Dummerweise fiel mein Blick mittlerweile auf die heutige Ausgabe der Braunschweiger Zeitung, bezüglich journalistischer Qualität nicht weit von einem niedersächsischen BILD-Äquivalent entfernt, und ich hielt zwei Texte für so furchtbar, dass ich mir vornahm, sie hier zu verwursten, was ich nunmehr mit Freude tun werde.
Der erste der beiden Texte zierte die Frontseite der Zeitung und handelte von den beginnenden Schneefällen im Harz. An prominenter Stelle wurde hierzu Miriam Fusch oder Fuchs — leider konnte sich die Redaktion nicht auf einen Namen einigen — vom Harzer Tourismusverband (“Harz-Tourismus”) zitiert, die also, wie es heißt, sprach:
Für eine Schneeballschlacht sollte es im Harz schon reichen.
Alternativ übrigens auch:
Aber (…) für eine Schneeballschlacht reicht es schon.
Nein, liebe Braunschweigerzeitungsredakteure, die Verbkonstrukte “sollte reichen” und “reicht” bedeuten keinesfalls dasselbe, und das wüsstet ihr, wenn ihr schon einmal auf “das Eis müsste dick genug sein” hereingefallen wärt; seid ihr aber anscheinend nicht.
Nun ist die Aussage der Frau Fusch oder Fuchs noch in anderer Hinsicht bemerkenswert, denn sie scheint eine Schneeballschlacht als kleinsten Nennwert für Spaß im Schnee zu verstehen. Ob der Winter mit all seinem Glatteis und seiner für uns nur mehr dezent befellte Neuzeitmenschen ungenügend niedrigen Durchschnittstemperatur sich irgendwie zu dauerhaftem Spaß eignet, überlasse ich jedem selbst, ich meinerseits bezweifle es. (Nicht so jedenfalls die Supermarktketten, die es schon im September nicht abwarten konnten, endlich minderqualitativen Schoko- und Zimtmatsch an Freizeitchristen zu verticken, und die dieser Tage nun auch, wieso auch immer, die üblichen besinnlichen Plastiktannen der zumindest theoretischen Kundschaft vor die Füße stellen, auf dass sie stolpern und sich bäuchlings der nunmehr aufsteigenden weihnachtlichen Stimmung erfreuen möge; aber ich schweife ab.) Wer sich hingegen das Wort “Schneeballschlacht” einmal genauer anschaut, der wird bald feststellen, dass es auf “-schlacht” endet. Symbolisches Kriegsspiel — “abwerfen”, so lustig es klingt, ist auch nur in Nuancen von “abknallen” verschieden — als Einstieg in die Rodel- und Hinfall-Saison; schön, dass es dafür “auch schon reicht”. Den kriegslüsternen Nachwuchs wird es freuen.
Andererseits sagt man dieser Saison nach, sie würde Familien zusammenführen und Kinder glücklich machen. Natürlich freut sich ein Kind darüber, trotz unangenehmer Zwischenfälle in den vorigen Monaten im Dezember das neueste Plastikspielzeug zu bekommen, “weil Weihnachten ist”, und ich hatte mir, katholisch verzogen, den Geist der Weihnacht immer irgendwie anders vorgestellt. Das kann natürlich auch mit meinem Alter zu tun haben, denn ab einem gewissen Alter ist ein Mensch nicht mehr interessant. Die Braunschweiger Zeitung veröffentlichte nämlich neben oben zitiertem Artikel auch eine Kurzmeldung im Innenteil, die ich ausnahmsweise fast vollständig wiedergeben möchte:
Bei einem Unfall (…) ist eine 13-Jährige schwer verletzt worden. Ihr 18-jähriger Bruder war mit dem Auto von der Fahrbahn abgekommen.
Nur was ist mit dem Bruder geschehen? Lebt er noch? Ist er wohlauf? Wurde er zerschmettert und endete als blutiger Matsch in irgendwelchen Grünanlagen? Nein, das interessiert das Journalistenpack nicht, 13-jährige Mädchen sind nun mal meist niedlicher als 18-jährige Knaben, zumindest behaupten das jene Personen, die nie eine 13-jährige Schwester hatten, und das Schicksal eines 18-jährigen Knaben berührt keinen “Journalisten”, dem es nur darum geht, irgendwie ein drittklassiges Lokalblatt vollzurülpsen. Leser, das glauben diese Menschen, wollen von ihrer Tageszeitung emotional berührt, nicht informiert werden. Leser, das glauben diese Menschen, wollen nicht wissen, was mit Leuten passiert, die nicht niedlich oder stinkreich oder beides sind. Leser, das glauben diese Menschen, geben sich mit der Information zufrieden, der Bruder sei 18 Jahre alt gewesen, und sagen dann: Ach, er ist 18 Jahre alt und außerdem ein langweiliger Junge, na, dann juckt es uns nicht, was mit ihm passiert ist, aber erzählt doch mal mehr von dem niedlichen Mädchen!
Sie irren sich, diese Menschen.
(Aus diesen Zeilen mag Verbitterung sprechen, Verbitterung jedenfalls auch über ein Volk, das sich von stinkendem Gammelobst und pieksenden Bäumen davon ablenken lässt, wie tief es eigentlich im Elend versinkt. Irland bekommt, nachdem Griechenland vorerst befriedigt ist, von Deutschland ein wenig finanzielle Zuwendung [“bailout”], hörte ich rumoren. Vielleicht sollte Deutschland sich auch einmal in die Reihe der Bittsteller begeben, denn dass Deutschland ein Land sei, das vor lauter Geld gar nicht mehr weiß, was es damit tun solle, lässt sich ohne bleibenden Hirn- oder jedenfalls Organschaden nur schwerlich glaubhaft versichern.)
Nachtrag:
Habt ihr übrigens das schon mitbekommen, dass ein CDU-Parlamentarier (Vorsitzender des Rechtsausschusses, hierzu ein dreifaches *batsch* an die Stirn) gern zum Schutz vor Terror die Pressefreiheit, das höchste Gut der Demokratie, einschränken würde?
Ich bin leider juristisch nicht bewandert, aber ich bin versucht, eine passende Reaktion im Strafgesetzbuch zu finden. Siegfried Kauder, CDU, ist ein brandgefährlicher Mann und sollte zum Schutz der öffentlichen Ordnung und der Demokratie in diesem Land für ein paar Jahre weggesperrt werden. Ich bezweifle allerdings, dass es so weit kommen wird.


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Nein — die sind neu.
gut gebrüllt, pinguin
Desweiteren ist doch schon seit mindestens 70 jahren klar dass politiker immer schon über jedes verdammte gesetzt und bürgerrecht stehen…aber man kann das ja mit einem stillen, hinnehmenden volk machen, wieso auch nicht? die diktatur der demokratie ist schon was tolles, wenn ich diktator sein wollen würde, würd ich das doch auch so machen?!
Du würdest aber ehrenvollere Ziele verfolgen als die CDU-Tyrannei!