MusikNetzfundstücke
Der Wert der Musik

Was Musik wert sei, fragte Caschy und stellte sodann eine Behauptung auf:

Ich stelle mal eine Behauptung auf: vor uns liegt eine Zeit, in der wir pauschal für Kunst bezahlen. Zumindest Musik. Die großen Plattenfirmen werden Verträge mit Apple, Google, Amazon, Microsoft & Co abschließen – und über jene Firmen werden wir in irgendeiner Form unsere Mucke beziehen, bzw. beziehen wir unsere Tracks bereits daher. Aber, vielleicht wird es ja in Zukunft anders. Nicht mehr einzeln per Track – sondern das komplette Angebot kann für eine pauschale Summe gehört werden.

Das alte Thema der Musikpauschale also ist es, das Caschy bewegt. Das ist ein durchaus wichtiges Thema: Sollte die quasi gegebene Allgegenwärtigkeit von Musik nicht auch neue gesetzliche Vertriebsmöglichkeiten mit sich bringen? Die oft gescholtene „Generation Download“, die, genau genommen, generationsübergreifend ist, lädt bisher auf legalem Wege hin und wieder ein paar Stücke herunter. Wie aber die Minutentarife der Internetanbieter irgendwann flatrates wichen, so wäre ein ebensolcher Tarif auch für Musik, so argumentieren manche, nur der nächste logische Schritt. Als „Fortschritt“ wird es von diesen (technischen Entwicklungen gegenüber durchaus meist aufgeschlossenen) Leuten meist bezeichnet, den Wert von Musik nicht mehr in Tantiemen per Minute oder Kilobyte zu messen, sondern die Ware für einen wie auch immer berechneten Obulus gänzlich von ihrem individuellen finanziellen Aspekt zu befreien. (Ich lege zur weiteren Lektüre die Abhandlung „Gut kopiert ist halb gewonnen“ von Jens Seipenbusch nebst dazu gehörendem Kommentarbereich ans Herz.)

Eines steht außer Frage: Will man sich einer breiten (im Sinne einer zahlreichen) Zuhörerschaft erschließen, sind digitale Vertriebswege in jegliche Überlegungen mit einzubeziehen. Musik ist Kunst, und sei es noch so schlechte Kunst, und sie lebt von den Menschen, nicht aber die Menschen von ihrem Ausverkauf.

Es wird dem Wert der Musik also nicht gerecht, beziffert man ihn in bloßer Währung. Tatsächlich reden die Vermarkter von Wert und meinen Umsatz. Der Umsatz, den ein Produkt generiert, ist aber in der Regel um ein Vielfaches höher als der bloße (Material-)Wert. Musik wird hier also behandelt wie Kleidung und Lebensmittel. Allein: Welchen Materialwert hat so ein Musikstück? Es geht doch vielmehr um das „geistige Eigentum“, und das „geistige Eigentum“ eines Liedes liegt nicht bei Sony oder sonstigen Schattenriesen, es sei denn, der Konzern Sony hat es höchstselbst erdacht. Kann man diesen „geistigen“ Wert in Währung umrechnen? (Wie steht der Wechselkurs?)

Nun gibt es zwei Arten von Musikliebenden: Jene, die Musik als Kunstwerk verstehen, und die schon erwähnte „Generation Download“. Ersteren ist der Siegeszug der Schallplatte und inzwischen der CD zu verdanken, die den Musikvermarktern zu Villen und teuren Autos verholfen haben, und sie frönen ihrer Liebhaberei meist jahrzehntelang. Der Musikindustrie aber ist das, so scheint es mir, weitgehend hupe, sie haben sich auf die zweitere Gruppe fixiert, denn von ihr können sie zwar nicht erwarten, dass sie in großen Stückzahlen Musikalben erwerben, wohl aber, dass ihr Taschengeld für „Remixe“, Klingeltöne und vor allem einzelne Lieder in kaputtkomprimierter Bitrate draufgeht.

Ein noch nicht allzu angestaubtes Beispiel: Im Jahr 2009 erschien das Gesamtwerk der Beatles erstmals komplett neu abgemischt und – auch die ersten Alben – in Stereo. Dass es von dieser „Box“ unter anderem auch eine limitierte (und teurere) Auflage gibt, in der selbst die Tonträger, bekanntlich ein nicht unerheblicher Aspekt eines Musikalbums, einem (immerhin hübschen) USB-Stick weichen mussten, zeigt schon, wohin die Reise wohl gehen soll, aber ich möchte eigentlich auf etwas ganz anderes hinaus, nämlich auf die enthaltene Musik selbst.

In den Kommentaren auf Onlineplattformen wie etwa Amazon.de zeigt sich ein Großteil der Käufer über das ihnen Offenbarte höchst erfreut; Plattformen, die naturgemäß zum Revier der „Generation Download“ gehören. Die Spanne der positiven Anmerkungen reicht hier von „endlich muss man die Alben nicht mehr einzeln kaufen“ bis „endlich kann ich die blöden alten Beatles-Schnulzen auch mal in Stereo hören“. Interessant ist es aber zu sehen, dass keiner der Fünfbesterner sich überhaupt mit den Änderungen in puncto Qualität dieser Stereo-Abmischungen befasst zu haben scheint, denn darüber verlieren sie kein Wort. Vereinzelt melden sich dort aber auch jene zu Wort, die Musik als Kunstwerk verstehen, und ihr Fazit ist ernüchternd: Detailliert zwar, aber auch kraftlos klängen die neuen Fassungen, obendrein fehle den meisten Stücken die einst deutlich zu hörende Dynamik. Es sei, als habe man einfach alles ein wenig lauter gedreht und das Überstehende abgeschnitten.

Nur ist das keine Einbildung, sondern, Musikfreunde bitte hinsetzen, festhalten und auf einen Messergriff beißen, beabsichtigt. Die verantwortlichen Tontechniker, denen ich von Stund an ungeachtet guter und richtiger Stellungnahmen („diese dummen, kleinen Ohrstecker, die Apple, also die Computerfirma, mitliefert, sind offen gesagt völliger Schrott“) fortan keine ruhige Nacht mehr wünsche, vermeldeten:

Wir lassen die Beatles lediglich so klingen, wie man sie immer wahrgenommen hat, nur besser denn je.

Detailliert liest sich das so:

Letztlich mussten wir die neuen CD-Versionen den heutigen Hörgewohnheiten der breiten Masse anpassen, die vor allem alles unglaublich laut und weniger differenziert hören will. (…) Wir arbeiten den Erwartungen der Platten kaufenden Öffentlichkeit zu.

Meines Empfindens sind Zitate wie diese aussagekräftig genug, um zu beschreiben, welchen Wert man, geht es nach dem Dafürhalten der Rechteverwerter, der Musik, verglichen mit dem ständigen weißen Rauschen, das uns umgibt, in dieser schnelllebigen Zeit noch beimessen soll. Allein: Ich verweigere mich dem.

Es gibt zwei Arten von Musikliebenden. Ratet, welche von ihnen den Wert der Musik zu schätzen weiß.

Musik hat die Menschen zu allen Zeiten bereichert, sie durch gute und schlechte Zeiten begleitet. Musik berührt ihr Innerstes und bringt ihr Äußeres zum Tanzen. Musik reißt Brücken ein und baut dafür neue wieder auf. Musik ist die Sprache der Liebe und der Einsamkeit; Musik ist eine Sprache, die jeder versteht. Musik ist der Weg und das Ziel zugleich. Das, nichts anderes, ist der Wert der Musik.

Senfecke:

  1. Wir haben uns zu sehr angewöhnt, Dinge zu konsumieren. Musik gehört leider für zu viele Leute dazu. Wenn man sie allerdings mit solchen Gedanken konfrontiert bin ich eigentlich ziemlich sicher, dass viele sich durchaus differenzierter dazu äußern würden als wir das im Moment glauben. Die Liebe zur Musik teilen bestimmt mehr Menschen und diese Liebe geht quer durch alle Generationen. Übrigens: Danke auch für den Link zu Seipenbuschs Artikel. Sehr gut!

  2. Ich hatte ja gehofft, von diesen Menschen würde sich hier auch jemand einfinden, denn ich würde wirklich liebend gern mit ihnen darüber reden. :)

    Sicher, Liebe zur Musik ist ein gemeinsames Gut, das schrieb ich ja auch so ähnlich. Aber worin sich diese Liebe äußert, ist ziemlich unterschiedlich. Ich habe in meinem Text allerdings auch bewusst polemisiert.

    So lange Musik Mauern einreißt (wehe, jemand sagt jetzt „Hasselhoff“), ist es jedenfalls wichtig, ab und zu darauf hinzuweisen, bevor Musik in den Köpfen der Menschen endgültig zu Unkraut verkommt.

  3. Deine sichtweise teile ich nicht ganz vorbehaltlos. Die folgende darstellung hatte ich auch schon in Caschy’s blog gepostet. Musiker, die von ihrer kunst leben wollen, müssen ihren lebensunterhalt auf der bühne verdienen.
    Diese vermarktungsmaschinerie, ob nun über analoge oder digitale vertriebsmedien, haben sich die majorlabel ausgedacht. Um wiederum am geistigen eigentum der musiker zu partizipieren.
    Sicher sollte es tonaufzeichnung für die nachwelt geben. Sonst hätte ich als spätgeborener nicht die möglichkeit, die werke von LedZeppelin zu hören.
    Aber dann bitte schön, qualitativ hochwertig reproduziert und wiedergegeben auf einem Transrotor o.ä.
    Und damit schließt sich der kreis wieder zu deiner sichtweise der dinge.
    Ciao….

  4. Tonaufzeichnungen als bloße Ware halte ich aber für deplatziert. Es wird ja eben versucht, mit immer neuen Neuauflagen der Aufnahmen von etwa Led Zeppelin noch jahrzehntelang Kohle zu scheffeln. Das ist IMO der falsche Ansatzpunkt.

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