(Vorbemerkung. Ein Teil dieses Artikels handelt von der Band Muse. Muse ist eine der wenigen Musikgruppen, die es schaffen, mich schon bei der bloßen Erwähnung ihres Namens erschaudern zu lassen. Zum besseren Verständnis verweise ich nochmals auf die Schallgrenzen-Rezensionen zum bisher und hoffentlich endgültig letzten Muse-Album.)
Man traut sich schon gar nicht mehr, in die Zeitung zu schauen, bringt doch ein Blick in das lokale Mitteilungsblatt täglich meinen Glauben daran, dass die durchschnittliche Intelligenz hierzulande deutlich über dem US-amerikanischen Durchschnitt liegt, ins Wanken.
Heute etwa las ich, dass deutsche Atomkraftwerke nur unzureichend dagegen geschützt seien, dass Flugzeuge runter- und auf sie drauffallen, wie ein Stresstest ergeben habe; das bestätigen auch andere Quellen. Jetzt würde es mich natürlich schon ein bisschen interessieren, wie so ein Stresstest abläuft: Lassen sie da Flugzeuge drauffallen und gucken, wie schwer die sein dürfen, bis messbare Schäden am Atomkraftwerk entstehen? Nein, das ist natürlich Unfug:
(…) allerdings war es vor allem eine Prüfung auf dem Papier mit einer Neuberechnung bestimmter Szenarien.
Verstehe: Sie haben also Papierflugzeuge auf Papieratomkraftwerke geworfen und geguckt, was passiert.
Gegen Godzilla-Angriffe ist so ein Atomkraftwerk übrigens genau so wenig geschützt wie dagegen, dass große Dinge auf es drauffallen, aber diese Information schafft es nie in die Nachrichten; vermutlich, um niemanden zu beunruhigen. Es war aber, wie wir inzwischen wissen, geradezu unverantwortlich von den Konstrukteuren der deutschen Atomkraftwerke, dass sie nicht ihr Hauptaugenmerk auf den Schutz dagegen legten, dass Flugzeuge auf ihre Konstruktionen drauffallen, denn dieses Damoklesschwert schwebt ja ständig über unseren Köpfen. Der internationale Terrorismus schläft nicht, und die Wahrscheinlichkeit, dass in absehbarer Zeit irgendein Terrorist die Idee, trotz all der Schikanen an Flughäfen ein Flugzeug auf Gebäude in Deutschland drauffallen zu lassen, erfolgreich umsetzt, ist so groß, dass es ein Wunder ist, dass wir überhaupt noch alle leben!
Zum Glück haben wir nun den elektronischen Personalausweis, damit wird alles besser.
Apropos „durchschnittliche Intelligenz“: Gemessen an ihrer Selbstdarstellung (ihren Statusnachrichten) zeigen die meisten Facebooknutzer ein eher geringes Maß an kultureller Bildung. (Von der Eigenart, ein „soziales Netzwerk“ als tatsächliches Lebensumfeld zu begreifen, fange ich ausnahmsweise hier nicht zu erzählen an.) Etwas scheint sich allerdings diesbezüglich getan zu haben im Hause Facebook, denn dort pflegt man, glaubt man Michael Hirle, der über irgendsoein Album der widerlichen Kopfschmerzpopper Muse schrieb, hierbei handle es sich anders, als ich mittlerweile auf der progrock-dt-Mailingliste vorschlug, nicht um theatralischen Tuntenrock, sondern um „Prog“ für die „Generation Facebook“. Vermutlich soll das heißen, dass es sich um Musik handelt, die die Ideale der frühen Progressive-Rock-Szene in ein mehr oder weniger modernes Klanggewand zu kleiden beabsichtigt (und damit meines Erachtens völlig scheitert), aber es wirft doch vor allem eine Frage auf:
Beeinflusst Facebook musikalische Hörgewohnheiten?
Natürlich kann man seine eigenen momentanen „Lieblingslieder“ dort schnell verbreiten, aber das kann man auf Last.fm und per Instant Messenger schon lange. Im Freundeskreis ist es seit Jahrzehnten üblich, sich gegenseitig die jeweils aktuelle Lieblingsmusik vorzuspielen, bei Bedarf auch zu kopieren. Dass jemand wie Lady Gaga, wie jüngst die Presse kolportierte, 33 Millionen „Fans“ – Zahl steigend – hat, zeigt dafür um so deutlicher, dass Facebook keinesfalls ein Motor für Musikgeschmack ist, wohl aber ein ungefähres Abbild der Jugendkultur darstellt. So betrachtet ergibt der Term „Generation Facebook“ auch wenigstens minimal Sinn, denn diese „Generation“ (zu meiner Zeit hatte das Wort noch etwas mit Jahrgängen zu tun) ist zugleich die „Generation YouTube“, sozusagen die „Generation eins nach Last.fm“. Musik widmen diese Menschen nicht mehr ihre volle Aufmerksamkeit, sie dudelt nebenbei, gern in Ohren betäubender Lautstärke, aus quäkigen Ohrsteckern, sie dient nicht mehr der Entspannung, sondern der bloßen Berieselung; das jedenfalls ist meine Beobachtung, gewonnen aus etlichen Jahren der ÖPNV-Nutzung.
Dass eine Musikgruppe wie Muse, die auf stumpfes 4/4‑Gekloppe verzichtet und keine Sängerin, sondern einen (schrecklichen) Sänger ihr eigen nennt, inmitten des Klanggemisches aus Justin Bieber, Lady Gaga und irgendwelchen beliebig austauschbaren „Superstars“ wie ein Fremdkörper, „irgendwie anders“ eben, erscheint, ist verständlich. Was einst die Schlager verdrängte, schickt sich heute an, den Pop (also wiederum die Schlager) zu verdrängen. Als „neu“ und „aufregend“ wird Musik verstanden, deren Interpreten sich durch vierzig Jahre Musikgeschichte quälen, weil in der eintönigen Liebesliederwelt dieser Tage Melodien, die nicht vom digitalen Tonband kommen, manchem unbedarften Zeitgenossen wie die Musikrevolution der späten 60-er erscheint, und das leider nicht einmal gänzlich zu Unrecht.
Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja:
So lange die „Generation Facebook“ eines Tages sich ihrer Jugend entsagt, steht es um die Zukunft der Rockmusik nicht so schlecht, wie es die mitunter im Internet zu findenden „Facebook-Hitparaden“ implizieren könnten; denn zwar ist in der Rockmusik schon seit Jahren jedes Extrem erreicht und jede Aussage gemacht worden, aber vielleicht sollten das nicht gerade diejenigen bemängeln, die musikalisch in den 80-ern hängen geblieben sind.
Anders, womöglich etwas polemisch, ausdrücken kann man das natürlich auch so:
Jede Generation bekommt die Musik, die sie verdient.
Muse. Grauenhaft.


















