PersönlichesMusik
Einsame Inselmusik

Hin und wieder sprechen mich gute und weniger gute Bekan­nte auf meine musikalis­chen Inter­essen an, oft, ganz im Stil des “In”- und “Out”-Listenunfugs, mit der Bitte, ich möge doch bitte ein­mal meine “Lieder für die ein­same Insel” in jew­eils begren­zter Zahl aufzählen. Zulet­zt geschah dies gestern Abend, als mich ein anson­sten nicht allzu oft neg­a­tiv auf­fal­l­en­der Mit­men­sch um eine Auflis­tung mein­er, Zitat, “five lone­some island songs”, Zitat Ende, mein­er fünf ein­samen Lieder über Inseln also, bat. Nach­dem ich ver­standen hat­te, was eigentlich gemeint war, ver­suchte ich diese Frage best­möglich zu beant­worten, aber ich scheit­erte let­ztlich.

Die Ursache für das Scheit­ern war nicht etwa, dass ich nicht in der Lage wäre, auswendig fünf Lieder zu nen­nen, die ich gern auf ein­er ein­samen Insel, die aus unerfind­lichem Grund offen­bar über eine Strom­leitung ver­fügt, bei mir hätte, son­dern es ist das Missver­ständ­nis, dem jene Mit­men­schen, die ver­suchen, meinen Musik­faschis­mus in begren­zte Lis­tenko­rsetts zu zwän­gen, anheim­fall­en.

Wäre ich näm­lich in der unan­genehmen Lage, auf eine ein­same Insel fünf, zehn oder ein­und­dreißig konkrete Lieder mit­nehmen zu müssen, ich würde mich nicht für meine jew­eili­gen Lieblingslieder entschei­den, denn die kenne ich in der Regel qua­si auswendig. Vielmehr kämen solche Lieder in Frage, die beson­ders lang sind (zum Beispiel echolyns “Mei”), denn wenn ich schon nur eine begren­zte Auswahl an Liedern habe, dann sollen sie mich wenig­stens für eine über­durch­s­chit­tliche Zeit unter­hal­ten, oder eben nicht jenen Liedern zuzurech­nen sind, die ich auf­grund beson­der­er Affinität gern auch mehrmals hin­tere­inan­der höre, obwohl ich jeden Takt mit­sum­men kann.

Etwas sel­tener ist eine Liste mein­er tat­säch­lichen Lieblingslieder gewün­scht. Diese Frage miss­fällt mir, denn obgle­ich ich wohl in der Lage bin, meine fünf, zehn oder ein­und­dreißig gegen­wär­ti­gen “Lieblingslieder”, auf Wun­sch auch nach Pri­or­ität geord­net, aufzulis­ten, bedeutet das nicht, dass ich eigentlich so etwas wie “Lieblingslieder” habe. Was aber ist ein “Lieblingslied”? Ein “Lieblingslied” ist meines Empfind­ens ein Lied, das man unab­hängig von konkreten seel­is­chen oder physis­chen Sit­u­a­tio­nen, etwa Trauer, Frohsinn oder Abschlussfeiern, spon­tan hören kann und das auch nach mehrfach­er Wieder­hol­ung seinen Stel­len­wert nicht ver­liert.

Es gibt Lieder, die mich, meist auf­grund ihres Textes, seit eini­gen Jahren auf meinem Weg durch das Leben begleit­en, dazu zählt etwa “Nur in deinem Kopf” von den Fan­tastis­chen Vieren. Den­noch sind diese Lieder nicht unbe­d­ingt gle­ichzeit­ig meine Lieblingslieder, denn obwohl die Texte für konkrete Sit­u­a­tio­nen noch immer uneingeschränkt tre­f­fend sind, haben sie jede Span­nung längst ver­loren. Unter diesen Liedern ist derzeit keines, das ich stim­mung­sun­ab­hängig als meinen Favoriten beze­ich­nen würde.

Wie wohl jed­er hörende Men­sch bin ich, wie erwäh­nt, in der Lage, spon­tan in ziem­lich großer Zahl Lieder zu nen­nen, die mir zuerst ein­fall­en, wenn ich Lieder aufzählen soll, die mir beson­ders gut gefall­en. Sie erfüllen aber die Anforderun­gen an tat­säch­liche “Lieblingslieder” nicht, denn das, was kleine Mäd­chen als “Lieblingslieder” beze­ich­nen (“ich hab sooo geheult bei dem Lied!”), ist in meinem Alter ein­fach nicht mehr im Reper­toire zu find­en. Meine “Lieblingslieder” wech­sle ich schnell, es ist keines­falls undenkbar, dass zwei Men­schen, die mich im Abstand von weni­gen Minuten nach meinem momen­ta­nen “Lieblingslied” fra­gen, zwei völ­lig unter­schiedliche Antworten erhal­ten, weil sie zu unge­nau fra­gen. Natür­lich gefällt mir “Lay Me Back Down” von Por­tu­gal. The Man immer noch, es hat eine eingängige Melodie, aber genügt Eingängigkeit als Kri­teri­um? Eine Liste der “fünf eingängig­sten Lieder, die mir spon­tan ein­fall­en”, kann ich gern erstellen, hier kommt sie unsortiert:

  • The Bea­t­les — Yes­ter­day
  • Por­tu­gal. The Man — Lay Me Back Down
  • Eatl­iz — Your House
  • The Bea­t­les — Yel­low Sub­ma­rine
  • Lisa Stans­field — All Around the World

Wer meine bish­eri­gen Beiträge über pri­ma Musik wenig­stens teil­weise gele­sen hat, der erken­nt schnell, dass sich daraus keine Schlüsse darauf ziehen lassen, was für Musik ich so höre. Musik, die ich höre, find­et näm­lich grund­sät­zlich im Kon­text eines Musikalbums statt. Das Musikalbum, meine jün­geren Leser ken­nen das vielle­icht gar nicht mehr, ist ein seit Jahrzehn­ten für tot erk­lärtes For­mat (damit ist nicht “MP3” gemeint) von Ton­trägern und beze­ich­net eine Zusam­men­stel­lung manch­mal inhaltlich zusam­men­hän­gen­der, manch­mal aber auch nur inner­halb ein­er fes­ten Zeitspanne aufgenommen­er Lieder eines oder mehrerer Musik­er.

Mit Aus­nahme von Son­der­fällen wie etwa dem genan­nten “Mei” von echolyn bin ich dur­chaus in der Lage, auf jedem Musikalbum, das ich dig­i­tal oder physisch besitze, ein konkretes “Lieblingslied” zu benen­nen. Obwohl allerd­ings diese jew­eili­gen “Lieblingslieder” weniger Änderun­gen unter­wor­fen sind als meine imag­inäre Liste der “Lieblingslieder ins­ge­samt”, so ist es doch nicht auszuschließen, dass sich auch dort solche Änderun­gen ergeben. Ein konkretes Beispiel: War ich mir früher sich­er, auf dem Bea­t­les-Album “Revolver” sei “Tomor­row Nev­er Knows” das mit Abstand beste Stück, so stre­it­en sich inzwis­chen “Eleanor Rig­by” und “She Said She Said” darum, wer das Lied endlich ablösen darf.

Insofern bin ich ziem­lich sauer auf jeden, der mich dazu bringt, eine zu welchem Zweck auch immer geführte Liste mit meinen “Lieblingsliedern”, “Insel­liedern” oder “Liedern, die ich so höre, wenn es mir mal so alles andere als gut geht” zu befüllen, denn kaum hat der Fra­gende seine Antwort erhal­ten und sich schnell wieder von mein­er zweifel­sohne Furcht erre­gen­den Gestalt ent­fer­nt, fall­en mir auch schon min­destens fünf Lieder ein, die eigentlich viel bess­er auf eine solche Liste gepasst hät­ten, und das schlechte Gewis­sen plagt mich nach­haltig. (Kaum hat­te ich die Liste der “fünf eingängig­sten Lieder, die mir spon­tan ein­fall­en”, die oben zu lesen ist, vol­len­det, fie­len mir auch schon zwei weit­ere und viel eingängigere Lieder ein.)

Wonach man mich aber gern fra­gen darf, sind meine Lieblingsmusikalben, denn die ändern sich nur zöger­lich. Seit ich mich bewusst als Musikhör­er begreife, die Scoot­er-Rumhop­spop­musikphase also erfol­gre­ich hin­ter mir gelassen habe, habe ich noch kein weit­eres Lieblingsal­bum zu einem ehe­ma­li­gen Lieblingsal­bum erk­lärt. Es kommt allerd­ings vor, dass sich neue Alben in diese Liste ein­rei­hen, man frage mich also bitte niemals nach meinen fünf, zehn oder ein­und­dreißig konkreten Lieblingsal­ben, denn dann müsste ich wieder wür­feln und hätte tage­lang ein schlecht­es Gewis­sen. — Obwohl es für ein­und­dreißig konkrete Lieblingsal­ben noch reichen dürfte.

Diese Alben würde ich gern auch jed­erzeit auf eine ein­same Insel mit­nehmen, denn die Gefahr, dass sie mir in abse­hbar­er Zeit nicht mehr gefall­en, ist sehr ger­ing. Überzeugt mich das bish­erige “Lieblingslied” auf dem Album nicht mehr, dann küre ich ein­fach ein anderes. Alben, auf denen nur ein einziges Lied meine — wech­sel­haften — Kri­te­rien für ein gutes Lied erfüllt, gehören nicht in mein Inven­tar und sind dort auch, ich wage einen kurzen Blick, derzeit nicht zu find­en. (Das habe ich jet­zt aber auch leicht gesagt, “ein­fach küren”; tat­säch­lich fürchte ich den Tag, an dem mich Bob Dylans “Blonde on Blonde” zu lang­weilen begin­nt, denn mein “Lieblingslied” auf diesem durch­weg grandiosen Album kon­nte ich bis­lang nicht ermit­teln.)

“Gesamtkunst­werk” ist ohne­hin ein gutes Stich­wort. “Lieblingslieder” scheinen ein Phänomen aus der Gen­er­a­tion zu sein, die Lieder nur noch als kaput­tkom­prim­ierte, in sich abgeschlossene, aber nichtssagende, durch­schnit­tlich zwei­dreivier­tel Minuten lange Down­loads ken­nen. Die wenig­sten Musik­er aber nehmen Lieder in oft wochen‑, manch­mal jahre­langer Stu­dioar­beit auf, ohne eine unge­fähre Vorstel­lung davon zu haben, ob und wie diese Lieder miteinan­der zusam­men­hän­gen. Als Analo­gie ist vielle­icht die Rei­he der “Lusti­gen Taschen­büch­er” geeignet, deren Buchrück­en jew­eils einen Teil des aktuellen Jahres­mo­tivs zeigen. Sich­er ist auch so ein einzel­ner Buchrück­en mehr oder weniger schön bemalt und ver­mag zu erfreuen, aber ohne die elf Buchrück­en um ihn herum bleibt er ein wichtiges, jedoch ver­loren wirk­endes Puz­zlestück.

Kurz gesagt bedeutet das: Wer den Wert der Musik nicht in Euro misst, der sollte auch nicht ver­suchen, sie nach Zahlen zu sortieren. “Über Geschmack lässt sich nicht stre­it­en” sagt der Volksmund, und der Volk­skör­p­er legt während­dessen fleißig weit­er, und sei es nur zum Zeitvertreib, Lis­ten (“Hit­pa­raden”) an, die zum Teil noch Jahrzehnte später etwa in der Wikipedia als Beleg für die Wichtigkeit eines Musik­ers oder eines musikalis­chen Werkes dienen sollen. Rel­e­vant ist nur das, was aus­re­ichend viele Leute in einem bes­timmten Zeitraum als ihr “Lieblingslied” benan­nt haben. Über die Aus­sagekraft dieser Sta­tis­tik habe ich oben schon manch­es geschrieben, und ein Blick in die dieswöchi­gen kumu­la­tiv­en Lieblingslis­ten (“Hit­pa­raden”) gäbe mir wahrschein­lich Recht; obwohl ich überzeugt davon bin, dass ich nicht ein­mal die Hälfte der “Musik­er”, die derzeit die so genan­nten “Top-20” befüllen, namentlich kenne, so wer­den sie doch als wichtige (“rel­e­vante”) “Kün­stler” betra­chtet, weil ihre Plat­ten­fir­ma viel Geld in Wer­bung steckt in der Hoff­nung, noch mehr Geld wieder her­auszubekom­men. (Im Nach­hinein betra­chtet wirkt es da wie ein Hohn, dass Musik­grup­pen wie Gen­tle Giant und The Vel­vet Under­ground, die heute als Weg weisende Insti­tu­tio­nen ver­standen wer­den, sich einst gezwun­gen sahen, sich mit oft nur mäßigem Erfolg dem main­stream unterzuord­nen, um ihr finanzielles Über­leben zu sich­ern. Man hielt sie nicht für “rel­e­vant” genug.)

Zwar habe ich Lieblingsmusik­er, wie ich auch Lieblingsautoren habe, und ich habe Lieblingsal­ben, wie ich auch Lieblings­büch­er habe, aber wer würde mich nach meinem Lieblingssatz aus einem Buch fra­gen? “Wenn du nur fünf Sätze auf eine ein­same Insel mit­nehmen dürftest, welche Sätze wären das?”

Ander­er­seits fällt mir auch ger­ade nie­mand ein, der so grausam wäre, Men­schen mit nur fünf Liedern auf ein­er ein­samen Insel auszuset­zen.
Na gut, Steve Jobs vielle­icht.

Senfecke:

  1. eigentlich hast du ja so gar keinen grund sauer zu sein. freu’ dich doch zunächst ein­mal, dass du inter­es­sant genug bist, über­haupt gefragt zu wer­den.
    ich (beispiel­sweise *lach*) samm­le seit vie­len jahren songs von mir lieb gewor­de­nen men­schen. und ja, es ist ein­fach nur eine momen­tauf­nahme.
    meine inten­tion ist eine zusam­men­stel­lung der lange gesam­melten lieder. ich werde diese songs auf einen daten­träger pack­en und mich dann bei
    gele­gen­heit an dieser total wilden samm­lung erfreuen und an all diese lieben men­schen denken. die auswahl der­jeni­gen soll nur eine
    jet­zige sein, die sich halt grad gut anfühlt. ich will nicht eine “all times list” — die eh nicht möglich ist. ich habe meine eigene auswahl — nach der ich auch
    immer mal wieder gefragt werde — schon x‑mal umgeschmis­sen. immer wieder ste­hen z.b. ben harp­er and eddie ved­der — indif­fer­ence drauf. auch: lenny kravitz — fields of joy.
    diese songs haben für mich sehr große bedeu­tung. musikalisch sind sie nicht ein­mal her­aus­ra­gend für mich. aber ich würde sie nicht mis­sen wollen.
    wenn ich irrer weise auf diese eine insel ver­ban­nt wer­den würde, was ja nur eine meta­pher ist, hoffe ich wahrschein­lich eben­so wie du, dass dort daten­träger mit unendlich viel platz sind.

    ja, und dann sind da noch die songs der liebligns­musik­er:
    mir fällt es jedes mal aufs neue schw­er, mich für einen … den einen … song zu entschei­den. will ich auch nicht. werde ich auch nicht.
    mein lieber dank geht hier an dieser stelle an all die musik-machen­den und ‑schreiben­den men­schen, die mir damit so viel freude machen. für mich defin­i­tiv: peter gabriel, man­fred mann und natür­lich auch king crim­son. con­fu­sion will be my epi­taph …

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