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Nachtrag zu #280Zeichen: Macht euch ein Blog, ihr Labertaschen.

Twitter kannich erwähnte es gestern – jetzt 280 Zeichen. Die Deutsche Bahn beschwerte sich vermeintlich selbstironisch, dass die Zeichen für die möglichen Gründe für eine Zugverspätung immer noch nicht reichen.

Selbstverständlich hält die Verdoppelung der Zeichenanzahl niemanden auf Twitter davon ab, Twitter gründlich misszuverstehen und seitenlange Selbstgespräche („Threads“) zu beginnen, jetzt noch länger als zuvor, worauf – je nach Thema – dann „Experten“ aus der vornehmlich linkspolitischen Szene (das kann natürlich auch ein Zufall sein) dergestalt reagieren, dass sie den Anfang dieses Selbstgesprächs verlinken und so kurz wie doof „Thread!“ oder „Thread.“ oder „Der ganze Thread.“ drüberschreiben, denn so spannend anmoderierte Vorträge besucht man doch gerne. Dass der großartige Android-Twitterclient Tweetings jüngst wie auch ZenTweet eine Option erhalten hat, Tweets, deren Länge 140 Zeichen überschreitet, gar nicht erst anzuzeigen, lindert die Idiotie zwar, löst es aber nicht.

Es sind – wenig überraschend – oft die gleichen Menschen, die sich einerseits darüber beschweren, dass Twitter sich hinsichtlich seiner neuen Funktionen nicht nach seiner nicht zahlenden Kundschaft richtet, andererseits den Dienst aber für etwas missbrauchen, wofür er gar nicht da ist. Die Zeichenbegrenzung, wie lang auch immer sie nun sein möge, sollte dazu anleiten, eben nicht diese „Tweetstürme“, wie sie im Englischen genannt werden, loszulassen, also einen Text auf eine mehrstellige Anzahl an einzelnen Tweets zu verteilen, sondern sich kurz zu fassen. Dass Twitteraccounts, die von irgendwelchen „linken“ Demonstrationen berichten, in der Regel vor dem eigentlichen Text noch die Uhrzeit nennen, als wären ihre Leser zu dämlich, eine Uhr zu benutzen, war schon wunderlich genug. – Einer meiner langjährigen Twitterkontakte monierte gestern, dass der Wechsel von „Tweetstürmen“ aus jeweils 140 zu bis zu 280 Zeichen Twitter schier unbenutzbar gemacht habe, weil das Kurze, Prägnante dieses Mikroblogsystems bis dahin das Hauptargument gewesen sei, wieso man dort statt zum Beispiel auf Google+ oder Instagram seine Kontakte pflege, und hat damit eigentlich völlig Recht.

Ich teile die Auffassung allerdings nicht, dass ein Wechsel der Plattform hin zu einem anderen fremdgehosteten System, das noch mehr Gelaber ermöglicht, die Fehlkonzeption von Twitter vergessen lässt. Es spricht nichts dagegen, dass längere Monologe eben nicht dort stattfinden, wo sie schwer zu durchschauen, zu zitieren und vor allem wiederzufinden sind, sondern in einem eigenen Blog oder Nichtblog festgehalten werden, dessen neue Beiträge man dann nach Belieben auch etwa auf Twitter und sonstwo automatisch verbreiten kann. Mit Medium gibt es, so ungern ich das auch zugebe, mittlerweile auch einen vergleichsweise unblöden Dienst, der einem das lästige Einrichten weitgehend abnimmt und auf dem man sozusagen sofort lostippen kann. Es gibt keine vernünftige Entschuldigung mehr für „Twitter-Threads“, die über die vorgeschobene Ausrede, dass man dort wenigstens gelesen werde (warum denn?), hinausgeht.

Jaja, Dinge im Web auszuformulieren ist nicht mehr modern, Informationen sind im Fluss, heute Abend interessiert es niemanden mehr, was man heute früh noch für wichtig hielt. Im weißen Rauschen der Twitterstürme bekommt man seine Viertelstunde Ruhm praktisch täglich, zumal sich selbst Tageszeitungen längst auf Twitter bedienen, wenn ihre Redaktionen mal wieder nicht wissen, womit sie die Seiten befüllen sollen. Es bedarf allerdings schon einer äußerst kurzen Aufmerksamkeit für das eigene Tun, wenn man auch nach über 60 Tweets, die allesamt zum selben Beitrag gehören, noch nicht bemerkt hat, dass das, was man gerade tut, für niemanden eine Bereicherung darstellt.

„Thread!“ ist, dieser Schluss drängt sich förmlich auf, ein Szenebegriff für „ich bin zu blöd für Blogs“ und gehört zu den Begriffen, die, wenn sie im eigenen Stummschaltfilter stehen, nicht zu Gesicht zu bekommen niemandem eine lesenswerte Information vorenthält.

Macht euch ein Blog, ihr Labertaschen.


In weiteren Nachrichten: Der Deutsche Tierschutzbund warnt: Tiere, die nur leben, damit wir sie umbringen und essen können, werden mitunter nicht artgerecht gehalten. Wie ärgerlich.

Senfecke

Bisher gibt es 7 Senfe:

  1. Ich mag Wurst.

  2. TL;DR sagte die Labertasche no.1 8O :cry:

    Ein Leser mehr!

  3. Tweets mit mehr als 280 Zeichen

    #Lektorat

  4. #aufschrei Hätte man nicht warten können?! +1 TL;DR Hä?

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