PolitikIn den Nachrichten
Medienkritik XLII: Niedliche Krieger

Dum­mer­weise fiel mein Blick mit­tler­weile auf die heutige Aus­gabe der Braun­schweiger Zeitung, bezüglich jour­nal­is­tis­ch­er Qual­ität nicht weit von einem nieder­säch­sis­chen BILD-Äquiv­a­lent ent­fer­nt, und ich hielt zwei Texte für so furcht­bar, dass ich mir vor­nahm, sie hier zu ver­wursten, was ich nun­mehr mit Freude tun werde.

Der erste der bei­den Texte zierte die Front­seite der Zeitung und han­delte von den begin­nen­den Schneefällen im Harz. An promi­nen­ter Stelle wurde hierzu Miri­am Fusch oder Fuchs — lei­der kon­nte sich die Redak­tion nicht auf einen Namen eini­gen — vom Harz­er Touris­musver­band (“Harz-Touris­mus”) zitiert, die also, wie es heißt, sprach:

Für eine Schnee­ballschlacht sollte es im Harz schon reichen.

Alter­na­tiv übri­gens auch:

Aber (…) für eine Schnee­ballschlacht reicht es schon.

Nein, liebe Braun­schweigerzeitungsredak­teure, die Ver­bkon­struk­te “sollte reichen” und “reicht” bedeuten keines­falls das­selbe, und das wüsstet ihr, wenn ihr schon ein­mal auf “das Eis müsste dick genug sein” hereinge­fall­en wärt; seid ihr aber anscheinend nicht.

Nun ist die Aus­sage der Frau Fusch oder Fuchs noch in ander­er Hin­sicht bemerkenswert, denn sie scheint eine Schnee­ballschlacht als kle­in­sten Nen­nwert für Spaß im Schnee zu ver­ste­hen. Ob der Win­ter mit all seinem Glat­teis und sein­er für uns nur mehr dezent befellte Neuzeit­men­schen ungenü­gend niedri­gen Durch­schnittstem­per­atur sich irgend­wie zu dauer­haftem Spaß eignet, über­lasse ich jedem selb­st, ich mein­er­seits bezwei­fle es. (Nicht so jeden­falls die Super­mark­tket­ten, die es schon im Sep­tem­ber nicht abwarten kon­nten, endlich min­derqual­i­ta­tiv­en Schoko- und Zimt­matsch an Freizeitchris­ten zu vertick­en, und die dieser Tage nun auch, wieso auch immer, die üblichen besinnlichen Plas­tik­tan­nen der zumin­d­est the­o­retis­chen Kund­schaft vor die Füße stellen, auf dass sie stolpern und sich bäuch­lings der nun­mehr auf­steigen­den wei­h­nachtlichen Stim­mung erfreuen möge; aber ich schweife ab.) Wer sich hinge­gen das Wort “Schnee­ballschlacht” ein­mal genauer anschaut, der wird bald fest­stellen, dass es auf “-schlacht” endet. Sym­bol­is­ches Kriegsspiel — “abw­er­fen”, so lustig es klingt, ist auch nur in Nuan­cen von “abknallen” ver­schieden — als Ein­stieg in die Rodel- und Hin­fall-Sai­son; schön, dass es dafür “auch schon reicht”. Den kriegslüster­nen Nach­wuchs wird es freuen.

Ander­er­seits sagt man dieser Sai­son nach, sie würde Fam­i­lien zusam­men­führen und Kinder glück­lich machen. Natür­lich freut sich ein Kind darüber, trotz unan­genehmer Zwis­chen­fälle in den vorigen Monat­en im Dezem­ber das neueste Plas­tik­spielzeug zu bekom­men, “weil Wei­h­nacht­en ist”, und ich hat­te mir, katholisch ver­zo­gen, den Geist der Wei­h­nacht immer irgend­wie anders vorgestellt. Das kann natür­lich auch mit meinem Alter zu tun haben, denn ab einem gewis­sen Alter ist ein Men­sch nicht mehr inter­es­sant. Die Braun­schweiger Zeitung veröf­fentlichte näm­lich neben oben zitiertem Artikel auch eine Kurzmel­dung im Innen­teil, die ich aus­nahm­sweise fast voll­ständig wiedergeben möchte:

Bei einem Unfall (…) ist eine 13-Jährige schw­er ver­let­zt wor­den. Ihr 18-jähriger Brud­er war mit dem Auto von der Fahrbahn abgekom­men.

Nur was ist mit dem Brud­er geschehen? Lebt er noch? Ist er wohlauf? Wurde er zer­schmettert und endete als blutiger Matsch in irgendwelchen Grü­nan­la­gen? Nein, das inter­essiert das Jour­nal­is­ten­pack nicht, 13-jährige Mäd­chen sind nun mal meist niedlich­er als 18-jährige Knaben, zumin­d­est behaupten das jene Per­so­n­en, die nie eine 13-jährige Schwest­er hat­ten, und das Schick­sal eines 18-jähri­gen Knaben berührt keinen “Jour­nal­is­ten”, dem es nur darum geht, irgend­wie ein drit­tk­las­siges Lokalblatt vol­lzurülpsen. Leser, das glauben diese Men­schen, wollen von ihrer Tageszeitung emo­tion­al berührt, nicht informiert wer­den. Leser, das glauben diese Men­schen, wollen nicht wis­sen, was mit Leuten passiert, die nicht niedlich oder stinkre­ich oder bei­des sind. Leser, das glauben diese Men­schen, geben sich mit der Infor­ma­tion zufrieden, der Brud­er sei 18 Jahre alt gewe­sen, und sagen dann: Ach, er ist 18 Jahre alt und außer­dem ein lang­weiliger Junge, na, dann juckt es uns nicht, was mit ihm passiert ist, aber erzählt doch mal mehr von dem niedlichen Mäd­chen!

Sie irren sich, diese Men­schen.

(Aus diesen Zeilen mag Ver­bit­terung sprechen, Ver­bit­terung jeden­falls auch über ein Volk, das sich von stink­en­dem Gam­melob­st und piek­senden Bäu­men davon ablenken lässt, wie tief es eigentlich im Elend versinkt. Irland bekommt, nach­dem Griechen­land vor­erst befriedigt ist, von Deutsch­land ein wenig finanzielle Zuwen­dung [“bailout”], hörte ich rumoren. Vielle­icht sollte Deutsch­land sich auch ein­mal in die Rei­he der Bittsteller begeben, denn dass Deutsch­land ein Land sei, das vor lauter Geld gar nicht mehr weiß, was es damit tun solle, lässt sich ohne bleiben­den Hirn- oder jeden­falls Organ­schaden nur schw­er­lich glaub­haft ver­sich­ern.)


Nach­trag:
Habt ihr übri­gens das schon mit­bekom­men, dass ein CDU-Par­la­men­tari­er (Vor­sitzen­der des Recht­sauss­chuss­es, hierzu ein dreifach­es *batsch* an die Stirn) gern zum Schutz vor Ter­ror die Presse­frei­heit, das höch­ste Gut der Demokratie, ein­schränken würde?

Ich bin lei­der juris­tisch nicht bewan­dert, aber ich bin ver­sucht, eine passende Reak­tion im Strafge­set­zbuch zu find­en. Siegfried Kaud­er, CDU, ist ein brandge­fährlich­er Mann und sollte zum Schutz der öffentlichen Ord­nung und der Demokratie in diesem Land für ein paar Jahre wegges­per­rt wer­den. Ich bezwei­fle allerd­ings, dass es so weit kom­men wird.

Senfecke:

  1. Sind diese Edi­tierungsknöpfe über der Kom­men­tar­box schon länger hier? Muss mal den Link aus­pro­bieren. Diesen Kom­men­tar darf­st Du gerne wieder löschen.

  2. gut gebrüllt, pin­guin
    Desweit­eren ist doch schon seit min­destens 70 jahren klar dass poli­tik­er immer schon über jedes ver­dammte geset­zt und bürg­er­recht stehen…aber man kann das ja mit einem stillen, hin­nehmenden volk machen, wieso auch nicht? die dik­tatur der demokratie ist schon was tolles, wenn ich dik­ta­tor sein wollen würde, würd ich das doch auch so machen?!

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