Persönliches
2014:

Dieser Artikel ist Teil 3 von 15 der Serie Neu­jahr

Ich würde an dieser Stelle allen Lesern ein fro­hes neues Jahr wün­schen, aber wir wis­sen alle, dass es das nicht wird. Die Rev­o­lu­tion der neti­zens reduziert sich auf Blogs, Peti­tio­nen und Tschunko­rgien in Ham­burg; sich die Welt, die einem über den Kopf wächst, schönzutrinken ist allerd­ings ein pro­bates Mit­tel, um zu vergessen.

Gute Vorsätze? Anfan­gen zu rauchen vielle­icht, dann (er-)lebt man den Käse nicht mehr ganz so nach­haltig. Sich vornehmen, erfol­gre­ich­er zu lieben als 2013 (bzw. bess­er nicht), und es dann ja sowieso wieder nicht schaf­fen. (Guter Vor­satz für 2014: Seine Leben­sziele nicht mehr an einen Kalen­der binden.)

Es wird auch in diesem neuen Jahr weit­ere “NSA-Skan­dale” geben, weit­ere kon­t­a­minierte Dien­ste, Geräte und Staat­en. Die “jun­gen Pirat­en” sind da keine große Hil­fe, die Alt­pi­rat­en schließen sich der­weil der Onlinerev­o­lu­tion an. Den Still­stand hat der Wäh­ler so gewollt, aber der Börse geht es bess­er.

Großer Brud­er, du bist immer da!
Zlatko & Jür­gen

Rakete, Rakete. Draußen wird ger­ade gek­nallt wie im Krieg. Mein Groß­vater ver­lässt an Sil­vester geschlossene Räume nicht mehr, trau­ma­tisiert vom 2. Weltkrieg, nur dass damals wenig­stens noch klar war, wo der Feind sitzt. 2014 läuft im nun­mehr dreißigjähri­gen Pri­vat­fernse­hen wieder eine Fußballmeis­ter­schaft, da sitzt der Feind zumin­d­est südlich von uns. Kein Wun­der ist von “Torschüssen” die Rede.

The Bea­t­les — Rev­o­lu­tion (Sub­ti­t­u­la­do al Español)

You tell me it’s the insti­tu­tion — well, you know
you’d bet­ter free your mind instead

Prost Neu­jahr.

NetzfundstückeIn den Nachrichten
Deutschlands schönste Unfallbilder

Man kann dieser Mel­dung momen­tan ja ohne­hin nur schw­er ent­ge­hen: Michael Schu­mach­er hat­te einen Ski­un­fall.

Die jet­zt eigentlich fäl­li­gen Witze mit “Box­en­stopp”, “Kinnhak­en” und Hirn­schä­den über­lasse ich Twit­ter (wahrschein­lich wur­den dort alle, die mir ger­ade spon­tan ein­fall­en, sowieso bere­its gemacht), es wäre auch stil­los. De paene mor­tu­is nihil nisi bene außer Hitler halt.

Der medi­ale Umgang mit dem Vor­fall allerd­ings lässt mich zweifeln, ob es nicht inzwis­chen die Pietät ist, mit der man noch Auf­se­hen erre­gen kann:

Die schlimm­sten Unfälle des sieben­fachen Welt­meis­ters zum Durchk­lick­en.

Pop­corn!

Montagsmusik
Tocotronic — Sag alles ab

Es lässt zumin­d­est hof­fen, wenn Jugendliche es aus eigen­er Kraft schaf­fen, sich von Sucht­mit­teln zu befreien, die ihr Leben zer­stören. Zum Beispiel Face­book.

Als ich es meinen Kol­le­gen mit­geteilt habe, waren die regel­recht schock­iert. Die meis­ten kon­nten es gar nicht glauben. Die ersten Tage war es dann auch wirk­lich schw­er, die Ver­lock­ung war gross, das Pro­fil wieder zu aktivieren. Doch ich blieb stark.

Darauf erst mal ’ne Dosis Rock.

Tocotron­ic — Sag alles ab

Reiß’ deine Fes­seln doch entzwei und lass’ das Dreckschwein mal zu Hause!
Die Zeit der Schmerzen ist vor­bei, die Kar­riere macht mal Pause!

Guten Mor­gen!

MusikNetzfundstücke
Medienkritik in Kürze: “Nein, die andere Freiheit.”

Zu der medi­alen Wahrnehmung der selt­samen Musik­gruppe “Frei.Wild” hat­te ich mich ja bere­its abfal­l­end geäußert, damals noch ohne große Ken­nt­nis von der tat­säch­lich gespiel­ten Musik. Über meine Ver­wandtschaft kam ich mit­tler­weile mit sel­biger in Kon­takt und kann zumin­d­est ver­ste­hen, wieso sie polar­isiert; auf mich wirkt das Darge­botene schlicht laien­haft. Nun hat sich jüngst her­aus­gestellt, dass auch diese Musik­er einige “Fan­shirts” (“Band­pullis”) feil­bi­eten, also Motivbek­lei­dung für ihre Gutfind­er.

Eines dieser Shirts trägt außer dem Namen der Musik­gruppe den Schriftzug “Scheiß auf Gut­men­schen und Morala­pos­tel”, ein anderes “Frei­heit”. Ein Shirt mit dem Motiv “Ehre” oder anderen his­torisch belasteten Begrif­f­en kon­nte ich im “Onli­neshop” der Band bei ein­er kurzen Recherche soeben nicht find­en. Han­ning Voigts von der “Frank­furter Rund­schau” aber schon:

Und die Band­pullis so: “Frei­heit”, “Ehre”, “Scheiß auf Gut­men­schen”. Das ist nicht recht­sradikal?

Nö, Han­ning, isset unab­hängig von der Band selb­st nicht, schon deshalb, weil ein “Ehre”-“Bandpulli” augen­schein­lich nicht existiert (wobei die Gle­ichung “Ehre = recht­sradikal” auch noch etwas ist, über das wir uns mal unter­hal­ten müssten). Zu den anderen bei­den “Band­pullis” fällt mir allerd­ings schon etwas mehr ein. Moment, ich muss nur kurz die Hand aus dem Gesicht bekom­men.

Erstens: Gut­men­sch.

“Gut­men­sch” ist ein­er dieser Begriffe, bei denen ich mir nicht ganz sich­er bin, ob ihre Ver­wen­der über­haupt über ihre Bedeu­tung nachgedacht haben. Der Duden jeden­falls ken­nt den Gut­men­schen als einen Men­schen, der sich in ein­er als unkri­tisch, über­trieben, nervtö­tend o. ä. emp­fun­de­nen Weise im Sinne der Polit­i­cal Cor­rect­ness ver­hält, sich für die Polit­i­cal Cor­rect­ness ein­set­zt; ein­er wie der Bril­len­schlumpf zum Beispiel.

Ein “Gut­men­sch” ist also ein beson­ders nach­drück­lich­es Exem­plar eines Morala­pos­tels. Inter­es­san­ter­weise stört das Wort “Morala­pos­tel” Han­ning Voigts anscheinend nicht im Ger­ing­sten. Früher musste man, um recht­sradikal zu sein, noch Aus­län­der has­sen, heute genügt es, sich nicht in die eigene Moral reinre­den zu lassen. Wen wundert’s da, dass die Medi­en ent­deck­en, dass laut Medi­en­bericht­en immer mehr Leute “dem Recht­sradikalis­mus” nah­este­hen, wenn dessen Def­i­n­i­tion aus Man­gel an Reflex­ionsver­mö­gen immer weit­er greift? Ein gesellschaftlich­er Kon­sens ist wün­schenswert, Sit­ten­wächter aber sind es nicht, denn die Def­i­n­i­tion­s­macht über diesen Kon­sens obliegt nicht Einzel­nen. (Anar­chie ist die Herrschaft des Stärk­eren. Das hat schon mal nicht funk­tion­iert.)

Zweit­ens: Frei­heit.

Leute, die Shirts mit “Frei­heit” drauf tra­gen, sind recht­sradikal. Ach nein, nicht ganz, Hen­ning Voigts find­et Frei­heit ja auch dufte, aber nur andere Frei­heit. Bedrück­end: 57 Prozent der Deutschen ist die Frei­heit beson­ders wichtig. Wenn “Frei.Wild” auf die Shirts also nicht “Frei­heit”, son­dern “Frei­heit (wie sie Han­ning Voigts meint)” druck­en ließen, wäre alles in bester Ord­nung, nehme ich an.

Wie genau er das meint und inwiefern sich seine Frei­heit von “Frei.Wild“s Frei­heit unter­schei­det, weiß ich lei­der nicht, was die Entschei­dung, ob ich jet­zt die gute oder die schlechte Frei­heit gut finde, allein in Her­rn Voigts’ Hände legt. Wie ärg­er­lich. Bis dieses Prob­lem beseit­igt wurde, werde ich also bis auf Weit­eres jede Form der Frei­heit ablehnen.

Wer möchte schon für einen Recht­sradikalen gehal­ten wer­den?

In den Nachrichten
Kurz notiert zum 30C3

In Ham­burg tre­f­fen sich momen­tan “Hack­er”, Inter­essierte und Jour­nal­is­ten, um sich gegen­seit­ig davon zu bericht­en, dass sie das alles schon vor Jahrzehn­ten geah­nt hat­ten. Die Ein­führungsrede stieß ins gle­iche Horn; da man, jed­er Einzelne im Saal, es ja schon immer gewusst habe, sei man, jed­er Einzelne im Saal, Papst und “Teil der Lösung”.

Und die Jour­nal­is­ten? Sie sitzen da und staunen über die blink­enden Vorhänge und all die anderen kleinen Basteleien, die man sich als Hob­by­bastler in sein­er Freizeit aus Vergnü­gen halt mal so zusam­men­lötet, aus ihren Redak­tio­nen ken­nen sie das näm­lich nicht, da gibt’s nur den Gilb. “Die IT-Profis” (SPIEGEL ONLINE), denn ein solch­er wird man offen­bar bere­its mit­tels bloßer Anwe­sen­heit auf einem dieser Kon­gresse, suchen “Mit­tel gegen die Überwachung durch Geheim­di­en­ste”; sie “suchen” also nach Tor und GnuPG/OpenPGP und son­stiger ver­schlüs­sel­ter Kom­mu­nika­tion, wie wirk­sam sie auch immer sein möge. Da müssen sie zwar nicht lange suchen, was SPIEGEL ONLINE eigentlich wis­sen sollte, aber irgend­wie muss man’s sich ja schön­schreiben.

Palaver, Palaver. “Die Hack­er” haben sich vor lauter Begeis­terung dieses Jahr sog­ar das Mot­to ges­part. Ein Schaulaufen der­er, die von Anfang an wussten, dass ein offenes Netz nicht nur für brave Hack­er, son­dern auch für Arschlöch­er ein­se­hbar ist. SPIEGEL ONLINE applaudiert, noch ganz benom­men von der Saaläs­thetik: “Durch das ganze Gebäude zieht sich auf zwei Kilo­me­ter Länge gelbes Plas­tikrohr: Kün­stler und Hack­er haben sich aus Staub­saugerteilen eine eigene Rohrpost gebaut.” Saal betreten, Hack­er sein. Wahlweise: Kün­stler. So läuft das heutzu­tage.

Mon­tag ist der Spuk vor­bei. Die NSA wird immer noch da sein, SPIEGEL ONLINE aber schon beim näch­sten großen event. Vielle­icht irgend­was mit Kli­maer­wär­mung oder so, direkt schneien tut’s ja momen­tan eher nicht. Die große Offen­barung wird auf dem 30C3 jeden­falls aus­bleiben, vol­lkom­men unab­hängig davon, ob Julian Assange nun noch reden wird oder nicht.

Durch­hal­teparolen; kein gutes Zeichen.

Mir wird geschlechtIn den Nachrichten
Wie sich die “Femen” einmal von der katholischen Kirche trollen ließen

MeisnerfaceUnd da wir ger­ade bei Spin­nern waren, läuft mir hier die neueste Protes­tak­tion der “Femen” über den Tick­er:

Eine erst seit Juni 2013 nicht mehr inhaftierte “Femen”-Aktivistin nutzte die Wei­h­nachts­feier im Köl­ner Dom für über­aus kreativ­en Protest, indem sie sich in der unheilig­sten aller Sprachen “I am God” — “ich bin Gott” — auf die Brüste schrieb und vor dem Kar­di­nal (Meis­ner, das war der hier) fast nackt auf den Altar sprang. Mal abge­se­hen von der Offen­barung, die die Botschaft, man halte sich in sein­er Rolle als kör­per­fix­ierte Aktivistin für einen Gott, mit sich bringt: Wie muss man sich die Pla­nung ein­er solchen Tat eigentlich vorstellen? Nein, anders: Wie kommt man auf den Quatsch?

Protest gegen die katholis­che Kirche kann ich ver­ste­hen, kreativ­en solchen finde ich nor­maler­weise beson­ders löblich. Sich mit­ten in ein­er Messe aber selb­st “nackt” — mir scheint, für die Medi­en sei “nackt” inzwis­chen iden­tisch mit “hat oben­rum nur Buch­staben an”, was ich ins­beson­dere aus sprach­lichen Grün­den als bedauern­swert empfinde — zum Gott zu erk­lären gehört nun eher nicht zu den Aktio­nen, die ich für einen wirkungsvollen Protest halte.

Hat ja auch nur bed­ingt geholfen:

Einem Bericht des “Köl­ner Stad­tanzeiger” zufolge seg­nete Meis­ner den Altar nach dem Vor­fall mit einem kurzen Rit­u­al neu ein und führte den Gottes­di­enst fort. (…) Am Ende des Gottes­di­en­stes schloss er die Aktivistin in sein Gebet mit ein.

Die Iden­tität des neuen Gottes kühl ignori­erend die Entwei­hung des Tem­pels aufheben, während die ver­wirrte “Nack­te” (SPIEGEL ONLINE) wieder der weltlichen Macht übergeben wird, die oben­drein nicht ungeschoren davonkommt, son­dern für die auch noch vor dem Gott, gegen den sie antrat, um Gnade gebeten wird; das zeugt von, par­don!, Eiern. So schwer’s mir auch fällt: Respekt!

Ich salu­tiere den gelehrten Her­rn!
Mephistophe­les, “Faust”, Kap. 6

NetzfundstückeIn den Nachrichten
KINDER IN GEFAHR!!1

Passend zur Wei­h­nacht lasse ich an dieser Stelle auch mal Vertreter des Chris­ten­tums zu Wort kom­men:

Ab dem ersten Schul­jahr sollen Kinder ler­nen, was Homo­sex­u­al­ität, Bisex­u­al­ität, Trans­sex­u­al­ität und „sex­uelle Vielfalt“ sind. Kinder sollen damit kon­fron­tiert wer­den, um ihnen möglichst früh einzutrichtern, daß es so etwas wie eine „Sex­uelle Vielfalt“ gibt. (…) Dage­gen müssen wir aktiv wer­den.

Und wie?

Die Bra­vo-Inter­net­seite geht weit über das zuläs­sige Maß von Aufk­lärung hin­aus. (…) Dort wo ein Sex­part­ner nicht zur Hand ist, wird von BRAVO der Solo­sex, d.h. die Selb­st­be­friedi­gung, bebildert eingeübt und zwar nach Jun­gen und Mäd­chen getren­nt. Natür­lich für jeden ein­se­hbar. Wem Vagi­na und die zahllosen Penisse noch nicht deut­lich genug sind, kann sie dank Soft­ware ver­größern, aus­druck­en und als E‑Mail versenden. (…) Kann man sich an ver­ant­wortlich­er Stelle nicht vorstellen, daß ein Junge sich an diesen Darstel­lun­gen aufgeilt, davon nicht loskommt, zum Dauerkon­sument und schließlich sexsüchtig wird?

Jet­zt mal rein hypo­thetisch, ver­ste­ht sich. Ich mein­er­seits sage: Danke für die Anleitung!


In weit­eren Nachricht­en:

Der Uno-Sicher­heit­srat hat beschlossen, die Zahl der Blauhelm-Sol­dat­en im Süd­su­dan deut­lich zu erhöhen. Kün­ftig wird die Unmiss-Truppe fast dop­pelt so groß sein wie bish­er.

Fro­hes Fest.

KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2013 — Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 12 von 29 der Serie Jahres­rück­blick

Aber hal­lo, werte Leser und Musik­fre­unde, da ist doch tat­säch­lich schon wieder Ende Dezem­ber; Zeit also, wie zulet­zt im Juni die musikalis­chen Perlen aus dem großen Haufen an diesjähri­gen Veröf­fentlichun­gen her­auszupick­en. Die Guten ins Töpfchen, die Schlecht­en in die Vergessen­heit.

‘Musik 12/2013 — Favoriten und Analyse’ weit­er­lesen »

In den Nachrichten
Mehrwert für die Steuer: Oppos opulentes Oll-Inclusive-Paket.

Was haben wir nicht alle gelacht über die iPhone-Käufer, die gern mehr Geld für viel Blinkblink und wenig Funk­tion­ier­funk­tion­ier aus­gegeben haben! Das war aber noch zu ein­er Zeit, in der es außer Sony, Sam­sung und HTC keine nen­nenswerten Her­steller von Android-Smart­phones gab.

Heute braucht auch der Android-Markt Diver­si­fika­tion. Mehr, nur mehr! Und da ist’s natür­lich schw­er, als Nachzü­gler noch Fuß zu fassen.

Was hil­ft? Lim­i­tierte Aufla­gen! Schreib’ eine willkür­lich aus­gedachte Men­gen­be­gren­zung auf ein Pro­dukt, und schon wird’s inter­es­sant. Das klappt bei Musik, das klappt bei Smart­phones. Da zahlt der Kunde doch gern etwas mehr. Aber er bekommt ja auch mehr für sein Geld:

Außer­dem bekommt man eine schicke Hülle und einige Aufk­le­ber dazu, damit man sich auch von den anderen Mod­ellen etwas abheben kann.

Ich per­sön­lich kaufe ja nichts mehr, was nicht min­destens Murmeln und ’nen Schal bein­hal­tet. So wird das nichts, Oppo!
Näch­stes Mal vielle­icht.

(mit Dank an L.!)

Netzfundstücke
Bloggerias Requiem

Dass “flat­ter” nicht mehr bloggen will, ist mir bere­its mit großem Bedauern aufge­fall­en; geht die F.D.P., geht auch das Mag­a­zin für Mark­t­beruhi­gung, so viel war sich­er. Offen­bar ist die deutsche “Polit­blog­ger­szene” aber größer als angenom­men; der Kiezneu­rotik­er spricht gar von ein­er “Polit­blog­gerdäm­merung” angesichts der wohl nen­nenswert zahlre­ichen deutschsprachi­gen Weblogs über “Poli­tik und so”, die im Laufe dieses Jahres aktiv befüllt zu wer­den schlichtweg aufge­hört haben.

Er schreibt:

Die Große Koali­tion rollt an. Nahezu ohne Oppo­si­tion. Und eine Rei­he kri­tis­ch­er Blog­ger ver­liert die Stimme. Es wird plöt­zlich ganz merk­würdig still. Was ist das? Res­ig­na­tion? Bie­der­meier? Der Rück­zug ins Pri­vate? Geranien gießen auf dem Balkon? Und die Vorhänge zuziehen? Damit das Böse draußen bleibt?

Das weiße Rauschen der ewig Empörten ist ver­s­tummt? Ich habe mir die von Her­rn Kiezneu­rotik­er ver­ab­schiede­ten Blogs jet­zt ein­mal ange­se­hen. Ja, “flat­ter” fehlt schon jet­zt, die kluge wirtschafts- und gesellschaft­spoli­tis­che Stimme vom Weges­rand war nicht die schlecht­este Quelle für geistige Erbau­ung. Aber der Rest? Der Spiegelfechter, der sich seit Jahren um eine klare poli­tis­che Mei­n­ung herum­be­wegt wie eine Katze um eine fast tote Maus; die Schrott­presse, nur echt mit rotem Stern und Ver­linkun­gen namens “scharf Links” und “World Social­ist Web Site”; das eben­so sozial­is­tis­che Nar­ren­schiff; Die roten Schuhe, angenehm amerikakri­tisch, son­st aber ziem­lich beliebig. Kein Wun­der hab’ ich die alle­samt bish­er kaum bemerkt.

Zartrosa bis tiefrote linke Spießer, die wahrschein­lich auch Falsch­park­er melden oder Seit­en­spiegel abtreten, wenn sie schon zu alt sind, sie mit Farbe zu besprühen; wenn das die Blog­land­schaft ist, die ger­ade “am Schrumpfen ist”, dann ist das ein Gesund­schrumpfen und wahrlich nicht schade drum. Empörung allen­thal­ben, erhobene Zeigefin­ger und in Texte gegossene Parolen. Brauchen wir nicht. Gekämpft wer­den kann in diesen Tagen nicht mit der Fed­er. Das Schw­ert ist die Antwort.

Kri­tis­che Stim­men fehlen, aber lasst das nicht Gün­ter Grass hören. Der macht son­st auch noch ein Blog auf. Vom ener­gis­chen Tas­ten­drück­en bekommt man höch­stens Sod­bren­nen, eine Gesellschaft lässt sich aber eher sel­ten von einem Blog (wenn es nicht ger­ade das BILD­blog ist) sagen, was sie gefäl­ligst zu denken hat. Zum Glück ist dies hier kein Blog.

Über­haupt: Was ist schon ein “Polit­blog”? Ist man “Polit­blog­ger”, wenn man zwis­chen vie­len anderen Beiträ­gen gele­gentlich auch mal die Gesellschaft für unreif hält? Bin ich es, weil ich mitunter so schlechte Laune habe, dass sich das in einem schriftlich geäußerten Wun­sch zum gewalt­samen Staatsstre­ich äußert? Ist es über­haupt nach dieser lax­en Def­i­n­i­tion möglich, ins Inter­net reinzuschreiben, ohne “Polit­blog­ger” zu sein? — Wird man dann nicht auch in Bringschuld ver­set­zt, wenn man erst mal zum “Polit­blog­ger” gewor­den ist? Mit Georg Schramm hat dieser Tage ein­er der bis­sig­sten Kabaret­tis­ten dieses Lan­des angekündigt, doch lieber in Rente zu gehen als sich weit­er­hin für Geld über Zustände aufzure­gen, deren Darstel­lung der Zuschauer als com­e­dy, als komö­di­antis­ches Werk abtut. Ich wieder­hole mich: Im Fernsehsaal, da sitzen sie und lachen und klatschen und gehen nach Hause mit dem guten Gefühl, sich wenig­stens gut amüsiert zu haben. “Endlich sagt’s mal ein­er!”, und damit zurück zur Tage­sor­d­nung. Und genau so läuft es mit den “Polit­blogs”.

Der Ausweg? Nicht erwarten, dass man etwas ändern kann. Schlechte Laune, die sich anstaut, führt in anderen Län­dern dazu, dass Autos, Häuser und Polizis­ten bren­nen; in Deutsch­land gibt es eine Onlinep­e­ti­tion. Auch gut, so wird wenig­stens nie­mand ver­let­zt. Und ist es nun schade um die “deutschen Polit­blogs”? Ich sage: Nö. Schade ist es nur um den Aus­druck von Mündigkeit ihrer Betreiber, die sich lieber in die Sprachlosigkeit zurückziehen, aber wer kön­nte es ihnen ver­denken? Ach, und mir fehlt “Feynsinn”. Muss dafür erst der Lib­er­al­is­mus in den Bun­destag zurück­kehren? Schön wär’s ja.

Jeden­falls:

Es wird eine Finanzbombe hochge­hen. Eine richtige. Die man nicht mehr not­dürftig löschen kann. Und wenn es soweit ist, wird es schnell gehen.

Wenn das passiert, wenn es sich entzün­det, dann braucht es Stim­men, dann müssen sie wieder schreiben, alle die, die jet­zt aufhören, die sich vom Mehltau erdrückt fühlen noch bevor er sich niederge­lassen hat, die sich ver­lieren in Satire, in Peti­tio­nen, in Verzwei­flung, in selb­stre­f­eren­zielle Lit­er­atur.

Ja, dann braucht es Mag­a­zine für Mark­t­beruhi­gung, “kri­tis­che Stim­men”, die dann sagen: Seht ihr, das passiert, wenn man die Falschen wählt. Und die Leser wer­den sich im Kreis um die “kri­tis­chen Stim­men” ver­sam­meln, johlen und klatschen. “Endlich sagt’s mal ein­er!”

Aber das fehlt mir irgend­wie ger­ade kein biss­chen.


Nach­trag von irgend­wann kurz nach Mit­ter­nacht: “Feynsinn” wird aus großar­ti­gen Grün­den fort­ge­set­zt. Ich bin erfreut.

Musik
Hirnlose Funktionsmusik

Süff­isant kom­men­tierte der “Nachtwächter” den Unter­schied zwis­chen Musik­genuss und Musikbeschal­lung:

Ich kann diese verkack­ten “Par­ties” nicht mehr ertra­gen, deren Ver­anstal­ter ver­suchen, ein poli­tis­ches Anliegen zu trans­portieren, aber in Wirk­lichkeit nur für massen­haft Bier, Schnaps, Kif­feck­en und hirn­lose Funk­tion­s­musik sor­gen. Wenn sie wenig­stens im Ver­laufe ein­er solchen Nacht nur für zehn Minuten die Frage in den Raum wür­fen, was es denn eigentlich zu feiern gibt!

Wo’a Recht hat, hat’a Recht, und — das Poli­tis­che jet­zt ein­fach mal bei­seite geschoben — ich finde den Term der hirn­losen Funk­tion­s­musik tat­säch­lich tre­f­fend.

Was darf sich Mit­men­sch Musik­fre­und darunter vorstellen? “Pop” ist die falsche Antwort, Pop ist zwar meist hirn­los, erfüllt aber auch außer Gewin­ngener­ierung keine Funk­tion. Nun, par­tytaugliche Musik dient in der Regel nicht dem Trans­port weis­er Weisen. Musik aus der Flasche dem Com­put­er, die immer irgend­wie ähn­lich klingt (dazu unten mehr), soll nicht den Geist, son­dern die Kör­per­funk­tio­nen anre­gen; ver­mut­lich den Brechreiz.

Ich bin ja, unglück­lich zus­tande gekommene soziale Kon­tak­te tra­gen die Schuld, dur­chaus bewan­dert in der Welt solch­er Klänge. Bevor ich einen Musikgeschmack hat­te, gefiel mir so manch­es auch aus ihr; viele mein­er ersten CDs stammten von “Kün­stlern” namens DJ Ton­ka, DJ Motte und der­gle­ichen. DJ Bobo mochte ich aber damals schon nicht beson­ders. Eben­so besitze ich bis heute eine Kopie des “Flat Beats” von Mr. Oizo, der schon im vor­let­zten Jahrzehnt den all­seits als inno­v­a­tiv­er Musik­stil gepriese­nen Dub­step vor­weg­nahm. In Deutsch­land nicht ver­füg­bar.

Dub­step, das kon­nte ich als jemand, der Diskotheken nor­maler­weise nicht mal von außen sehen will, bis­lang in Erfahrung brin­gen, ist all­ge­mein ein her­aus­ra­gen­des Beispiel für Musik, deren einziger Zweck das Funk­tion­ieren ist:

DJing und EDM (Elec­tron­ic Dance Music) heißt für mich: Wie schnell kön­nen wir neue Musik raus­brin­gen? Und wie schnell kön­nen wir sie den Leuten zeigen? (…) Wenn es elek­tro­n­isch ist, wenn du zu tanzen kannst — es kön­nte alles sein in Zukun­ft.
Skrillex

Neben dieser EDM hat vor allem auch EBM, “elek­tro­n­is­che Kör­per­musik”, eine gewisse Bekan­ntheit erlangt. Dazu gehören Staubkind eben­so wie zumin­d­est Nachtmahr und Com­bichrist:

Com­bichrist — I Want Your Blood (Live on Mania TV)

Der Stil trägt seinen Namen zumin­d­est mit Recht. Funk­tion­s­musik. Die Kon­sumenten hören sie entwed­er, weil sie nicht gefragt wur­den, oder, weil sie sich Bewe­gung erhof­fen, die sie ohne sie nicht mit genü­gend Überzeu­gung bekä­men. Zap­peln macht mehr Spaß, wenn andere mitzap­peln. Nur wem?

Dabei unter­schei­det sich die Funk­tion­s­musik EDM/EBM insofern von der Nicht­funk­tion­s­musik Pop, als let­ztere außer Hin­ter­grun­drauschen keine unmit­tel­bare Funk­tion auf den Hör­er ausübt. Warum sich Men­schen, die Musik machen kön­nen, selb­st in diese Rolle zwän­gen, ist mir nicht ganz klar. Wird wohl das Geld sein. Gibt es auch Aus­nah­men? Natür­lich: Den Jazz. Da soll kein­er tanzen, den zahllosen Jaz­ztanz­grup­pen sei’s trotz­dem verziehen. Dann sitzen die Mäd­chen wenig­stens nicht den ganzen Tag nur doof vor ihrem iPad rum, son­dern hören gute Musik; obwohl Miles Davis natür­lich auch nur lang­weiliges Getröte gemacht hat. (Weit­ere Aus­nahme: Avant­garde­musik. “Musik um der Musik Willen”, nicht, um irgend­je­man­dem etwas zu beweisen. Aber die ver­ste­ht wieder kein­er.)

Ich weiß nicht, ob es schon pos­i­tive wis­senschaftliche Erken­nt­nisse über die Frage gibt, ob Funk­tion­s­musik blöd oder wenig­stens ram­mdösig macht. Ange­hörs der Diskus­sion­skul­tur zwis­chen Hör­ern dieser Art von Beschal­lung ist ein Zusam­men­hang jeden­falls nicht auszuschließen.

Zum Glück habe ich Kopfhör­er, die ich nicht nur als Acces­soire um den Hals trage.


Inter­es­santes Konzept auch:

Acme has a very sim­ple mouse inter­face, the first but­ton selects text, the sec­ond but­ton selects text, and the third but­ton also selects text.

Kann man sich merken.

Sonstiges
Jim, Lukas und die Critical Whiteness

Die jüng­ste Folge der scheußlichen Schund­sendung “Wet­ten, dass…?”, so weiß das Inter­net zu bericht­en, bein­hal­tete als wie üblich lahme “Stadtwette”, dass es nicht gelin­gen würde, eine Min­destanzahl an Ein­wohn­ern, die sich frei­willig als Jim Knopf und Loko­mo­tivführer Lukas verklei­den wür­den, bis zum Ende der Sendung ins Stu­dio zu bekom­men. Das wurde natür­lich zur all­ge­meinen Unter­raschung bravourös trotz­dem geschafft. Blöd: Jim Knopf ist eine dunkel­häutige Fig­ur.

Und so wur­den in alter Tra­di­tion Gesichter bemalt, damit klar sein möge, wer Lukas ist und wer nicht. Nach­dem es aber zumin­d­est seit eini­gen Jahren weit­ge­hend ver­pönt ist, Men­schen eine helle Haut­farbe aufzu­drän­gen (und Michael Jack­son war ja nun wirk­lich auch kein schön­er Mann), ist es jet­zt offen­bar auch uner­wün­scht, wenn sich edle Weiße frei­willig zum N‑Wort machen: “(…) das elendi­ge #Black­fac­ing hat einen Shit­storm Deluxe ver­di­ent.” Es darf nicht sein, dass jemand von unseren Gebühren — keif, zeter, schäum — seine Haut­farbe für’s Fernse­hen ver­dunkelt. (Zur Erin­nerung für diejeni­gen, die das Buch nie gele­sen und die Auf­führung nie gese­hen haben: Jim Knopf ist der Held der Geschichte. Nein, ich musste das auch ger­ade nach­le­sen.)

Klar kann man sich zum Spaß das Gesicht anmalen. Das Prob­lem dabei: Man kann das wieder abmachen. Dunkel­häutige haben da keine Wahl.
@KatiKuersch

Man kann sich zum Spaß das Gesicht aber nicht nur “schwarz”, son­dern auch “weiß” anmalen — wer es denn mag, kann das auch verewigen lassen. Dass sich am “Trend” der Hau­taufhel­lung — der geneigte Leser möge nur ein­mal die Gesichtscre­me­abteilung ein­er aus­re­ichend großen Drogerie aufmerk­sam zur Ken­nt­nis nehmen — nie­mand so nach­drück­lich stört wie an ein­er lah­men Unter­hal­tungssendung, passt trotz­dem gut ins Bild: Das Schön­heit­side­al der absoluten Ble­ich­heit, wie sie schon im 18. Jahrhun­dert in Frankre­ich als ein solch­es galt, ist unum­stößlich. (Nerds sind halt sexy.) Men­schen, die sich die Haut in Solar­ien rösten lassen, machen also gle­ich mehrere Dinge auf ein­mal verkehrt.

Ich finde es ein wenig schade, dass die meis­ten der­jeni­gen, die die anson­sten vol­lkom­men belan­glose “Stadtwette” mit irgendwelchen wirren Begrün­dun­gen als voll kacke beschimpfen und mit Schaum vor dem Mund wütende E‑Mails an das ZDF — selb­stver­ständlich unter Pseu­do­nym — ver­fassen, nur ein Kon­tra, nicht aber ein Pro geäußert haben. Was wäre ihnen denn lieber gewe­sen als ein bemal­ter Jim Knopf — kein Jim Knopf? Zwei Lukasse? Bloß keinen Dunkel­häuti­gen darstellen!

Seit dem 11. Jahrhun­dert hält sich (ent­ge­gen anders lau­t­en­den älteren Quellen) übri­gens das Gerücht, ein­er der drei Weisen (Cas­par, Mel­chior und Balthasar) sei dunkel­häutig gewe­sen, was sich auch auf die Tra­di­tion des Sternsin­gens aus­gewirkt hat; ein­er der drei führen­den Sternsinger wird meist eben­falls geschwärzt, sofern er’s nicht sowieso schon ist. Ein alljährlich­es Bekla­gen dieses Brauchs bleibt selt­samer­weise noch aus.

Die selek­tive Wahrnehmung der kri­tis­chen Weißen ist nicht die beste, wie mir scheint.

PolitikIn den Nachrichten
“Wie geplant.”

Sätze, die tief blick­en lassen:

Damit kann Angela Merkel am Dien­stag wie geplant zum drit­ten Mal zur Kan­z­lerin gewählt wer­den.

(Her­vorhe­bung von mir.)

Aber keine Sorge:

Um zu ver­hin­dern, dass die Partei zer­reißt, hat­te Gabriel das Mit­glieder­vo­tum vorgeschla­gen.

Die Aus­tritte aus der SPD wer­den sich erfahrungs­gemäß in Gren­zen hal­ten. Mit­ge­fan­gen, mit­ge­hangen. Man will ja keinen Ärg­er. Wer hat die noch mal gewählt?