Ich gehe ja manchmal gern auf diese so genannten “Weihnachtsmärkte”. Die besinnliche Stimmung dort lässt mich immer wieder erschaudern.
Man sieht genervte Mütter mit quengelnden Kindern, deren Väter oder jedenfalls deren Mütter ihre Begleiter sich derweil mit Hilfe von Feuerzangenbowle und Glühwein mit der eisigen Kälte — und ich meine nicht die Außentemperatur — zu arrangieren versuchen. Zwischen den Müttern laufen außer ihrer Leibesfrucht auch Pärchen herum, oft räumlich voneinander getrennt, um sich gegenseitig mit Nippes überraschen zu können, woraufhin der jeweilige Partner rote Backen Wangen bekommt, ein Lächeln aufsetzt, Freude über das scheußliche Geschenk heuchelt und es, wenn ausreichend Zeit verstrichen ist, in einer Schublade verstauben lässt, bis es die versehentlichen oder beabsichtigten Nachfahren irgendwann finden und denken: So ein hässliches Ding will der uns vererben? Natürlich sagen sie das nicht, sondern treten das Erbe pietätsvoll an, lassen das zum Erbtag entstaubte Ererbte dann ihrerseits verstauben, und so wird der Nippes von Generation zu Generation weitergetragen und ‑verstaubt, denn so ein altes Familienerbstück schmeißt man ja nicht einfach weg.
Anschaulich wird das Dilemma der sich beschenkenden Familien zum Beispiel heute auf belauscht.de:
Er: “Schatz, meinst du nicht, dass die ein bisschen teuer ist?! Wir brauchen ja auch noch Geschenke für die Kinder…”
Sie: “DU wolltest die Kinder!”
Schenken um des Schenkens Willen ist selten eine weise Idee; ich meinerseits verzichte auf Geschenke, die allein aus kalendarischen Gründen gemacht werden, nur allzu gern. Beliebt ist der skandinavische Brauch des julklapp in deutschen Schulen geworden: Die Schüler werden unter Androhung negativer Konsequenzen im Falle der Zuwiderhandlung dazu überredet, einem nach dem Losverfahren augewählten Mitschüler ein Geschenk für einen festgesetzten Höchstbetrag zu machen, dürfen den Namen aber natürlich nicht verraten oder sich gar mit dem Gelosten — wer angesichts dieses Wortes zunächst an den anglophonen “Verlierer” denkt, erlebt selbst einmal den Verfall der deutschen Sprache, Glückwunsch hierzu!, also bitte nicht “Geluusten” lesen — bezüglich eines möglichen Geschenkes absprechen, und jemandem, den man kaum bis gar nicht kennt, ein Geschenk machen zu müssen, dessen Preis von Belang ist und über das sich der zu Beschenkende natürlich optimalerweise auch noch freuen sollte, ist eine recht undankbare Aufgabe, und ich frage mich, welchen moralischen Mehrwert die Delinquenten von einem solchen Brauchtum davontragen, wenn es schon nicht zu ihrer unmittelbaren Bildung beiträgt. (Daher bin ich stellvertretend den Betreibern des Sportfachgeschäftes dankbar, an dessen Fassade ich heute entlangspazierte, das den verzweifelnden oder bereits verzweifelten zum Schenken Verurteilten den rettenden Vorschlag förmlich entgegenschleuderte, Warengutscheine für ebenjene Filiale seien stets ein willkommenes Geschenk. Meine an den Rollstuhl gebundenen Bekannten werden sich sicher sehr freuen!)
Bei kleinen Kindern ist das mit dem Erraten von Wünschen noch ziemlich einfach, jedenfalls, wenn es sich um Knaben handelt, denn die wären gern Superhelden. Ich selbst war da nicht anders. Aber was genau ist ein “Superheld”?
Ein Held ist jemand wie Herakles, über den man vielfach Geschichten und Gedichte schrieb, in denen seine Heldentaten, sein Edelmut und sein Einfallsreichtum gelobt wurden, die im Nachhinein niemand mehr verifizieren oder falsifizieren kann, was dem Ruf des Herakles indes keinen Schaden zufügt. In einer Zeit der Superlative genügt ein Held aber nicht mehr, es muss schon ein Superheld sein.
Werfen wir einen Blick nach Entenhausen. Die Zahl an Superhelden ist in seiner italienischen Variante für mich unüberschaubar, weshalb ich mich hier auf die in Deutschland bekannte Prägung beschränke. Außer dem auch in Italien populären Phantomias, Donald Duck mit absurden Strahlern und Fangnetzen aus dem Hause Düsentrieb bewaffnet, tritt immer wieder auch Goofy, der durch den Verzehr von eigens gezüchteten “Supernüssen” für jeweils kurze Zeit zu Supergoof, nicht nur äußerlich eine der der Sesamstraße entstammenden Figur Supergrobi nicht unähnliche Figur, wird, als Superheld auf. Bei Supergoof, der mit Röntgenblick, erhöhter körperlicher Stärke und Flugfähigkeit die Bezeichnung “Superheld” analog zu Super- und Spider-Man, die ja ebenfalls über ähnliche “Superkräfte” verfügen, wohl tatsächlich verdient hat, ist der Unterschied zu nicht mutierten Helden klar zu sehen. Was aber macht Phantomias, dessen Eigenschaft als “Superheld” sich allein auf die Tatsache stützt, dass er mit eigenartigen Geräten ausgestattet ist und Bösewichte zur Strecke bringt, zu einem größeren Helden als jeden Polizisten auf diesem Planeten oder zumindest in Entenhausen? Ist nicht derjenige Held, der seine Aufgaben allein mit seinem Verstand und seinem Körper löst, viel beachtenswerter als jemand, der mit Strahlenpistolen schießend durch nächtliche Straßen hüpft? (Die Schusswaffen sind vermutlich der Grund, warum man als Knabe gern Phantomias oder jedenfalls Batman wäre. Superman ist blöde, der hat keine Knarre.)
Wie ich darauf kam, weiß ich nicht mehr, aber ich hielt die Frage für des Gestelltwerdens bedürftig.
Wer kennt eine Antwort?










