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Frei­heit für den Schur­ken­staat!

„Ja, spin­ne ich denn?“, so soll­te eigent­lich der erste Satz die­ses Arti­kels lau­ten, aber all­zu leicht woll­te ich es mei­nen Kri­ti­kern auch nicht machen, also hole ich lie­ber etwas wei­ter aus:

Wie eini­ge mei­ner treu­en Leser womög­lich bereits bemerkt haben, bin ich Ent­wick­ler diver­ser Pro­jek­te, von denen eini­ge auf dem bis­lang als zuver­läs­sig und der Ent­wick­lung frei­er Soft­ware för­der­lich bekann­ten Por­tal SourceForge.net (sf.net, bewusst nicht ver­linkt) lagen, was ins­be­son­de­re für Team­ar­beit eini­ge unschätz­ba­re Vor­tei­le mit sich brach­te. Eine der wich­tig­sten Eigen­schaf­ten frei­er Soft­ware ist eben ihre Frei­heit, die nicht durch loka­le Geset­ze wie zum Bei­spiel ein all­zu enges Urhe­ber­recht ein­ge­schränkt wer­den kann. Laut dem GNU-Pro­jekt, Weg­be­rei­ter der frei­en Soft­ware, ist an „frei“ wie in „frei­er Rede“ und nicht wie in „Frei­bier“ zu den­ken, was freie Soft­ware von blo­ßer Free­ware (also Gra­tis­pro­gram­me mit Lizenz­be­schrän­kun­gen) unter­schei­det.

Dies war eigent­lich eine unum­stöß­li­che Wahr­heit, die nicht zuletzt dank mil­li­ar­den­schwe­rer För­de­rer wie eben sf.net auf­recht erhal­ten wer­den konn­te.

Nun aber haben sich die Ver­ant­wort­li­chen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu Wort gemel­det, die von Frei­heit (Stich­wort: Guan­tá­na­mo) unge­fähr so viel ver­ste­hen wie unse­re zustän­di­gen Mini­ster vom Inter­net, und fan­den es natür­lich gar nicht gut, dass im eige­nen Land so viel von die­ser Frei­heit herrscht, von der auch ande­re pro­fi­tie­ren, selbst so genann­te „Schur­ken­staa­ten“, die vor eini­gen Jah­ren jemand so bezeich­ne­te, der den USA selbst einen nicht all­zu guten Leu­mund ein­fuhr; und sie schwan­gen also ihren län­ge­ren Hebel (was ich mir wahr­lich nicht vor­stel­len möch­te) und beschlos­sen unge­fähr fol­gen­des:

sf.net sol­le fort­an den fünf Staa­ten Kuba, dem Iran, Nord­ko­rea, dem Sudan und Syri­en jeg­li­chen Zugang zu den eige­nen Ange­bo­ten ver­weh­ren, da dies als „Export in Schur­ken­staa­ten“ gewer­tet wür­de, und sf.net gehorch­te; nicht aus Über­zeu­gung, ver­steht sich, son­dern weil die GPL und ver­gleich­ba­re Lizen­zen eben weni­ger Wert besä­ßen als US-ame­ri­ka­ni­sche Imper­ti­nenz Gesetz­ge­bung.

Eine am Mon­tag erfolg­te Stel­lung­nah­me ende­te im Wort­laut so:

We reg­ret deep­ly that the­se sanc­tions may impact indi­vi­du­als who have no mali­cious intent along with tho­se whom the rules are desi­gned to punish. Howe­ver, until eit­her the desi­gna­ted govern­ments alter the prac­ti­ces that got them on the sanc­tions list, or the US government’s poli­ci­es chan­ge, the situa­ti­on must remain as it is.

Frei über­setzt und zusam­men­ge­fasst: Tja, scha­de, kann man aber nichts machen; sol­len halt die bösen Schur­ken­staa­ten sich koope­ra­tiv ver­hal­ten, dann ist alles wie­der in Ord­nung. Es muss dann doch sein: Ja, spin­ne ich denn?

Von welt­weit ansäs­si­gen Pro­gram­mie­rern erstell­te Web­sei­ten, Pro­gram­me und Daten­ban­ken unter­lie­gen seit neue­stem US-ame­ri­ka­ni­schen Export­be­stim­mun­gen („[t]he spe­ci­fic list of sanc­tions that affect our users con­cern the trans­fer and export of cer­tain tech­no­lo­gy to for­eign per­sons and govern­ments on the sanc­tions list“, Her­vor­he­bung von mir) und dür­fen nicht aus fie­sen Staa­ten wie Nord­ko­rea her­un­ter­ge­la­den wer­den, weil die US-ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung das nicht so mag?

Wer irgend­et­was auf eine US-ame­ri­ka­ni­sche Web­sei­te hoch­lädt (Goog­le Code, heißt es, habe ähn­li­che Beschrän­kun­gen ein­ge­führt), betreibt also nicht nur Export (komisch; ich war bis­lang der Ansicht, „Expor­tie­ren“ hie­ße „hin­ter­her isses in einem ande­ren Land“), son­dern über­trägt auch noch die Voll­macht zur Lizenz­än­de­rung auf die zustän­di­ge Regie­rung. Micha­el Mans­ke stellt rich­tig fest:

Man muss sich lei­der fra­gen inwie­weit man sich bei in den USA betrie­be­nen Platt­for­men noch des „Open“ in Open Source sicher sein kann.

Da bleibt es einem nur noch übrig, sich an den Kopf zu fas­sen, lang­sam bis 10 zu zäh­len und den geord­ne­ten Rück­zug anzu­tre­ten. Meh­re­re Ent­wick­ler haben bereits Kon­se­quen­zen gezo­gen, ich mei­ner­seits schaue mich auch bereits nach einer neu­en, adäqua­ten Hei­mat für die letz­ten mei­ner dort ver­blie­be­nen Pro­jek­te um.

Ich rate allen Lesern, die eben­falls unter einer frei­en Lizenz ent­wickeln, dazu, es mir gleich­zu­tun. Freie Soft­ware ist kein Poli­ti­kum, und sie darf es nie­mals wer­den. Und das Wich­tig­ste ist: Frei­heit gilt auch für „Schur­ken­staa­ten“.

Um das zu erken­nen, muss man wahr­lich kein Schur­ke sein.