Einer meiner Leser unterstellte mir trotz meines Bekenntnisses zum Musikfaschismus vorhin einen massenkompatiblen Musikgeschmack, als ich das prima Lied “Bleed It Out” der missverstandenen Musikgruppe Linkin Park zitierte. Ich gebe allerdings auch zu, dass mir, musikalisch gesehen, “Who Do You Think You Are?” von den Spice Girls weniger auf den Sack geht als dies eigentlich der Fall sein sollte.
Was hingegen mal so gar nicht geht, ist das Album “Krokus” der seltsamen Band Erdmöbel. Das Föjetong findet’s spitze, ich find’s gähn.
Vielleicht verstehe ich dieses Album einfach nur nicht, ähnlich erging es mir mit Grindermans “Grinderman 2”, jedenfalls aber scheinen mir jegliche Vergleiche, die das Föjetong so anstellt, weit hergeholt zu sein. Lukas Heinser, der ansonsten einzige Popkulturblogger, den ich auf Dauer ertragen kann, verglich Erdmöbel letzten Monat textlich mit irgendwas zwischen Tocotronic und PeterLicht, und irgendwie sind die Texte hier auch der einzig nennenswerte Aspekt, die Melodien werden in den mir bekannten Rezensionen nur als Nebenbemerkungen erwähnt, das liest sich dann etwa so:
Erdmöbel sind zu vielschichtig, als das man sie einer bestimmten Gattung zuordnen könnte. Pop, Rock, Jazz, Easy-Listening, Bossa Nova, ja sogar etwas schlagerhaftes transportieren die Melodien der Band.
Man sieht förmlich den Kopf des Schreibers rauchen. Oh nein, hat er sich vermutlich gedacht, das ist ja gar nicht der übliche Indiemist, den ich hier sonst hören muss, hm, aber ist deutsch und eingängig, na gut, nennen wir es mal Pop und Schlager, doppelt hält besser. (“Sogar Schlager”, weil das nämlich etwas total Herausragendes ist.) Ach, Irene, rief er dann ins Nebenzimmer zu seiner gelangweilten Sekretärin, was ist denn gerade so ein guter Musikstil? Irene, die alle Platten von Fleetwood Mac im Plattenschrank (wo sonst?) stehen hat, antwortete spontan: Rock!, denn sie hat mal irgendwo gelesen, dass Fleetwood Mac irgendwas mit Rock machen, also muss das gut sein. (Apropos: Heute wird John McVie 65 Jahre alt. Sollte mal erwähnt werden.) Der Musikjournalist fragte noch ein bisschen herum, und irgendwann hatte er befriedigend viele Antworten beisammen, listete sie auf und fuhr zufrieden mit so viel Produktivität in sein kleines Wochenendhäuschen, wo er gemeinsam mit Irene The Moody Blues und Elton John hörte, bis die Nacht über sie hereinbrach. Den Rest möchte ich euch ersparen. Nur so viel noch: Eine solche Auflistung an Genres ist bestenfalls kontraproduktiv. Ein Beispiel, das ich mir jetzt mal spontan ausdenke: Pink Floyd. Pop, Rock, Beat, Psychedelic, Jazz, sogar etwas schlagerhaftes. Und was sagt das jetzt über Pink Floyd aus? Vielleicht, dass sie irgendwas mit Musik gemacht haben. Und wenn man schon mal keinen Bock hat, sich mit einem Album zu befassen, dann macht man es doch gleich richtig falsch, damit es wenigstens so aussieht, als wäre das nicht ganz ernst gemeint, damit sich keiner, der weniger keinen Bock hatte, hinterher beschwert:
Die Worte sind deutsch (zumindest die meisten), aber die Sätze, die daraus entstehen, tragen sieben Siegel. Doch es ist eine verspielte PeterLicht-Rätselhaftigkeit, kein “Oh mein Gott, ich bin zu dumm!”-Gefühl wie bei Tocotronic.
Auszüge wie dieser demonstrieren das Dilemma von Musikjournalisten, die ein Album beruflich nicht einfach mal hören können, sondern da irgendwelche Interpretationen draufklatschen müssen, “Bezahlung nach Wörtern”, ihr kennt das ja. PeterLicht (ehemals das “Phantom der Popkultur”) ist nicht rätselhaft und Tocotronic lassen den Hörer nicht dumm zurück. Es kann doch nicht so schwer sein, einen Text einfach mal uninterpretiert stehen zu lassen, vorinterpretierte Texte sind langweilig.
PeterLicht schreibt Texte wie “Das ist das Ende, das Ende vom Kapitalismus, jetzt isser endlich vorbei”, “Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf’m Sonnendeck” oder auch “Und die Sonne kocht auch nur mit Wasser, die soll sich nicht so aufspielen, die gelbe Sau!”. Wer das “rätselhaft” nennt, der würde vermutlich auch Helge Schneider attestieren, er, Schneider, sei ein “Blödelbarde”. Tocotronic hatten es auch nie mit verschwurbelten Texten. Das textlich Seltsamste, was ich von ihnen je gehört habe, ist “Vier Geschichten von dir” (“Und einmal hab ich dich getroffen — ich glaube fast, es war irgendwann im Mai; du zeigtest dich betroffen von der Zeitverfluggeschwindigkeit”). Personen, die darob “Ich bin zu dumm” denken, sind als Musikjournalisten ungeeignet und sollten, so meine ich, lieber irgendwas machen, wo man nicht unreflektiert lesen können muss, vielleicht Juristerei oder Blogger auf FickMBR.
Im Kontrast dazu: Erdmöbel.
“Ich hör nicht auf zu fragen, Maria oder so, Polarlicht von Palermo” (“Wort ist das falsche Wort”, laut YouTube-Nutzern das “traurigste Lied” auf dem Album), “Dankesehr, mein Akkordeon wird mir schwer, jetzt ist Endstation” (“Das Leben ist schön”, ein belangloses Popstück mit dem Stampf-Fickbeat, den seit Ende der 80-er Jahre schon keiner mehr hören kann), all das dargebracht von einem Sänger, der so unfassbar schlecht singt, dass man fast meint, er hätte früher, als sie noch weniger mittelgut waren, bei den Sportfreunden Stiller mitgesummt.
Und alle anderen Texte sind auch ungefähr so.
Scusi, aber: Hä?
Ein Album wird nicht dadurch gut, dass es keiner versteht, schon gar nicht die, die ihr Geld damit verdienen, ein Album zu verstehen. Selbst La Monte Young hat irgendwann wohl jeder verstanden, Tocotronic und PeterLicht sowieso. Erdmöbel sind bestenfalls sympathisch schlecht.
Interpretationshilfe zu diesem Album würde jedenfalls meinerseits freundlich begrüßt (und fortan unbeachtet in der Ecke stehen gelassen, wie man das mit nicht explizit eingeladenen Gästen eben so macht, bis sie freiwillig wieder geht).
