Persönliches
Ste­hen blei­ben, böse gucken, wei­ter­ge­hen

Ein nicht unin­ter­es­san­tes Phä­no­men, auf das man als mehr oder min­der regel­mä­ßi­ger Kun­de der öffent­li­chen Ver­kehrs­be­trie­be mit­un­ter stößt, betrifft das zuse­hends eigen­ar­ti­ge­re Ver­hal­ten von Rei­se­wil­li­gen mit stei­gen­dem Alter.

Die mei­sten öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel sind so gebaut, dass in einer Sitz­rei­he meh­re­re Per­so­nen mit­samt ihrem Gepäck Platz fin­den kön­nen. Sitzt nun ein Mensch allein in einer sol­chen Rei­he, so ist es ein Leich­tes, neben ihm und mit­un­ter auch ihm gegen­über noch einen Sitz­platz zu fin­den. Nun neigt der Jung­mensch die­ser Tage dazu, die neben ihm ggf. frei­en Sitz­plät­ze mit sei­nem Besitz (der Schul­ta­sche und/oder ähn­li­chem) zu bele­gen, so dass das unkom­men­tier­te Set­zen nicht mehr wie eine Selbst­ver­ständ­lich­keit erscheint.

Drei Metho­den der Mit­men­schen, sol­chem zu begeg­nen, konn­te ich bis­lang aus­ma­chen:

Am häu­fig­sten ver­tre­ten sind die­je­ni­gen Per­so­nen, die sich zu schä­men schei­nen, über­haupt in nähe­ren Kon­takt mit ande­ren Men­schen zu gera­ten. Ist ein ein­zi­ger Platz in einer zwei bis vier Plät­ze umfas­sen­den Sitz­grup­pe von einer Per­son belegt, so neh­men sie das zur Kennt­nis, aber sie scheu­en – zumal, wenn der bereits dort Sit­zen­de deut­lich unter 30 Jah­ren alt ist – jeg­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on und bele­gen, sofern man ihnen nicht selbst­tä­tig zu ver­ste­hen gibt, dass sie als Sitz­part­ner will­kom­men wären, lie­ber über die gesam­te Fahrt­dau­er einen Steh­platz. Dies sind mir die lieb­sten Mit­men­schen: Sie belä­sti­gen mich nicht wäh­rend der Fahrt, indem sie neben mir spei­sen, tele­fo­nie­ren oder ihre Zehen­nä­gel schnei­den.

Es gibt auch sol­cher­lei Gestal­ten, die zwar kommunikations‑, nicht jedoch men­schen­scheu sind. Erblicken sie einen nicht von einem Men­schen beleg­ten Platz, so hegen sie kei­ne Beden­ken, ob es unter Umstän­den einen Sinn hat, wenn der Platz neben ihm teil­wei­se zur Lage­rung einer prall gefüll­ten Jacken­ta­sche, einer Ein­kaufs­tü­te oder ähn­li­chem ver­wen­det wird. Sie schau­en ver­ächt­lich, schnau­fen wie zum Beleg dafür, dass sie die Sitz­ge­le­gen­heit drin­gend benö­ti­gen, damit nicht min­de­stens ein Unglück geschieht, und las­sen sich, ohne Rück­sicht auf even­tu­el­le Ver­lu­ste, auf den Lager­platz fal­len, nur sel­ten beglei­tet von dem eher unhöf­lich for­mu­lier­ten Hin­weis, dass man sich zu set­zen gedenkt; Sit­ze sind nur für Men­schen, man möge nur schnell genug even­tu­el­les Gefahr­gut von der Lan­de­bahn räu­men. Empi­ri­sche Stu­di­en haben gezeigt, dass Men­schen, die die­ser Per­so­nen­grup­pe ange­hö­ren, sich fast durch­weg durch auf­fal­lend viel Kör­per­mas­se und/oder ‑geruch aus­zeich­nen, was es gera­de bei stei­gen­den Tem­pe­ra­tu­ren nicht unbe­dingt ange­neh­mer macht, neben ihnen sein Dasein zu fri­sten.

Gleich­sam zur Ver­söh­nung hat die Gesell­schaft indes Per­so­nen einer drit­ten Art her­an­wach­sen las­sen, die sich weder als men­schen- noch als kom­mu­ni­ka­ti­ons­aver­siv erwei­sen. Sehen sie einen frei­en Platz neben oder gegen­über einem Pas­sa­gier, so neh­men sie bereit­wil­lig das Gespräch mit ihm (dem Pas­sa­gier, nicht dem Platz) auf, indem sie den Wunsch nach Gemein­schaft aus­drücken. Nur weni­ge die­ser Per­so­nen sind mir nicht will­kom­men; meist sind es jene, die, im Ren­ten­al­ter ange­langt, ihre eige­nen kör­per­li­chen Beschwer­den für grö­ßer erach­ten als es die ande­rer Men­schen je sein könn­ten. Sie bewe­gen sich betont lang­sam auf die eige­ne Sitz­rei­he zu und spre­chen, wäh­rend sie bereits den Setz­vor­gang ein­lei­ten, etwa: „Wenn ich mich hier mal hin­set­zen dürf­te…“, und bis sie aus­stei­gen, was erfah­rungs­ge­mäß, qua­si noch ver­stärkt durch den ver­brei­te­ten Senio­ren­duft nach Mot­ten­ku­geln bzw. Köl­nisch Was­ser, quä­lend lan­ge dau­ern kann, schau­en sie bei­na­he ange­wi­dert auf den Sitz­nach­barn hin­ab, der es tat­säch­lich gewagt hat, einen Platz belegt zu haben; wo es doch schon schwer genug ist im Alter und die Ren­te und ach, die Jugend von heu­te. Man fühlt sich, von einem sol­chen Blick getrof­fen, dann doch nicht all­zu schlecht, noch mit dem „die Jugend von heute“-Blick ver­se­hen zu wer­den, ist man erst ein­mal in einem Alter ange­langt, in dem man sich selbst nicht mehr ohne Wei­te­res zur Jugend zäh­len wür­de. Abge­se­hen von die­sen welt­frem­den Grei­sen gehö­ren zur drit­ten Gat­tung nahe­zu aus­nahms­los Schul­kin­der, jun­ge Erwach­se­ne und ähn­lich unschlim­me Per­so­nen. Sie set­zen eine freund­li­che Mie­ne auf die trü­ben Gesichts­zü­ge, wenn sie ihren Sitz­wunsch zu ver­ste­hen geben, und ver­hal­ten sich für den Rest der Fahrt meist still. Da sie, anders als Erst­ge­nann­te, auch das eige­ne Gewis­sen von der quä­len­den Pein, jeman­den davon abge­hal­ten zu haben, wäh­rend der Fahrt ste­hen zu müs­sen, frei hal­ten, sind auch sie mir recht will­kom­men.

Aber man kann es sich lei­der nur schwer­lich aus­su­chen.

Senfecke:

  1. Ide­al, um jun­ges Unge­zie­fer mit Bra­vo unterm Arm und iPod-Stöp­seln im Ohr im ICE-Abteil fern­zu­hal­ten und die­ses kom­plett für sich selbst zu sichern: Bulet­te und Bier. Über­tüncht sogar den Geruch gefälsch­ten Boss-Par­füms und garan­tiert stress­frei­es Rei­sen. Mehr­fach erprobt und ver­voll­komm­net durch Aus­wahl beson­ders wür­zi­ger Fri­ka­del­len, z. B. mit Zwie­beln.

  2. Hm, die mit der Bra­vo unterm Arm (ev. von klei­nen Schwe­stern „gelie­hen“) benö­ti­gen kei­ne Bulet­te. :evil:

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