Heute vor 95 Jahren wurden, wie mehrere Quellen berichten, die früheren SPD-Mitglieder Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die sich im Januar 1919 als Revolutionäre im Verlauf des Januaraufstands für den “Klassenkampf” — in Karl Liebknechts Fall ausdrücklich auch bewaffnet — einsetzten, im Auftrag des SPD-Politikers und späteren Reichswehrministers Gustav Noske mit Billigung des SPD-Reichspräsidenten Friedrich Ebert erschossen. Provokant formuliert bedeutet das: Die Wiege der “linksextremen Gewalt” sowie gleichzeitig die der “Gewalt gegen links” war die frühe Sozialdemokratie.
Dass Rosa Luxemburg später Zitatgeberin für die “Rote Armee Fraktion” wurde, hat sie sich sicherlich nicht ausgesucht, aber dass sie in der DDR im Gegenteil zwar verehrt, aber nicht zitiert werden durfte, ist eine zumindest erzählenswerte Anekdote. Die SPD hatte in den ersten Jahren des Ersten Weltkriegs eben noch eine kritischere Anhängerschar als heute.
Erst 1917 spaltete sich die ursprünglich sozialistische SPD in einen bürgerlichen (MSPD) und einen kommunistisch-sozialistischen Flügel (USPD), dem sich auch die Revolutionäre anschlossen, die ihn aber bald wieder verließen und 1918, nach der abwechselnden Ausrufung der Demokratie durch Philipp Scheidemann (MSPD) und der sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht (USPD), schließlich die KPD gründeten. Eine solche Aufspaltung hat die SPD erst 2004 wieder erfahren, als sich der Arbeiterflügel der Partei als WASG selbstständig zu machen begann. Geschichte wiederholt sich.
Ein Sprung ins Jahr 2014: Die SPD-Regierung des Stadtstaats Hamburg hat Gefahrengebiete eingerichtet, in denen Passanten, die irgendwie links aussehen, präventiv einen Platzverweis bekommen, egal, wie alt oder gefährlich sie sind. Tatsächlich gibt es auch linksradikale Gewalttäter in Deutschland, das steht außer Frage; die Verhältnis- und Rechtmäßigkeit der angeordneten Sanktionen ist allerdings etwas, womit sich dieser Tage ja allerlei gute und weniger gute Berichterstatter beschäftigen. Die SPD als selbsternannte Partei des Volkes möchte aber wider Erwarten nicht, dass man ihr Handeln als blinden Eifer gegen eben dieses Volk interpretiert, und ruft die übrigen Hamburger Parteien, Bürger und Institutionen zur Demonstration gegen linke Gewalt auf. (Noch während ich dies schreibe, ist aus der Demonstration eine Kundgebung geworden. Die SPD ist dieser Tage erstaunlich flexibel.)
Die Reaktionen auf diesen Aufruf sind verschieden, sie reichen von “Was ist von einer Regierungspartei zu halten, die Demonstrationen plant?” — tja nun, je nachdem, was mit der Demonstration bezweckt werden soll — bis zu Bonmots wie diesem:
Cool! Die #SPD will die erfolgte Abschaffung der Sozialdemokratie jetzt öffentlich und festlich zelebrieren: hamburg1.de/aktuell/Demo_gegen_linke_Gewalt_geplant-19615.html
Wie oben erläutert, zeigt der Schreiber trotz seiner Sympathien für die “Antifa” hier vor allem seine Unkenntnis von der Geschichte der SPD. Vorgehen gegen linke Gewalt ist kein Zeichen von Abschaffung der Sozialdemokratie; ich würde es vielmehr Traditionspflege nennen. Die gutbürgerliche SPD als Fels, der die Arbeiter vor der Brandung in Form eines feindseligen Staates schützt? Wo lebt ihr denn?
Könnte Rosa Luxemburg noch lesen, wie der Blick in ihre Zeit und auf ihre ehemalige Partei heute verklärt wird, sie würde sich vermutlich schämen.
Es hat die Fee doch sehr gequält, dass ihr der linke Flügel fehlt.
Ich sprach: “Da geht’s dir wie der SPD!”
Wise Guys — Kaiser Franz


Du schreibst ja noch von den “alten” Sozialdemokraten.
Die Modernen spielen in einer ganz anderen Idiotenriege: KLICK!
Das wäre nach Blair und Schröder der Staatsobersoze, der die Rechtsradikalen fördert.
Natürlich. Von welchen Sozialdemokraten sprichst du? Denen aus der “Nach-Schröder”-Phase? Die mögen neoliberaler sein als die “alten”, in Richtung links oder rechts haben sie sich aber keinen Millimeter bewegt.
OH, zerstreuter Professor. Wieder ein Wort gedacht und nicht geschrieben:
Das wäre nach Blair und Schröder der nächste Staatsobersoze, der die Rechtsradikalen fördert.
Will sagen indem sie mit ihrer neoliberalen Gesetzgebung die Umverteilung von unten nach oben fördern wird der Ruf nach einem starken Mann, in Frankreich einer starken Frau, immer lauter.
Das Volk bekommt dann das was nie wollte aber zu glauben brauchte.
Das Volk bekommt, was es verdient. Ein Volk, das sich in seiner Unbedarftheit suhlt, wird eine Regierung bekommen, die auf seine Unbedarftheit setzt.