Sonstiges
Jim, Lukas und die Cri­ti­cal Whiten­ess

Die jüng­ste Fol­ge der scheuß­li­chen Schund­sen­dung „Wet­ten, dass…?“, so weiß das Inter­net zu berich­ten, beinhal­te­te als wie üblich lah­me „Stadt­wet­te“, dass es nicht gelin­gen wür­de, eine Min­dest­an­zahl an Ein­woh­nern, die sich frei­wil­lig als Jim Knopf und Loko­mo­tiv­füh­rer Lukas ver­klei­den wür­den, bis zum Ende der Sen­dung ins Stu­dio zu bekom­men. Das wur­de natür­lich zur all­ge­mei­nen Unter­ra­schung bra­vou­rös trotz­dem geschafft. Blöd: Jim Knopf ist eine dun­kel­häu­ti­ge Figur.

Und so wur­den in alter Tra­di­ti­on Gesich­ter bemalt, damit klar sein möge, wer Lukas ist und wer nicht. Nach­dem es aber zumin­dest seit eini­gen Jah­ren weit­ge­hend ver­pönt ist, Men­schen eine hel­le Haut­far­be auf­zu­drän­gen (und Micha­el Jack­son war ja nun wirk­lich auch kein schö­ner Mann), ist es jetzt offen­bar auch uner­wünscht, wenn sich edle Wei­ße frei­wil­lig zum N‑Wort machen: „(…) das elen­di­ge #Blackfacing hat einen Shits­torm Delu­xe ver­dient.“ Es darf nicht sein, dass jemand von unse­ren Gebüh­ren – keif, zeter, schäum – sei­ne Haut­far­be für’s Fern­se­hen ver­dun­kelt. (Zur Erin­ne­rung für die­je­ni­gen, die das Buch nie gele­sen und die Auf­füh­rung nie gese­hen haben: Jim Knopf ist der Held der Geschich­te. Nein, ich muss­te das auch gera­de nach­le­sen.)

Klar kann man sich zum Spaß das Gesicht anma­len. Das Pro­blem dabei: Man kann das wie­der abma­chen. Dun­kel­häu­ti­ge haben da kei­ne Wahl.
@KatiKuersch

Man kann sich zum Spaß das Gesicht aber nicht nur „schwarz“, son­dern auch „weiß“ anma­len – wer es denn mag, kann das auch ver­ewi­gen las­sen. Dass sich am „Trend“ der Haut­auf­hel­lung – der geneig­te Leser möge nur ein­mal die Gesichts­creme­ab­tei­lung einer aus­rei­chend gro­ßen Dro­ge­rie auf­merk­sam zur Kennt­nis neh­men – nie­mand so nach­drück­lich stört wie an einer lah­men Unter­hal­tungs­sen­dung, passt trotz­dem gut ins Bild: Das Schön­heits­ide­al der abso­lu­ten Bleich­heit, wie sie schon im 18. Jahr­hun­dert in Frank­reich als ein sol­ches galt, ist unum­stöß­lich. (Nerds sind halt sexy.) Men­schen, die sich die Haut in Sola­ri­en rösten las­sen, machen also gleich meh­re­re Din­ge auf ein­mal ver­kehrt.

Ich fin­de es ein wenig scha­de, dass die mei­sten der­je­ni­gen, die die anson­sten voll­kom­men belang­lo­se „Stadt­wet­te“ mit irgend­wel­chen wir­ren Begrün­dun­gen als voll kacke beschimp­fen und mit Schaum vor dem Mund wüten­de E‑Mails an das ZDF – selbst­ver­ständ­lich unter Pseud­onym – ver­fas­sen, nur ein Kon­tra, nicht aber ein Pro geäu­ßert haben. Was wäre ihnen denn lie­ber gewe­sen als ein bemal­ter Jim Knopf – kein Jim Knopf? Zwei Lukas­se? Bloß kei­nen Dun­kel­häu­ti­gen dar­stel­len!

Seit dem 11. Jahr­hun­dert hält sich (ent­ge­gen anders lau­ten­den älte­ren Quel­len) übri­gens das Gerücht, einer der drei Wei­sen (Cas­par, Mel­chi­or und Bal­tha­sar) sei dun­kel­häu­tig gewe­sen, was sich auch auf die Tra­di­ti­on des Stern­sin­gens aus­ge­wirkt hat; einer der drei füh­ren­den Stern­sin­ger wird meist eben­falls geschwärzt, sofern er’s nicht sowie­so schon ist. Ein all­jähr­li­ches Bekla­gen die­ses Brauchs bleibt selt­sa­mer­wei­se noch aus.

Die selek­ti­ve Wahr­neh­mung der kri­ti­schen Wei­ßen ist nicht die beste, wie mir scheint.