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Schmalhans des Tages: Uffa Jensen, TU Berlin.

Dieser Artikel ist Teil 15 von 18 der Serie Schmal­hans des Tages

(Vorbe­merkung: Oh, ein heißes Eisen. Gle­ich mal anfassen!)

Auf “SPIEGEL ONLINE” trompetete gestern Uffa Jensen vom Zen­trum für Anti­semitismus­forschung an der TU Berlin zwecks Inter­views anlässlich mus­lim­is­ch­er Beschw­er­den über die Ernen­nung Jerusalems zur israelis­chen Haupt­stadt unter anderem fol­gende Anmerkun­gen über das Anti­semitismus­prob­lem, das hierzu­lande ja eigentlich kein beson­ders großes mehr sei, her­aus:

Wir haben in Deutsch­land bere­its ein sin­nvolles Geset­zeswerk, wie etwa das Ver­bot der Holo­caustleug­nung und andere Para­graphen, um uns gegen Feinde der Demokratie zu schützen.

Darüber, ob es aus demokratis­ch­er Sicht sin­nvoll ist und irgen­deinen größeren Schaden in der Zukun­ft ver­hin­dern kann, das Lügen über Polithis­torisches geset­zlich zu ahn­den, wird voraus­sichtlich noch zu disku­tieren sein. Dass der Holo­caust nicht das Gegen­teil, son­dern ein zuläs­siges Extrem der Demokratie (wenn schon nicht der Men­schen­rechte) war, darf hinge­gen nicht überse­hen wer­den: Ist eine Masse von Men­schen erst ein­mal erhitzt genug für men­schlich unfeine Entwick­lun­gen, dann wird die Demokratie ihnen kein Keil, son­dern der Motor sein. Demokratie funk­tion­iert nur wie ursprünglich gewün­scht, wenn es der leg­isla­tiv­en Mehrheit nicht an der Bil­dung für kluge Entschei­dun­gen fehlt. Place­bodemokratisch legit­imiert ist jeden­falls auch das andauernde zahlre­iche Ertrinken im Mit­telmeer. Die größten Feinde ein­er funk­tion­ieren­den Demokratie sind meist jene, die behaupten, ein Par­la­ment aus auf­streben­den Mit­telsmän­nern sei demokratisch gewün­scht.

Dass die plöt­zliche Exis­tenz des Staates Israel aus­gerech­net auf dem sehr unjüdis­chen Gebi­et Palästi­nas seit sein­er Grün­dung im Jahr 1948 die demokratis­chen Rechte der damals deut­lichen mus­lim­is­chen Mehrheit, die ihr Über­leben durch fortwährende Angriffe ein­er von Drit­ten instal­lierten Min­der­heit zu Recht gefährdet sieht (das nen­nt man dann “Nahostkon­flikt”, als wäre der Zweite Weltkrieg auch bloß ein “Europakon­flikt” gewe­sen), ver­let­zt, wird auf “SPIEGEL ONLINE” natür­lich nicht the­ma­tisiert. Macht man nicht als deutschsprachiges Leitmedi­um, wäre ja rechts. Ein von der fortwähren­den Zer­fet­zung seines Nach­wuch­ses durch israelis­che Abwehr befre­ites Palästi­na passt nicht zur west­lichen Diskus­sion­skul­tur.

Die Kurve zur Rel­a­tivierung mus­lim­is­ch­er Israelfeindlichkeit bekommt Uffa Jensen aber schnell; darauf ange­sprochen, dass sich in Deutsch­land lebende Juden vor allem vor dieser fürchteten, weiß er zu antworten:

Zumal die Bedro­hung für Juden in Deutsch­land vor islamistis­chen Ter­ro­ran­grif­f­en real ist. Fakt ist aber auch, dass in Deutsch­land die über­wiegende Mehrzahl der anti­semi­tisch motivierten Straftat­en von Recht­sex­tremen verübt wird.

Der Fach­mann von der TU Berlin erken­nt hier messer­scharf, dass Islamis­ten und Recht­sex­treme zwei vol­lkom­men unter­schiedliche Grup­pen von Men­schen sind; was natür­lich Blödsinn ist, denn Extrem­is­mus ist kein von deutsch­er Kul­tur bed­ingtes Phänomen, son­dern ein men­schlich­es. Der Ku-Klux-Klan stammt ja auch nicht aus Gelsenkirchen.

Man möge, nach­dem das klargestellt ist, nur nicht zwecks Abgren­zung auf die Idee kom­men, zwis­chen Anti­semitismus und Antizion­is­mus zu unter­schei­den, indem man irgendwelche Wörter erfinde, denn das durch­schaut Uffa Jensen sofort:

“Israelkri­tik” als Wort selb­st ist ein­ma­lig. Es gibt keinen entsprechen­den Begriff für ein anderes Land. Nie­mand spricht doch zum Beispiel von “Spanienkri­tik”.

Nun ist Uffa Jensen natür­lich nicht immer in der Nähe eines recherchetauglichen Geräts und kann daher nicht wis­sen, dass sowohl “Deutsch­land­kri­tik” ein medi­al ver­wen­detes Wort ist, das in let­zter Zeit gern im Zusam­men­hang mit dem ungeliebtesten US-amerikanis­chen Präsi­den­ten seit George W. Bush genan­nt wird, als auch das Wort “USA-Kri­tik” nicht nur existiert, son­dern bei ein­er großen deutschen Such­mas­chine gar als ein anderes Wort für Anti­amerikanis­mus aufge­führt ist — der, um den Kreis zu schließen, laut ver­schiede­nen Quellen ange­blich oft gemein­sam mit Anti­semitismus auftritt, woraus ungeübte Leser vielle­icht einen Umkehrschluss ziehen möcht­en, sofern ihnen denn danach zumute ist. Wie israelis­che Anti­semiten in den Plan passen, erläutern Uffa Jensen und “SPIEGEL ONLINE” an dieser Stelle nicht.

Der “Nahostkon­flikt” jeden­falls ist ein wirtschaftlich­es Prob­lem, keines­falls ein kul­turelles und auch nur ein ger­ingfügig poli­tis­ches, wen­ngle­ich er von ein­er rein poli­tis­chen Entschei­dung über­haupt erst aus­gelöst wurde. Die Verzwei­flung über diese Kurzsichtigkeit spült schließlich das Gewäsch von Uffa Jensen direkt in den Nachricht­en­leser; so weit ist es schon. Worum es über­haupt geht? Um Sol­i­dar­ität mit hässlich­er Gesellschaft hier oder mit tra­di­tionell Aufgescheucht­en dort? Quatsch: Um Reflek­tion natür­lich. Anderen Län­dern den Frieden einzuprügeln (oder einzu­u­booten) hat noch keinen Staat zum Licht­bringer gemacht. Der Schuldige ist mein­er­seits aus­gemacht: Die Überkom­pen­sa­tion eher nicht so guter gesellschaft­spoli­tis­ch­er Entwick­lun­gen in den 1930ern und 1940ern durch eine inter­na­tionale Wertege­mein­schaft wird allmäh­lich teuer.

Was würde Kishon tun?

Schmalhans des Tages

Schmal­hans des Tages: Thomas de Maiz­ière, CDU. Schmal­hans des Tages: Axel Voss, CDU.

Senfecke:

  1. “noch zu disku­tieren sein. Dass der Holo­caust nicht das Gegen­teil, son­dern ein zuläs­siges Extrem der Demokratie (wenn schon nicht der Men­schen­rechte) war, darf hinge­gen nicht überse­hen wer­den: Ist eine Masse von Men­schen erst ein­mal erhitzt genug für men­schlich unfeine Entwick­lun­gen, dann wird die Demokratie ihnen kein Keil, son­dern der Motor sein. Demokratie funk­tion­iert nur wie ursprünglich gewün­scht, wenn es der leg­isla­tiv­en Mehrheit nicht an der Bil­dung für kluge Entschei­dun­gen fehlt.”

    Ahem. Der Hol­cast war demokratisch legit­imiert? Ein zuläs­siges Extrem?
    Pop­ulär war er wohl, bei den anti­semi­tis­chen Deutschen, die ja fast alle wis­sende und tuende Naz­itäter und Sym­pa­thisan­ten waren. OK. Aber fehlt da oben nicht ein wenig Präzi­sion im Aus­druck?

    • Die NSDAP ist mit­samt ihren Beschlüssen nicht vom Him­mel gefall­en und hat nicht ein­fach zu regieren beschlossen. Kluge Schlüsse aus dieser Beobach­tung mag ich an dieser Stelle nicht ziehen.

  2. Zu den wichtig­sten Stützen des Nar­ra­tivs gehören nun­mal “die Nazis”.
    Da ich schon in den 1970ern Jahren in der Schule damit beglückt wurde gehört dieses Seg­ment wohl auch zu dem ältesten Teil der Geschichte.
    Schließlich war es eben­so nüt­zlich für die Wieder­be­waffnung als auch für die ersten Aus­land­sein­sätze.

    :hitler: Die Nazis erschienen im Jan­u­ar 1933 und beset­zen Deutsch­land. Sie instal­lierten Adolf Hitler, der dann mit 4, 5, eventuell ein paar mehr Helfer­shelfern all die schreck­lichen Tat­en begann. Er ver­führte die unschuldigen Men­schen zum zweit­en Weltkrieg.
    Glück­licher­weise kam Uncle Sam und befre­ite die Deutschen. Alle Nazis lösten sich am 08. Mai 1945 in Luft auf. Seit­dem gehört Deutsch­land zu den Guten.”
    :bravo: :bravo:

  3. .tux:
    Die NSDAP ist mit­samt ihren Beschlüssen nicht vom Him­mel gefall­en und hat nicht ein­fach zu regieren beschlossen. Kluge Schlüsse aus dieser Beobach­tung mag ich an dieser Stelle nicht ziehen.

    Ich sehe sehr wohl wo Du damit hin­willst (und ich stimme da auch gar nicht prinzip­iell dage­gen :x ) aber zwis­chen Machtüber­gabe, den let­zten drei repräsen­ta­tions­demokratis­chen Par­la­mentswahlen und Umset­zung der Wannseekon­ferenzbeschlüsse ist die Strecke doch ein wenig weit für den Aus­druck “demokratisch legit­imiert”. Legit­i­ma­tion für das geschehene Ver­brechen kann man doch viel bess­er able­sen am man­gel­nden Wider­stand, der Zuar­beit und Mitwisser­schaft, der Mit­täter­schaft, des Applaus­es etc. eben nach dieser ‘undemokratis­chen’ Kon­ferenz.

    • In ein­er par­la­men­tarischen Demokratie legit­imiert ist erst ein­mal das, was die Mehrheit der Wäh­ler dafür hält. Wie radikal, absurd oder gegen höheres Recht ver­stoßend das ins­ge­samt dann ist, ist eine Einzelfal­l­entschei­dung. Der Wäh­ler hat­te vorher die Chance, sich mit den poli­tis­chen Zie­len der Gewählten zu befassen. Tat er das nicht, dann tat er das nicht. Das ist ein biss­chen wie hierzu­lande: Zwar ist Holo­caust derzeit kein The­ma, aber die diversen deutschen Angriff­skriege seit “Rot-Grün” hat der Wäh­ler mehrheitlich auch genau so haben wollen.

      Am deutschen Wesen. Gene­sen.

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