KaufbefehleMusikkritik
Musik 12/2017 — Favoriten und Analyse

Dieser Artikel ist Teil 19 von 29 der Serie Jahres­rück­blick

Ein selt­sames Jahr 2017 ist fast zu Ende und hat in sein­er zweit­en Jahreshälfte noch schnell ein paar ein­flussre­iche Musik­er, darunter die Hälfte von Can (Jaki Liebezeit und Hol­ger Czukay), John Aber­crom­bie, Wal­ter Beck­er und Charles Man­son, den jew­eils näch­sten Tag nicht mehr erleben lassen. Zum Glück wach­sen immer wieder neue Musik­er nach, die sich auf alte Tugen­den besin­nen. Von eini­gen von ihnen soll heute anlässlich des zweit­en Teils der besten Musikalben 2017 die Rede sein.

Da der erste Teil merk­lich kürz­er als üblich ger­at­en war, blieb für den zweit­en natür­lich eine Menge Musik übrig. Vorzeit­ig befasst hat­te ich mich seit Juli bere­its mit den aktuellen Alben von Ex Eye, OHHMS, Hun­dredth, Reflec­tions in Cos­mo, Igor­rr, L’Ef­fon­dras und The Nar­cot­ic Daf­fodils. Den­noch war das Jahr noch pro­duk­tiv genug für eine lange Liste an noch unaus­ge­sproch­enen Empfehlun­gen.

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In den NachrichtenMontagsmusik
Cosmic Triggers — Quant Um

Schlaf in himmlischer SchuhuEs ist Mon­tag. Fast wäre er unbe­merkt geblieben, aber merk­würdig schmeck­ender Kaf­fee ist nor­maler­weise ein sicheres Zeichen dafür, dass man lieber auf den Kalen­der guck­en sollte, um sich sogle­ich daran zu erin­nern, wie es war, als man noch glück­lich war. Oh, du fröh­liche. Kein Pand­abär unter dem Baum.

Was ist Frosch? Min­destens: ein Erken­nungsze­ichen “der Recht­en”, denn Pauschal­isierung erle­ichtert das angenehm entspan­nende Unver­ständ­nis. Die Gegen­seite stolzierte am ver­gan­genen Mittwoch durch aus­gerech­net Deggen­dorf und beschw­erte sich dort darüber, wie man hier in Deutsch­land behan­delt würde. Was, Arbeit­slose? Nein, es waren natür­lich Flüchtlinge. Arbeit­slose haben vor lauter Sank­tio­nen gar keine Zeit zum Demon­stri­eren und kein Geld zur Anreise, aber es heißt natür­lich auch nicht “Arbeit­slose wel­come”, denn dann wäre der Schritt nicht weit, die recht­spop­ulis­tis­che “große Koali­tion” statt des willkomme­nen Prügelkn­aben AfD als Unheil auszu­machen, und das würde ja bedeuten, dass “die Recht­en” nicht allzu falsch liegen. Darf nicht sein, weil es nicht sein darf. Der Deutsche an sich sym­bol­protestiert eben gerne gegen die Wirkung der Ursache.

Selb­st die christlichen Kirchen lassen ver­laut­en, sie teil­ten nicht die Weltan­schau­un­gen der AfD. Ver­ständlich: In der AfD sind ver­mut­lich zu viele Frauen in hohen Ämtern. Die Kun­st­fig­ur Jan Fleis­chhauer fragt inzwis­chen in ein­er aus­nahm­sweise lesenswerten Kolumne auf “SPIEGEL ONLINE”, ob die “Sozialdemokrat­en” an Angst­neu­rosen lit­ten, die sie dazu ver­leit­eten, an Regierungs­bil­dun­gen in bei­de Rich­tun­gen nur kriechend teilzunehmen. — Andere Störun­gen machen reich, nicht arm: Ein Eis­teep­ro­duzent hat­te plöt­zlich den dreifachen Börsen­wert, nach­dem er “Blockchain” als Namens­be­standteil adap­tiert hat­te. Leck­er Geldgi­er.

In eigen­er Sache: Am ver­gan­genen Woch­enende habe ich aus Verse­hen eine neue Ver­sion mein­er furcht­baren Blog­soft­ware ein­er nichts ahnen­den Weltöf­fentlichkeit um die Ohren gehauen. Masochis­ten wird ein Aus­pro­bieren emp­fohlen. Fre­unde der schö­nen Kün­ste hinge­gen soll­ten die Woche stattdessen mit Musik begin­nen.

Cos­mic Trig­gers — Quant Um

Guten Mor­gen.

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Familienspaß mit “ZEIT ONLINE”

Ah, die Wei­h­nachts­feiertage — für viele Men­schen tra­di­tionell ein Ärg­er­nis, denn wer nicht überzeu­gend genug seine Kri­tik an falsch­er Besinnlichkeit äußert, der sieht sich bald in einen Sitzkreis aus Ver­wandten ver­set­zt, mit denen man über irgen­det­was reden soll.

Es fehlt ein geeignetes Gespräch­s­the­ma? “ZEIT ONLINE” hil­ft gern aus:

Keine Debat­te war 2017 so grund­sät­zlich wie die über Sex­is­mus. Zum Jahresab­schluss zehn Posi­tio­nen aus der ZEIT-ONLINE-Redak­tion als Gesprächs­grund­lage für Fam­i­lien­feiern

Fro­hes Fest.

In den NachrichtenNerdkrams
UEFIs Rache

Stimmt schon, ist viel bess­er als Win­dows:

Unter bes­timmten Umstän­den zer­stört die Desk­top-Aus­gabe des aktuellen Ubun­tu 17.10 das Bios vor allem (aber nicht nur) von Leno­vo-Rech­n­ern. (…) Auf den genan­nten Rech­n­ern zer­stört Ubun­tu 17.10 Desk­top die Firmware der­art, dass sich dessen Ein­stel­lun­gen nicht mehr spe­ich­ern lassen.

Dass Tim Schür­mann ein BIOS (“Bios”) nicht von einem EFI unter­schei­den kann: Geschenkt, ist halt “Golem.de”. Nun ist allerd­ings ein­er der großen Vorteile eines BIOS (“Bios”) gegenüber einem EFI, dass es nicht ein­fach pro­gram­mier­bar und erweit­er­bar ist. Ich ver­ste­he schon: Heutige Com­put­er­nutzer wollen ihre Start­pa­ra­me­ter mit der Maus zusam­men­klick­en kön­nen, mit einem BIOS geht das halt nicht so gut.

Muss wirk­lich jed­er einen Com­put­er benutzen dür­fen?

Netzfundstücke
Die ironische Ausbeutung von Kindern durch Starbuckslinke

Es hat die “linke” Blog­ge­ria wieder ein­mal einen Anlass gefun­den, sich über Szene­fremde lustig zu machen:

Ein Polizist, der als Zeuge aus­sagte, erin­nerte sich an die linken Protestieren­den bei der Neon­azi-Kundge­bung: „Und dann riefen die ihren Schlachtruf!“ (…) Und der Polizist so: „Ich kann kein Spanisch, ‚Barista, Barista antifascista‘ oder so.“

(Wort­laut aus dem qual­ität­sjour­nal­is­tis­chen Orig­i­nal über­nom­men.)

Das ist jet­zt, “nach G20”, da Antikap­i­tal­is­mus wieder an schlechtem Ruf gewin­nt, natür­lich eine amüsante Anek­dote für all jene Berlin­er Trendlinke, die über For­men der Kri­tik an kap­i­tal­is­tis­ch­er Aus­beu­tung am lieb­sten mit ihrem Mac­Book bei ein­er veg­a­nen Star­bucks-Him­beer-Lat­te — hehe, “Lat­te” — sin­nieren; dern­maßen amüsant gar, dass schle­u­nigst Shirts bedruckt wur­den, die die bei­den wichtig­sten Errun­gen­schaften der Zivilge­sellschaft vere­ini­gen; Kap­i­tal­is­mus und Kinder­ar­beit.

Dass nie­mand zu fra­gen scheint, was auf dem Weg vom Baum­wollfeld zum bedruck­ten und geliefer­ten Shirt so alles passiert, ist wenig ver­wun­der­lich. Über den fehlen­den Veg­an­is­mus der leben­snotwendi­gen Applepro­duk­te disku­tieren Salon­linke ja tra­di­tionell auch eher ungern. Ohne Kinder­ar­beit ist Kaf­fee selb­st jedoch undenkbar: Kleine Hände pflück­en bess­er.

Schönes neues Logo haben die “Linken” da. Da schmeckt der Klassenkampf gle­ich noch bit­ter­er.

MusikIn den Nachrichten
“Und darum zünd ich dein Radio an.”

Das Jahr endet für US-Amerikan­er bit­ter:

[Mari­ah Careys] Wei­h­nachts-Ever­green “All I Want for Christ­mas Is You” feiert sein Come­back in den Top Ten der USA — 23 Jahre nach sein­er Veröf­fentlichung.

So amüsant ich es auch finde, dass kon­sumori­en­tierte Kaufhäuser das gar grausige Gejam­mer, in dem es textlich immer­hin darum geht, dass man eben keine teuren Geschenke kaufen soll, alljährlich für eine geeignete Begleitung des beab­sichtigten Kaufrauschs hal­ten: Das Schlimm­ste an Wei­h­nacht­sliedern sind und bleiben die Wei­h­nacht­slieder.

Und darum hack ich (hack ich) dein Radio klein.

:zensur:

In den NachrichtenMir wird geschlecht
Kein Sex ohne Antrag, keine Ehe mit Genehmigung.

Welche konkreten Fol­gen hat­te eigentlich die unsägliche “Me-Too”-Kampagne außer ein biss­chen Presse­quälerei? Nun, hierzu­lande nicht beson­ders viele, der noch amtieren­den Bun­desregierung liegt anscheinend noch ihr Ein­satz für das “Team Gina-Lisa” schw­er im Magen; im ehe­mals lib­eralen Schwe­den jedoch dreht die natür­lich rot-grüne Koali­tion ein wenig durch:

Dies ist ein his­torisch­er Geset­zesvorschlag, der immer die Zus­tim­mung bei­der Sex­u­al­part­ner ein­fordert. Er regelt das, was eigentlich selb­stver­ständlich ist, dass Sex frei­willig sein sollte. Ist er es nicht, dann ist er straf­bar.

Dass es zielführend wäre, wenn der Part­ner frei­willig mit­macht, ste­ht für vernün­ftige Men­schen außer Frage, ungek­lärt ist aber, wie im Zweifel die Bewe­is­führung ver­laufen soll: Müssen in schwedis­chen Dis­cotheken kün­ftig Notare vor den Toi­let­ten bere­it­ste­hen oder genügt es, die Anbah­nungs­ge­spräche in Bild und Ton aufzuze­ich­nen? — Aus den Rei­hen der schwedis­chen “Grü­nen” wurde zur Unter­füt­terung des Vorhabens aber­mals die Behaup­tung ange­führt, es sei Frauen — anderen Men­schen anscheinend nicht — mitunter erst Tage später klar, dass sie trotz anfangs ander­sar­tiger Kom­mu­nika­tion eigentlich gar keinen Geschlechtsverkehr haben woll­ten. Zu erken­nen, dass das dem Prinzip, man solle sich gefäl­ligst vorher bezüglich möglichen Fick­ens eini­gen, grundle­gend wider­spricht, ist eine geistige Trans­fer­leis­tung, die zu erbrin­gen von “Grü­nen” auch in Schwe­den ver­mut­lich zu viel ver­langt wäre.

In der “Berlin­er Zeitung” schrieb Filmwis­senschaft­lerin (u.a.) Regine Sylvester im Novem­ber dieses Jahres:

Ich frage mich, welche sex­uellen Prak­tiken durch eine „aus­gek­lügelte Vere­in­barung“ ihr Feuer behal­ten.

Spaß am Sex ist Unter­drück­ung! :motz:


“Flüchtlinge willkom­men” des Tages: “Mit den neuen geflüchteten Men­schen aus ara­bis­chen Län­dern wird die Tra­di­tion der Zwangsver­heiratung auch bei uns All­t­ag wer­den.”

In den NachrichtenMontagsmusik
Grumbling Fur (abermals) — The Ballad of Roy Batty // Spendensammler außer Atem

Kalt, ne?Es ist Mon­tag. Vor der Tür hausieren aber­mals etliche Spenden­samm­ler, die ihr eigenes Woh­lerge­hen für den größten Zweck der aus men­schlich ratio­naler Sicht ekli­gen “Wei­h­nacht­szeit” hal­ten, obwohl doch längst jed­er weiß, dass, wer das drin­gende Bedürf­nis ver­spürt, Geld zu ver­schenken, dieses viel lieber in die Ret­tung von Pand­abären, Vögeln mit ulkigem Namen und so Com­put­erkrams investieren sollte; obwohl es mir eher merk­würdig erscheint, anzunehmen, ger­ade in ein­er Zeit des besin­nungslosen Geschenkekaufs sitze das Geld bei Pas­san­ten lock­er­er als son­st.

Trotz des Wochen­tags (Mon­tag!) gibt es gute Nachricht­en: Die NSA saugt gar nicht grund- und ziel­los Dat­en ab, heißt es, denn die längst leg­endäre Spi­onier­erei habe sowohl Grund als auch Ziel. Dann ist ja alles in bester Ord­nung. Keineswegs in Ord­nung ist die Gesund­heit von Rad­sportlern: Anscheinend ist Asth­ma keine aus­re­ichende Beein­träch­ti­gung, um sich von doch recht fordern­der kör­per­lich­er Betä­ti­gung zurück­zuziehen. Wenn ich Atem­prob­leme habe, gehe ich ja auch immer erst zum Aus­dauer­sport.

Immer mal was Neues von Fire­fox: Mit etwas Pech zeigt es Web­sites auch mal absichtlich falsch an, weil es Reklame für die — zugegeben­er­maßen — recht sehenswerte Serie “Mr. Robot” herun­ter­lädt, ohne vorher nachzufra­gen. Es soll ja nie­mand behaupten, dass es Mozil­la an Kreativ­ität man­gele. Wer auf dem Laufend­en bleiben will, der fil­tert das Web sowieso via RSS vor, das erspart Ent­täuschun­gen.

Apro­pos Ent­täuschun­gen: Im Fernse­hen und in Zeitun­gen wird schon wieder das Jahr gerück­blickt, als sei ab sofort nichts mehr los. Dabei ist es nicht unwahrschein­lich, dass noch in diesem Monat manch gute Musik erscheint oder ein guter Men­sch stirbt. Ersteres wäre allerd­ings wün­schenswert­er. Vielle­icht kommt sie schneller, wenn man sie anlockt? Ver­suchen wir es doch mal!

Grum­bling Fur — The Bal­lad of Roy Bat­ty (Offi­cial Music Video)

Guten Mor­gen.

KaufbefehleMusikkritik
Kurzkritik: Grumbling Fur — Furfour

Grumbling Fur - FurfourIrgend­wann im Jahr 2011 tat­en sich in Lon­don Alexan­der Tuck­er und Daniel O’Sul­li­van, der anson­sten Bands wie Ulver, Guapo, Moth­lite und Sunn O))) ange­hört, zusam­men, um gemein­sam etwas aufzunehmen, was sie selb­st als “psy­che­delis­chen Pop” beze­ich­nen, aber eigentlich gar kein Pop ist. Als Grum­bling Fur veröf­fentlicht­en sie bish­er in ver­schieden­er Beset­zung vier Stu­dioal­ben, deren aktuelles von 2016 tre­f­fend “Fur­four” (Bandcamp.com, Amazon.de) heißt. Als Gast­musik­er haben sie dies­mal Iso­bel Sol­len­berg­er (Bar­do Pond) und Charles Bullen (This Heat) gewin­nen kön­nen, um ein weit­eres Stück hörenswert­er Ein­ma­ligkeit zu schaf­fen.

Es scheint, als habe jed­er beteiligte Musik­er die Gele­gen­heit genutzt, die Musik sein­er Stamm­band in das Pro­dukt ein­fließen zu lassen: Schlep­pen­der Postrock (“Suneaters”) und effek­t­bere­ichert­er Psy­che­del­ic Rock sor­gen für die notwendi­ge med­i­ta­tive Stim­mung, die sich wie auch die ungezählten Instru­mente selb­st angenehm verdichtet.

Grum­bling Fur — Heavy Days (Offi­cial Music Video)

Etiket­tierung und Schubla­disierung sind hier, wie so oft, fehl am Platz: Beat­lesque Har­monien (“Gold­en Simon”), instru­men­taler Shoegaze (“Molten Famil­iar”) und Gänse­haut erzeu­gen­der 80er-New-Wave mit ein­er per­fek­ten Dosis geziel­ten Vio­linenein­satzes (“Silent Plans/Black Egg”) ergeben ein großes Ganzes, das mit jedem Hören noch an Wärme gewin­nt.

Grum­bling Fur ★ Acid Ali Khan [HQ]

So lange es draußen kalt ist, heizt “Fur­four” von innen. Ich bin höchst erfreut und bitte um Nach­schlag.

PolitikIn den NachrichtenWirtschaft
Schmalhans des Tages: Uffa Jensen, TU Berlin.

Dieser Artikel ist Teil 15 von 18 der Serie Schmal­hans des Tages

(Vorbe­merkung: Oh, ein heißes Eisen. Gle­ich mal anfassen!)

Auf “SPIEGEL ONLINE” trompetete gestern Uffa Jensen vom Zen­trum für Anti­semitismus­forschung an der TU Berlin zwecks Inter­views anlässlich mus­lim­is­ch­er Beschw­er­den über die Ernen­nung Jerusalems zur israelis­chen Haupt­stadt unter anderem fol­gende Anmerkun­gen über das Anti­semitismus­prob­lem, das hierzu­lande ja eigentlich kein beson­ders großes mehr sei, her­aus:

Wir haben in Deutsch­land bere­its ein sin­nvolles Geset­zeswerk, wie etwa das Ver­bot der Holo­caustleug­nung und andere Para­graphen, um uns gegen Feinde der Demokratie zu schützen.

Darüber, ob es aus demokratis­ch­er Sicht sin­nvoll ist und irgen­deinen größeren Schaden in der Zukun­ft ver­hin­dern kann, das Lügen über Polithis­torisches geset­zlich zu ahn­den, wird voraus­sichtlich noch zu disku­tieren sein. Dass der Holo­caust nicht das Gegen­teil, son­dern ein zuläs­siges Extrem der Demokratie (wenn schon nicht der Men­schen­rechte) war, darf hinge­gen nicht überse­hen wer­den: Ist eine Masse von Men­schen erst ein­mal erhitzt genug für men­schlich unfeine Entwick­lun­gen, dann wird die Demokratie ihnen kein Keil, son­dern der Motor sein. Demokratie funk­tion­iert nur wie ursprünglich gewün­scht, wenn es der leg­isla­tiv­en Mehrheit nicht an der Bil­dung für kluge Entschei­dun­gen fehlt. Place­bodemokratisch legit­imiert ist jeden­falls auch das andauernde zahlre­iche Ertrinken im Mit­telmeer. Die größten Feinde ein­er funk­tion­ieren­den Demokratie sind meist jene, die behaupten, ein Par­la­ment aus auf­streben­den Mit­telsmän­nern sei demokratisch gewün­scht.

Dass die plöt­zliche Exis­tenz des Staates Israel aus­gerech­net auf dem sehr unjüdis­chen Gebi­et Palästi­nas seit sein­er Grün­dung im Jahr 1948 die demokratis­chen Rechte der damals deut­lichen mus­lim­is­chen Mehrheit, die ihr Über­leben durch fortwährende Angriffe ein­er von Drit­ten instal­lierten Min­der­heit zu Recht gefährdet sieht (das nen­nt man dann “Nahostkon­flikt”, als wäre der Zweite Weltkrieg auch bloß ein “Europakon­flikt” gewe­sen), ver­let­zt, wird auf “SPIEGEL ONLINE” natür­lich nicht the­ma­tisiert. Macht man nicht als deutschsprachiges Leitmedi­um, wäre ja rechts. Ein von der fortwähren­den Zer­fet­zung seines Nach­wuch­ses durch israelis­che Abwehr befre­ites Palästi­na passt nicht zur west­lichen Diskus­sion­skul­tur.

Die Kurve zur Rel­a­tivierung mus­lim­is­ch­er Israelfeindlichkeit bekommt Uffa Jensen aber schnell; darauf ange­sprochen, dass sich in Deutsch­land lebende Juden vor allem vor dieser fürchteten, weiß er zu antworten:

Zumal die Bedro­hung für Juden in Deutsch­land vor islamistis­chen Ter­ro­ran­grif­f­en real ist. Fakt ist aber auch, dass in Deutsch­land die über­wiegende Mehrzahl der anti­semi­tisch motivierten Straftat­en von Recht­sex­tremen verübt wird.

Der Fach­mann von der TU Berlin erken­nt hier messer­scharf, dass Islamis­ten und Recht­sex­treme zwei vol­lkom­men unter­schiedliche Grup­pen von Men­schen sind; was natür­lich Blödsinn ist, denn Extrem­is­mus ist kein von deutsch­er Kul­tur bed­ingtes Phänomen, son­dern ein men­schlich­es. Der Ku-Klux-Klan stammt ja auch nicht aus Gelsenkirchen.

Man möge, nach­dem das klargestellt ist, nur nicht zwecks Abgren­zung auf die Idee kom­men, zwis­chen Anti­semitismus und Antizion­is­mus zu unter­schei­den, indem man irgendwelche Wörter erfinde, denn das durch­schaut Uffa Jensen sofort:

“Israelkri­tik” als Wort selb­st ist ein­ma­lig. Es gibt keinen entsprechen­den Begriff für ein anderes Land. Nie­mand spricht doch zum Beispiel von “Spanienkri­tik”.

Nun ist Uffa Jensen natür­lich nicht immer in der Nähe eines recherchetauglichen Geräts und kann daher nicht wis­sen, dass sowohl “Deutsch­land­kri­tik” ein medi­al ver­wen­detes Wort ist, das in let­zter Zeit gern im Zusam­men­hang mit dem ungeliebtesten US-amerikanis­chen Präsi­den­ten seit George W. Bush genan­nt wird, als auch das Wort “USA-Kri­tik” nicht nur existiert, son­dern bei ein­er großen deutschen Such­mas­chine gar als ein anderes Wort für Anti­amerikanis­mus aufge­führt ist — der, um den Kreis zu schließen, laut ver­schiede­nen Quellen ange­blich oft gemein­sam mit Anti­semitismus auftritt, woraus ungeübte Leser vielle­icht einen Umkehrschluss ziehen möcht­en, sofern ihnen denn danach zumute ist. Wie israelis­che Anti­semiten in den Plan passen, erläutern Uffa Jensen und “SPIEGEL ONLINE” an dieser Stelle nicht.

Der “Nahostkon­flikt” jeden­falls ist ein wirtschaftlich­es Prob­lem, keines­falls ein kul­turelles und auch nur ein ger­ingfügig poli­tis­ches, wen­ngle­ich er von ein­er rein poli­tis­chen Entschei­dung über­haupt erst aus­gelöst wurde. Die Verzwei­flung über diese Kurzsichtigkeit spült schließlich das Gewäsch von Uffa Jensen direkt in den Nachricht­en­leser; so weit ist es schon. Worum es über­haupt geht? Um Sol­i­dar­ität mit hässlich­er Gesellschaft hier oder mit tra­di­tionell Aufgescheucht­en dort? Quatsch: Um Reflek­tion natür­lich. Anderen Län­dern den Frieden einzuprügeln (oder einzu­u­booten) hat noch keinen Staat zum Licht­bringer gemacht. Der Schuldige ist mein­er­seits aus­gemacht: Die Überkom­pen­sa­tion eher nicht so guter gesellschaft­spoli­tis­ch­er Entwick­lun­gen in den 1930ern und 1940ern durch eine inter­na­tionale Wertege­mein­schaft wird allmäh­lich teuer.

Was würde Kishon tun?

Netzfundstücke
Twitter ist ein Chat. // Künstliche Romane. // Ausgelöste Emotionen.

Dass die ungeschriebene Regel, Twit­ter sei kein Chat, von Nachzü­glern, die zu faul für Blogs sind, grund­sät­zlich gern ignori­ert wird, war bish­er zu ver­schmerzen, denn man kon­nte in den meis­ten Twit­ter­clients ein­fach das Wort “Thread” stumm­schal­ten und schon war Ruhe. Das geht jet­zt nicht mehr so ein­fach:

Län­gere Nachricht­en, Gedanken und Argu­men­ta­tio­nen kön­nen bei Twit­ter jet­zt in Einzeltweets aneinan­dergekop­pelt wer­den: Das Threads-Fea­ture verbindet Tweets und stellt diese in chro­nol­o­gis­ch­er Rei­hen­folge dar.

Schade, dass Twit­ter noch kein Far­mVille hat.


Die Wartezeit bis zur kom­menden Akte-X-Episode ist zu lang? Kün­stliche Intel­li­genz hil­ft:

Mul­der enters fol­lowed by a cop. The cop looks at Scul­ly. The cop is Scul­ly. Scul­ly, wear­ing a pota­to, knocks Mul­der slight­ly on the bot­tom.

Falls Außerirdis­che nicht das bevorzugte Sujet sind: Es gibt auch ein automa­tisch geschriebenes Kapi­tel von Har­ry Pot­ter.


Emo­jis, klärt uns das Team von Three­ma auf, seien gar keine unnötige Erfind­ung, denn sie kön­nen Emo­tio­nen nicht bloß abbilden:

Unter Android und iOS wer­den diesel­ben Emo­jis dargestellt. So kön­nen Sie sich­er sein, dass Ihre Emo­jis beim Empfänger in unverän­dert­er Form dargestellt wer­den und die gewün­schte Emo­tion aus­lösen.

Zu mein­er Zeit haben wir ja auch zum Aus­lösen von Emo­tio­nen noch Text benutzt, aber Schreiben ist oft mit Arbeit ver­bun­den und Arbeit ist was für uncoole Leute.

Netzfundstücke
Mobile Benutzerfreundl[jetzt weiterlesen]

Wann und warum kam es eigentlich in Mode, in “mobilen” Ange­boten wie diesem aus einem nicht mal beson­ders lan­gen Text ohne einen vernün­fti­gen Anlass eine HTML gewor­dene Benutzerz­er­fahrung zu machen, indem man mit­ten in einem Absatz ein Knöpfchen mit der Auf­schrift “jet­zt weit­er­lesen” ein­fügt, das nichts anderes macht als den bere­its gelade­nen Text aufzuk­lap­pen?

Wenn ich die “poli­tis­che” Forderung höre, es soll­ten ungeachtet der ungezählten arbeit­slosen Pro­gram­mier­er noch mehr Men­schen unbe­d­ingt pro­gram­mieren ler­nen, dann habe ich immer genau solche Web­sites vor Augen.

Web­de­sign­er. Auch so ein “Beruf”.

In den NachrichtenMontagsmusik
Collapse Under The Empire — Dark Water

Huiiiiiiiiiiiii!Es ist Mon­tag. Über­raschen­der­weise fällt im Dezem­ber Schnee; damit hat nie­mand gerech­net, auch die Deutsche Bahn zeigte sich über­rascht, indem sie erst mal ein paar Züge anhielt. Auf ungewöhn­lich nor­males Wet­ter vor­bere­it­et zu sein ist im tem­per­aturbe­zo­gen wankelmüti­gen Deutsch­land eine völ­lig über­zo­gene Erwartung. Ein gepol­stert­er Po würde vieles erle­ichtern, aber man ist nun mal als Men­sch geboren. Das ist nicht immer schön.

Man hat ja auch nur völ­lig absurde Vor­bilder zur Ver­fü­gung: Ein “Influ­encer” musste vor kurzem von der Feuer­wehr gerettet wer­den, weil er zugun­sten von irgendwelchen Wer­beein­nah­men seinen Kopf in ein zement­ge­fülltes Mikrow­ellengerät gesteckt hat­te und sich nicht mehr befreien kon­nte. Zu mein­er Zeit haben Vor­bilder wenig­stens noch Dro­gen genom­men und hat­ten deswe­gen eine erträgliche Ausrede für etwaigen Schwachsinn, aber Dro­gen nimmt man ja heute auch nicht mehr, weil die eigene Gesund­heit von falschen Ide­alen gelenkt wird.

Die Ersatz­dro­gen sind natür­lich keine besseren, was den Kill­count, wie wir zu mein­er Zeit sagten, bet­rifft: Erst neulich hat der Fem­i­nis­mus wieder umge­bracht, indem eine junge Frau, die selb­st über ihre Sex­u­al­ität bes­tim­men wollte, für dieses Verge­hen in den Tod getrieben wurde. Soziale Gerechtigkeit bedeutet eben auch, dass jemand, der sein Geld mit Bum­sen ver­di­ent, diese Arbeit gefäl­ligst jedem Men­schen unab­hängig von sein­er sex­uellen Ori­en­tierung zugutekom­men zu lassen hat, son­st Nazi. Ist das “links” oder kann das aus anderen Grün­den weg?

Ein CDU-Vertreter find­et, die SPD solle weniger Forderun­gen stellen, wenn sie mitregieren wolle. Pos­sen­spiel­er am när­rischen Hofe zu sein will wohl ver­di­ent wer­den.

Was stattdessen viel mehr gespielt wer­den sollte: Musik.

Col­lapse Under The Empire — Dark Water (offi­cial music video)

Guten Mor­gen.