PolitikIn den Nachrichten
Frau­en­quo­te, Neu­auf­la­ge

Da schwelt doch, gera­de ver­lo­schen geglaubt, schon wie­der das The­ma „Frau­en­quo­te“ durch die Poli­tik, aus­ge­löst von – wie so oft – Kri­sti­na Schrö­der. Hat­te sie aber im Novem­ber noch bemer­kens­wer­te Gei­stes­blit­ze, die mich bei­na­he mei­nen Glau­ben dar­an, dass man ein natur­ge­ge­ben schlech­ter Mensch sein muss, um in der CDU zu sein, ver­lie­ren lie­ßen, macht sie das jetzt alles wie­der wett:

Bun­des­frau­en­mi­ni­ste­rin Kri­sti­na Schrö­der (CDU) will mehr weib­li­che Füh­rungs­kräf­te in Wirt­schaft und Ver­wal­tung, not­falls per Gesetz. Der „Wies­ba­de­ner Kurier“ berich­te­te vor­ab, Schrö­ders Mini­ste­ri­um wer­de prü­fen, ob und inwie­weit die Geset­ze geän­dert und effek­ti­ver gestal­tet wer­den müs­sen. Der Anteil von Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen der Wirt­schaft und des öffent­li­chen Dien­stes sol­le maß­geb­lich erhöht wer­den.

Auch Stim­men Drit­ter wer­den gehört, und für inter­es­sant hal­te ich außer der von Frau Inga Koster, die eine Frau­en­quo­te zu Recht Män­ner­dis­kri­mi­nie­rung nennt, aber, ohne etwas zu bemer­ken, von „der Kandidatin/dem Kan­di­da­ten“ schwa­felt, vor allem die­se hier:

Rita Lietz­ke, 53, ver­ant­wor­tet bei der als Per­so­nal­ma­na­ge­rin (sic!) bei der Deut­schen Tele­kom den Vor­stands­be­reich Inno­va­ti­on und Tech­no­lo­gie. Sie sagt: „Frau­en­quo­ten sind ein not­wen­di­ges Übel.“

Das ist ja mal ganz inter­es­sant zu lesen, was so eine Per­so­nal­ma­na­ge­rin bei der Deut­schen Tele­kom an einem lan­gen Tag so vor sich hin­plap­pert, aber wie­so soll eine Frau­en­quo­te denn „not­wen­dig“ sein?

Wie groß ist der Pro­zent­satz der männ­li­chen Füh­rungs­kräf­te in Alten­pfle­ge­hei­men, wie groß der männ­li­cher Kin­der­gärt­ner oder Grund­schul­lehr­kräf­te? Die Sta­ti­sti­ken schwan­ken, die abso­lu­ten Zah­len aber sind ein­deu­tig. Drei Män­ner, so erfuhr ich aus Fach­krei­sen, wären in einem Kin­der­gar­ten belie­bi­ger Grö­ße schon ein erstaun­lich gro­ßer Anteil.

Wer einen Men­schen nach sei­nem Geschlecht statt nach sei­ner Qua­li­fi­ka­ti­on bewer­tet, dis­kri­mi­niert ihn. „Herz­li­chen Glück­wunsch, Sie haben Eier­stöcke, Sie sind ein­ge­stellt!“

Man kann auch per Gesetz nur schlecht dafür sor­gen, dass sich mehr Frau­en für eine qua­li­fi­zier­te Tätig­keit in der EDV- oder einer ähn­lich gut bezahl­ten Bran­che inter­es­sie­ren. Die Inter­es­sen eines Men­schen sind ihm in jahr­tau­send­lan­ger Evo­lu­ti­on qua­si gene­tisch antrai­niert wor­den. „Wir kön­nen den Unter­neh­men nicht ver­bie­ten, Elek­tro­tech­ni­ker bes­ser zu bezah­len als Ger­ma­ni­sten.“

Alles wie­der offen? Ich bin gespannt, wozu sich die beschei­de­ne künf­ti­ge Bun­des­mut­ter dann näch­stes Mal bekennt.

PersönlichesMusikPolitikIn den Nachrichten
Dopa­min

Kur­ze Durch­sa­ge für Musik­freun­de (außer­halb Ägyp­tens, ver­steht sich):

Unter Freun­den erwäh­ne ich mit­un­ter, dass ich an ein gutes Musik­al­bum in der Regel posi­ti­ve­re Erin­ne­run­gen hege als an kör­per­li­che Freu­den. Mei­ne oft fol­gen­de Erklä­rung, war­um ich Musik­fa­schist bin, brach­te mir viel­fach fra­gen­de Blicke ein.
Bevor ich mir nun also eine wei­te­re Erklä­rung abrin­ge, um mei­ne Erklä­rung zu erklä­ren, über­las­se ich das Feld lie­ber den Pro­fis:

Sci­en­tists have found that the plea­sura­ble expe­ri­ence of listening to music releases dopa­mi­ne, a neu­ro­trans­mit­ter in the brain important for more tan­gi­ble plea­su­res asso­cia­ted with rewards such as food, drugs and sex.

Auf gut Deutsch in Kür­ze zusam­men­ge­fasst bedeu­tet das, dass der Genuss eines guten Musik­al­bums – die Beto­nung ist hier auf „gut“ zu set­zen, denn ein schlech­tes Musik­al­bum ver­ur­sacht schlimm­sten­falls Wür­ge­rei­ze – nicht nur ähn­li­che (aber in der Regel län­ger anhal­ten­de) Glücks­ge­füh­le aus­löst wie Geschlechts­ver­kehr und/oder Ecsta­sy, son­dern die glei­chen. Die Kon­se­quenz ist klar: Statt sich Che­mi­ka­li­en aus dubio­sen Quel­len rein­zu­pfei­fen und anschlie­ßend mit einem Part­ner intim zu wer­den, der nach dem Auf­wa­chen irgend­wie ganz anders aus­sieht, als man ihn in Erin­ne­rung hat­te, kann man sei­ne Ner­ven auch scho­nen, indem man sich statt­des­sen dar­an erin­nert, dass auch der Geist sich nach ste­ti­ger Befrie­di­gung sehnt. Man muss ja nicht gleich zu einem Album grei­fen, das „Dopa­min“ oder „Ecsta­sy“ heißt. Eini­ge Anre­gun­gen fin­den treue Leser hin und wie­der auch hier.

(Hier­zu ein Auf­ruf in eige­ner Sache: Um zu ver­hin­dern, dass mir wie­der essen­zi­ell gran­dio­se Musikal­ben ent­ge­hen, neh­me ich via Kom­men­tar­funk­ti­on schon jetzt Vor­schlä­ge für die Jah­res­rück­schau­en 06/2011 und 12/2011 ent­ge­gen. Irgend­was, was drin­gend mal rezen­siert gehört? Immer her­an mit den Ideen!)

Apro­pos Ägyp­ten: Das Volk will nicht spu­ren? Dre­hen wir ihm doch mal das Inter­net ab, das wird die Revo­lu­ti­on verhindern!!1!! Da hilft auch kein Not­fall­knopf mehr.

MusikNetzfundstücke
Kurz ver­linkt XXXV: Dada da.

Was haben wir nicht alle schon gelacht über den Mum­pitz, den die Webzweinul­ler die­ser Tage dank von min­de­stens dem Teu­fel erson­ne­ner Kurz­blogs wie Twit­ter oder des *vz-Busch­funks (wir fun­ken durch den Busch, uh uh!) unge­straft in die Welt trom­pe­ten dür­fen. Frü­her (zu mei­ner Zeit) hät­te anläss­lich man­cher wir­rer Wort­schwal­le selbst der sprich­wört­li­che Fri­sör flucht­ar­tig den Raum ver­las­sen, weil es eben teil­wei­se vor Belang­lo­sig­keit oder jeden­falls Pein­lich­keit kaum noch zu über­bie­ten ist. Beson­ders unhand­lich ist das Mikro­blog­sy­stem von Face­book, auch „Sta­tus­mel­dun­gen“ genannt, weil es kei­ne restrik­ti­ve 140-Zei­chen-Beschrän­kung besitzt. Für eigen­ar­ti­ge Kurz­ro­ma­ne ist also viel Platz vor­han­den.

Und bekannt­lich kann nichts auf der Welt blöd genug sein, dass nicht irgend­je­mand ein Lied dar­über schrie­be.

Maxi­mi­li­an Meng­was­ser tut genau das und hat mit „Was ihr über mich und eure Kunst wis­sen soll­tet“ einen frei her­un­ter­lad­ba­ren EP ver­öf­fent­licht, auf dem er laut Beschrei­bung „aus­schließ­lich Sta­tus-Mel­dun­gen sei­ner Face­book-Freun­de als Text ver­wen­det“.

Das Ergeb­nis ist noch abson­der­li­cher als das ursprüng­li­che Vor­ha­ben, und ich wünsch­te, Herr Meng­was­ser wür­de das auch mal als Album raus­brin­gen, als Bonus­ti­tel viel­leicht Tweets von Herrn hae­kel­schwein ver­to­nen, und damit reich und berühmt wer­den, damit Hel­ge Schnei­der nicht der ein­zi­ge dada­isti­sche Künst­ler bleibt, der auch mal bun­des­wei­te Medi­en­auf­merk­sam­keit bekommt. (Dis­kus­sio­nen über die Gren­zen von Dada und Nihi­lis­mus bit­te ich anders­wo zu füh­ren, einen Link dort­hin fän­de ich aller­dings recht zuvor­kom­mend.)

Wie singt Maxi­mi­li­an Meng­was­ser doch gleich?
„Man muss mich nicht ver­ste­hen – lieb­ha­ben reicht!“

(via Indis­kre­ti­on Ehren­sa­che)

MusikNetzfundstücke
You­Tube und der Zau­ber­wür­fel

Eher zufäl­lig ent­deck­te ich soeben, dass das Video­por­tal You­Tube nun­mehr eine neu gestal­te­te Start­sei­te mit sich her­um­trägt, die an pro­mi­nen­ter Stel­le Emp­feh­lun­gen aus­spricht.

Und die­se Emp­feh­lun­gen amü­sie­ren mich, denn sie haben mit mei­nen tat­säch­li­chen Prä­fe­ren­zen etwa eben­so viel zu tun wie mei­ne Ama­zon-Emp­feh­lun­gen, nach­dem ich für mei­ne Schwe­ster blö­de Pfer­de­bü­cher bestellt habe. Elvis-Pres­ley-Vide­os mit doo­fen Schla­gern gehen als Emp­feh­lun­gen gera­de noch durch, wenn man zuvor nicht ganz so doo­fe Schla­ger von EAV hör­te, aber den Genuss von Nihi­ling als Begrün­dung für die Emp­feh­lung „gucken Sie doch mal Lam­ba­da“ zu ver­wen­den ist doch recht eigen­ar­tig. (Ob die Jungs und der Nicht­jun­ge von Nihi­ling mit einer Kla­ge wegen Ruf­schä­di­gung wohl Erfolg hät­ten?)

Emp­feh­lun­gen kön­nen eine wirk­lich gute Sache sein, wenn sie von jeman­dem aus­ge­spro­chen wer­den, der den Geschmack des Adres­sa­ten nicht nur aus sei­nem bis­he­ri­gen „öffent­li­chen“ Kon­sum­ver­hal­ten zu fol­gern weiß, son­dern tat­säch­lich kennt; manch­mal, etwa beim CD-Kauf, hat ja selbst Amazon.de lich­te Momen­te.

Aber wor­auf sich die You­Tube-Emp­feh­lun­gen stüt­zen, wür­de mich dann doch schon mal inter­es­sie­ren, ist doch You­Tube in der Regel vor allem ein Por­tal, auf das man gelangt, wenn einem ent­fern­te Bekann­te und ver­meint­li­che Freun­de irgend­wel­che Links auf es zukom­men las­sen. „Guck dir das mal an, ist wit­zig. Mann fällt um.“ Mit den tat­säch­li­chen Vor­lie­ben der Besu­cher hat das indes oft nur wenig zu tun, und den Betrei­bern von You­Tube dürf­te das nicht unbe­kannt sein.

Auf You­Tube gibt es bekannt­lich nahe­zu alles zu sehen. Zuge­schnit­te­ne Emp­feh­lun­gen aus einem engen Kata­log, die auf nur durch Zufall gesam­mel­ten – qua­si „aus­ge­wür­fel­ten“ – Sta­ti­sti­ken basie­ren und so beim Ver­such, Nähe zum Kon­su­men­ten her­zu­stel­len, voll­ends ver­sa­gen, die­nen da nicht der Ori­en­tie­rung. (Ähn­lich sinn­voll erscheint mir auch die Twit­ter-Funk­ti­on „Wem fol­gen?“, die ich vor­hin bei einem ande­ren Twit­ter­nut­zer sah; wer etwa dem Big Ben „folgt“, legt auf ande­re Quatsch­bots womög­lich nur wenig Wert.)

Aber Haupt­sa­che, alles ist schön inter­ak­tiv. Fünf Drach­men ins Phra­sen­schwein.

Sonstiges
Durch Mark und Hirn

Micky ist klüger als wie Goofy.Noch ein Kur­zer für die Freun­de klu­ger Anmer­kun­gen:

Die RTL-Aus­strah­lung der Serie „Dr. Hou­se“ wird eben­so wie man­che ande­ren Seri­en auf jenem Sen­der mit Quiz­fra­gen unter­bro­chen, die irgend­was mit medi­zi­ni­schen oder juri­sti­schen, abhän­gig von der aktu­ell gezeig­ten Sen­dung, The­men zu tun haben. Die mög­li­chen Ant­wor­ten sind meist über­aus blö­de, eine ist die ein­zig zutref­fen­de, die ande­re eine dem Hirn eines Wirr­kop­fes ent­stam­mend erschei­nen­de Ant­wort.

Das heu­ti­ge Quiz ist inso­fern eine Beson­der­heit, als bei­de vor­ge­ge­be­nen Ant­wor­ten schlicht falsch sind. Nach einer Bezeich­nung für den „mensch­li­chen Gedächt­nis­spei­cher“ wur­de gefragt. Ist es a) das Gebein oder b) das Gehirn?

Hihihi, voll blö­de, das ist ja kin­der­leicht!, wer­den sich da die übli­chen Teil­neh­mer den­ken, zwei­te­re Lösung vor­schla­gen und unter Umstän­den 500 Euro kas­sie­ren. (Das bis­her abson­der­lich­ste mir bekann­te Wort für „kin­der­leicht“ ent­stammt übri­gens aus­ge­rech­net dem Mund eines Kin­des; es lau­tet „pipig“, wohl von „pipi­leicht“, und man soll­te es sich nicht mer­ken.)
Lei­der haben sie Unrecht.

Zwar ist das mensch­li­che Gedächt­nis im mensch­li­chen Gehirn ver­an­kert, mit­nich­ten ent­spricht das Gehirn aber dem „Gedächt­nis­spei­cher“. „Bei­fah­rer­sitz“ ist ja auch kein ande­res Wort für ein vier­räd­ri­ges moto­ri­sier­tes Fahr­zeug.

Na; RTL eben.

NetzfundstückeNerdkrams
„RSS ist tot“ ist tot.

Ach, wie es wie­der rumort im Bie­nen­stock der Webzweinul­ler. RSS sei tot und Face­book sei das kom­men­de Ding. Die Ursa­chen für den RSS-Tod? Die Webzweinul­ler nut­zen es, immer auf der Suche nach dem neue­sten Trend, selbst nicht mehr, Goog­le Chro­me hat kei­ne RSS-Lese­funk­ti­on, viel­leicht ist auch ein­fach nur das Wet­ter schuld, dass jedes Jahr die glei­chen Pro­phe­zei­un­gen nicht zutref­fen.

Der Vor­wand, die­ses The­ma wie­der hoch­zu­ko­chen, heißt die­ses Mal Rea­da­bili­ty („Les­bar­keit“ im Wort­sin­ne), eine neue Funk­ti­on des iPho­ne-/iPad-RSS-Lesers „Ree­der“, mir aus ver­ständ­li­chen Grün­den bis dato völ­lig unbe­kannt, mit deren Hil­fe er „den Tabu­bruch wagt“, gekürz­te Feeds, wie sie etwa heise.de und SPIEGEL Online prä­sen­tie­ren, in vol­ler Län­ge ein­zu­blen­den und so eine von den jewei­li­gen Betrei­bern, unter ande­rem auch Blog­gern mit wer­be­fi­nan­zier­ten Inter­net­auf­trit­ten, etwa Robert Basics ehe­ma­li­ges Vor­zei­ge­blog Basic Thin­king, meist absicht­lich ein­ge­führ­te Beschrän­kung zu umge­hen.

Tat­säch­lich ist RSS kei­nes­falls tot, auch wenn man­che Unter­neh­men wohl unab­sicht­lich ver­su­chen, es zu Tode zu mel­ken. Für mich zum Bei­spiel sind RSS- und Atom-Feeds die ein­fach­ste Mög­lich­keit, schnell eine Über­sicht über die aktu­el­le Nach­rich­ten­la­ge zu erhal­ten. Natür­lich könn­te ich alter­na­tiv auch täg­lich selbst die ver­schie­de­nen Nach­rich­ten­sei­ten besu­chen und mei­nen Favo­ri­ten etwa auf Twit­ter „fol­gen“, aber dafür sind Twit­ter nicht gemacht und der Tag zu kurz.

Das von mir der­zeit ver­wen­de­te RSSOwl (bis­lang anders­wo noch nicht ent­deck­te und für die effi­zi­en­te Feed­nut­zung uner­läss­li­che Funk­ti­on: Feeds in Unter­ord­ner sor­tie­ren) etwa „über­wacht“ bei mir der­zeit 140 Web­logs, Nach­rich­ten­por­ta­le und ver­schie­de­ne ande­re Inter­net­sei­ten. Müss­te ich sie alle via Twit­ter, Face­book oder Fire­fox-Lese­zei­chen „ver­fol­gen“, bezweif­le ich, dass das mei­ner Bereit­schaft, immer wie­der neu­es zu ent­decken, auf Dau­er zuträg­lich wäre. Im Gegen­teil wür­den so man­che der Ver­ant­wort­li­chen in Bäl­de einen Benut­zer­ver­lust in Höhe von jeden­falls 1 ver­zeich­nen.

Den gro­ßen Skan­dal, den man in die erwähn­te „Ent­kür­zungs­funk­ti­on“ von „Ree­der“ hin­ein­in­ter­pre­tiert, kann ich jeden­falls nicht erken­nen, denn Dien­ste wie etwa Wizar­dRSS bie­ten ver­gleich­ba­res nicht erst seit die­sem Jahr an. Wer etwa das mit­un­ter über­aus amü­san­te, meist eher poli­tisch libe­ra­le Web­log Der Spie­gel­fech­ter abon­nie­ren möch­te, könn­te sich mit der gekürz­ten Ori­gi­nal­ver­si­on zufrie­den geben oder greift etwa via Wizar­dRSS auf den unge­kürz­ten Feed zurück.

Natür­lich ist es ver­ständ­lich, dass man mit einem meist teu­er gemie­te­ten Inter­net­auf­tritt auch ein wenig Geld wie­der zurück­er­ar­bei­ten möch­te, etwa mit dem Ein­bau­en von Wer­be­ban­nern. Das durch das Kür­zen „gewon­ne­ne“ Geld schafft aber nicht auto­ma­tisch mehr Wer­be­ein­nah­men, denn nicht nur laden der­zeit ver­brei­te­te Wer­be­for­ma­te zum Ein­satz von Wer­be­blockern ein, auch die Leser­schar, die sich übli­cher­wei­se eben für die Nut­zung des jewei­li­gen Feeds ent­schei­det, um die Sei­te selbst nur dann zu besu­chen, wenn es auch sinn­voll erscheint, ist ver­ständ­li­cher­wei­se unge­hal­ten. Gekürz­te Feeds sind Pest und Cho­le­ra des Inter­nets. Inso­fern ist es bemer­kens­wert, dass auch in mei­nem Feed­le­ser nur über­aus weni­ge Web­logs auf Wer­bung im Feed set­zen und ihren Fokus lie­ber auf eine Face­book- oder ähn­li­che Prä­senz legen, wo sie schon rein tech­nisch dar­auf ver­zich­ten müs­sen, frei über die Ein­blen­dung von Wer­bung ent­schei­den zu kön­nen. Schö­ne, neue Welt 2.0.

Übri­gens, apro­pos Apple.

MusikkritikKaufbefehle
Saha­ra Sur­fers – Space­trip On A Paper Pla­ne

Im ver­gan­ge­nen Dezem­ber merk­te ich an, dass bei der Zusam­men­stel­lung der Jah­res­en­drück­schau unter ande­rem das Album „Space­trip On A Paper Pla­ne“ der Saha­ra Sur­fers aus Zeit­grün­den kei­ne Beach­tung fand, was Schlag­zeu­ger Micha­el „Stei­ni“ Stein­gress dazu ver­an­lass­te, mir sei­ne Auf­war­tung zu machen; ein Glück, denn so plag­te mich immenses Bedau­ern, das mich letzt­lich beschlie­ßen ließ, bei der näch­sten sich bie­ten­den Gele­gen­heit das Ver­säum­te aus­führ­lich nach­zu­ho­len.

Und es hin­ter­ließ mich beein­druckt.

Was da aus mei­nem Klangaus­ga­be­ge­rät schep­per­te und jetzt gera­de wie­der schep­pert, ist gran­dio­ser Stoner Rock vom ersten Takt an. Die vier Öster­rei­cher aus „Bit­te Bundesland/Region aus­wäh­len“ las­sen nichts anbren­nen. Hier und da ist Postrocki­ges (Ampli­fier, Dear John Let­ter) nicht fern, aber vor allem regiert hier der Groo­ve. Die Wiki­pe­dia „weiß“:

Als stil­prä­gend gel­ten der Blues­rock als Basis, tief­ge­stimm­te Gitar­ren, die teil­wei­se durch Bass­ver­stär­ker gespielt wer­den, schep­pern­de Drums, ent­rück­te bis rocki­ge Vocals, stark aus­ge­präg­ter Groo­ve und ein all­ge­mein sehr bass­la­sti­ger Sound.

Für die Saha­ra Sur­fers wie auch für stil­ver­wand­te Musi­ker wie etwa Colour Haze, dass „Stoner Rock“ nichts mit Stei­nen zu tun hat, anders gesagt: „Spacetrip“ ist gut aus­ge­drückt. Nicht umsonst trat man auch schon in einem Eta­blis­se­ment namens „Mush­room Cel­lar“, „Pilz­kel­ler“, zwin­ker!, auf.

Die Tex­te, vor­ge­tra­gen übri­gens von einer Frau, was in die­sem Gen­re nicht unbe­dingt der Regel­fall ist, fol­gen oft repe­ti­ti­ven Struk­tu­ren („Sister In Sha­de“) und sind anson­sten für uns Lied­text­freun­de nach­hal­tig erin­nerns­wert („Your who­le world will die“ heißt es etwa mehr­fach in „Pro­pel­ler“), Kli­schee an, was eine will­kom­me­ne Abwechs­lung zu den im Stoner Rock eher ver­brei­te­ten The­men (Frie­de, Brü­der und Schwe­stern!) ist. Kli­schee aus. Ist euch übri­gens schon auf­ge­fal­len, dass der nahe lie­gen­de Ver­schrei­ber „Schwetser“ wie „Schwät­zer“ klingt?

Mit etwa 32 Minu­ten Lauf­zeit ist der aku­sti­sche Trip lei­der ein wenig kurz gera­ten, aber dar­an soll es letzt­lich auch nicht schei­tern; man drücke die Wie­der­ho­len-Taste und höre sich das Hirn schwam­mig.

„Space­trip On A Paper Pla­ne“ gibt es für fünf Euro via Mail zu bestel­len, die pas­sen­den Kon­takt­da­ten fin­den sich nebst der­zeit vier der sechs Stücke auf Myunterstrich.com. Wer, wie ich, nicht immer genug Geld her­um­lie­gen hat, der kann sich auch, wie ich, mit dem mehr­ko­sten­frei­en Down­load behel­fen. Ich bin aller­dings über­zeugt, das Geld ist gut ange­legt.

Gern mehr davon!

In den NachrichtenFotografie
Heu­te mal: Dis­kri­mi­nie­rung hin­neh­men!

Unfass­bar, man über­lässt das Inter­net mal zwei Tage lang weit­ge­hend sei­nem Schick­sal und die Ereig­nis­se über­schla­gen sich förm­lich.

Über die bemer­kens­wer­ten Machen­schaf­ten einer laut über­ein­stim­men­dem Medi­en­echo eher nicht für Qua­li­tät bekann­ten deut­schen Web­de­sign­klit­sche, die dem „rechts­frei­en Raum Inter­net“ den Kampf ange­sagt hat, steht in den Kom­men­ta­ren dort schon alles Wis­sens­wer­te. Anson­sten spiel­te sich heu­te ein Dia­log zwei­er base­ball­be­mütz­ter Pas­san­ten ab, dem ich ent­nahm, dass eine gewis­se „sexy Cora“, „ey“, angeb­lich „bekannt“ aus Big Brot­her (der Fern­seh­sen­dung, neh­me ich an), gestor­ben sei, als sie wäh­rend der Nar­ko­se für eine Brust­ope­ra­ti­on „ein­ge­schla­fen oder ins Koma gefal­len oder so“ war. Für Hin­wei­se dar­auf, wer die­se „sexy Cora“ ist und was ihren Tod zu einem Poli­ti­kum macht, über­le­ge ich mir viel­leicht noch eine Beloh­nung.

Apro­pos Inva­li­di­tät: Was ich mir auch noch über­le­gen will, ist eine akzep­ta­ble Ant­wort auf die Fra­ge, wie­so ein Pla­kat „gegen Dis­kri­mi­nie­rung“ mit einer deut­li­chen Über­zahl an Frau­en auf­war­tet und so gezielt männ­li­che Betrach­ter dis­kri­mi­niert. Das muss man nicht hin­neh­men, man kann eben nur auch nicht viel dage­gen tun. Das Leben ist hart!

Sonstiges
Medi­en­kri­tik XLVI: Flei­schi­ge Pracht

Ziem­lich unko­scher, „STERN“, scheint mir dann auch eure dies­wö­chi­ge Titel­ge­schich­te zu sein. Euer Titel­bild näm­lich, das unter dem Sujet „Fleisch­los glück­lich“ immer­hin nicht aus­drück­lich ori­gi­nel­le Begrün­dun­gen ver­heißt, war­um Vege­ta­ris­mus „hip“ – wie eben auch Mager­sucht und Koma­saufen „hip“ sind – sei, zeigt eine sicht­lich aus­ge­mer­gel­te (apro­pos mager) blon­de Frau, die ent­we­der zu viel raucht oder nicht mehr ihre natür­li­che Haar­far­be trägt, aber so hei­ter drein­blickt wie einst Jack Nichol­son in sei­ner Rol­le als Bat­mans Ant­ago­nist „Joker“. Alb­träu­me von die­sem eher bedroh­li­chen Anblick kann ich nicht aus­schlie­ßen.

Die­sen Fehl­griff tap­fer igno­rie­rend befin­det der den­ken­de Sich­ter auch das eigent­li­che Anlie­gen für Hum­bug. Dass ihr, „STERN“, mit „NEON“ eine mit vie­len tren­dy Trend­s­to­rys gespick­te „BRAVO“ für die vor Fach­idio­ten qua­si über­quel­len­de intel­lek­tu­el­le Mit­tel­schicht u.a. zu ver­ant­wor­ten habt, ist bekannt, viel­leicht aber ist es auch der Umstand, dass auf der Titel­sei­te eine Frau in den augen­schein­lich besten Jah­ren, wofür auch immer, statt einer gleich­falls „hip­pen“ Mitt­zwan­zi­ge­rin zu sehen ist; jeden­falls war ich für eine ange­mes­se­ne Zeit­span­ne durch­aus schlicht nicht fähig zu begrei­fen, dass so eine Titel­ge­schich­te als „STERN“ und nicht, wie sonst üblich, als „NEON“ („unnüt­zes Wis­sen“, nur mit einem solch ent­lar­ven­den Voka­bu­lar genügt es wohl zum „STERN“-„Redakteur“) dar­ge­bo­ten wird.

Aber ich war ja noch dabei, das The­ma an sich zu kri­ti­sie­ren. So, so, Vege­ta­ris­mus ist also „hip“, hip, hur­ra, gleich­sam der gegen­wär­ti­gen Inter­es­sens­la­ge der sich für „im Trend“ hal­ten­den Schmöck­in­nen und Schmöcke ent­spre­chend. Zu mei­ner Zeit (rha­bar­ber, sülz) emp­fan­den sich die in-peo­p­le als noch durch mehr als nur die Ess­ge­wohn­hei­ten mit­ein­an­der ver­bun­den. Wie toll und pri­ma und vor allem gesund Vege­ta­ris­mus ist, wird durch die Gali­ons­fi­gur eurer, „STERN“, aktu­el­len Aus­ga­be sehr ein­drucks­voll prä­sen­tiert, näm­lich offen­bar mal so gar nicht.

Vege­ta­ri­er soll­te man anson­sten eben­so wenig wie Mos­lem oder iPho­ne-Nut­zer nur des­halb wer­den, weil es gera­de irgend­ei­ner Mode ent­spricht und somit zu einem signi­fi­kan­ten Anstieg der eige­nen Repu­ta­ti­on im Krei­se ähn­lich Ticken­der füh­ren kann. Eine Inter­es­sens­ge­mein­schaft, die sich in gemein­sa­men Mahl­zei­ten erschöpft, ist womög­lich zweck­dien­lich, aber für gemein­sa­me Unter­neh­mun­gen jen­seits der Men­sen und Kan­ti­nen nur ein­ge­schränkt taug­lich. „Kommt, mei­ne hip­pen Freun­de, wir machen die Nacht durch! Ich ken­ne da ein schö­nes Salat­bi­stro …“, na dann: Wohl bekomm’s!

(Wenn halt sonst nichts pas­siert in Deutsch­land.)

Nerdkrams
Brow­ser: Ein­falt und Viel­falt

Erschreckend eigent­lich sind die meter­ho­hen Pla­ka­te, die der­zeit vie­ler­orts in deut­schen Städ­ten her­um­hän­gen und Wer­bung für Chro­me, das omi­nö­se Fire­fox-Imi­tat des Unter­neh­mens Goog­le, machen, und das nicht nur aus histo­ri­schen Grün­den.

Wir erin­nern uns an den längst legen­dä­ren „Brow­ser­krieg“ zwi­schen Net­scape und Micro­soft, der letzt­lich mit der Nie­der­la­ge Net­scapes, aber auch der Ent­ste­hung und dem Auf­stieg des aus dem Net­scape Navi­ga­tor ent­stan­de­nen Brow­sers Fire­fox ende­te. Für lan­ge Zeit war das The­ma damit erle­digt, der Inter­net Explo­rer ver­lor ste­tig an tat­säch­li­chem Markt­an­teil, Fire­fox avan­cier­te auf vie­len Platt­for­men zum Qua­si­stan­dard.

Seit 2008 facht aber Goog­le einen erneu­ten „Brow­ser­krieg“ an, wobei die Bekannt­heit der Mar­ke Goog­le der Ver­brei­tung des haus­ei­ge­nen Brow­sers sicher­lich man­chen Vor­teil bie­tet. Eine der­art vira­le Mar­ke­ting­kam­pa­gne, gegen die auch die ganz­sei­ti­ge Anzei­ge zur Ver­öf­fent­li­chung von Fire­fox 1.0 ver­blasst, ist jedoch weit über­zo­gen.

Goog­le Chro­me ist ein von den übli­chen Qua­li­täts­me­di­en als min­de­stens Revo­lu­ti­on des Inter­nets geprie­se­ner, an tat­säch­li­chen Vor­tei­len jedoch eher armer Brow­ser. Was man mit­un­ter an „deut­li­chen Vor­zü­gen“ von Chro­me zu hören bekommt, ent­stammt eher der Kate­go­rie der urban legends, dem Hören­sa­gen also, als den tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten.

Sicher gibt es Tests, die bele­gen, dass Chro­me der schnell­ste Brow­ser ist, aber die Ergeb­nis­se hän­gen immer auch vom Test­ver­fah­ren ab, was wir spä­te­stens wis­sen, seit Micro­soft beleg­te, dass der kom­men­de Inter­net Explo­rer 9 bereits in einer Vor­ab­ver­si­on jeden ande­ren gete­ste­ten Brow­ser qua­si im Rück­wärts­gang über­holt. Es gilt: Je aus­führ­li­cher gete­stet wird, desto deut­li­cher sieht man, wo geschum­melt wird. Chro­me mag zwar unter man­chen Umstän­den mit flin­ken Lade­zei­ten auf­war­ten, erkauft das aber mit dem mit gro­ßem Abstand höch­sten RAM-Ver­brauch. Der von der Zom­bies nicht unähn­li­chen Men­ge derer, die immer nur dem neue­sten Trend nach­ja­gen, als „Fat­fox“ geschmäh­te Brow­ser Fire­fox siegt in die­ser Kate­go­rie gleich­falls mit Abstand, „fett“ ist da also nichts. Wenn sich Fire­fox immer lang­sa­mer anfühlt, ist es viel­leicht schlicht Zeit, das Pro­fil zu ent­rüm­peln.

Mit jedem Ver­si­ons­sprung wird Fire­fox – Neu­in­stal­la­ti­on ohne Alt­la­sten natür­lich vor­aus­ge­setzt – mess- und fühl­bar schnel­ler und Res­sour­cen spa­ren­der als die jewei­li­ge Vor­gän­ger­ver­si­on. Ein von mir auf einem gesi­cher­ten System mal halb­wegs benutz­bar kon­fi­gu­rier­ter Chro­mi­um-Brow­ser (qua­si Chro­me ohne Goog­le) erschien mir, direkt ver­gli­chen mit einer Fire­fox-4-Beta­ver­si­on, jeden­falls über­aus zäh.

Auch sonst kann Goo­gles Pre­sti­ge­pro­jekt zumin­dest mich nicht über­zeu­gen. Die als „ent­schlackt“ geprie­se­ne Bedien­ober­flä­che dien­te offen­bar als Inspi­ra­ti­on für die Neu­ge­stal­tung von Fire­fox 4, fand aber, wenig erstaun­lich, nur wenig Anklang bei den Nut­zern. Die Viel­zahl an Erwei­te­run­gen, die die Vor­tei­le der alt­be­währ­ten Ober­flä­che zurück­brin­gen, ist längst unüber­schau­bar gewor­den. Anschei­nend ist das Bedien­kon­zept doch weni­ger durch­dacht als es über­zeug­te Chro­me-Nut­zer nur all­zu gern behaup­ten. Mel­dun­gen über zahl­rei­che Sicher­heits­lücken in Chro­me, die qua­si über Nacht geschlos­sen wer­den, hal­ten sie ja auch nur sel­ten davon ab, Chro­me als „sicher“ zu bezeich­nen; tod­si­cher eben.

Der Wir­bel um Goog­le Chro­me ist eben doch pri­mär mar­ke­ting­be­dingt; die gefühl­ten 463 Pro­zent Markt­an­teil sind eben doch oft nur sie­ben (das scheint laut mei­ner Sta­ti­stik ein durch­aus pra­xis­na­her Durch­schnitts­wert zu sein). Um so weni­ger ver­ste­he ich es, dass, nach­dem die Mensch­heit 13 Jah­re lang Zeit hat­te, aus den Feh­lern des ersten „Brow­ser­kriegs“ zu ler­nen, jetzt schon wie­der so ein Brim­bo­ri­um um die Fra­ge betrie­ben wird, wel­cher Brow­ser gera­de am ehe­sten im Trend liegt. Haupt­sa­che neu­er und bun­ter und mit noch kryp­ti­sche­rem icon; es ist ja nicht so, dass so ein Pro­gramm­sym­bol irgend­et­was über das Pro­gramm aus­sa­gen soll­te. (Das Sym­bol von Goog­le Chro­me sieht ein wenig aus wie das Spiel „Simon“, aber was soll das bedeu­ten?)

Man soll­te mei­nen, aus dem Durch­ein­an­der, das aus der Zer­stücke­lung des Webs auf­grund mit­ein­an­der inkom­pa­ti­bler „Stan­dards“ der ein­zel­nen Brow­ser­her­stel­ler folg­te, hät­te man gefol­gert, dass zukünf­ti­ge Gene­ra­tio­nen von Web­brow­sern sich auf die Auf­ga­be kon­zen­trie­ren soll­ten, die Stan­dards des World Wide Web Con­sor­ti­ums best­mög­lich zu inter­pre­tie­ren. Statt­des­sen ist auch HTML 5 ein Schlacht­feld gewor­den, die bren­nen­de Fra­ge lau­tet: WebM oder H.264? Geht es nach Goog­le, soll das eige­ne For­mat (natür­lich) künf­tig H.264 als Qua­si­stan­dard ablö­sen. Dass die WebM-Soft­ware tech­nisch schlicht Schrott ist, ist den mei­sten Gestal­tern von Inter­net­auf­trit­ten wohl eher egal. Stan­dard ist, wo die Mas­se ist.

Natür­lich kann ich es ver­ste­hen, wenn ein Unter­neh­men stolz auf sei­ne Ideen ist, auch wenn sie kei­ne reel­len Inno­va­tio­nen dar­stel­len. Was ich aber nicht ver­ste­he, ist, wie­so man als Her­stel­ler eines Pro­gramms, das kein Ein­kom­men gene­riert, dar­auf erpicht ist, Kon­kur­ren­ten den Rang abzu­lau­fen.

Um es ein­mal scharf zu for­mu­lie­ren: Die Ver­mark­tung von Chro­me wirft das „Web 2.0“ und alles, was nach ihm kom­men mag, wie­der um mehr als eine Deka­de zurück. Gera­de glaub­ten wir Ins­in­ter­net­rein­schrei­ber, die Tage der Brow­ser, die ihre eige­nen Stan­dards defi­nie­ren, sei­en vor­bei, da kam Goog­le ums Eck und demon­strier­te uns, dass es genau so Ner­ven zeh­rend agie­ren kann wie einst Micro­soft. Sicher ist es pri­ma, dass neue Stan­dards ent­wickelt und bestehen­de ver­bes­sert wer­den, es ist nur fatal für ein glo­ba­les, frei­es Netz, wenn die, die es defi­nie­ren, nur den eige­nen Markt­an­teil im Sinn haben. Wohl denen, die nicht in die­ser Bran­che arbei­ten müs­sen. Wehe denen, die an Stan­dards glaub­ten.

An ein zum Stan­dard tau­gen­des HTML 6 ist unter die­sen Umstän­den nicht zu den­ken.

Sonstiges
Der Film mit dem einen Typen da

Als ich also heu­te gedan­ken­ver­lo­ren eine Tüte gesal­ze­ner Nüss­chen knus­per­te, über­kam mich eine Ein­ge­bung; ich erin­ner­te mich an mei­ne wüste Jugend und den einen Film da.

Eines Nachts näm­lich, als ich wie vie­le her­an­wach­sen­de Spät­pu­ber­tie­ren­de gelang­weilt, nicht jedoch aus­rei­chend müde, die ver­füg­ba­ren Fern­seh­sen­der auf leid­lich Sehens­wer­tes prüf­te, unter­brach mein Fin­ger sein Schalt­werk auf dem damals schon über­durch­schnitt­lich pri­maen deutsch-fran­zö­si­schen Sen­der arte. Er, der Sen­der, zeig­te den einen Film da, der der Spar­te der fran­zö­si­schen Ero­tik­dra­men – Ori­gi­nal mit Unter­ti­tel – ent­stamm­te. Die Hand­lung lief etwa so ab:

Von einem dicken, behaar­ten Mann unge­fähr mitt­le­ren Alters mit Voll­bart wird ein gegen­tei­li­ger Kna­be gefan­gen genom­men und muss ihm fort­an, nackt ange­ket­tet und auf allen Vie­ren, als das die­nen, was man sich ab einem gewis­sen Alter (oder als Redak­teur von Mee­dia) so vor­stellt, wenn man die­sen Anfang einer Beschrei­bung im Kopf wei­ter­spinnt. Im wei­te­ren Ver­lauf kommt er durch einen Trick frei, wäh­rend sein unge­be­te­ner Gast­ge­ber sich zufrie­den aus­ruht, und trifft auf sei­ne blon­de Freun­din. Die freut sich nur wenig dar­über, dass ihr vor­geb­lich Gelieb­ter nun wie­der für ein­ver­nehm­li­chen Geschlechts­ver­kehr bereit steht, haut ihm eine run­ter und fragt voll des Grimms und der Eifer­sucht: „Er hat dich gut gefickt, wie?!“.

Damit dürf­te sich das Kli­schee, dass die Hand­lung von Ero­tik­fil­men mit dem wah­ren Leben nichts zu tun hat, hof­fent­lich wider­legt füh­len und fort­an ein Dasein als von Ver­rück­ten gemur­mel­te Wirr­nis fri­sten. Für Hin­wei­se, wie der Film heißt, lobe ich übri­gens eine Ver­lin­kung in einem mei­ner näch­sten Bei­trä­ge aus.

‘Der Film mit dem einen Typen da’ wei­ter­le­sen »

In den Nachrichten
10 Jah­re Gra­ben­kampf

10 Jah­re alt ist die Wiki­pe­dia nun unge­fähr, nur wenig jün­ger die deutsch­spra­chi­ge Aus­ga­be. Seit eben­falls etwa 10 Jah­ren ent­zwei­en sich die Men­schen an der Fra­ge: Wiki­pe­dia gut oder nicht so gut?

Die­se Fra­ge ist ja nicht ein­mal in der Grup­pe derer, die erste­ren Stand­punkt ver­tre­ten, abschlie­ßend geklärt. Aus­sa­gen wie „ich nutz eh nur noch die eng­li­sche Wiki­pe­dia“ sind üblich, nicht nur an Lehr­an­stal­ten, deren Bedien­ste­te den Schlacht­ruf „Wiki­pe­dia ist Schrott“ stets wie auf Abruf ertö­nen las­sen. Qua­li­tät oder Quan­ti­tät?

Ich und die Wiki­pe­dia

Natür­lich ist die Wiki­pe­dia auch für mich ein wich­ti­ger Aus­gangs­punkt für Recher­chen jedes Fach­ge­bie­tes gewor­den. Aller­dings ver­su­che ich der Gemein­schaft auch etwas zurück­zu­ge­ben: Ich schrei­be seit 2005 unre­gel­mä­ßig in der Wiki­pe­dia mit, ent­feh­lere bestehen­de Arti­kel, füge aber auch gern neue hin­zu und ver­su­che bestehen­de vor dem Löschen zu ret­ten. Eine der vie­len Erfah­run­gen, die mich wäh­rend die­ser Zeit das Öko­sy­stem Wiki­pe­dia lehr­te, ist, dass die Annah­me, die deutsch­spra­chi­ge Wiki­pe­dia sei zu büro­kra­tisch, zu feh­ler­haft, zu klein oder zu steif (Freun­de der Regel 34 wer­den um Dezenz gebe­ten), „zu deutsch“ eben, irrig ist.

Ein Bei­spiel aus mei­ner eige­nen Tätig­keit:

Über den Datei­ma­na­ger Pro­to, des­sen Bedien­kon­zept ein Allein­stel­lungs­merk­mal ist, das für die Erfül­lung der Rele­vanz­kri­te­ri­en in der deutsch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia genügt, schrieb ich einen Arti­kel, der Ent­wick­ler hat mir auch die Nut­zung des Screen­shots aus­drück­lich geneh­migt. Nun aber fand der Ent­wick­ler mei­nen Arti­kel so inter­es­sant, dass er mich bat, ihn auch in die eng­lisch­spra­chi­ge Wiki­pe­dia zu set­zen. Da begann dann ein Pro­zess, der anschau­lich dar­legt, wie­so Sät­ze wie „die deut­sche Wiki­pe­dia ist ungut“ bei mir eher höh­ni­sches Geläch­ter als zustim­men­des Nicken aus­lö­ste.

Zuerst ver­schwand näm­lich dort der eben­falls ein­ge­stell­te Screen­shot, obwohl ich die Frei­ga­be erwähnt hat­te, bei­na­he kom­men­tar­los; die Lizenz sei „unge­klärt“. Nun gut, dach­te ich, und nahm den Vor­fall Ach­seln zuckend zur Kennt­nis. Wenig spä­ter dann wur­de aller­dings der gesam­te Arti­kel mit der Lieb­lings­be­grün­dung all derer, die sich gern über die deutsch­spra­chi­ge Wiki­pe­dia bekla­gen, gelöscht: Pro­to sei „irrele­vant“. Habe ich schon erwähnt, dass der Arti­kel in der ach so furcht­ba­ren Lösch­höl­le der de.WP (ich kür­ze das jetzt mal ab) bis heu­te unbe­an­stan­det geblie­ben ist?

Rele­vanz ist Fir­le­fanz

Apro­pos Rele­vanz­kri­te­ri­en: Man hört ja so aller­lei. Dabei ist das doch ganz leicht, denn letzt­lich muss man nur eine ein­fa­che Liste von oben nach unten durch­ge­hen. Es gilt: ODER, nicht UND. Erfüllt ein Arti­kel ein Rele­vanz­kri­te­ri­um, ist er rele­vant, erfüllt er vier­zig, ist er auch nicht rele­van­ter. Dass die Liste der „RK“ so lang und unüber­schau­bar wirkt, lässt dem wil­li­gen Autor so weit­aus mehr Frei­hei­ten als eine ande­re Lösung, denn letzt­lich ist jedes Rele­vanz­kri­te­ri­um eine Frei­heit.

Men­schen, die sich hämisch über die Qua­li­tät der Arti­kel „ihres“ Fach­be­reichs aus­la­chen, kann ich nicht ver­ste­hen, so gern ich das auch wür­de. Fak­tisch sind vie­le Arti­kel in der de.WP län­ger und mit mehr Bele­gen ver­se­hen als ihre eng­lisch­spra­chi­gen Pen­dants. Anson­sten haben vie­le, so scheint es mir, das Kon­zept der Wiki­pe­dia immer noch nicht ver­stan­den. Web 2.0, Alter! Mit­mach­web! Die Wiki­pe­dia ist ein Geben und Neh­men. Ich war bis­lang der Annah­me ver­fal­len, seit die Leu­te ein Wort dafür ken­nen, fin­den sie das Prin­zip, nicht mehr nur als blo­ße Kon­su­men­ten ihr Dasein im Inter­net fri­sten zu müs­sen, total auf­re­gend und nach­ah­mens­wert, aber die Wiki­pe­dia als einer der Vor­rei­ter des „Mit­mach­webs“ scheint inter­es­san­ter­wei­se den gegen­tei­li­gen Effekt her­vor­zu­ru­fen. Ist Mit­ma­chen der Nor­mal­fall gewor­den, seh­nen sich die Nut­zer nach etwas, das sie bloß kon­su­mie­ren kön­nen, ohne unver­hält­nis­mä­ßi­gen Auf­wand trei­ben zu müs­sen.

War­um aktiv wer­den?

Klar, der Mensch ist eine beque­me Spe­zi­es. Wenn man einen Arti­kel sucht, fin­det man ihn ohne­hin bereits, not­falls (hier­zu sie­he mein Gegen­bei­spiel oben) in der eng­lisch­spra­chi­gen Wiki­pe­dia. War­um soll­te man sich dann noch damit auf­hal­ten, bestehen­de Infor­ma­tio­nen zu ver­bes­sern, wenn man nicht ein­mal Geld und/oder Ruhm dafür erhält?

Das ist eine nicht ganz tri­vi­al zu beant­wor­ten­de Fra­ge. Wenn ich jeman­dem mei­ne Autoren­schaft in der de.WP ent­hül­le, ern­te ich in der Regel ver­ständ­nis­lo­ses Kopf­schüt­teln. Ich begrei­fe mich aber als Teil von etwas Gro­ßem, als Bau­stein im System. Schrei­be ich nicht, schrei­ben eben ande­re; aber was wür­den die für einen Unsinn schrei­ben? Qua­li­tät statt Quan­ti­tät gilt für mich beim Ins­in­ter­net­rein­schrei­ben eben­so wie in der Wiki­pe­dia. Mein bis­her umfang­reich­stes Pro­jekt dort, die grund­le­gen­de Über­ar­bei­tung des Arti­kels über The Vel­vet Under­ground, dau­er­te eini­ge Wochen, resul­tier­te aber dar­in, dass der Arti­kel schließ­lich mit der Aus­zeich­nung „Lesens­wert“ ver­se­hen wur­de. Auch, wenn nir­gends im Arti­kel mein Name steht, so bleibt den­noch das Wis­sen dar­um, einen Teil zur qua­li­ta­ti­ven Ver­bes­se­rung der de.WP bei­getra­gen zu haben. Zwar bringt es mir kei­nen mate­ri­el­len Wert, aber ich darf damit prah­len, sofern mir der Sinn danach steht.

Und wie?

Fast jeden Tag lese ich auf irgend­wel­chen Dis­kus­si­ons­sei­ten zu Arti­keln in der de.WP Hin­wei­se wie etwa:
„Der drit­te Absatz ist falsch, das war ganz anders.“

Das ist sicher schön zu wis­sen, mit­un­ter ste­hen auch Quel­len dran („steht im Buch …“, „hat … im Inter­view gesagt“ oder ver­gleich­ba­res), aber, lie­be Neu­nut­zer der Wiki­pe­dia, die wenig­sten Arti­kel, die ihr der­ge­stalt kom­men­tiert, sind halb- oder voll­ge­sperrt. Das bedeu­tet, dass ihr nicht ein­mal ein Benut­zer­kon­to in der de.WP besit­zen müsst, um einen Arti­kel zu bear­bei­ten und eure Ände­run­gen ein­zu­fü­gen. Habt ihr einen Feh­ler gefun­den und könnt ihn bele­gen? Einer der Leit­sät­ze der Wiki­pe­dia, ohne die sie nicht dau­er­haft bestehen könn­te, ist: Seid mutig! Das Beste ist es, ihr habt eine Quel­le parat, etwa „Inter­view mit Mick Jag­ger am 30.2.2008 auf 3sat“, aber so detail­liert müsst ihr nicht ein­mal vor­ge­hen. Letzt­end­lich wird euch auch kei­ner den Kopf abrei­ßen; schlimm­sten­falls wird eure Ände­rung zurück­ge­setzt.

Selbst, wenn der bean­stan­de­te Arti­kel für Bear­bei­tun­gen unan­ge­mel­de­ter Benut­zer gesperrt ist und ihr euch nicht anmel­den wollt, steht es euch frei, den ent­spre­chen­den Hin­weis auf der Dis­kus­si­ons­sei­te zu hin­ter­las­sen, aber auch dann ist es schwie­rig, den Arti­kel ent­spre­chend zu ver­bes­sern, wenn außer „is falsch, macht ma rich­tig“ nicht viel dort steht. Bele­ge oder zumin­dest ein Ver­weis dar­auf, was genau der Über­ar­bei­tung bedarf, sind gern gese­hen.

Trotz alle­dem soll­te man nicht ver­ges­sen:

Die Wiki­pe­dia ist kein Lexi­kon!

Eine Enzy­klo­pä­die ist eine Enzy­klo­pä­die ist eine Enzy­klo­pä­die. Sie hegt aber in kei­ner Aus­prä­gung, auch nicht in der eng­lisch­spra­chi­gen, den Anspruch, das gesam­te Wis­sen der Mensch­heit zu kon­ser­vie­ren. Eini­ge natur­wis­sen­schaft­li­che und juri­sti­sche Fra­gen sind in der Wiki­pe­dia beant­wor­tet wor­den, den­noch ist sie weder eine Fach­pu­bli­ka­ti­on für Natur­wis­sen­schaft­ler noch für Juri­sten. Ent­schei­dend sind hier aber die Ein­zel­nach- und Inter­net­ver­wei­se, die meist auf ent­spre­chen­de Publi­ka­tio­nen ver­wei­sen. Die Wiki­pe­dia ist als kon­ti­nu­ier­lich erwei­ter­tes und aktua­li­sier­tes Nach­schla­ge­werk ein nicht zu unter­schät­zen­der Aus­gangs­punkt für Recher­chen, in der deutsch­spra­chi­gen Aus­prä­gung nicht min­der als in allen ande­ren, denn die Ver­weis­dich­te ist, auch auf­grund des Regel­werks, in die­ser über­durch­schnitt­lich hoch.

Kei­ne Inter­net­sei­te kann auf alles eine Ant­wort haben; und genau dar­um nennt man das Inter­net auch ein Infor­ma­ti­ons­netz­werk. Infor­ma­tio­nen ver­wei­sen auf noch mehr Infor­ma­tio­nen. Im Inter­net fin­det man über­all ein biss­chen von fast allem. Ein umfas­sen­des Nach­schla­ge­werk, das jeder Kri­tik an sei­nem Inhalt die Sub­stanz näh­me, mach­te das Inter­net im Prin­zip über­flüs­sig.

Zehn Jah­re Wiki­pe­dia haben das Inter­net ver­än­dert. Hof­fent­lich wird es nicht wei­te­re zehn Jah­re dau­ern, bis auch sei­ne Benut­zer end­lich dort ange­kom­men sind.

MusikPolitikNetzfundstückeIn den Nachrichten
Kurz ver­linkt XXXIV: Kul­tur­pes­si­mis­mus mit Musik

I’ve been out wal­king,
I don’t do too much tal­king the­se days, the­se days.

Mag schon sein, dass der Win­ter lang­sam vor­über­zieht und bald die Kro­kus­se blü­hen. Viel Grund zur Freu­de bleibt die­ser Tage aber nicht.
Ein Blick in die Zei­tung oder auch nur in die Nach­rich­ten­spal­ten der ein­schlä­gi­gen Inter­net­por­ta­le lie­fert auch aus­rei­chend Grün­de dafür, über Freu­de gar nicht erst nach­zu­den­ken.

„Kri­se über­wun­den“ hin und her, rauf und run­ter, rein und raus: 2050, also 38 Jah­re nach dem grau­sa­men Welt­un­ter­gang, wird Deutsch­land vor­aus­sicht­lich in der Welt­wirt­schaft kei­ne Rol­le mehr spie­len. Also natür­lich schon eine, Til Schwei­ger spielt ja qua­si auch immer eine Rol­le, aber eben kei­ne, für die er nicht schlicht unter­qua­li­fi­ziert wäre. Deutsch­land, der Til Schwei­ger der Welt­öko­no­mie. (Ihr dürft mich zitie­ren.)

Bis 2050 stirbt, so sage ich weis, außer Deutsch­lands Export­markt auch noch manch ande­res, unse­re gute alte Ana­log­kul­tur vor­aus. Nicht nur wer­den die hap­ti­schen Freu­den eines Buches oder von umsich­ti­gen Krea­ti­ven gestal­te­ter Plat­ten­hül­len bis dahin nur noch weni­gen Ein­ge­weih­ten ver­traut erschei­nen und so im Wort­sinn zum Kult avan­cie­ren, auch die Ver­ein­sa­mung der Gesell­schaft wird wei­ter vor­an­schrei­ten. Der Sie­ges­zug des Taschen­com­pu­ters, ein Jahr­zehnt nach Palm, macht es bereits vor:

Egal, ob iPho­ne oder Android oder Lap­top oder was­wei­ßich: Unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­rä­te bie­ten unend­lich vie­le Mög­lich­kei­ten und ganz abge­se­hen davon, dass wir ent­setz­lich bescheu­ert aus­se­hen, wenn wir die gan­ze Zeit auf unse­re Hän­de star­ren (noch dazu, wenn wir uns in Gesell­schaft befin­den und dabei nie­mand redet, aber alle auf ihren Tasten rum­drücken): Für Außen­ste­hen­de ist nicht zu erken­nen, was wir gera­de tun.

Sitzt man, womög­lich bei einem dezen­ten Pfeif­chen, auf dem Sofa um einen Plat­ten­spie­ler, mei­net­hal­ben auch einen CD-Spie­ler, her­um ver­sam­melt und lauscht Musik aus einer belie­bi­gen Epo­che, so ist das viel gesel­li­ger und sti­mu­lie­ren­der als der mit­un­ter befremd­li­che Kon­sum eines musi­ka­li­schen Mei­ster­werks durch min­der­qua­li­ta­ti­ve Kopf- oder Ohr­hö­rer, wie sie die­ser Tage, maß­geb­lich vor­an­ge­trie­ben vom Sie­ges­zug des mau­en „iPod“, wohl üblich sind. Nie­mand, der über einen aus­rei­chen­den Freun­des­kreis ver­fügt, wür­de mir da wider­spre­chen; es sei denn, er hält nichts von Musik.

Ande­re hal­ten viel von Musik, dafür um so weni­ger vom digi­ta­len Ver­ges­sen, und so ver­brei­tet sich das nicht mit EU-Recht kom­pa­ti­ble Goog­le Ana­ly­tics wie Unkraut, nur, dass auch Aus­gra­ben, Ver­gif­ten und Ver­bren­nen kei­ne lang­fri­sti­ge Alter­na­ti­ve dar­stel­len. Schön ist es da, wenn Kla­gen dro­hen; man­che Mit­bür­ger unter­hal­ten sich ja augen­schein­lich bei­na­he nur noch mit ihren Anwäl­ten, haben aber ent­spre­chend viel Respekt vor die­sem ver­ruch­ten Berufs­stand. Blöd ist es hin­ge­gen, wenn der eine Kla­ge Anstre­ben­de gera­de erst selbst die Sei­ten gewech­selt hat.

The­se days I seem to think about
how all the chan­ges came about my way,
and I won­der if I’d see ano­ther high­way.

– Nico: The­se Days

PolitikSonstigesKaufbefehle
Kei­ne Sor­ge, gnä‘ Frau, wir sind aus dem Inter­net!

(Auf­grund aktu­el­ler poli­ti­scher For­de­run­gen folgt ein Nach­trag zu dem etwas älte­ren Arti­kel über „das Inter­net“.)

Und noch was, ihr Men­schen­fän­ger, die ihr bei jeder sich nur irgend­wie bie­ten­den Gele­gen­heit als Ersatz für die immer­hin inzwi­schen als falsch ver­wor­fe­ne Kate­go­ri­sie­rung als „das Inter­net“ von „der Inter­net-Com­mu­ni­ty“ schwa­felt und die­se Gele­gen­heit, so sie sich denn nicht frei­wil­lig bie­tet, not­falls mit­tels obsku­rer Win­kel­zü­ge säcke­wei­se her­an­karrt:

Das Inter­net ist nicht der ver­ruch­te Klub im Hin­ter­hof, vor des­sen Tür sich erbre­chen­de ehe­ma­li­ge Rock­stars sich den gol­de­nen Schuss set­zen. Das Inter­net ist eben­falls kein eli­tä­rer Zir­kel, des­sen Mit­glie­der sich ver­schwö­re­risch anse­hen und nur mit Num­mern anspre­chen, um ihre Eli­tä­ri­tät nicht zu gefähr­den. Das Inter­net ist kei­ne geschlos­se­ne oder anmel­de­pflich­ti­ge Gesell­schaft. Im Inter­net gibt es vie­le „Com­mu­ni­tys“ für noch mehr Men­schen mit noch mehr unter­schied­li­chen Inter­es­sen, die sich teil­wei­se in der drit­ten oder schon vier­ten Gene­ra­ti­on gegen­sei­tig bekämp­fen; „Age of Empires“ gegen „Empire Earth“, *ix gegen Win­dows, vi gegen Emacs, Goog­le gegen Micro­soft, Mozil­la gegen Micro­soft, alle gegen Micro­soft. Bau­ern auf die Köni­gin.

Kurz gesagt:
Es gibt kei­ne „Inter­net-Com­mu­ni­ty“.

Es gibt kein „wir“. An den Toren des Inter­nets steht kein Tür­ste­her, der euch schroff abweist. Ey, ihr kommt hier nisch nisch rein. Ihr wollt ins Inter­net? Nur zu! Das Haus­recht hat die Mehr­heit, Füße abput­zen muss nicht sein. Was es aber gibt, ist ein „ihr“.

Ihr sitzt in euren Elfen­bein­tür­men, kennt die Welt um euch her­um nur aus dem SPIEGEL und viel­leicht den Nach­rich­ten. Ihr schimpft euch „gewähl­te Volks­ver­tre­ter“, ver­wech­selt „Ver­tre­ter“ aber mit denen, die einem an der Haus­tür elend lau­te Staub­sauger andre­hen wol­len. Sym­bol­po­li­tik habt ihr zum Stil­mit­tel erklärt, aber mit denen, auf deren Schul­tern sie ruht, redet ihr lie­ber nicht. Euer Elfen­bein­turm ist her­me­tisch ver­rie­gelt, lei­der nur von außen. Passt auf, dass euch nicht eines Tages die Glocke eures Tem­pels auf den Schä­del fällt. Das Inter­net ver­gisst nicht so schnell wie ihr.

(An die­ser Stel­le emp­feh­le ich einen Blick in Vik­tor May­er-Schön­ber­gers jüngst in Deutsch­land erschie­ne­nes und gera­de im Hin­blick auf aktu­el­le Dis­kus­sio­nen wich­ti­ges Buch „Dele­te“, das mir vor­liegt und in dem er unter ande­rem erläu­tert, war­um der Vor­schlag Ilse Aigners, einen „digi­ta­len Radier­gum­mi“ ein­zu­füh­ren, trotz Kri­tik aus den Rei­hen „der Inter­net-Com­mu­ni­ty“ eine grund­sätz­lich sehr gute Idee ist. Ein infor­ma­ti­ves Zwie­ge­spräch von 2008 ist auf Golem.de zu fin­den.)

Und, ihr Elite‑, A- und A‑A-Blog­ger, die ihr euren Zaster zusam­men­schnorrt, indem ihr eure Sym­pa­thien an den Meist­bie­ten­den ver­hö­kert und alle Nas­lang irgend­wel­che Stel­lung­nah­men im Namen „der Inter­net-Com­mu­ni­ty“ zusam­men­schmiert, die weder auf die Men­schen­fän­ger, die sie besänf­ti­gen sol­len, noch auf „die Inter­net-Com­mu­ni­ty“, die sich als Kol­lek­tiv, nicht jedoch als eine sol­che begreift, einen nen­nens­wer­ten Ein­druck machen, von bedau­erns­wer­ten Neu­zu­gän­gen, die jeden, der vor ihnen da war, als Guru miss­brau­chen, ein­mal abge­se­hen: Möge das Fall­git­ter vor eurer fremd­fi­nan­zier­ten Opi­um­höh­le künf­tig klem­men!

So sei es.

NetzfundstückeFotografie
BMW, Alter.

Titel­blatt der „BRAVO Hip­Hop Spe­cial“ 01/2010 heu­te im Zeit­schrif­ten­re­gal:

Eli­as Schwerdt­fe­ger, eben­falls heu­te, im Inter­net und in einem völ­lig ande­ren Zusam­men­hang:

Wenn eure „Ziel­grup­pe“ (…) wirk­lich aus Men­schen besteht, (…) die kein hin­rei­chen­des Selbst­wert­ge­fühl haben, sodass sie ein der­ar­ti­ges Zer­ren an ihrer Auf­merk­sam­keit schaf­dumm über sich erge­hen las­sen… ja denn, und nur denn habt ihr genau die rich­ti­ge Form der „Anspra­che“ gewählt. Inter­es­san­ter­wei­se deckt sich das auch recht gut mit dem Ein­druck, den etli­che Fah­rer eurer Ersatz­pimm Pro­duk­te — Ach­tung, sub­jek­ti­ve Aus­sa­ge! — bei mir erwecken.

Wer’s halt braucht.