(Vorbemerkung: Ich benutze seit Jahren beinahe ausschließlich Mozilla Firefox und sehe keinen triftigen Grund zum Umstieg.)
Im Dezember 2006 schrieb ich über den Internet Explorer 7, er sei, zumindest gemessen an seinen direkten Vorgängern, „eine sehr brauchbare Erfindung“.
Inzwischen hat Microsoft, wie üblich mehrere Jahre zu spät, dann wohl doch noch mitbekommen, dass sich das Internet nur selten danach richtet, was ein einziger Konzern gern hätte, und mit dem Internet Explorer 9 eine noch brauchbarere Erfindung vorgelegt; anders gesagt: Der Internet Explorer 9 ist seit dem Ende des „Browserkriegs“ der erste Internet Explorer, den ich als zumindest zum Teil konkurrenzfähig ansehen würde.
(Zur Orientierung etwas Statistik: Etwa ein Fünftel der Besucher hier ist mit dem Internet Explorer oder einem darauf basierenden Browser, etwa Maxthon, unterwegs.)
Die übliche Häme von Bloggern wie Caschy war eigentlich abzusehen, letztendlich dürfte es ohnehin unmöglich sein, einen Browser zu nutzen, gegen den niemand etwas einzuwenden hat, weniger egal sind allerdings Kommentare wie dieser hier von „Sputnik4182“:
Ich werde IE sowieso nicht nutzen auch wenn die morgen Version 25 rausbringen.
Ich persönlich finde als Webmaster-Amateur schon allein ein unding, das Brwoser (welche auch immer) sich nicht an die Vorgaben der jeweiliegen Konsortien halten müssen.
(…)
Das ist doch aales Quatsch, das man als Webdesigner 50 verschiedene Cracks in die programmierung einbauen soll, das die Website später auch wirklich unter Windows 3.11 im IE 1 richtig dargestellt wird.
Der Anonymus hat sich den Browser anscheinend nie angesehen, was er auch selbst freimütig zugibt, lässt es sich aber nicht nehmen, noch ein wenig seiner prinzipiellen Abneigung gegen den Internet Explorer im Allgemeinen wortreich Ausdruck zu verleihen.
Ja, wir webworker hatten während der vergangenen Jahre viel Freude daran, unsere Webseiten so zu basteln, dass sie auf dem Bildschirm möglichst weniger Leute schrecklich falsch angezeigt wird. Das liegt natürlich auch an der Verbreitung des Internet Explorer 6, der blöderweise unter anderem in Behörden noch immer nur selten ausgewechselt wird, aber welcher Browser hat es je anders gemacht?
Schon der Netscape Communicator (Jüngere können sich ihn als eine Art Uralt-SeaMonkey vorstellen) hatte ein paar Eigenentwicklungen an Bord, etwa frame und das in den 90-er Jahren leider recht beliebte blink. Die Zeiten sind vorbei, sagt ihr, weil HTML5 ohnehin alles standardisiert? Dann wünsche ich viel Spaß beim Versuch, zum Beispiel eingebundene Videos in allen „großen“ Browsern gleichermaßen anzuzeigen, denn das wird scheitern; unter anderem deshalb, weil Google – übrigens auch so ein Konzern, der im Internet lieber die eigenen Standards statt der nervigen W3C-Vorgaben nutzen würde – nebenbei noch ein eigenes Videoformat (VP8, im Wesentlichen eine defekte Alternative zum ebenfalls freien Ogg Theora) zu etablieren versucht.
Was ansonsten HTML5, ECMAScript, CSS3 und ähnliche etablierte Standards betrifft, so hat der Internet Explorer 9 deutlich aufgeholt: Das Ergebnis des viel zitierten (und traditionell praxisfernen) Acid3-Tests liegt mit 95 von 100 Punkten nur wenig unter dem Firefox 4 (97 von 100 Punkten) und dürfte somit die Browser voriger Generationen deutlich übertreffen.
Natürlich befreit all das nicht von der Last, für ältere, noch verbreitete Browser, insbesondere eben für den Internet Explorer 6/7, hier und da „Browserweichen“ einzubauen, sofern man Wert darauf legt, dass auch Benutzer dieser Browser nicht vor einer irgendwie kaputt aussehenden Seite stehen und sich wundern. Daraus aber Vorwürfe an die Entwickler des Internet Explorer 9 abzuleiten ist fehlplatziert, denn dieses eine Mal scheinen sie die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Sogar die Verzahnung mit Windows und insbesondere der „Superbar“, also dem Taskleistenersatz in Windows 7, bekommt endlich einen praktischen Nutzen, indem beliebige Webanwendungen wie normale Programme „angeheftet“ werden können. (Ein ähnliches Konzept unterstützen Chromium und Firefox in Form spezieller Tabs.)
Nein, der Internet Explorer 9 ist wirklich nicht übel. Es fehlen zwar auch weiterhin brauchbar konfigurierbare Werbe- und Skriptblockierfunktionen, aber auch Benutzer von Firefox und Chromium sind diesbezüglich auf gesonderte Erweiterungen oder externe Programme (lokal oder als Proxy) angewiesen; wobei ich persönlich letztere bevorzuge, da ich so nur eine einzige Liste für das ganze System pflegen muss. Der Ad Muncher etwa verrichtet anstandslos seinen Dienst auch im Internet Explorer.
Ich kann verstehen, dass Microsoft im vergangenen Jahrzehnt viele Fehler gemacht und so manche Leute – vielleicht vorschnell – zu Linux oder zu Mac OS X getrieben hat. Was ich aber nicht gutheißen kann, ist es, dass nun prinzipiell auf allem, was dieses Unternehmen veröffentlicht, herumgehackt wird.
Für mich als jemanden, der mit den Unzulänglichkeiten von Browserengines quasi täglich zu kämpfen hat, ist der Internet Explorer 9 zwar noch immer nicht der Browser der Wahl, aber er zeigt, dass man bei Microsoft endlich verstanden hat, warum dem Browser aus eigenem Haus immer weniger Menschen Beachtung schenken wollten. Ich schätze, es wird Zeit, dass ihm diese Beachtung wieder zuteil wird. Die weitere Entwicklung des Internet Explorers könnte wieder interessant werden.
Ich freue mich ein bisschen darauf.