PolitikIn den Nachrichten
Medienkritik LXXXIII: Drogen und Klassenkampf / Mit dem Speaker auf die Straße

Für “Cicero”, “Mag­a­zin für poli­tis­che Kul­tur”, das gele­gentlich auch mal hochrangige Vor­denker der deutschen Medi­en­land­schaft, etwa Kai Diek­mann (“BILD”), zu Wort kom­men lässt, schrieb der “Pub­lizist und Speak­er” (sic!) Matthias Heit­mann gestern ins Inter­net, was die F.D.P. sein­er Mei­n­ung nach tun müsse, um dem Lib­er­al­is­mus in diesem Land wieder ein größeres Gewicht zu ver­lei­hen. Matthias Heit­manns aktuelles Buch heißt “Mythos Dop­ing”. Ich erkenne den Zusam­men­hang.

Schon die Über­schrift erschw­ert es mir, die Hand von der Stirn zu bekom­men:

Lib­erale, lasst euch als Staats­feinde beschimpfen!

Nehmen wir an, dass die F.D.P. als Partei der Gut­si­tu­ierten diese Anrede nicht auf sich beziehen lässt, was ander­er­seits sowieso fern­liegt, dann ist diese Auf­forderung zweck­frei. Lib­er­al­is­mus heißt immer auch Frei­heit von zu viel Staat. Lib­er­al­is­mus ist insofern definiert als eine milde Feind­seligkeit “dem Staat” gegenüber. Ich fände diesen Vor­wurf sehr fre­undlich und würde ihn nicht als Beschimp­fung wahrnehmen, aber Matthias Heit­mann glaubt ja auch, das ver­sam­melte Kap­i­tal der F.D.P. sei ein Vertreter dessen, was er Lib­er­al­is­mus nen­nt. Nun, “-ismus” stimmt.

Anfangs hat Herr Heit­mann ja nicht mal Unrecht:

Der Nieder­gang der FDP bietet all jenen eine Chance, die aufk­lärerische Werte wie Frei­heit, Selb­st­bes­tim­mung und Fortschrit­tlichkeit ernst nehmen.

Dann biegt er aber völ­lig falsch ab:

Wann kann die Neubes­tim­mung dessen, was Frei­heit und Human­ität im 21. Jahrhun­dert aus­machen, bess­er vor­angetrieben wer­den als in ein­er Sit­u­a­tion, in der wed­er Koali­tion­szwang noch falsch ver­standenes Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein einen solchen Prozess läh­men kön­nten? Wie kann diese Klärung bess­er gelin­gen als in der direk­ten und unvor­ein­genomme­nen poli­tis­chen Auseinan­der­set­zung mit den Men­schen auf der Straße? (…) Die außer­par­la­men­tarische Zukun­ft frei­heitlich­er demokratis­ch­er Poli­tik kön­nte wie ein Elek­troschock auf den deutschen Lib­er­al­is­mus wirken: poten­ziell tödlich, aber eventuell auch leben­sret­tend.

Man kann den Koali­tion­szwang natür­lich als notwendi­ges Übel begreifen und sein Ende durch Auss­chei­den aus dem Bun­destag als Voraus­set­zung betra­cht­en, den Lib­er­al­is­mus wieder zu Wort kom­men zu lassen; man kann ihn aber auch als die allzu bequeme Ausrede betra­cht­en, seinem aufk­lärerischen und unbe­que­men Geist keine Plat­tform zu bieten, die er nun mal ist. Solche Wahrheit­en aufzuzeigen wäre aber wahrschein­lich zu aufk­lärerisch, zu lib­er­al für Matthias “Dop­ing” Heit­mann.

Ein wenig Rev­o­lu­tion­s­geist schlum­mert indes dur­chaus in ihm, immer­hin befür­wortet er die Auseinan­der­set­zung auf der Straße und nen­nt die Rolle als “APO” einen poten­ziell leben­sret­ten­den Elek­troschock. Welche Farbe trägt eigentlich der lib­erale Schwarze Block? (Und wom­it bewirft er Polizis­ten — mit Schriften von Adorno?)

Matthias Heit­mann will sowieso keinen Lib­er­al­is­mus im Par­la­ment:

Poli­tis­ches Frei­heits­denken kann heute eigentlich nur außer­par­la­men­tarisch entste­hen, denn es muss als Gege­nen­twurf zum herrschen­den Zeit­geist neu gedacht wer­den.

Der herrschende Zeit­geist ist, glaubt man den Medi­en, eine all­ge­meine Unzufrieden­heit mit der Poli­tik als solch­er. Der Lib­er­al­is­mus als Gege­nen­twurf würde also Dul­dung oder Aver­sion propagieren, und das außer­par­la­men­tarisch, son­st funk­tion­iert es nicht. Schöne Demon­stra­tio­nen sind denkbar: “Wir sind hier und wir sind leise, denn wir haben eine Meise.”

Ach, nein, nicht ganz:

Dieser Zeit­geist zeich­net sich durch ein tief­sitzen­des Mis­strauen gegenüber den Men­schen, ihren Fähigkeit­en, Absicht­en und Poten­zialen aus.

Kon­ser­v­a­tive Poli­tik bilde fol­glich den Zeit­geist ab. Lib­er­al­is­mus als außer­par­la­men­tarische Über­win­dung der vox pop­uli zu definieren ist möglich, aber mutig. Was dieses Mis­strauen zur Folge hat (“Frei­heit­srechte”, “bevor­mundet”, “kollek­tive Schutzhaft” und so weit­er und so fort), bekommt Matthias Heit­mann dann jeden­falls so ein­drucksvoll aufgezählt, dass es mich schaud­ert. Zumin­d­est könne aber die F.D.P. nichts für ihr eigenes poli­tis­ches Abseits, in das sie sich mit einem men­schen­fer­nen Selb­stver­ständ­nis manövri­ert hat, son­dern die da sind schuld, Herr Lehrer:

Wenn aber die ehe­ma­li­gen Großkon­tra­hen­ten (SPD und CDU, A.d.V.) aus Man­gel an Per­spek­tiv­en enger zusam­men­rück­en, bleibt in der Mitte keine Luft zum Atmen.

Die F.D.P., jahrzehn­te­lange Kon­stante im Bun­destag, zer­drückt von zwei Parteien, die das nicht etwa aus Machter­halts­grün­den, son­dern aus Man­gel an Per­spek­tiv­en tat­en. Man möchte sie beina­he knud­deln. Ganz, ganz fest.

Näch­ste Seite. Kotzeimer präzise platzieren.

Das Pos­i­tive an der Entwick­lung ist, dass sie dem Frei­heits- und Entwick­lungs­drang der Men­schen auf lange Sicht nichts anhab­en kann.

Dieser Frei­heits- und Entwick­lungs­drang der Men­schen man­i­festiert sich mehrheitlich darin, dass sie sich bei Wahlen für eine der bei­den großen Volksparteien entschei­den. Alle paar Jahre darf man als Men­sch auch mal poli­tisch sein. Wider­ling Hans-Peter Friedrich wird’s freuen, er bleibt voraus­sichtlich weit­ere vier Jahre Chef­pro­pa­gan­dist der Bun­desregierung. In anderen Län­dern hätte man ihn schon vor Jahren an die näch­ste Lat­er­ne gehängt. Frei­heit ist aber immer die “Frei­heit des Ander­s­denk­enden” (Rosa Lux­em­burg, erschossen), und einen anders (i.e. wenig bis über­haupt nicht) Denk­enden wie Hans-Peter Friedrich diskri­m­iniert man doch als aufgek­lärter Bürg­er nicht. Haupt­sache, die Sports­chau läuft.

Ein biss­chen Real­ität muss schon sein:

Ob sich dieser Drang kün­ftig mit dem Wort „Lib­er­al­is­mus“ verknüpfen wird, erscheint indes unre­al­is­tisch.

Der Unter­schied zwis­chen “ob” und “dass” kann so einem Pub­lizis­ten ja eigentlich auch wurscht sein; nehmen wir an, er hätte “dass” geschrieben, wäre das jeden­falls nicht gram­matikalisch, son­dern nur inhaltlich Quatsch. Neolib­er­al­is­mus und Lib­er­al­is­mus klin­gen ähn­lich, haben aber prinzip­iell erst mal nicht viel miteinan­der zu tun. Ich wieder­hole mich: Lib­erale Parteien entste­hen immer dann, wenn es sie nicht gibt. Die Deutsche Freisin­nige Partei, die Piraten­partei und zulet­zt die Alter­na­tive für Deutsch­land ent­standen aus einan­der ähn­lichen Ide­alen her­aus, näm­lich zur Stärkung der Bürg­er­rechte der jew­eili­gen Klien­tel, die bis dahin schlicht keine aus­re­ichend starke lob­by hat­te.

Besagte lob­by müsse sich, schwafelt Matthias Heit­mann des Weit­eren daher, sowieso erst ein­mal neu auf­stellen:

Wahrschein­lich wer­den die ver­schiede­nen Ideen zum The­ma Frei­heit anders gewichtet und neu gemis­cht. Wenn sich also die Ver­fechter ein­er demokratis­chen und offe­nen Gesellschaft kün­ftig wieder Gehör ver­schaf­fen wollen, soll­ten sie aufhören, sich als klas­sis­che „Lib­erale“ und somit als Puffer zwis­chen zwei Parteien zu posi­tion­ieren, die gar keinen Puffer benöti­gen.

Für Matthias Heit­mann beste­ht der klas­sis­che Lib­er­al­is­mus darin, den Kom­pro­miss zwis­chen pro­gres­siv und kon­ver­v­a­tiv herzustellen, was allein schon reichen sollte, um aufzuzeigen, dass Matthias Heit­mann den Lib­er­al­is­mus nicht ver­standen hat (oder ver­ste­hen will). Die F.D.P. als repräsen­ta­tives Beispiel für den “klas­sis­chen Lib­er­al­is­mus” — eine Partei der Mitte?

Lib­er­al­is­mus ist vielmehr die poli­tis­che Man­i­fes­ta­tion der gesellschaftlichen Aufk­lärung, mithin pro­gres­siv­er Wille zur Umgestal­tung zugun­sten ein­er wie auch immer ger­ade bevorzugt definierten Frei­heit. Wenn man unbe­d­ingt alles in das seit über fün­fzig Jahren nicht mehr poli­tisch rel­e­vante Links-Rechts-Schema pressen will, dann trifft es vielle­icht diese Darstel­lung: Der Lib­er­al­is­mus befind­et sich grund­sät­zlich links vom linken Rand — ganz ohne Bier und Trillerpfeifen. Mmmh, Puffer!

Die poli­tis­che Mitte ist beset­zt und mithin kein zukun­fts­fähiger Ort, schon gar nicht für eine poli­tis­che Geis­te­shal­tung, die in Zeit­en der per­spek­tivlosen Zwangskollek­tivierung und des ängstlichen Zusam­men­rück­ens der Gesellschaft das uner­hörte Ziel proklamiert, die Frei­heit und die Kreativ­ität des Indi­vidu­ums sowie dessen kon­struk­tives Wirken für das Gemein­we­sen zu stärken.

Ein großar­tiger Satz, zumin­d­est struk­turell. (Holen Sie doch zwis­chen­durch mal Luft, Herr Heit­mann!) Schon wieder sehe ich mich aber gle­ich­sam überzeugt von dem Umstand, dass Lib­er­al­is­mus in der “Mitte” nichts zu suchen hat. Wer in der “Mitte” Lib­er­al­is­mus zu find­en glaubt, der hat falsch gesucht. Wass­er ist nass und Lib­er­al­is­mus gehört nicht in die “poli­tis­che Mitte”. D’ac­cord und siehe oben! Das war’s dann aber auch schon wieder mit der Zus­tim­mung: “Zwangskollek­tivierung und ängstlich­es Zusam­men­rück­en” ein­er Gesellschaft, deren Ange­hörige in Stand und Ide­olo­gie so divers sind wie seit Jahren nicht mehr, kann es geben, ist aber in Deutsch­land, das nur aus Feigheit und/oder Bequem­lichkeit (“Kon­sens der Demokrat­en”, kommt gle­ich noch) ständig einem schw­eren Bürg­erkrieg entrin­nen kann, schlichtweg Utopie. Ein Kli­ma der Angst herrscht vor, aber keines, das die Men­schen zusam­men­rück­en lässt. Ganz im Gegen­teil!

Wenn man in Zukun­ft von den Men­schen als eine tat­säch­lich eigen­ständi­ge, prinzip­i­en­starke und wider­borstige Kraft der Frei­heit wahrgenom­men wer­den will, wird man den Mut entwick­eln müssen, sich für frei­heits­feindliche Parteien (…) als „nicht koali­tion­swillig“ zu präsen­tieren.

Das hat die Piraten­partei erfol­g­los ver­sucht, ein­er anderen Partei wird das ganz bes­timmt bess­er gelin­gen: “Wählt uns, wir wollen entwed­er allein oder gar nicht regieren.” Weiß der Wäh­ler, dass er das will? Plumpe Wider­borstigkeit — “der kleine Chelm ist ein Wider­porst!”, Das Leben des Bri­an — ist bloßes Dage­gen­sein, und wer zwar kon­se­quent gegen irgen­det­was ist, aber zu benen­nen ver­säumt, was er als Alter­na­tive bevorzugte, der ver­liert nicht nur Zeit, son­dern auch noch Ser­iösität. Die Antifa nimmt ja auch nie­mand außer ihren Zöglin­gen mehr ernst.

Der soge­nan­nte „Kon­sens der Demokrat­en“ ist der poli­tis­che Unter­gang für alle jene, die Demokratie als dynamis­chen Wettstre­it um die besten Ideen und Konzepte und nicht als ideen­los­es Stag­na­tion­s­man­age­ment begreifen. Der Mut, unbe­queme Wahrheit­en offen auszus­prechen und nicht mehrheits­fähige Stand­punk­te zu vertreten, ist dafür eben­so notwendig wie die Bere­itschaft, von diesen keinen Mil­lime­ter abzurück­en.

Hier schließt sich Matthias Heit­mann dem anderen großen Lib­eralen im Land an:

Das muss man in Deutsch­land noch sagen dür­fen. Alles andere ist Sozial­is­mus.
Gui­do West­er­welle

Tat­säch­lich sollte es dem Lib­er­al­is­mus auch darum gehen, ver­meintliche Denkver­bote zu über­winden. (Die Piraten­partei han­delt entsprechend etwa in Bezug auf das Urhe­ber­recht.) Dazu zählt aber auch das ver­meintliche Denkver­bot, dass es Denkver­bote gar nicht gibt. Denken dürft ihr, wonach euch ger­ade der Sinn ste­ht — nur äußern dürft ihr eben nur, was das Gesetz hergibt. Darüber soll­tet ihr recht froh sein, denn unge­hin­dertes Sprechen ist manch­mal nur für den Sprech­er lustig, und das seid nicht immer ihr. (Es sei denn, ihr seid eine Frau; in diesem Fall nehme ich das umge­hend zurück.)

Kon­sens als Antag­o­nist des Wettstre­its um Ideen ist im Übri­gen auch ein inter­es­santes, aber schwachsin­niges Bild. Wenn im Wettstre­it um Ideen und Konzepte keine Eini­gung (kein Kon­sens) erzielt wird, dann wird keine der Ideen und keines der Konzepte je mehrheit­stauglich umge­set­zt wer­den. Das Behar­ren auf der jew­eils eige­nen Überzeu­gung als star­res Schema wider kon­trär­er Posi­tio­nen ist zwar anar­chisch (im pos­i­tiv­en Sinne), hat aber mit Demokratie nicht mehr viel zu tun. Es gilt schließlich die Mehrheit zu überzeu­gen und nicht mit ein­er großar­ti­gen Idee zu scheit­ern. Zu mei­den sind Kom­pro­misse, zu erzie­len aber der Kon­sens. Na, sind bei­des Fremd­wörter mit “Ko” vorne dran. Kann ja mal vorkom­men.

Es gilt, inhaltlich die Spreu vom Weizen zu tren­nen

…, “Cicero” also von anderen Mag­a­zi­nen.

[V]iele Stand­punk­te, die heute vom Zeit­geist der poli­tis­chen Kor­rek­theit ver­achtet wer­den, sind lib­erale Stand­punk­te: sei es das Anstreben von gesellschaftlichem Fortschritt und wirtschaftlichem Wach­s­tum, sei es das Ver­trauen in die Frei­heits- und Entwick­lungs­fähigkeit der Men­schen, sei es die Abkehr von den pop­ulären Öko-Mythen wie der Über­bevölkerung oder der Endlichkeit der Ressourcen

Was Ökolo­gie mit poli­tis­chem Lib­er­al­is­mus zu tun hat, weiß wahrschein­lich — sofern denn über­haupt — nur Matthias Heit­mann. Wirtschaftlich­es Wach­s­tum jeden­falls, Kernkom­pe­tenz der F.D.P., sei kein “lib­eraler Stand­punkt”, hat­te er anfangs noch pos­tuliert. Aber das ist ja schon wieder eine ganze Seite her.

Wer heute human­is­tisch argu­men­tiert, wird sich damit abfind­en müssen, von den Mehrheit­en als „radikal“, „ver­ant­wor­tungs­los“, „unsozial“ und eventuell sog­ar als „Staats­feind“ beze­ich­net zu wer­den und mit Leuten in einen Topf gewor­fen zu wer­den, mit denen man nichts zu tun haben will.

Mit welchen Leuten wird man denn “in einen Topf gewor­fen”, wenn man “Radikalhu­man­is­mus” (wie auch immer der definiert ist) ver­tritt? Hof­fentlich nicht mit Ihnen, Herr Heit­mann. Das wäre furcht­bar. Dass Human­is­mus staats­feindlich sei, ist zumin­d­est im gegebe­nen ökonomisch geprägten Deutsch­land prinzip­iell richtig, aber etwas, was wohl nur von denen als neg­a­tives Urteil emp­fun­den würde, mit denen wiederum ich nicht einen Topf teilen möchte, zum Beispiel Hans-Peter “es ist alles in Ord­nung” Friedrich. Insofern auch hier Ein­spruch:

Daraus aber die Notwendigkeit zur Anpas­sung an den Main­stream abzuleit­en, hieße, sich aus Angst vor rück­wärts­gerichteten und damit wenig überzeu­gen­den Argu­menten im großen Pool der „Demokrat­en“ selb­st zu ertränken.

Lib­er­al­is­mus als Gegen­teil des wie auch immer definierten “Main­streams”, als liebenswert­er Außen­seit­er, dessen “Anpas­sung” sein Unter­gang wäre, wird hier im gle­ichen Text schon zum wieder­holten Mal um- und zum wieder­holten Mal falsch definiert. Erwäh­nte ich, dass in “Cicero” auch Kai Diek­mann schreiben darf? — Wären “rück­wärts­ge­wandte” Argu­mente “wenig überzeu­gend”, müsste nun nie­mand unter dem Ein­druck eines unver­min­dert starken Kon­ser­v­a­tivis­mus nach dem Lib­er­al­is­mus rufen; sind sie aber augen­schein­lich nicht.

Lib­erale Poli­tik, so schließt Matthias Heit­mann, müsse als etwas anderes fungieren denn als laues Fäh­nchen im Wind, näm­lich als …

(…) die einzige Stimme, die das Indi­vidu­um nicht einem imag­inären „Wir“ unterord­net, son­dern es als Kern und Träger eines dynamis­chen demokratis­chen Gemein­we­sens achtet; als die einzige Stimme, die Frei­heit nicht als Schutzraum für Unmen­schlichkeit, son­dern als zen­tralen Kern der Men­schlichkeit begreift.

Ich para­phrasiere: Sobald lib­erale Poli­tik also wieder erstarke, sei sie ihr eigen­er Geg­n­er, denn ihr ger­adezu zwang­hafter Indi­vid­u­al­is­mus ste­he ihrer Ver­bre­itung im Weg. Wenn Lib­er­al­is­mus selb­st zum “Main­stream” (also zur vorherrschen­den poli­tis­chen “Geis­te­shal­tung”) werde, sei er von sich selb­st zu bekämpfen, um die Vielfalt des “dynamis­chen demokratis­chen Gemein­we­sens” aufrechtzuer­hal­ten. Stimmt das so?

Würde ich ihm ja fast zutrauen.


Apro­pos Lib­er­al­is­mus: Mit Thorsten Wirth hat die Basis der Piraten­partei Deutsch­land heute einen “Kern­pirat­en” zum Vor­sitzen­den gewählt. Ich finde diese Wahl gut und richtig. Da der Vizevor­sitz allerd­ings an eine Frau gefall­en ist, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die üblichen Medi­en (SPIEGEL ONLINE, Süd­deutsche Zeitung und der­gle­ichen) anfan­gen, wie bei den Grü­nen von ein­er “Dop­pel­spitze” zu reden. Auch im kom­menden Jahr ist also nicht davon auszuge­hen, dass die Medi­en plöt­zlich jour­nal­is­tis­che Tätigkeit aufnehmen. Alles andere würde mich auch erschreck­en.

PersönlichesNerdkrams
mkdir * ; wundern ; sprengen

Ich bin seit ein­er Weile in ein­er dieser start-up-Fir­men tätig, die irgend­was mit mobilen Anwen­dun­gen machen. Ursprünglich sollte ich dort die Back­enden­twick­lung übernehmen; blöder­weise hat­te ich in mein­er Bewer­bung angegeben, dass ich auch schon mal einen Serv­er gewartet habe, was dazu führte, dass man mir außer­dem die Instal­la­tion und Wartung eines Servers (in Form eines aus­rang­ierten Mini-Tow­ers) auftrug. Kein Prob­lem, dachte ich, macht ja dur­chaus Spaß. (Dass die Fir­ma aus­nahm­s­los auf eine Mac-OS-X-Umge­bung set­zt, hätte mich schon stutzig machen sollen.)

Nach eini­gen Stun­den war der aus­rang­ierte Mini-Tow­er zu einem voll funk­tion­stüchti­gen FreeB­SD-PHP-Entwick­lungsserv­er heran­gereift, der genau das tat, was er sollte, regelmäßige Daten­bank- und Web­serv­er-Back­ups per rsync (also auf ein beliebiges Net­zlaufw­erk) inklu­sive. Dieser Serv­er ver­richtete anstand­s­los seinen Dienst und über­stand auch größere updates ohne Prob­leme, wie man es eben von FreeB­SD so ken­nt.

Trotz all­dem gab es seit­ens der Entschei­der (zwar keine “Schlip­sis”, aber doch sehr ökonomisch denk­end) vier Punk­te an der Instal­la­tion zu kri­tisieren: FreeB­SD lasse sich nicht ohne Han­dar­beit in die sowieso herum­ste­hende “Time Machine” (so ein appleeigenes Back­up­sys­tem) ein­binden, was immens wichtig sei, falls mal die Fest­plat­te “abrauche” (ein rsync-Back­up erfordere ja manuelles Zurück­spie­len der Dateien, das sei viel zu umständlich); es sei eher blöd, wenn ich als Einziger im Haus wisse, wie man den Serv­er wieder zum Laufen bekomme, wenn er mal streiken sollte (ich war bis dahin ern­sthaft der Mei­n­ung, genau dafür seien Admin­is­tra­toren ja da); man könne auf FreeB­SD (ich hat­te kein GUI instal­liert) nicht so ein­fach neue virtuelle Hosts anle­gen wie unter Mac OS X, wo ein einziger Klick genüge; im Übri­gen passe der Mini­tow­er nicht in den “Server­schrank” (die Anführungsze­ichen sind ernst gemeint; in diesem “Server­schrank” ste­hen vor allem Mac min­is herum), son­dern müsse danebengestellt wer­den, was natür­lich unzu­mut­bar sei.

Die “Lösung” für diese Her­aus­forderun­gen: Ein weit­er­er Mac mini wurde angeschafft und dem Zuständi­gen (mir) kurz erk­lärt, wie das Teil denn funk­tion­iert, wie man also per Klick neue Web­seit­en hinzufügt (was offen­bar nichts anderes ist als ein GUI zur Ver­wal­tung von virtuellen Hosts im mit­geliefer­ten Apache), sog­ar mit “hüb­sch­er” blauer check­box zum An- und Abschal­ten von PHP (natür­lich in ein­er Uraltver­sion; wer will schon aktuelle Soft­ware auf ’nem Serv­er nutzen? Mac-OS-Nutzer jeden­falls nicht). “Dann mal viel Spaß!”

Was ich per Ver­such und Irrtum schnell her­aus­fand: Das GUI für die Server­wartung in Mac OS X scheint tat­säch­lich einen gewis­sen Zweck zu erfüllen. Eine httpd.conf existiert zwar dort, wo man sie erwarten würde (es gibt tat­säch­lich ein Kon­fig­u­ra­tionsverze­ich­nis namens apache2), aber sie scheint für irgend­was anderes benutzt zu wer­den. Das (mit­tels home­brew; ein passender Name, denn die Benutzung macht Lust auf ein Bier) händisch nachin­stal­lierte PHP 5.5 ließ sich über sie jeden­falls nicht aktivieren. “Mein” Pro­jekt set­zt im Übri­gen auf Mari­aDB (also MySQL-Syn­tax) auf, Mac OS X bringt natür­lich nur Post­greSQL mit (selb­stver­ständlich ohne GUI, das wäre ver­mut­lich zu ein­fach); auch hier war also Han­dar­beit nötig. Ob das eben­falls per brew ein­gerichtete Mari­aDB kor­rekt mit dem Web­serv­er zusam­me­nar­beit­et, ist mehr oder weniger ein Rate­spiel, da ich noch nicht her­aus­ge­fun­den habe, wie ich an “meine” PHP-Instal­la­tion komme. Das “PHP”-Häkchen schal­tet ja nur die wo auch immer ver­steck­te httpd.conf um, nicht die, die dort liegt, wo sie liegen sollte. Toll, so’n Mac. (Es sieht aber gut aus: Die Instal­la­tion von Admin­er im Ord­ner der Web­site “Default” ließ mich zumin­d­est auf die Daten­bank zugreifen, mysqlad­min ver­richtet auf der Kon­sole auch anstand­s­los seinen Dienst. Glück gehabt!)

Die Soft­ware war zumin­d­est the­o­retisch erst mal instal­liert. Jet­zt galt es das beste­hende PHP-Pro­jekt vom “alten” auf den “neuen” Serv­er zu migri­eren. Die Benutzung von scp bot sich an. Natür­lich liegen Mac-OS-X-Web­sites nicht in /var/www oder irgend­wo inner­halb von /usr oder /etc, son­dern in einem merk­würdi­gen Son­derord­ner namens /Library (und auch nicht unter /Library/WebServer, was eben­falls existiert, son­dern unter /Library/Server), man will es Nicht-Mac-Nutzern ja nicht zu leicht machen, von BSD auf Mac OS X zu wech­seln. Da kön­nte ja jed­er kom­men! Insofern ist es nur kon­se­quent, dass Mac OS X nicht die tcsh, son­dern die bash als Stan­dard­shell ver­wen­det. Die bash ver­hält sich aber gele­gentlich so, wie man es am Wenig­sten erwarten würde (was ein­er der Gründe sein kön­nte, warum sie unter Lin­ux so beliebt ist).

Ein Beispiel: Was, denkt ihr, tut fol­gen­der Befehl in ein­er Mac-OS-X-Shell?

scp -r root@bsdserver:/var/www/projekt/* ./*

Der gesunde Men­schen­ver­stand sieht, dass ./* eigentlich redun­dant ist und . genü­gen sollte, hat aber anson­sten keine weit­eren Ein­wände. Die bash sieht das mit dem Glob­bing aber anders als der gesunde Men­schen­ver­stand. Obiger Befehl kopiert also rekur­siv (-r) den Inhalt von /var/www/projekt auf dem BSD-Serv­er in das aktuelle Verze­ich­nis — und zwar in einen Unterord­ner namens *, den er hier­für extra anlegt.

Oh, jet­zt habe ich vor Schreck die Beto­nung vergessen: In einen Unterord­ner namens *! (Für die weniger Tech­nikver­sierten: Das ist, als würde man sein Kind “Leerze­ichen” nen­nen. Oder “Jed­er”.)

Wie beseit­igt man dieses Mal­heur? Erst mal alles einen Ord­ner höher kopieren, dann den Ord­ner namens * ent­fer­nen:

cd "*"; cp -R * ..; cd ..; rm -rf "*"

Fiese Falle: rm ‑rf * würde auch funk­tion­ieren, aber anders als gewün­scht.

Mac OS X über­rascht mich immer wieder. Incred­i­ble!

Zum Glück ist Woch­enende.

SonstigesNetzfundstücke
Das Fest, dessen Name nicht genannt werden darf

Wenn man dann über­haupt ein­fach mal darüber nach­denkt, was das alljährliche Wei­h­nachts­bo­hei — Kaufhaus­fas­saden sind bere­its seit Wochen mit grünem Plas­tik “verziert”, und mir wird davon schon ganz fes­tlich in der Hose — eigentlich ist, bekommt man ja dur­chaus leichte Zweifel daran, dass man daran teil­nehmen sollte, weil man das eben so macht.

Es gibt eigentlich nur zwei valide Gründe, zeitlichen oder ander­weit­i­gen Aufwand in Wei­h­nachtsvor­bere­itun­gen zu investieren. Der volk­stüm­liche der bei­den Gründe ist die Tra­di­tion im christlichen Abend­land. (Wer die Wei­h­nacht als bil­lige Ausrede benutzt, etwas mit der Fam­i­lie zu unternehmen, der hat das mit der Fam­i­lie übri­gens noch nicht so ganz ver­standen.) Diese Tra­di­tion sieht von außen wahrschein­lich etwas selt­sam aus: Christlich Sozial­isierte in Deutsch­land — hier hat das mit den Bäu­men wohl seinen Ursprung — gedenken der Geburt eines Toten, indem sie einen eben­so toten Nadel­baum in ihr Wohnz­im­mer stellen und Plas­tik­spielzeug um ihn herum verteilen. Da platzt einem doch der Kopf.

Ein Blick nach Osten: Religiös am näch­sten kommt dem Wei­h­nachts­fest im Bud­dhis­mus wahrschein­lich das Vesakhfest, an dem Geburt, Erleuch­tung und Ver­löschen von Sid­dhar­ta Gau­ta­ma (“Bud­dha”) gefeiert wer­den. Anlässlich dieses Festes wird unter anderem auch geschenkt:

Ein wichtiges Ele­ment des Fest­tages ist die Übung in Gebe­freudigkeit, also das Schenken — so wer­den Spenden an Klöster gegeben und vor allem Bedürftige und Pil­ger mit Lebens­mit­tel ver­sorgt und verpflegt.

Diese merk­würdi­ge Ange­wohn­heit des Schenkens — dieses Jahr sollen’s pro Kopf durch­schnit­tlich 288 Euro sein, von denen nur in Aus­nah­me­fällen Bedürftige Mal­teser, Rotkreu­zler, Peru­an­er sowie Zirkus­be­di­en­stete mit und ohne Kamel, Esel und Pan­flöte prof­i­tieren — ist also keine Eigen­heit kap­i­tal­is­tis­ch­er Staat­en, son­dern weltweit akzep­tiertes Brauch­tum. Ver­ständlich: Wer den Rest des Jahres ein selb­st­süchtiges Ekel­paket ist, dem ist jede ihm aufge­drängte Gele­gen­heit zur Revanche eventuell ger­ade gut genug.

Mit dem Chris­ten­tum hat das alles sowieso nicht viel zu tun; der bib­lis­che Jesus fand für jene, die ihre Men­schlichkeit in ver­füg­barem Geld bemessen woll­ten, recht deftige Worte: Ihr kön­nt nicht Gott dienen und dem Mam­mon.

Da sich die Men­schen somit einig sein soll­ten, dass das Chris­ten­tum in ihrer per­sön­lichen Feier­lichkeit nor­maler­weise keine Rolle mehr spielt (und gle­ichzei­ig big­ott aufheulen, wenn jemand anstrebt, den Stuss aus den Kalen­dern tilgen zu lassen), fällt es auch nicht weit­er ins Gewicht, dass man selb­st im fun­da­men­tal­is­tisch christlichen Staaten­bund USA inzwis­chen darauf verzicht­en, die selb­st­definierte Christlichkeit (rat­tat­tat­tat­ta!, wis­senschon) an die — *Son­nen­brille auf­setz* — große Glocke — yeahzu hän­gen, und seine Wei­h­nachts­bäume “hol­i­day trees”, also “Feiertags­bäume”, nen­nt. Anhänger ander­er Reli­gio­nen (außer den Mus­li­men, die haben in den USA nicht viel Grund zu feiern) wer­den somit nicht mit stören­den west­lichen Werten kon­fron­tiert und bege­hen statt Wei­h­nacht­en eben ein reli­gion­süber­greifend­es Fest, das man nur zufäl­lig wie Wei­h­nacht­en feiert. O Mägdelein, o Mägdelein, wie falsch ist dein Gemüte. Kon­se­quent sollte der Wei­h­nachts­mann (“San­ta Claus”) kün­ftig den Namen “Hol­i­day Man” tra­gen. Super­helden sind ja immer mal wieder im Kom­men.

Anhänger später­er Reli­gio­nen wer­den eines Tages vor ihren Geschichts­büch­ern sitzen und sich über die Chris­ten scheck­ig lachen. Das sieht dann sich­er total witzig aus.

PolitikIn den Nachrichten
Der Koalitionsvertrag ist da.

Der vorüberge­hende Kon­sens von CDU, CSU und SPD sei nicht so gut, heißt es. Das Leis­tungss­chmutzrecht solle aus­ge­baut, die Vor­rats­daten­spe­icherung wieder mal einge­führt wer­den, und auch son­st bekommt der Wäh­ler genau das, was er von sein­er Wahl zu erwarten hat­te.

Kevin Price, Lan­desvor­sitzen­der der Piraten­partei Nieder­sach­sen, beklagte, dass CDU-Poli­tik­er das tun, was CDU-Poli­tik­er immer tun (Still­stand immer, vor­wärts nim­mer!), und gab die Schuld den gewählten Volksvertretern, die das tun, was ihre Wäh­ler von ihnen erwarten; ähn­lich agieren auch weite Kreise der übri­gen Net­zge­mein­schaft.

Da tritt also eine kon­ser­v­a­tive Partei zur Wahl an, die schon vorher kein Geheim­nis daraus macht, dass sie im Falle ein­er Regierungs­beteili­gung auch weit­er­hin kein Inter­esse an pro­gres­siv­er Poli­tik haben wird, wird trotz­dem gewählt und bekommt dann die Schuld daran, dass über vierzig Prozent der Wäh­ler in Deutsch­land zum Früh­stück anscheinend Lack saufen, zugewiesen. Nein, der Wäh­ler ist nicht dafür ver­ant­wortlich zu machen, wenn er Arschlöch­er wählt, er hat ja keine Wahl.

Kodos: Ja, stimmt. Wir sind Außerirdis­che. Aber was wollt ihr dage­gen machen? Ihr habt ein Zweiparteien­sys­tem. Einen von uns bei­den müsst ihr wählen.
Ein Zuschauer: Dann wähl ich eben den Kan­di­dat­en ein­er drit­ten Partei!
Kang: Bitte, wenn du deine Stimme unbe­d­ingt weg­w­er­fen willst.
Die Simp­sons, Tree­house of Hor­ror VII

Sich nun aber über diesen Ver­trag aufzure­gen wäre vor­erst nicht zielführen­des Tun: Schon die vorherige “schwarz-gelbe” Regierung hat den ihren sehr lib­er­al aus­gelegt.

[Einige] Punk­te aus dem Koali­tionsver­trag wur­den von der Bun­desregierung nicht wie geplant umge­set­zt. Bei manchen Punk­ten macht man sog­ar das Gegen­teil.

Die AfD sieht auf­grund des Koali­tionsver­trags die Zukun­fts­fähigkeit Deutsch­lands bedro­ht. Mit Zukun­fts­fähigkeit ken­nt sie sich ja aus. Mich beschle­icht jedoch der Ver­dacht, nicht der Ver­trag ist es, der die Zukun­fts­fähigkeit unter ein­er CDU-Regierung (man ver­suche nun bitte nicht die Real­ität zu ver­wirren, indem man den Junior­part­ner SPD als Feigen­blatt ins Feld führt; wir sind doch schon groß und kön­nen mit der Real­ität umge­hen, nicht wahr?) bedro­ht, son­dern das Gegen­teil ist der Fall.

Das scheint ander­er­seits die Beständigkeit der Wahlergeb­nisse zu fes­ti­gen. Wenig pro­gres­sive Poli­tik führt zu wenig Wun­schdenken im Volk, das dann wiederum wenig pro­gres­siv wählen möchte.

Wie der Herr, so’s Gescherr.

Mir wird geschlechtSonstiges
Medienkritik in Kürze: “freundin”, “myself”, “Women’s Health”: Bleibt alles anders.

Junge Frauen lassen sich zunehmend gern auf ihr Äußeres reduzieren.
Mered­ith Haaf

Das Mag­a­zin “fre­undin” informierte im Juni 2013 seine Leserin­nen darüber, dass es dur­chaus pos­i­tiv sei, sich nicht zu ver­biegen: “Ich bin gut, so wie ich bin!”

Und weil der Zus­tand, dass es gut ist, weil man ist, wie man ist, ein doch eher lang­weiliger ist, wird Monat für Monat an den Kiosken vorge­beugt. Momen­tan hat’s dort Dezem­ber­aus­gaben einiger namhafter Frauen­zeitschriften. Auszüge gefäl­lig?

Die — aus­gerech­net — “fre­undin” emp­fiehlt “edle Make-ups” gegen allzu natür­lich­es Ausse­hen:

freundin 25-2013

Die “myself”, die die Vor­liebe für Natür­lichkeit ja schon im Namen trägt, emp­fiehlt “Abnehmen — ein­fach wie nie” (sog­ar an den Feierta­gen), denn die Ziel­gruppe der “myself” scheinen Frauen zu sein, die sich beim Essen nicht beherrschen kön­nen:

Myself 12-2013

Die “Women’s Health” (“It’s Good to Be You”, vul­go sei, wie du bist) hat außer den 27 Seit­en Extra-Beau­ty (heißt nicht irgen­dein bekan­ntes Pferd so ähn­lich?) auch einen beson­ders wichti­gen Tipp für den Win­ter: “Das bringt Ihre Beine in Best­form”.

Women's Health 12-2013

In den kom­menden Aus­gaben, ich wäre fast wil­lens darauf zu wet­ten, wird es voraus­sichtlich dann schock­ierende Stu­di­en darüber zu lesen geben, dass ein Großteil der Frauen unzufrieden mit ihrem Ausse­hen ist. Wer trägt die Schuld daran? Die Män­ner, ver­ste­ht sich. Frauen machen so was ja nicht.

Frauen reduzieren Män­ner darauf, dass Män­ner Frauen auf ihr Äußeres reduzieren.
Luca Rai­mon­do

Persönliches
“Wo Sie grad frieren: Darf ich Sie kurz stören?”

Man kann sich qua­si den Kalen­der danach stellen: Der Win­ter hat offiziell begonnen, wenn Mal­teser, Rotkreu­zler, Peru­an­er, Zirkus­be­di­en­stete und son­stige sich men­schlich nen­nende Bet­tler mit und ohne Kamel, Esel und Pan­flöte aus dem War­men in die soziale Kälte auf Bahn­höfen und in Fußgänger­zo­nen migri­eren.

Wieso aber glauben sie eigentlich, dass Men­schen beson­ders dann hil­fs­bere­it sind und sich Zeit für soziale Inter­ak­tion im Freien nehmen, wenn es kalt ist? Klar, es geht auf Wei­h­nacht­en zu, auf das so genan­nte “Fest”, anlässlich dessen die Leute ohne­hin schon regelmäßig ehrliche Wertschätzung mit teuren Geschenken ver­wech­seln und also, da sie inner­städtisch unter­wegs sind, meist bere­its sowieso dabei sind, Geld für allen möglichen Plun­der auszugeben, wom­it die Wahrschein­lichkeit, dass sie dann auch für die Bedürfti­gen — wom­it natür­lich mal wieder nicht die deutschen Steuerzahler gemeint sind — ein paar Euro erübri­gen kön­nen, um ein Vielfach­es steigt.

Ob das die richtige Vorge­hensweise ist? Ich bezwei­fle es. Zwar ist es dur­chaus möglich, dass einige Ange­sproch­ene gen­ervt (die Wenig­sten wohl überzeugt) dem Bit­ten nachgeben, um nur endlich weit­erge­hen zu kön­nen, ohne unhöflich zu wirken (warum fürcht­en sich so viele eigentlich vor diesem Ein­druck gegenüber Unsym­pa­then?), und sich irgendwelche Unter­stützung zu leis­ten bere­it erk­lären, und wenn das einzige Ziel der Mal­teser (o. Ä.) lautet, schnell an Geld zu kom­men, kön­nen sie damit zufrieden sein; allein: Mis­sion­sar­beit stelle ich mir etwas anders vor. Der Geist der Wei­h­nacht hat einen Sub­text, der nicht nur mit‑, son­dern den ganzen Geist umher­schwingt.

Die wenig­stens ger­ingfügig men­schlich entschuld­bare alter­na­tive Erk­lärung für den zeitlichen Zusam­men­fall von Frost und Bittstellerei lautet, dass den Mal­te­sern (o. Ä.) wohl bekan­nt sei, dass den Bürg­ern das Geld momen­tan großteils nicht lock­er in den Taschen liege und man im Win­ter zumin­d­est auf den Mitlei­ds­fak­tor set­zen könne. Bei genauer­er Betra­ch­tung stürzt dieses Selb­stlü­genge­bilde aber vor­bildlich in sich zusam­men.

Man stelle sich fol­gen­des hof­fentlich fik­tives Gespräch an einem Bahn­hof bei 30 Grad im Schat­ten vor:

Mal­teser (o. Ä.): Eine Spende für Obdachlose bitte!
Pas­sant (gen­ervt): Wie schlimm geht es denen?
Mal­teser (o. Ä.): Nun, sie haben Hunger, kein Dach über dem Kopf und sind in schlechter kör­per­lich­er Ver­fas­sung.
Pas­sant (gen­ervt): Frieren sie auch?
Mal­teser (o. Ä.): Nein, es ist ja warm.
Pas­sant (gen­ervt): Dann spende ich nicht. Ver­suchen Sie es im Win­ter noch ein­mal.

Entwed­er sind solche Dialoge tat­säch­lich üblich oder die Mal­teser (o. Ä.) treiben doch erschreck­end niedere, manip­u­la­tive Instink­te zu ihrem Tun. Bei­des wäre erschreck­end, aber wenig über­raschend, in keinem Fall aber überzeu­gend. Die Men­schen soll­ten auch zur “Wei­h­nacht­szeit” nicht vergessen, dass die reine Ver­nun­ft nicht verkäu­flich ist. (Noch so ein Satz, den man in ein­er Kirche wohl sel­ten hören würde.)

Habt ihr eigentlich dieses Jahr schon für Kaka­pos gespendet?

In den Nachrichten
Jurys wissen, wer gediegen ist!

Die Qual­ität des Wortschatzes der Jugendlichen habe ich hier ja schon anlässlich manchen Tuns belustigt oder bestürzt zur Ken­nt­nis genom­men. Die Entschei­dung der Wahl zum Jugend­wort des Jahres 2013 erfüllt mich insofern mit großer Hoff­nung.

Dieses Jugend­wort wird alljährlich von ein­er Jury gekürt, der mehrheitlich einiger­maßen junge Leute (ab 13 geht’s los) ange­hören, die Frauen­quote beträgt etwa 61,5 Prozent. Die Kri­te­rien sind ein­leuch­t­end:

Wörter, die ihr in die engere Wahl gevotet (sic! A.d.V.) habt, wer­den von der Jury nach fol­gen­den Kri­te­rien bew­ertet:

_ sprach­liche Kreativ­ität
_ Orig­i­nal­ität
_ Ver­bre­itungs­grad des Wortes
_ gesellschaftliche und kul­turelle Ereignisse

(For­matierung ger­ingfügig angepasst.)

Dass diese Kri­te­rien schon 2010 sehr frei aus­gelegt wur­den, hat­te ich damals doku­men­tiert. In diesem Jahr ist’s nicht bess­er:

“Babo” ist Jugend­wort des Jahres 2013

“Babo” also, das ostana­tolis­che slang-Wort für “Chef”, hat es zum deutschen “Jugend­wort des Jahres” geschafft. Dass es hinge­gen das weit häu­figer gehörte “Dön­er” noch nicht in die “Top 5” geschafft hat, über­rascht mich, erfüllt es doch die vier Kri­te­rien viel eher als “Babo”. Bei let­zterem Wort sieht es da eher mau aus:

  1. sprach­liche Kreativ­ität: Ent­fällt. “Babo” ist beispiel­sweise so “kreativ” wie “blimey!” — ein gle­ich­wie umgangssprach­lich­es Wort aus ein­er anderen Sprache mit­samt der Bedeu­tung unre­flek­tiert und unverän­dert zu übernehmen erfüllt kein Kri­teri­um, das ich an Kreativ­ität anle­gen würde. (Dok­torar­beit­en abzuschreiben fällt ja auch nicht unter kün­st­lerische Frei­heit.) Kreativ waren allen­falls die ostana­tolis­chen Prekari­er, die dem Wort “babo” ursprünglich zu sein­er in ihren Kreisen üblichen Bedeu­tung ver­holfen haben. Das waren aber ver­mut­lich eher keine deutschen Jugendlichen.
  2. Orig­i­nal­ität: Ent­fällt aus vor­beze­ich­neten Grün­den.
  3. Ver­bre­itungs­grad des Wortes: Gemäß ein­er von mir durchge­führten Kurzs­tudie in der Umgangssprache der Jugendlichen nur als Zitat eines Her­rn “Haft­be­fehl” geläu­fig, meist jedoch völ­lig unbekan­nt.
  4. gesellschaftliche und kul­turelle Ereignisse: “Babo” erfuhr auf­grund des Hip-Hop-Stücks “Cha­bos wis­sen wer der Babo ist” kurzzeit­ige Beliebtheit unter den Jugendlichen, deren Wortschatz sich im Rez­i­tieren der Hit­pa­rade erschöpft. Besagtes Stück erre­ichte lediglich Platz 30 und hielt diesen nur eine Woche lang, einen Jugendlichen, der in mein­er Gegen­wart hier­aus zitiert hätte, kon­nte ich bis­lang nicht wahrnehmen.

Die Wahl des Wortes “Babo” ist somit nicht nur blöde, son­dern auch noch falsch. Lan­gen­schei­dt eben. Mit dem Wahrig wär’ das nicht passiert. (Auf Platz 2 und 4 ste­hen mit “fame” und “in your face” — zählt das als ein Wort‽ — Begriffe, auf die im Übri­gen Ähn­lich­es zutrifft. Das fün­ft­platzierte “haku­na mata­ta” als Swahili-Begriff, der seit der Veröf­fentlichung des Films “Der König der Löwen” vor bald 20 Jahren Teil der Jugend­sprache ist, spot­tet hier ohne­hin jed­er Beschrei­bung.)

Haku­na mata­ta / gilt stets als mod­ern.
Tim­on & Pum­baa

Wen­den wir uns also amüsiert und abschließend dem drittplatzierten Wort zu, gle­ich­sam dem Bronze­ju­gend­wort des Jahres. Es lautet: “gediegen”.

“Gediegen” stammt laut Duden aus dem Mit­tel­hochdeutschen und ist wahlweise ein Syn­onym für “solide”, für “rein” (bezüglich eines Met­alls, adver­bial ver­wen­det) sowie für “wun­der­lich”, im alltäglichen Sprachge­brauch (wenn man nicht ger­ade Rein­heits­grade festzustellen pflegt) kommt es meist in Verbindung mit einem Ambi­ente und/oder dessen Atmo­sphäre vor. Die Jury vom Jugend­wort des Jahres 2013 hält dage­gen, in Jugend­kreisen ste­he “gediegen” für super, cool, läs­sig (warum statt “läs­sig” nicht das läs­sige “leg­er” ver­wen­det wurde, entzieht sich momen­tan mein­er Ken­nt­nis), und was “cool” ist, ver­ste­hen Jugendliche in der Regel dur­chaus. (“Gediegen” allerd­ings — auch dies zeigte eine mein­er­seits durchge­führte Umfrage — eher nicht; was das für die Anwend­barkeit der vorge­blichen Kri­te­rien bedeutet, kön­nt ihr euch sicher­lich vorstellen. Der Online-Duden bescheinigt “gediegen” jeden­falls eine Worthäu­figkeit von “2 von 5”, was alle möglichen Bedeu­tun­gen umfasst.)

Es gab vor eini­gen Jahren eine Stu­di­VZ-Gruppe namens “Obacht, du Schelm, nun ist’s genug der Fir­lefanz­erey!”, in der man das Ausster­ben etabliert­er deutsch­er Begriffe beklagte. Inwiefern diese Gruppe in anderen “sozialen Net­zw­erken” weit­er­lebt, weiß ich nicht; ich gehe aber davon aus, dass eine Nominierung von “Fir­lefanz” gute Chan­cen auf ein pos­i­tives Votum haben würde. Vielle­icht ver­suche ich gediegen­er Schelm das näch­stes Jahr mal.

Ein Gutes hat die Kür von “Babo” allerd­ings: “Yolo”, das eklige “Wort” des Jahres 2012, wird nun, da es nicht mehr cool ist, aus dem alltäglichen Sprachge­brauch ver­schwinden.

Cha­bos wis­sen das.

Montagsmusik
Eminem — Berzerk

Was macht eigentlich Eminem ger­ade so?

Nun, nach diversen Entzugskuren immer noch Rap. Und wom­it kön­nte so ein Mon­tag bess­er begin­nen als mit einem Beleg dieses Tuns? (Nicht mein bevorzugtes Schaf­fen: Rhetorische Fra­gen stellen und gar nicht so meinen.)

Eminem — Berz­erk Live For BBC Radio 1

May­hem to the a.m.

Guten Mor­gen!

PolitikIn den Nachrichten
Alle Jahre wieder… / Hihi: Politiker reden über geistiges Eigentum.

Pünk­tlich zur Wei­h­nacht­szeit wird das geistige — laut Duden-Ver­lag “nur gedachte, allein in der Vorstel­lungswelt vorhan­dene” — Eigen­tum wieder angemessen geschützt:

Das nieder­ländis­che GEMA-Pen­dant hat eine Grund­schule heimge­sucht, weil sie gehört hat­ten, dass die Wei­h­nacht­slieder spie­len. Dafür hat­ten sie keine Auf­führrechte.

Aus unbekan­ntem Grund haben sich über diese angemessene Reak­tion auf dreiste Ver­let­zung von Urhe­ber­recht­en seit­ens der auf ihre kindliche Unschuld pochen­den Raubkopiert­er­ror­is­ten mehrere Leute empört, was nur daran liegen kann, dass sie über die rechtliche Lage in den Nieder­lan­den nicht informiert scheinen. In weis­er Voraus­sicht hat die abzuwäh­lende deutsche Regierung in spe den Plan gefasst, Empörun­gen zumin­d­est im eige­nen Land mit­tels Aufk­lärungskam­pag­nen vorzubeu­gen:

Das Bewusst­sein für den “Wert geisti­gen Eigen­tums” in der Gesellschaft müsse gestärkt wer­den. (…) Die geplante große Koali­tion will zum Erre­ichen dieses Ziels “entsprechende Maß­nah­men unter­stützen”. Ob es sich dabei um eine Verpflich­tung für Provider han­deln kön­nte, Warn­hin­weise an die Nutzer zu schick­en und dafür den Net­zverkehr großflächig zu überwachen, lassen die Kul­tur­poli­tik­er offen.

Wenn’s halt schon nicht für eigene geistige Leis­tun­gen genügt.


Für Leute mit starkem Magen: Weit­ere Gründe zum Auswan­dern (zum Beispiel in die Schweiz) für jeden­falls vier Jahre wer­den hier gesam­melt.

In den NachrichtenComputer
Privat( )fernsehen

Die Fir­ma LG, die son­st total tolle Tech­niken wie “HbbTV” (so eine Art ungesichertes Fernbe­di­enungssys­tem) in ihre Fernse­her ein­baut, erk­lärt der Welt endlich, warum die “Pri­vat­sphärene­in­stel­lung” von Fernse­hern gar nichts mit der Pri­vat­sphäre des Kon­sumenten zu tun haben muss:

Jason Hunt­ley aus Großbri­tan­nien hat ent­deckt, dass sein LG-Fernse­her Dat­en über Pro­grammwech­sel und sog­ar die Video­dateina­men eines angeschlosse­nen USB-Sticks an einen Serv­er schickt. Das passiere auch, wenn im Menü die Pri­vat­sphäre-Ein­stel­lung aktiviert sei, so Hunt­ley.

Als er das süd­ko­re­anis­che Unternehmen kon­tak­tierte, erhielt er nach eige­nen Angaben die Antwort, dass er den Lizenzbe­din­gun­gen von LG zuges­timmt habe, die bein­hal­teten, dass Dat­en an das Unternehmen zurück­geschickt wür­den.

Das war natür­lich aber alles nur ein bedauer­lich­es Missver­ständ­nis, der Fehler werde dem­nächst natür­lich behoben. Aber warum möchte LG eigentlich all diese Dat­en ein­se­hen kön­nen?

LG bewirbt in einem Video die Funk­tion LG Smart Ad. Damit kön­nen Wer­be­treibende Anzeigen in der Smart-TV-Ober­fläche ein­blenden. Im Video heißt es:

“LG Smart Ad analysiert die Liebling­spro­gramme des Nutzers, dessen Onlin­ev­er­hal­ten, Such­worte und andere Infor­ma­tio­nen, um dem Zielpub­likum rel­e­vante Wer­bung zu zeigen.”

Kauft unsere Fernse­her! Jet­zt auch mit rel­e­van­ter kosten­los­er Wer­bung zwis­chen den Wer­be­blöck­en!

In der verbleiben­den Vier­tel­stunde des diesjähri­gen Welt­tags der Philoso­phie soll­ten wir uns alle eine Frage stellen: Was sagt der Erfolg von LG-Fernse­hern über uns als Gesellschaft aus?

Sind wir wirk­lich so bescheuert?

Netzfundstücke
Hundert Prozent

100% GratisNach­dem Wer­be­treibende sich früher noch mit wenig­stens halb­wegs the­men­be­zo­ge­nen Vorteilen eines anzupreisenden Pro­duk­ts (“er läuft und läuft und läuft”) zufriedengegeben haben, wenn es darum ging, irgen­deinen bil­li­gen Quatsch möglichst bre­it­flächig im Volk zu verteilen, scheint es ihnen heute schw­erz­u­fall­en, dieses einiger­maßen bewährte Konzept aufrechtzuer­hal­ten.

Heutzu­tage, da die Indus­tri­al­isierung und Dig­i­tal­isierung die Men­schen bequem und unin­no­va­tions­freudig wer­den ließ, scheinen neue Pro­duk­te ein­fach nicht mehr genug Vorteile gegenüber Beste­hen­dem zu bieten. Auf dem Waschmit­tel­markt war schon Mitte der 1960-er Jahre klar, dass mit der Eigen­schaft, noch weißer als weiß (im Hexa­dez­i­mal­code also wahrschein­lich #GGGGGG) zu waschen, das Non­plusul­tra erre­icht sein dürfte, in anderen Branchen sieht es wohl sel­ten völ­lig anders aus. Find­i­ge Wer­ber ent­deck­ten also schon bald die Kosten­loskul­tur (lange vor dem bösen “Inter­net”) für sich: Wenn man schon kein besseres Pro­dukt mehr bieten kon­nte, dann sollte das Nach­fol­ge­pro­dukt — warum auch immer ein solch­es über­haupt benötigt wurde — wenig­stens aus Preis­grün­den ähn­lich zahlre­ich verkauft wer­den kön­nen.

Bis zur näch­sten Devo­lu­tion hat es dann tat­säch­lich ein paar Jahrzehnte gedauert. Irgend­wann in den let­zten Jahren wurde den Ver­mark­tern aber auch das kosten­lose Pro­dukt, das die Opti­malleis­tung über­trifft, zu wenig attrak­tiv, weshalb sie dazu überge­gan­gen sind, auch die Kosten­losigkeit ein­er Hyper­la­tivierung zu unterziehen: Selb­st die Web­site des OpenOffice.org-Projekts bewarb die entwick­el­ten Pro­gramme zeitweise als 100 Prozent gratis.

Diesen Wert sollte man hier­bei in Rela­tion set­zen zu “0 % gratis” (eine Yacht), “ein biss­chen gratis” (Wer­be­prospek­te) und “nor­mal gratis” (die Extra­por­tion Nutel­la in diesen großen Gläsern), um ihn voll­ständig zu begreifen. Kaufen Sie unser Pro­dukt, es ist ein­undzwanzig Prozent gra­tis­er als das Konkur­ren­zpro­dukt.

Wie lange es dauert, bis auch dieses noch per­fek­tere Pro­dukt weit­er per­fek­tion­iert wird, wer­den wir, fürchte ich, noch erleben. Ich habe ein biss­chen Angst vor der fol­gen­den Iter­a­tion.

Da hab’ ich aber eine Staune.
Dieter Hilde­brandt, 1927 — 2013

NetzfundstückeIn den NachrichtenMir wird geschlecht
Welttoilettentag 2013

Ei, zum Glück ist heute Welt­toi­let­tentag und nicht etwa Inter­na­tionaler Män­nertag, son­st fände ich die gestri­gen Nachricht­en doch eher zynisch:

Endlich, die Frauen­quote kommt

Heute wird im Inter­net dann allerd­ings lieber brav geblog­gt:

Ziel­gerichtet, selb­st­be­wusst, aber auch sen­si­bel und kinder­lieb – der per­fek­te Mann ist für viele Frauen ein Alpha-Soft­ie.

Wenig­stens die taz berichtet über heutige Feier­lichkeit­en, und zwar, ähm:

Frauenehrung am Män­nertag — Seit einem Viertel­jahrhun­dert bildet bel­ladon­na Frauen

:facepalm:

Zum Glück ist heute Welt­toi­let­tentag und nicht etwa Inter­na­tionaler Män­nertag, son­st wäre es natür­lich undenkbar, dass die ARD zur Feier des Tages einen Berichter­stat­ter loss­chickt, der das Männlich­sein ein für alle­mal als Testos­teronbe­sitzen, Bier­trinken und Aut­o­fahren zemen­tiert, damit so ein Mann auch weiß, wie er gefäl­ligst zu sein hat. Der Betra­chter macht’s Fußball­gesicht.

Zum Glück ist heute Welt­toi­let­tentag und nicht etwa Inter­na­tionaler Män­nertag, son­st wäre ich doch ein wenig erbost über das Andrea Schel­bert, die heute statt des üblichen “Män­ner sollen x tun, wenn eine Frau das will” aus­nahm­sweise mal “Män­ner sollen y tun, wenn eine Frau das will” ins Inter­net rein­schreibt.

Zum Glück ist heute Welt­toi­let­tentag. Gle­ich mal reinkotzen.