­gu­ra­tion noch große Reden geschwun­gen, wurde bis­lang aus komis­chen Grün­den nur über­aus wenig umge­set­zt), und der Rest des Textes passt auch:

There’s too much pain and too much sor­row,
I guess I’ll feel the same tomor­row.

Eine bessere Lied­wahl, liebe ARD, hätte selb­st ich unter Aufwen­dung max­i­maler Bis­sigkeit und möglichst keines Ras­sis­mus’ nur schw­er­lich tre­f­fen kön­nen.

Da freue ich mich doch schon auf die näch­sten Ein­spielfilme über Wolf­gang Schäu­ble (Lied­vorschlag: “Karn Evil 9″ von Emer­son, Lake & Palmer) und Gui­do West­er­welle (Lied­vorschlag: “Die Biene Maja” von Karel Gott). Hihi.


Apro­pos Medi­en: Auf WELT.de, dem dig­i­tal­en Arm des kon­ser­v­a­tiv­en Springer-Blattes DIE WELT (weil man in solcher­lei Kreisen ja bevorzugt in großen Let­tern kra­keelt), beschw­ert sich Elke Bod­deras derzeit darüber, dass die Panik von der Vogel Ziegen Schweinegrippen-“Pandemie” von, aufge­merkt!, der Welt­ge­sund­heit­sor­gan­i­sa­tion (WHO) geschürt und dadurch die Berichter­stat­tung ser­iös­er Medi­en (ich nehme an, sie meint das ihre) nach­haltig bee­in­flusst wurde.

Feynsinn.org kom­men­tiert zu Recht: “(…) der Nachricht ihr Auss­chlacht­en durch den Boule­vard anzu­las­ten, ist eine Glan­zleis­tung jour­nal­is­tis­ch­er Heuchelei, für die ein neuer Preis aus­gelobt wer­den sollte”; zumal sich doch wochen­lang ger­ade die geisti­gen Ergüsse der Springer­jour­nal­is­ten gegen­seit­ig noch in Panikschüren zu übertr­e­f­fen wussten: “Jed­er dritte Deutsche kriegt die Schweine­grippe” (WELT), von den Ergüssen der niedrig­preisi­gen Alter­na­tiv­magazine aus dem gle­ichen Ver­lag fan­gen wir lieber gar nicht erst an. Und dann stellt sich her­aus, dass das alles gar nicht stimmt und all die natür­lich vor jour­nal­is­tis­ch­er Sorgfalt beina­he schon glänzen­den Berichte und Befürch­tun­gen im Wesentlichen schlicht unwahr sind. Frech­heit.

Böse, böse WHO!

NetzfundstückeIn den Nachrichten
Die digitale Elite und ihr sozialer Aufstieg

Sascha Lobo, Mitun­terze­ich­n­er des Inter­net-Man­i­fests und Wer­be­fig­ur für ein sich anson­sten offen­bar (zu Recht) nur wenig beachtet füh­len­des Telekom­mu­nika­tion­sun­ternehmen, hat im Tagesspiegel ver­sucht, die ver­gan­genen zehn Jahre irgend­wie zusam­men­z­u­fassen:

Die wichtig­ste Verän­derung der let­zten zehn Jahre ist, dass Gesellschaft inzwis­chen im Netz stat­tfind­et. Nicht auss­chließlich, aber maßge­blich. Auch die schein­baren Schlag­worte für die nuller Jahre – 9/11, WM, Oba­ma – zeigen das.

Wie üblich über­schätzt Herr Lobo die “Net­zge­sellschaft” mas­siv. Die Inter­net­nutzer sind nicht dafür ver­ant­wortlich zu machen, dass seit fast zehn Jahren der “Krieg gegen den Ter­ror” die Nachricht­en bes­timmt, sie haben die WM nur als Zuschauer ver­fol­gt (und das größ­ten­teils ver­mut­lich nicht im Inter­net), und an der Wahl des Her­rn Oba­ma tra­gen sie auch keine maßge­bliche Schuld. Men­schen, die kom­mu­nizieren, verän­dern dadurch noch nicht die Gesellschaft. Dadurch, dass man seit inzwis­chen mehreren Dekaden so etwas wie Telekom­mu­nika­tion über Com­put­er betreiben kann, ver­lagert sich das Leben noch nicht ins Inter­net, nur seine Aus­drucks­for­men tun es.

Die vie­len von der New Econ­o­my aus­ge­spuck­ten Men­schen mocht­en ihren Glauben an die dig­i­tal ver­net­zte Wirtschaft ver­loren haben. Sie wandten sich trotz­dem nicht vom Netz ab, son­dern erforscht­en die Bere­iche des Inter­net, in denen der schnelle Börsen­gang keine Rolle spielte.

Einige der vom “Web 2.0” aus­ge­spuck­ten Men­schen schaf­fen, sobald sie es zu aus­re­ichend Ruhm und Reich­tum geschafft haben, den Sprung aus ihrer eige­nen, mit sich selb­st ver­net­zten dig­i­tal­en Welt und gehen dann Zeitungsle­sern mit ihrer Besessen­heit auf die Ner­ven. Muss das eigentlich sein?

(Zwei Dinge, die übri­gens auch nicht sein müssen:
Die men­schliche Kälte in deutschen Kranken­häusern — wenn Leute mit Tode­sangst allein gelassen wer­den — und, eigentlich schon wieder satire­tauglich, Energies­par­lam­p­en, die tödliche Gift­stoffe freiset­zen, was dann natür­lich für den Energie­ver­brauch nicht son­der­lich schlimm ist, immer­hin. Und so recht gefährlich ist das ja nur, wenn man unsach­lich damit umge­ht und ger­ade Neuge­borene in der Nähe sind. Das biss­chen Queck­sil­ber! Man reiche mir einen Gegen­stand zum Drauf­beißen.)

PolitikNetzfundstückeIn den Nachrichten
Ultimative Irananreicherung

Mal wieder ein wenig poli­tis­che Belus­ti­gung, weil die restliche Welt wohl noch im Neu­jahrssuff schwel­gt:
Der Pro­ll­blog­ger hat Frau Merkels übliche Neu­jahrsansprache sein­er hohlen Phrasen beraubt und die For­mulierun­gen polemisiert. Kön­nte ich eigentlich auch mal machen.

Ein Auszug:

Das ist der Auf­trag. Poli­tisch müssen und wer­den wir die Bedin­gun­gen schaf­fen, damit die Ver­ant­wor­tung in den näch­sten Jahren Schritt für Schritt an die Afgha­nen übergeben wer­den kann. Genau dazu dient die Afghanistan-Kon­ferenz Ende Jan­u­ar in Lon­don.

Wie üblich baue ich auf das kurze Gedächt­nis. Denn dieses Geschwafel wieder­hole ich mit meinen Kom­plizen mit der läp­pen­den Monot­o­nie ein­er dadais­tis­chen Liturgie schon seit Jahren, und da ist nix mit ?Ver­ant­wor­tung? für die Men­schen in Afghanistan. Wird auch so schnell nicht kom­men.

Und jedes Jahr sal­badert sie ähn­lich gehalt­lose Sätze vor sich hin, und jedes Jahr wieder wird sie bejubelt für nicht erbrachte Leis­tun­gen. Ich hätte viel früher in die Poli­tik gehen sollen, dann würde man mich ver­mut­lich für einen bril­lanten Rhetorik­er und nicht für einen ver­bit­terten Klein­bürg­er hal­ten, der dummes Zeug auf eine unter­durch­schnit­tliche Inter­net­seite schmiert. Ver­dammt.

Zumal es doch heutzu­tage ohne­hin weit­ge­hend unge­fährlich ist, Poli­tik­er zu sein: Das Volk schießt entwed­er daneben oder kommt gar nicht erst auf die Idee, seine eigene poli­tis­che Macht durch mehr als nur ein Kreuzchen oder eine Unter­schrift auszu­drück­en. Selb­st Ray Davies, als Mit­glied der Kinks jemand, der sich mit so was ausken­nt, beklagt im Gespräch mit SPIEGEL-Online-Redak­teuren der fehlende Rebel­lion­s­geist der Jugend. Zwar beschreibt er primär die in sein­er Heimat, aber bekan­nt kommt es einem dann doch auch vor:

Aber seit den Achtzigern ist aller Wider­stand bei der Jugend ver­pufft. Ich habe den Ein­druck, dass die Stu­den­ten heutzu­tage vor allem wild darauf sind, nicht aufz­u­fall­en, um möglichst schnell in einem großen Konz­ern unterzukom­men. Es gab mal ein Schimpf­wort namens Yup­pie — das ist heute das Stan­dard­ziel der Jugend! Rebellen sind in diesem Jahrtausend wohl uncool.

Dass man in den 60-ern rev­o­lu­tionäre Aktio­nen im Sinn hat­te, nur weil sie “cool” (mein derzeit favorisiertes unenglis­ches Wort hier­für: leg­er) waren, bezwei­fle ich, aber ich kann nochmals aus­drück­lich darauf hin­weisen, dass jeden­falls für mich in meinem bish­eri­gen, von zahlre­ichen Phasen wirrer poli­tis­ch­er Ansicht­en geprägten Leben die cool­ness nie von allzu hoher Bedeu­tung war. Trotz alle­dem und unter Berück­sich­ti­gung des ins­ge­samt eigentlich erstaunlich zahn­losen Bil­dungsstreiks im ver­gan­genen Jahr: Ray Davies hat Recht.

(Na, bald sind wieder Wahlen.)

Ach so, Wahlen, ich habe fröh­liche Geräusche von mir gegeben, als ich dies las:
Teheran stellt dem West­en ein Ulti­ma­tum bezüglich der eige­nen Uranan­re­icherung.

Auch wenn die derzeit­ige Regierung der USA von diesem Ulti­ma­tum nicht viel hält (und ver­mut­lich bere­its selb­st ein neues Ulti­ma­tum ver­fasst, auf dass die derzeit leben­den Gen­er­a­tio­nen noch lange Spaß an der Kinderei haben mögen): Endlich mal was anderes als immer nur reden.
So wenig mir auch der Gedanke behagt, dass sich ein kleines, von Fanatik­ern bevölk­ertes Land von einem großen, von Fanatik­ern regierten Land zu irgendwelchen Dummheit­en hin­reißen lassen kön­nte: Die Chuzpe gefällt mir. Ganz ehrlich.

Wobei das Anse­hen erster­er Fanatik­er im Moment doch eher niedrig ist; Mohammed-Karika­tur­ist Kurt West­er­gaard wurde schon wieder fast zum Opfer eines Mord­ver­such­es. Es ist erschreck­end, wie weit manche Men­schen gehen wür­den, um ihren Gott (ist er denn selb­st wehr­los?) vor längst geschehen­em zu bewahren; erstaunlich hinge­gen ist es, dass offen­bar auss­chließlich der Islam solche Eifer­er anzieht. Ein “Bilderver­bot” existiert auch im Chris­ten­tum und im Juden­tum, dessen Vertreter sich son­st qua­si ständig von irgend­je­man­dem diskri­m­iniert fühlen. Und was macht ein Jude, wenn man seinen Glauben karikiert, wie es zum Beispiel in eini­gen Tageszeitun­gen in der islamis­chen Welt bisweilen prak­tiziert wird? Er verübt nicht etwa Anschläge auf Men­schen­leben oder schre­it “Stürmer-Stil”, wie es nicht ein­mal selb­st Betrof­fene gern unge­fragt tun, son­dern er zeich­net eigene anti­semi­tis­che Karika­turen; weil er eben ver­standen hat, was eine Karikatur bedeutet.

(Das war jet­zt alles teil­weise ein biss­chen polemisch. Entschuldigt bitte.)

PersönlichesIn den Nachrichten
Durch die Brille des Jahrzehnts

So also fühlt sich 2010 an. Ist schon ganz nett. Bitte so bleiben.

(Was ich allerd­ings dann trotz zehn Jahre lang erfol­gre­ich ver­mieden­er Nutzung aus rein sen­ti­men­tal­en Grün­den doch irgend­wie ver­misse: Jahreswech­sel­brillen mit zwei Nullen in der Mitte.)

Meine guten Vorsätze für dieses Jahr habe ich schon im Dezem­ber gefasst und den ersten pünk­tlich nach Mit­ter­nacht gebrochen. Guter Anfang. Vielle­icht sollte ich mir einen anderen Kalen­der erwählen. Der gre­go­ri­an­is­che mag mich nicht. Anson­sten kam erstaunlich wenig Mist im zwis­chen­durch auch hin und wieder mal nicht mit Mis­sach­tung bedacht­en Fernse­hen. Urban Pri­ols for­mi­da­bler jährlich­er Jahres­rück­blick, später irgend­was mit Hape Ker­kel­ing. Zwis­chen­durch die Schiller­straße ohne Cor­du­la Strat­mann, dafür mit Oliv­er Pocher und Jür­gen Vogel, bei­des kein Fortschritt, aber die Sendezeit recht­fer­tigt die Ausstrahlung von Serien, die man alko­holisiert sicher­lich bejubeln kann. Apro­pos schlechte Serien: “Din­ner for Brot” kam nicht. Frech­heit.

(Prost Nack­t­jahr. Jet­zt erst mal einen Kaf­fee.)