In den Nachrichten
Medi­en­kri­tik XLIII: SPIEGEL Online unkon­trol­liert

(Der fol­gen­de Bei­trag ist, wie auch der vori­ge, pri­mär phi­lo­so­phi­scher Natur und kann fach­lich inkor­rekt sein.)

Noch eine sprach­li­che Eigen­heit der deut­schen Medi­en las ich gera­de eben­falls auf SPIEGEL Online:

Auf einer Land­stra­ße in Kala­bri­en hat ein ver­mut­lich unter Dro­gen­ein­fluss ste­hen­der Auto­fah­rer min­de­stens sie­ben Men­schen getö­tet. Bei einem Über­hol­ma­nö­ver ver­lor er die Kon­trol­le über sei­nen Wagen und raste in eine Rad­fah­rer­grup­pe.

Betrach­ten wir die­se Mel­dung allein aus der logi­schen Per­spek­ti­ve, so sehen wir fol­gen­den Ablauf vor unse­rem gei­sti­gen Auge (stel­le ich mir ja auch lustig vor, so ein gei­sti­ges Auge):

  • Mensch nimmt Dro­gem
  • Mensch setzt sich ans Steu­er des Fahr­zeugs
  • Mensch fährt umher
  • Mensch setzt zum Über­ho­len an
  • Mensch ver­liert die Kon­trol­le
  • Fahr­zeug fährt eini­ge ande­re Ver­kehrs­teil­neh­mer tot

Hier ist aber doch (außer der Fra­ge, woher man bei SPIEGEL Online die Gewiss­heit nimmt, dass das Auto­mo­bil „raste“, wenn doch aber eine nor­ma­le Geschwin­dig­keit zum Leu­te­tot­fah­ren völ­lig genügt) der her­vor­ge­ho­be­ne Teil ent­schei­dend:

Ver­liert ein Mensch die Kon­trol­le über ein Gerät, so ist er ab die­sem Zeit­punkt nicht mehr dafür ver­ant­wort­lich zu machen, was die­ses Gerät, nun­mehr unbe­dient, anrich­tet. Man beach­te mei­ne Wort­wahl: Kei­nes­falls hat der „ver­mut­lich unter Dro­gen­ein­fluss ste­hen­de“ Auto­fah­rer – SPIEGEL Online schreibt das, als sei­en Leu­te, die außer Tabak und Alko­hol auch ande­ren Rausch­mit­teln frö­nen, min­de­stens Kin­der­fres­ser – näm­lich jeman­den über­fah­ren; der Vor­gang des Über­fah­rens fand bereits ohne sein Zutun statt.

Somit ist doch aber auch das Vor­ha­ben, den Fah­rer wegen mehr­fa­chen Tot­schlags anzu­kla­gen, zumin­dest frag­wür­dig, denn das hat er nicht getan:

Tot­schlag (…) bezeich­net im Straf­recht eine Form der vor­sätz­li­chen Tötung eines Men­schen.

(Her­vor­he­bung von mir.)

Ich bin kein Jurist und über­zeugt davon, dass der hier mit­un­ter kom­men­tie­ren­de Jurist mir fach­lich nicht zustim­men wird, aber ich kann in dem geschil­der­ten Vor­fall kei­nen Anlass ent­decken, der mich anneh­men lie­ße, hier sei Vor­satz im Spiel gewe­sen. Fahr­läs­sig­keit wäre das rich­ti­ge Wort gewe­sen, fahr­läs­si­ge Tötung und Tot­schlag haben mit­ein­an­der eben nur im Ergeb­nis eine Gemein­sam­keit, näm­lich: Mensch tot.

(Dies ist aus­drück­lich nur auf die deut­sche Rechts­la­ge bezo­gen, dass die ita­lie­ni­sche da völ­lig anders ist oder dass SPIEGEL Online die ita­lie­ni­sche über­haupt kennt, bezweif­le ich aller­dings.)

Ein Bon­mot zum Schluss: In der Mel­dung steht „min­de­stens sie­ben Tote“, in der Über­schrift „acht Tote“. Ist eben so ziem­lich das glei­che, mit so gro­ßen Zah­len hat man’s bei SPIEGEL Online genau so wenig wie mit Juris­dik­ti­on, aber schließ­lich ist’s Sonn­tag, da wird man ja wohl mal …

Senfecke:

  1. Rrrr­re­spekt, Alter. Aber Du hast nach­ge­schaut; das gil­det nicht. Ande­rer­seits hast Du damit gezeigt, juri­sti­sches Hand­werk zu beherr­schen: Noch ist es Zeit, umzu­sat­teln.

  2. Ich habe nicht nach­ge­schaut, denn ich weiß gera­de nicht, wo ich die ita­lie­ni­sche Gesetz­ge­bung fin­den kann.
    Ach nein, das Anwalts­le­ben ist eine brot­lo­se Kunst.

  3. Bei den Juri­sten erst recht nicht: Man bräuch­te z. B. nur VW oder die Con­ti allein als Mandanten…das wären schö­ne Streit­wer­te und eine genü­gen­de Anzahl nicht nur arbeits­ge­richt­li­cher Ver­fah­ren.

  4. Die muss man aber erst mal haben.
    Außer­dem wären mei­ne Vor­lie­be für Rausch­gift, File­sha­ring und Sar­kas­mus ver­mut­lich nicht unbe­dingt mei­nem Ruf för­der­lich, öchött.

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